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Rundbriefe mit Zitaten

Liste der Rundbriefe … mit Zitaten … mit Inhaltsverzeichnis
Mitgliederbrief 2021-02

Wir brauchen da nur zusammenfassen, was wir schon ermittelt haben. Nur deshalb aber fassen wir hier die Stimmträger zusammen, damit dem Erbinventar Leben eingehaucht werden kann. Das Inventar besteht nunmehr nicht aus Wörterbüchern, Sprachlehren, Inschriften, Literaturen, die du, arme Schülerin Seele, auf Schulbänken lernen sollst. Das Inventar besteht aus Rufern, Sprechern; statt aus Erbstücken stehen Vorgänger auf und hießen dich, ihnen in der Rede nachzutun.

Dieser Sprecher sind nicht zu viele. Wir wollen sie aufzählen:

  • Die Toten sprechen zu den Lebenden.
  • Die Himmel reden zur Erde.
  • Die Zukunft ruft in die Vergangenheit.
  • Die Dichter singen ihren Freunden.

Medizinmann, Priester, Prophet und Sänger haben uns sprechen gelehrt, uns als Überlebende, uns als Erdensöhne, uns als Laien, uns als Freunde. Stämme, Tempelkulte, Israel und Hellas, weil sie Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und Freundschaften zu bleibenden Stimmen stiften, deshalb sind sie ewig unsere Sprachbürgen. Das gilt für das weite Erdenrund von Nagasaki bis nach Island, von Moskau bis Rio de Janeiro. Wer den Toten nie gelauscht hat, kann in der Arbeitsteilung der Erde keinen Platz finden. Wer das „Höre Israel” nicht hört, verfehlt seine Lebensgeschichte. Und wem Homer nicht singt, dem fehlen die Freunde. Heim, Wirtschaft, Freiheit, Freundschaft gibt es nur dank Sprache.

Eugen Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts I, p.345-346

Mitgliederbrief 2020-12

Wir Menschen kommen zu einander und sogar zu uns selber immer zu spät, sobald wir vorher wissen wollen, was zu tun sei. Denn das können wir nur wissen, indem wir es ausprobieren. Und inzwischen treibst du mit deinem Lebensschiffchen in eine andere Fahrtrinne.

Nie dürfen die Philosophen den Staat regieren. Vielmehr müssen sie die Gründe studieren, weshalb sie ihn nicht regieren dürfen! Die einzige Macht, die in unsere Existenz eingesenkt ist, um die Herren Nachbedacht und Vorexperiment in Schach zu halten, ist bekanntlich jene merkwürdige Antizipation, die Vorwegnahmekunst, welche die Märchenbücher füllt. Da sind Bären und Kröten, Störche und Schlangen, mit anderen Worten, lauter mißratene Geschöpfe. Und sie würden mißraten bleiben und nie ihr schön menschlich Antlitz wieder kriegen ohne die seltsame Vorwegnahme eines unverdorbenen Auges. Dies Auge sieht den tapsigen Bären: „Mit Geduld”, so sagt sich der Träger des Auges der Vorwegnahme, „mit viel Geduld wird das ein herrlicher Prinz. Er braucht Beistand. Als sein Beistand werde ich manchmal Prügel beziehen. Aber um diesen Preis wird es gehen. Am Ende, so nach dreißig Jahren, wird jedermann sich wundern, den Bären je für einen Bären angesehen zu haben. Alle werden ausrufen: Ein Prinz, ein Prinz! Und was ich heut allein sehe, wird dann seine offizielle Benennung im ‚Wer ist’s?’ (engl.: Who is who) der Geschichte geworden sein.”

Die Menschen hören auf, Teile der Welt zu sein, weder durch Theologie noch durch Psychologie noch durch Genealogie oder Statistik. Der einzige Weg der Menschwerdung ist die liebende Vorwegnahme. Gelingt es, den ersten Augenblick dieser Vorwegnahme durch ein liebendes Auge zu verewigen, dann ist dieser Menschwerdung der Weg gebahnt.

Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie – Die Vollzahl der Zeiten, 1958, p.728

Mitgliederbrief 2020-08

[vorwärts] Weltrang und Autorität untereinander bedingen sich also. Für das Stück Welt, das in mir wirksam wird, gibt mir der meinen Namen, dem seinerseits in meinem Munde sein Stück Welt zum wirksamen Amtsnamen wird. [innen] Unserer Ratsmänner und Hausfrauen Weltweisheit ist nur etwas wert, weil wir bestimmte Räume auf bestimmte Zeiten verwalten. Gegenseitig steigt aus diesen wirklich verwalteten Zeiträumen Weltwissen herauf. Kosmos wird nur in gegenseitiger Wirksamkeit aus wirklichen Zeiträumen wechselnder Art durchfahren. [rückwärts] Die Vorstellung einer Welt kommt uns Erwachsenen nur, weil jeder Zeitraum uns zu Trägern ihrer Arbeit wirksam aufgliedert. Im kleinsten Lebenszeitraum findet sich die Lebenszeit des Ganzen wieder. All, Kosmos, Physis ist die Rhythmik aus allen Rhythmen der bearbeiteten Wirkungskreise, in die wir uns dank gegenseitiger Ernennung gliedern. [außen] Alle Weltweisheit gründet sich auf die gegenseitige namentliche Anerkennung und die gegenseitige persönliche Vorstellung derer, die aus ihr abwechselnd erkennbar werden. Eugen Rosenstock-Huessy: Zurück ins Wagnis der Sprache, Edition Wilkens, p.16

Mitgliederbrief 2020-02

Herr J. Vendryes hat ein schönes Buch geschrieben: Le Language, Introduction Linguistique a l’ Histoire. Obwohl auf Französisch geschrieben, hat es ein Register. In diesem Register findet man die Wörter, die die Akte des Hörens, Zuhörens, Gehorchens, Verstehens bezeichnen, nicht, sogar das Wort „oreille”, das Ohr, fehlt. Das ist kein Zufall. Unsre Philologie ist um den Vorgang des Redens herum gebaut, des Sprechens, des Schreibens. Den Vorgang des Hörens überläßt man den anderen Abteilungen: Gehorsam dem militärischen Training, Verstehen der Psychologie, Hören und Lernen der Akustik und der Erziehung. Alles Künste, die von der Sprache nur gelegentlich handeln. Zum Beispiel weiß man wohl, daß die Stimme rechter Art für den, der befehlen soll, die kostbarste Qualität ist. Das wird aber nicht als universales Problem der menschlichen Natur behandelt, sondern kommt nur bei der Soldatenausbildung vor. Lassen Sie uns daher das System des Hörens mit dem des Sprechens vergleichen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Vielfalt und Arten des Hörens uns überraschen mögen. Vielleicht finden wir auch, daß der Apparat, mit dem wir Menschen hören, sich nicht auf das Ohr beschränkt. Wäre solche Beobachtung nicht wertvoll für die Interpretation der Sprache? Ist es möglich, den Vorgang des Sprechens auf fünfzig Prozent des einheitlichen Vorgangs zu beschränken, eben auf die Operationen, die nur im Sprecher vor sich gehen? Das wäre, als beschränkten wir jeden Stoffwechsel im Leib auf eine der willkürlich gewählten Phasen. Der Vorgang im Ganzen erklärt doch aber allein die Intention des Anfangens. Bei der Verdauung halten wir für selbstverständlich, daß für den Darmtrakt Ballaststoffe notwendig sind, daß nur eine geringe Menge der Nahrung im Leib zurückbleibt. Die Frage ist doch berechtigt, die wir uns stellen müssen, wie die Sprache zusammengesetzt sein muß, um den Hörer so zu erreichen, daß er in Bewegung gesetzt wird und anfängt, auch nur ein Fragment der Information und des Inhalts dessen sich anzueignen, was der Sprecher gesagt hat? Rosenstock-Huessy: The Listener’s Tract, 1944 (dt. Eckart Wilkens)

Mitgliederbrief 2019-12

Ich scheine das tägliche Leben der Völker und ihrer Glieder als Spiegelungen der Trinität verfolgt zu haben. Die Sprachen der Einzelnen wie der Nationen, die Zeiten der Liebenden und der Hassenden, die Geschichte der Reiche, der Kirche, der Gesellschaft habe ich für Spiegelungen der göttlichen Dreieinigkeit angesehen. So setze ich einmal kurz nieder, wohin mich das Ungenügen der akademischen Wissenschaften erst getrieben und dann geführt hat. Diese Wissenschaften der Philologie, der Geschichte, des Rechts, der Philosophie habe ich als noch immer alexandrinisch erfahren. Da wo die Physiker längst christlich geworden sind in ihren Theoremen, sind die vier eben genannten „Geisteswissenschaften” immer noch höchstens mit dem Nilwasser bei Alexandria getauft. Noch immer sind sie nämlich vorchristlich. Wenn ich die Liste meiner eigenen Entdeckungen durchgehe, so werden alle diese bis heut von den Zünftigen unterdrückt und totgeschwiegen, die auf die Trinität von Vater, Sohn und Geist hinführen. Ich habe z. B. den Sinn des ägyptischen „Ka” und des germanischen „deutsch”, die Zeitlichkeit, den „Interims-Charakter” des Rechts und die Feindschaft von Arbeitszeit und Lebensarbeit aufdecken dürfen, ich habe Paracelsuś Lehre von den fünf Lebenssphären entfaltet, den Kreuzcharakter der Zeiten habe ich dem saublöden Gerede von Raum und Zeit entgegengehalten. Alle diese Einsichten stammen aus einem und demselben methodischen Ansatz, und die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes ist seine beste Beglaubigung. Die akademische Wissenschaft ist unfruchtbar, und sie dreht sich im Kreise. Sie muß das, weil sie das Verhältnis von Zeit und Geschichte und Sprache auf den Kopf stellt. Um sich über die plebs zu erheben, denken die Idealisten ja nur für Denkende. Ich aber spreche zu Hörenden und höre auf Sprechende. Und das tun die Akademiker nun einmal nicht, denn sie glauben damit ihren Rang einzubüßen. Nun haben sie gerade, weil sie unter Hitler nur gedacht haben, ihren Rang eingebüßt. Rosenstock-Huessy: SPRACHE – ZEIT – GESCHICHTE, Vorwort zu: Ja und Nein, 1968

