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Mitgliederbrief 2022-12

Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft e.V.

„Conrad Ferdinand Meyer endete in geistiger Umnachtung; vorher hatte er gedichtet: „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“ Ein schöner Vers, aber so lebensgefährdend und nachtwandlerisch wie die schizophrene Menschheit. „Mein Widerspruch“ muß immer aus mir herausgestellt werden und in einer mich liebenden Seele Widerspruch hervorrufen: nur wem durch Mitmenschen widersprochen wird, nur dessen Widersprüche bleiben heilbar.
aber mit einer Calvinistin Kinder erzeugte,
und es gilt von den reichen Imperien und von den armen Kolonialvölkern.
Es gilt von China heute und von Rußland und Indien.
Und bevor Deutschland zerstört, zerteilt und widerlegt wurde, hatte es jeden Widerspruch in seinem Inneren ausgeschlossen, hatte es das Volk des ewigen Widerspruchs, Israel, ausgerottet und in dieser Wut zu seiner eigengesetzlichen Widerspruchslosigkeit seinen Untergang selber hervorgerufen.
Dies liegt nun nicht so fern ab von dem Wirtschaftswunder oder den Entwicklungsländern oder dem Planetenhaushalt, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte. Das Menschengeschlecht hat immer zwischen offenem Widerspruch und stummem Widerstand geschwankt.
Gesunde Zeiten widersprachen. Kranke Völker widerstehen nur stumm und verfallen in ihrem Widerstand und Trotz dem Wahn des Alleinseins auf der Welt. Wer Weltanschauungen frönt, wird wahnsinnig, denn die Weltangst macht wahnsinnig.” Eugen Rosenstock-Huessy, Dienst auf dem Planeten, 1965

Vorstand/board/bestuur: Dr. Jürgen Müller (Vorsitzender);
Thomas Dreessen; Sven Bergmann; Dr. Otto Kroesen
Antwortadresse: Jürgen Müller, Vermeerstraat 17, 5691 ED Son, Niederlande,
Tel: 0(031) 499 32 40 59

Brief an die Mitglieder Dezember 2022

Inhalt

  1. Einleitung - Jürgen Müller
  2. Ohne gemeinsame Erinnerung keine Zukunft – Clinton Gardner Brückenbauen - Thomas Dreessen
  3. Bericht von der ERHG Tagung - Sven Bergmann
  4. Unbezahlbarer Mensch neu - Thomas Dreessen
  5. Der Freiwillige ist unbezahlbar - Otto Kroesen
  6. Eugen Rosenstock-Huessys „Breslauer Koffer“ - Sven Bergmann
  7. Eugen Rosenstock als Gast im Hegel-Club - Sven Bergmann
  8. Umzug des Archivs - Thomas Dreessen
  9. Das menschliche Unternehmen – die große Geschichte des Glaubens und der Wirtschaft - Otto Kroesen
  10. Brief - Claus Friese
  11. Vertreibung des Geistes - Sven Bergmann
  12. Adressenänderungen - Thomas Dreessen
  13. Hinweis zum Postversand - Thomas Dreessen


1. Einleitung

Liebe Mitglieder, liebe Freunde,

Der Friedensnobelpreis 2022 wurde an Bürger der Ukraine, Belarus und Rußland vergeben, die sich für das Recht zur Kritik an der Macht und fundamentale Bürgerrechte in ihren Heimatländern einsetzen. Rosenstock-Huessy weist darauf hin, daß Gesellschaften zu ihrem Überleben das interne Gespräch und das mit anderen benötigen. Sogar dem Versailler Vertrag konnte er das positive abgewinnen, daß Deutschland durch die Weltgemeinschaft angesprochen wurde und nicht mehr aus sich selbst heraus bestand. Thomas Dreessen weist auf ein wichtiges Element der russischen Kultur hin, das uns zu antworten herausfordert und so bereichern kann. Ein Gespräch über Grenzen hinweg ist nicht immer einfach, aber eine wichtige Voraussetzung für ein planetarisches Zusammenleben.

Jürgen Müller

2. Ohne gemeinsame Erinnerung keine Zukunft – Clinton Gardner Brückenbauen

Als ich 12 Jahre alt war (1965) hat meine Mutter mir den Roman Die Brüder Karamasow von Fjodor Michailowitsch Dostojewski zu Lesen gegeben. Wie tief er mich beeindruckt hat zeigte sich bald. Wir konnten in der 7.Klasse Gymnasium wählen zwischen Latein, Französisch und Russisch als zweite Fremdsprache. Ich wählte selbstverständlich Russisch. Im Unterricht haben wir uns russische Namen gewählt. Ich habe den Namen Aljoscha genommen.

Den russischen Sprachraum habe ich allerdings erst viele Jahre später besucht. Seit mehr als 20 Jahren bin ich mit dem Kinderzentrum Nadeshda in Belarus verbunden über die Männerarbeit der EKvW. Wir organisieren dort Dienste auf dem Planeten seit 2006 unter dem Motto: Gemeinsam in die Zukunft. Wie tief Russen mit Deutschland verbunden sind, konnte ich bei einer von mir organisierten Studienreise nach St.Petersburg im Jahre 2001 feststellen. Dabei erinnerte ich mich an Rosenstock-Huessy: „Europa ist die Mutter beider, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion“(Europ.Revolutionen 1987,S.519). Viele unserer Gesprächspartner zitierten auswendig Goethe und andere deutsche Autoren. Bis heute kann ich Teile der orthodoxen Liturgie und russische Lieder singen.