Mitgliederbrief 2019-09

Das Problem war also, zwei dem Wesen nach identische Gewalten: herzogliche und königliche, über ein und dasselbe Gebiet zur Aussöhnung zu bringen. Der Herzog von Bayern erläßt um das Jahr 1000 zu Ranshofen Gesetze für seinen Stamm. Die Ottonen ihrerseits richten die zerstörten bayrischen Kirchen wieder auf und sprengen später mit ihrer Hilfe die einheitliche Gliederung Bayerns wie der übrigen deutschen Lande in Grafschaften.

Der König geht gegen die Herzogsgewalt vor. Und er ist dazu gerüstet durch seine Fähigkeit, neue Gerichts- und Friedensbezirke abzugrenzen.So kann er innerhalb der einzelnen Stammesgebiete neue Plätze, neue Dingstätten, Forsten usw. aussondern, „bannen”. Denn das Banngebot kann der König nach Ermessen handhaben. ERH, Königshaus und Stämme, Dritter Abschnitt: Das Haus des Königs, p.19

Mitgliederbrief 2019-02

Es gilt heut gegen all die Fronten zu fechten, die uns um eine der drei Gewalten Leib, Geist oder Seele, betrügen wollen.
Nicht darum darf der heidnische Geist zerstört worden sein, damit die heidnische Lebenskraft vernachlässigt werde.
Nicht darum darf der christliche Leib, darf der Kirchenstaat und die Staatskirche zerstört worden sein, damit uns der christliche Geist verloren gehe.
Nicht darum darf der Jude den christlichen Geist und seine Gedankenwelt auf sich genommen haben, sodaß er nun nicht nur der eigenen Erde, sondern auch des eigenen Geistes darbt, damit die jüdische Seele zertreten werde.
Ein jeder stehe also in seinem Lager.
Aber ein jeder ahne jenseits auch die Dreipersönlichkeit der lebendigen Gestalt.
Ein jeder wisse, daß sein eigenes Drittel ein Jenseits hat, in dem es erst versöhnt wird. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Hochzeit des Krieges und der Revolution, 1920

Mitgliederbrief 2018-12

An den Stämmen der Germanen war ja die Zeit nicht annähernd in dem Maße erfüllt wie an den atomisierten Individuen, Bürgern, Sklaven und Provinzialen, der universalistischen antiken Stadt-kultur. … Das aber bedeutet, daß zur Zeit Sylvesters des anderen im Jahre 1000 sächsische Rechtsgedanken durchschlagen; Sippe, Geblüt und Haus, Hof und Gefolgschaft verdrängen die letzten Vorstellungen von jus publicum und privatum Roms. Das Kirchengut gilt als bloßes Inwärtseigen der weltlichen Herren- und Fürstenhöfe. In die Kirche brechen Laienbischöfe, Laienäbte, Adel und Erblichkeit ein. Die rückläufige Welle, die seit 400 die antike Kultur zersetzt, erreicht erst im 10. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Erst im 10. Jahrhundert ist die Antike tot. … Jetzt muß die Kirche selbst die Arbeit verrichten, die ihr die weltliche Stadt bis dahin geleistet hatte: Individuen, atomisierte Einzelne zum Bau ihrer geistigen Ordnung herauslösen aus den Banden des Bluts.
Wir Heutigen stehen ja wieder der Zersetzung und dem Synkretismus des ersten Jahrhunderts näher als der Stammes- und Hausverfassung des elften. Deshalb befremdet heut das Mißtrauen gegen die Laien, der Kampf gegen ihre Artgefühle, der die Wiedergeburt der Kirche begleitet, so daß es schon 1170 heißt: Ecclesia nihil dicitur nisi clerici. (Unter Kirche ist nur der Klerus zu verstehen.) Dieser Eifer ist nur aus der Bedrängnis der Kirche durch den artgebundenen Geist der getauften Stämme zu verstehen.
Das Jahr 1000 zeigt also sozusagen den vorchristlichsten Moment der Welt seit Christi Geburt! Im Jahr 1000 ist nur noch der Klerus christlich. Es ist kein Zufall, daß sich damals der Glaube im Morgenlande auf das Athosgebirge und seine Mönchsrepublik zurückzieht. Erst wenn wir das Vorchristliche in der äußerlich christianisierten Welt der letzten zwei Jahrtausende rücksichtslos mit Namen nennen, kann heut das Christentum zu neuer Wirkung kommen. Bis heute hat er gedauert, dieser Widerstand des Natürlichen, des Nationalen, des Heidnischen. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Hochzeit des Krieges und der Revolution, 1920

Mitgliederbrief 2018-08

Da kann die Ehe nur eine Bedeutung haben:
Sie ist das Vorbild für alle Lösungsversuche, die nötig werden, um den Streit, den Krieg, den Haß zwischen Menschen zu überwinden. Wie die erste technische Erfindung vorbildlich bleibt für all die viel größeren nach ihr, so bleibt die Ehe das erste Beispiel eines geglückten geistigen Gesetzes. Auf sie wird jeder blicken müssen, der den Schlüssel zum Friedenstore seines eigenen Streitfalles sucht. Denn er findet nur bei ihr die rechte Mischung der Grundstoffe. Das Verschiedene muß verschieden bleiben; es darf sich nicht selbst preisgeben in feiger Entartung.

Weil die Zersetzung unter den Menschen täglich aufs neue hervorzubrechen droht, ist täglich eine neue Anstrengung des Geistes von nöten, das neue, das passende Gesetz für die hilflose Natur zu entdecken. Dies Entdecken des neuen Gesetzes ist die Aufgabe, die neben der Erfüllung des alten Gesetzes notwendig ist. Wir dürfen also drei verschiedene Arten geistiger Kraftanwendung unterscheiden:

  1. Die Kunst (Technik), mit der die äußere Natur gemeistert wird.
  2. Das Gesetz (Ehe), mit der die eigene Natur geregelt wird.
  3. Schließlich die Kraft, durch die jeder neuen Selbstzerstörung der eigenen Natur Einhalt getan wird durch Aufstellen einer neuen Lebensform. Diese sozusagen freie, unvorhergesehene Kraftanwendungsart des Geistes läßt sich technisch am genauesten durch das Wort „Liebe” bezeichnen. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Hochzeit des Krieges und der Revolution, 1920
Mitgliederbrief 2018-02

Wir aber, die in der babylonischen Sprachenverwirrung des Kriegs ehrlos und heimatlos Gewordenen, die wir den doppelten Fluch seitens der deutschen Heiden und seitens der Völkerbundsheiden freiwillig auf uns nehmen, empfangen in dieser immer stiller werdenden Stunde das Gesetz des ewigen Lebens, das von Abend gen Morgen weist, und die Verheißung des Reichs. Der doppelte Fluch hindert uns, fortan etwas Lebendiges zu hassen, nur dem Faulen und Toten kann unser Haß noch gelten. Lebendiger Geist kann von uns Liebe fordern in jeglicher Gestalt.

Denn alles Nationale ist selbst ein geistiger Dornröschenschlaf, ist eine Verzauberung, in die sich die Völker auf ihrem dunklen Gange für Jahrtausende hineinverirrt haben. Kein Volk saß tiefer im Märchen und in der Sage, als die Deutschen. Keines hatte leidenschaftlicher die Siegfriedsage und den Wotanglauben dem „römisch-orientalischen” Kreuzesglauben zuwider entwickelt, bis ums Jahr 1900 sogar die Gebildeten nicht mehr wußten, daß Heldensage und Eddaglaube erst als trotziger Widerspruch gegen die Offenbarung zur Entfaltung gebracht worden sind.

Damit war ein letzter Höhepunkt des Heidentums erreicht; als schon kein Großmütterlein im niedern Volk mehr an Zwerge oder Riesen glaubte, da glaubten die Gebildeten um so krampfhafter, daß ihre Altvordern einer reifen „eigenen Religion” angehangen hätten. Die geistigen Träger Neudeutschlands vermuteten in ihren Ahnen statt der trüben Barbaren, die in ihrem verzweifelten Dunkel das Licht des Geistes von Osten froh begrüßt hatten, Lichtgestalten und Weisheitskünder.

Dieser Aberglaube der führenden Schicht war das Vorzeichen ihres Zusammenbruches. Es war ein letztes Aufbäumen des Stolzes, der sich schon bedroht fühlte. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Hochzeit des Krieges und der Revolution, 1920

Mitgliederbrief 2017-12

Solange der Mensch noch Aufträge hat, bleibt der Körper auch im Alter noch gefügig. Die Arbeit zerstört ihn nicht, auch die 16-stündige Arbeit nicht, wenn er einen solchen Wirkungskreis ausfüllen kann. Er erneuert sich aus der geistigen Berufung heraus. Wir arbeiten “spielend”!
Das ändert sich alles grundweg in dem Augenblick, wo die Arbeit nicht mehr im Dienst des geistigen Berufes steht, wo der körperliche Mensch nicht mehr an einen geistigen Auftrag gebunden arbeiten muß.
Im Großen gesehen ist in der modernen Gesellschaft darüber kein Streit: für eine Unmasse Menschen, für viele Millionen, ist der Wirkungskreis nicht mehr da, der dem lutherischen Beruf entspricht. Es ist so, daß der Beruf überall angekränkelt wird, weil die von den Individuen aufgebaute Wirtschaft heute ihre Eigengesetzlichkeit, ich sage lieber: ihre Gesetzlichkeit enthüllt.
An Stelle der Freiheit im Reiche der Sittlichkeit, in der Wirtschaft, tritt heute plötzlich das Gesetz.
Das ist die große Wende, vor der wir stehen.
Die Wirtschaft wird zwangsläufig und rationell wissenschaftlich. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Verklärung der Arbeit, in Das Alter der Kirche, Band 2, p.815, 1927

Mitgliederbrief 2017-05

Wenn heute in Deutschland Menschen zusammenkommen, geht es immer um das Wiedergewinnen der Ruhe. Die Bewunderung für die Betriebsamkeit ist aus unseren Herzen gewichen, aber nicht aus den Muskeln. Die wenigsten Menschen wissen sich zurückzuziehen aus dem Getriebe. Wie ist die Arbeit über das ganze geistige Leben und auch über die Kirche doch Herr geworden!

Zwei Dinge sind in ihrer ganzen Wichtigkeit deutlich:
Die Arbeit selbst steht heute zur Debatte, weil sie nicht mehr unter der Hand geschieht; das andere, das sich daraus ergibt, ist, daß aus diesem Aufbrechen der Arbeitsfrage als solcher sich die Ablösung von der Berufsfrage ergibt, weil der Mensch als Kreatur von den Gesetzen der Arbeit zerrissen zu werden, pausenlos und heimatlos zu werden droht. Daraus erwächst die Missionsaufgabe. Die Lage befällt die ganze Menschheit. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Verklärung der Arbeit, in Das Alter der Kirche, Band 2 1927

Mitgliederbrief 2016-12

Die dritte Jahrtausendordnung der Gesellschaft hat also das Rätsel der Hohen Zeiten und des Alltags zu ergründen. Und zwar ist das Neue gegenüber alten Hochzeiten eine veränderte Zeitmessung. In ein einziges Menschenleben werden heut die Wechsel von drei und vier Generationen alter Zeit hineingepreßt. Diese Vervielfältigung der Lagen macht jede Lage heut zu etwas anderem als früher. In jeden Lebenstunnel, in den wir einfahren, nehmen wir heut das Bewußtsein der Ausfahrt am anderen Ende, also der Kündigung, der Scheidung, des Abschieds mit. Die Königstochter nahm im Bären den Prinzen vorweg. Wir nehmen am Hochzeitstag die Scheidung vorweg. Das liegt daran, daß wir bei jeder Arbeitseinteilung die Entlassung vorwegnehmen müssen. In der modernen Gesellschaft geht der zugrunde, der sich als nicht entlaßbar einrichtet. Wir sind alle demnächst entlassene Menschen. …
Hingerissen werden ins Prinzentum und trotzdem Vorwegnahme meiner Entlassung: das sind die beiden Pole des Lebens in die Zukunft hinein. Zwischen ihnen ringt die neue Zeit. Einer hat um sie vorweg gerungen. Niemand kommt in die neue Zeit, der nicht an ihm vorbeipassiert. Er hat offiziell von 1844—1900 gelebt, …
Das also war Nietzsches Leistung, die Abschaffung irgendeiner Raumeinteilung oder Zeitenspanne als der einzigen. Kurze Angewohnheiten müßten wir schaffen, hat er einmal geschrieben. Das aber ist der Leitfaden in das Labyrinth einer mechanisierten Natur. …
Das dritte Jahrtausend wird das Jahrtausend der Wahlverwandtschaften und der Zwangshasser. Menschenopfer werden es entstellen. Neue Rassen werden es erneuern. Die Weite der menschlichen Gesellschaft und die Intimität des einzelnen Stammes werden miteinander ringen, Marx und Nietzsche werden beide in dem Recht bekommen, in dem sie geliebt haben, und Unrecht in dem, in dem sie gehaßt haben. Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie – Die Vollzahl der Zeiten, 1958, p.728

Mitgliederbrief 2016-09

Wir haben den Widerspruch zu dem abgelaufenen Äon von Abailard bis Hegel weit aufgerissen,
damit der Leser weiß, in welchem Äon wir weilen:

nach Nietzsche, nach Freud, nach Marx, nach Darwin.

Wir sind dazu gezwungen, weil wir nicht mehr Wissen vom toten Raumobjekt
mit Streit, Verheißung, Gesang lebender Zeiten verwechseln dürfen,
bei Strafe der Vernichtung.
Die Schicht, die sterben will und dem Äon des Thomismus, Kants oder Fichtes verhaftet denkt,
ist achtenswert und zahlreich.
Ja, es sind die guten, die Elite, die Kaloi Kagathoi,
die sich auf eines dieser Denksysteme festlegen.
So wollen sie in die Zeiten starren oder schauen.
Tausende von Offizieren sind so 1914 und 1939 stumm in den Tod marschiert. Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie, Die Vollzahl der Zeiten, 1958, p.19

Mitgliederbrief 2016-08

In Schellings Weltaltern beginnt es so:

Das Vergangene wird gewußt.
Das Gegenwärtige wird erkannt.
Das Zukünftige wird geahnt.
Dem Idealismus sind nur Wissensweisen bekannt. Dieselbe Vernunft ist 3x tätig, als Denkmaschine.

Ich widerspreche, als Erbe der Weltkrisis.
Nach Nietzsche, nach Marx, nach Freud, nach Darwin
heißt es: Wir singen, streiten, verheißen und wissen.
Das Besungene wird Vergangenheit.
Die Umstrittenen werden Gegenwart.
Der Verheißene wird die Zukunft.
Das Gewußte muß in die Zeiten neu hinein.
Das also, was Schelling und alle Idealisten von ihrem All wissen wollen, die „Es”-se, das hat seine Zeit abgestreift, es ist da, aber „es” sind die Leichen, Hülsen, Dinge, das Gewesene!
Das Gewußte also muß neu den drei Zeiten einverleibt, es muß wieder lebendig werden. Eugen Rosenstock-Huessy an Georg Müller, 22. Januar 1955

Mitgliederbrief 2015-11

… der Ursprung der Sprache ist im Himmel; ihr Weg aber führt nach unten unter die Menschen, die sie aufnehmen müssen in ihre Herzen und Glieder.
Wo aber das Wort nicht mit dem Herzen aufgenommen wird – und diese Verstockung tritt meistens sehr bald ein -, da wird die Sprache bloß als Gehirninstrument mißverstanden und entartet dann zu bloßem Stoff, der dem Gesetz der Schwere unterliegt. … Die Wissenschaft selbst muß darum heute persönlich werden! Eugen Rosenstock-Huessy, Das Versiegen der Wissenschaften, Sprache d. MG 1 (1925/1958)

Mitgliederbrief 2015-08

„Unser Geist wacht nur wenn er weiß: Das kommt nie wieder. Unermüdetheit ist also die Vorbedingung für die Ausdauer einer Gesellschaftsordnung.
Unsere Ära zieht Herzen aus der Welt, um unermüdet zu bleiben, trotz der Wiederkehr des Gleichen im Alltag der Fabriken. Wenn sie es nicht tut, verfällt sie.” Eugen Rosenstock-Huessy: Soziologie II,683

Mitgliederbrief 2015-05

Unmodern

Ich blase nicht der Zukunft Trompetenstöße vor, ich reite immer gerne durchs alte Märchentor.

Wohl ist es schön zu leben in hartem stolzem Streit. Ich bleibe still daneben und such die Ewigkeit. Eugen Rosenstock-Huessy, aus dem Gedichtbuch: Ein Sommer 1906

Mitgliederbrief 2014-08

Wer sich entwand der Mikrokosmos-Lüge, daß er allein ein Gleichnis sei der Welt, begreift der schwachen Taube Adlersflüge, die Ihn noch tröstete, den Trost der Welt. Eugen an Georg Müller, Weihnachten 1955

Mitgliederbrief 2014-01

Es ist seltsam, aber wahr, daß lebendige Gegenwart die Selbständigkeit von Individuen oder von Gegenständen ausschließt. Gegenstände, „Objekte”, gibt es nur als getötete Gegenwart. Gegenstand und Gegenwart verhalten sich wie Tod und Leben. Man muß also zwischen Gegenstand und Gegenwart wählen. Beides gibt es nicht zugleich, den Tod und das Leben. Planck und Einstein bilden zusammen die gegenwärtige lebendige Physik. Die Elektronen oder Quanten aber mögen der Physik Gegenstände sein; nimmermehr sind sie ihre Gegenwart.
Liebe heißt also, sich heraussehnen aus der Selbständigkeit und den Preis zahlen für diese Befreiung aus unserem Zeitgefängnis, indem wir unsere Solidarität mit denen anerkennen, die uns die fehlenden Zeiten zubringen. Mithin ist alle Gegenwart das überschneiden mindestens zweier an sich getrennter Zeiten zu einer aussprechbaren, gemeinsamen Zeit.
Eugen Rosenstock-Huessy, Der Atem des Geistes, S. 140f.

Mitgliederbrief 2013-12

Wir Menschen sprechen also zu gar keinem anderen Behufe, als daß wir einander du sagen können.
Eugen Rosenstock-Huessy, Die Umkehr des Worts, in: Soziologie II, S. 561

Mitgliederbrief 2012-12

Heraklit zu Parmenides: In jeder feurigen Verwandlung werden Tugenden zu Lastern, Laster zu Tugenden. Deshalb ist meines Lebens „wird sein” nicht aus dem „ich war” allmählich abzuleiten. (…) „War”, „ist”, „wird sein” kannst Du weder als Kreis, noch als gerade Linie zusammenfügen. Es sind drei entgegengesetzte Erscheinungen. Dazwischen liegen ausdrückliche Beerdigungen. Eugen Rosenstock-Huessy, (Zurück in) Das Wagnis der Sprache, Seiten 73, 75

Mitgliederbrief 2012-02

Wo aber Gott gegenwärtig ist, da hören die abstrakten zeitlosen Wahrheiten auf. Und wo das Abstrakte aufhört, da fängt eben die Schuldvergebung an. Im Angesichte Gottes wird die Schuld glückhaft. Denn er kommt. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts Band 1, Glückhafte Schuld, Seite 255

Mitgliederbrief 2011-09

Die Gemeinschaft kann nicht vorausgesetzt werden, wie beim gemeinsamen Bekenntnis. Nein: sie ist Aufgabe. Sie mißlingt auch. Sie wirkt daher als frei erkämpfte und zugleich geschenkte Überraschung. Eugen Rosenstock-Huessy ‚Das Alter der Kirche’, Band II Seite 155 Agenda Verlag Münster, 1998. Zuerst erschienen 1927.

Mitgliederbrief 2011-01

Nach der Kirche und nach der Staatenwelt
ist die weltweite Gesellschaft entstanden, die alle Grenzen sprengt.
„TOCHTER Gesellschaft” ist sie getauft worden, denn die Tochter ist der Weg zurück in die Schöpfung, nachdem Mannesgeist uns ihrer Nähe entfremdet hat. Eugen Rosenstock-Huessy, Nachwort zu Die Tochter / Das Buch Rut, S. 45

Mitgliederbrief 2010-10

Das volle Wort, bei dem wir einander ansehen, macht aus kauen begreifen, aus atmen inspiriert sein, aus hören vernehmen und Vernunft, aus riechen spüren, aus schmecken Sinn und sinnen, aus fühlen empfinden. Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie II, Die Umkehr des Worts, s.563

Mitgliederbrief 2010-10

“Jeder von uns braucht seinen geistigen Feind zur Gesundheit.” Eugen Rosenstock-Huessy, Frankfurter Hefte 14, 1959, Heft 3, S.191

Mitgliederbrief 2010-01

“Je tiefer
ein Wort gefaßt wird,
desto bestimmter wird der Zeitpunkt,
an den es gehört.”
Eugen Rosenstock-Huessy, Glückhafte Schuld, in: Das Geheimnis der Universität S. 148

Mitgliederbrief 2009-10

„Indem heut die Älteren den Jüngeren statt gelebten Friedens die bitteren geistigen Erkenntnisse des verfehlten Friedens anbieten, stiften sie einen neuen Bund, ein neues Gefälle, und zwar diesmal zwischen den Generationen, damit wieder das Unmögliche, das nächste Unmögliche, geschehe.” Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie 1, Seite 259, Ed. 1956

Mitgliederbrief 2009-06

„Wo Jugend mit Ehre alt wird und wo die Lehre sich allzeit erneuert, wo die Lehre fröhlich den Tag grüßt, und die Jugend fröhlich das Alter, da sind Leib und Geist der Menschenkreatur geheilt und offenbaren sich als die ewige Zukunft und die heutige Gegenwart der gesunden Menschenseele.” Eugen Rosenstock-Huessy, Lehrer oder Führer, Die Kreatur 1, 1926, S.68

Mitgliederbrief 2009-02

„Denn sie (die Apostel) glaubten alle miteinander Sünder und Gerechte zu sein, und eben nur miteinander der heilenden Geisteskraft würdig zu werden.” Eugen Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts II, S. 891

Mitgliederbrief 2009-01

„Der einzige Weg der Menschwerdung ist die liebende Vorwegnahme. Gelingt es, den ersten Augenblick dieser Vorwegnahme durch ein liebendes Auge zu verewigen, dann ist dieser Menschwerdung der Weg gebahnt. Die menschliche Gesellschaft wird anhaltend von unaufhaltsamen Menschwerdungen durchzogen, unter der Bedingung, daß jeder erste Liebende Blick als Hoher Augenblick Epoche machen darf.” Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie II, Die Vollzahl der Zeiten, S. 728

Mitgliederbrief 2008-06

„Es ist daher im wörtlichen Sinne eine Notwehr, wenn ich die Nichtigkeit der beiden Dogmen der Wissenschaft stillschweigend zugrunde lege: Denn sie besagen:

  1. Daß eines Menschen Leben mit seinem Tode ende und
  2. dass die Worte des Menschen ein bloßes Mittel zum Ausdruck seiner Gedanken seien.

Diese beiden Dogmen berauben unsere Worte jeden Sinnes, und die letzten 50 Katastrophenjahre sind die logische Antwort auf sie. Diese Dogmen erweisen die Unsinnigkeit einer Wissenschaft, die den Menschen als ein Stück Natur behandelt.” Eugen Rosenstock-Huessy, Die Frucht der Lippen, in: Die Sprache des Menschengeschlechts II, S. 804f.

Mitgliederbrief 2008-02

Wo bleiben die Hellenen in unserer Ära, die griechischen Schulen der Genies? Die Hohen Schulen des letzten Jahrtausends verwurzeln die griechische Muße in dem neuen Reiche des Allmächtigen, der über das All sein Machtwort gesetzt hat. Diese Schießstände und Wachposten der „freien Zeit” bemannt der Schulgeist, um alles zu vergleichen und zu beschreiben; sie heißen bisher Scholastik und Akademik. Sie wurden mit der Gründung der mittelalterlichen Universitäten in Paris und Bologna installiert; sie wurden mit den Akademien in Florenz und Paris und London und Berlin umgestellt, und sie harren in einer von Saint Simon und Goethe bereits angehobenen dritten Epoche ihrer endgültigen Eingemeindung in die christliche Zeitrechnung. Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie II, S. 683f.

Mitgliederbrief 2007-10

„Es ist nämlich wirklich nicht einfach, an den lebendigen Gott zu glauben. Von den Menschen, die glauben an Gott zu glauben, glauben nur wenige an den lebendigen Gott. Und viele glauben an den lebenden Gott, obschon sie behaupten, nicht an Gott zu glauben. Die Grenze im Glauben läuft viel seltener zwischen Gottgläubigen und Atheisten als zwischen denen, die ihren Gott hochleben lassen und dadurch zum Spott machen, und denen, die dem lebendigen Gott Leben, Sieg und Herrschaft einräumen.” Eugen Rosenstock-Huessy, Vivit Deus, in: Das Geheimnis der Universität, S. 278

Mitgliederbrief 2007-05

Sobald wir die akademische Illusion vom zeitlosen Denken abtun, können wir aller Fehlerquellen Herr werden, die sich aus dem Zeitablauf ergeben. Denn nun können der Lehrer und der Schüler sich ausdrücklich Zeit zum gegenseitigen Mißverstehen einräumen. Ja, der Zeitraum des Studiums wird dann geradezu der Spielraum für das unentbehrliche Noch-nicht-in-einer-und-derselben-Zeit-Leben. Während die pädagogische Methode sagt: Mißverständnisse zwischen Lehrer und Schüler sind vermeidbar, sagen wir mit Augustins „De magistro”: Je wichtiger eine Frage, desto mehr Mißverständnis muß in Kauf genommen werden. Eugen Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts II, S. 388

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