Immer wieder habe ich in Belarus von den Freunden eine andere Erzählung gehört über die Ereignisse seit 2014 in der Ukraine als sie unsere Medien seit 4 Jahren dominieren. Viele der Partner haben dort Verwandte, Freunde, Partner. Sie berichteten aus diesen eigenen Erfahrungen von dem Putsch 2014 und den folgendem Bürgerkrieg im Osten der Ukraine mit 14000 Toten - davon 75% durch die ukrainischen Truppen auf Geheiß derer Regierung (lt. OSZE) - und der Unterdrückung der Russen im Vielvölkerstaat Ukraine (Sprachgesetze, Streichung aller Staatsleistungen, Zerstörung derer Infrastruktur etc.).

Durch Beiträge von Alexander Pigalev auf der Internationalen Konferenz unserer Gesellschaft November 2005 und durch Wolfgang Ullmanns Beitrag in unseren Mitteilungsblättern 1995 motiviert habe ich mich dann seit dem letzten Jahr in das Verhältnis Rosenstock-Huessys zu Rußland tiefer eingearbeitet.

In dem jetzt neu erschienenen Buch Der Unbezahlbare Mensch schrieb er 1955: „Partnerschaft wird nie ausgedacht. Ich würde gerne eine Rhapsodie auf die Partnerschaft zwischen Russland und USA anstimmen. Es würde ein großes Lied werden, so groß wie die Eumeniden von Aischylos, und wenn mir die Völker lauschten, so würde diese Rhapsodie auf Orestes und Iphigenie den Dritten Weltkrieg verhindern“ (aaos.174).

Dabei hat mir insbesondere Rosenstock-Huessys Schüler und Freund Clinton Gardner geholfen. Er lernte in Dartmouth, angeregt durch Eugen Solovyov und Berdjajew kennen und schätzen. Er erfuhr es als seine Bestimmung ein Buch zu schreiben über das Kreuz der Wirklichkeit. Später nannte er Solovyov und Eugen seine geistigen Väter. Gardner brach das Studium ab und nahm dann am Camp William James teil. Er wandelte er sich vom Pazifisten zum Soldaten um zu helfen Hitlers Herrschaft über Europa zu überwinden. Als Leiter der Auflösung des KZ Buchenwald begegneten ihm 1944 auch tausende sowjetischer Soldaten und er erfuhr vom Gulag. Wie passte das zusammen: Gulag - wie die KZs - und die russische spirituelle Tradition, die er so sehr schätzen gelernt hatte?

So ging er nach seinem Abschied zurück nach Dartmouth und studierte bei Eugen. Er hörte, dass die russische Revolution Teil der europäischen Revolutionen ist, somit auch Teil der Weltrevolution, wie auch Eugens Text The Atlantic Revolution bezeugt, den wir auf unserer Jahrestagung besprochen haben.

In seinem ersten Buch: Letters to the Third Millennium An Experiment in East-West Communication (1980) schreibt er: “President Nixon’s visits to Peking and Moscow in 1972, twentyseven years after World War II, can be seen as a final recognition that the Chinese and Russian revolutions have a legitimate place in the Planetary Revolution. They should never again be compared to the counter-revolutions of Fascism and Nazism, as they so often were by Western antagonists during the Cold War. As we approach the 1980s one hears a revival of that Cold War rhetoric. And one feels a great uneasiness that we may yet fail to enter the era of a Planetary Consciousness” (aao 5f).

Gardner, der nach dem Krieg und nach seinen weiteren Studien nicht Diplomat wurde, sondern in die Wirtschaft ging und weltweit tätig war, nahm die Gefahr „to fail“ ernst und widmete sich zusammen mit seiner Frau dem Brückenbau zwischen USA und UDSSR/Rußland. Er tat das mit großer Resonanz in Rußland und USA. Davon zeugen neben den Letters to the Third Millennium sein Building Bridges – A Handbook for Citizen Diplomats, 1989, Die Neugründung der Solovyov Society in Rußland 1991, Between East and West: Rediscovering the Gifts of the Russian Spirit, Jan.1993, D-Day and Beyond – A Memoir of War, Russia, and Discovery, 2004, und Beyond Belief – Discovering Christianity’s New Paradigm, 2008.

Das Handbuch widmete er George Kennan dem früheren US Botschafter in der UDSSR. Der verehrte Helmut James von Moltke als den größten Menschen in der Zeit des Weltkrieges. Kennan sagte 1981: “If we insist on demonizing these Soviet leaders on viewing them as total and incorrible enemies, consumed only with their fear or hatred of us and dedicated to nothing other than our destruction – that in the end is the way we shall assuredly have them, if for no other reason than our view of them allows for nothing else, either for them nor for us.” Und: “For all their historical and ideological differences, these two peoples – the Russians and the Americans – complement each other; they need each other; they can enrich each other; together, granted the requisite insight and restraint, they can do more than any other powers to assure world peace”, 1983 (cf Handbook ii).
Gardner: “With hundreds of Russians and Americans as partners, I launched US-USSR Bridges for Peace”, a project of citizen dialogue which grew into a national movement – and certainly helped to end the Cold War, (Cf. D-Day p11ff).

Mit Worten Eugens möchte ich die Perspektive von Gardner und Kennan deuten. „Amerika ist materiell der große beherrschende Faktor der uns bekannten, von uns miterschaffenen Welt. Geistig sind wir auf Amerika vorbereitet. Von Rußland her werden wir umgeschaffen und revolutioniert, weil dort die Schöpfungsgeschichte des Menschen weitergeht. Wir können uns gegen Rußland daher nicht verschließen, ohne die Weltzeit, wir können Amerika nicht entbehren, ohne den Weltraum zu verlieren. …Wir sind in demselben Sinne wie einst zur Zeit des großen Gregor zugleich wieder auf der Waage zwischen Chronos und Ökumene, zwischen Zeit und Raum“, (Eur.Rev. aao 527).

Gardner hatte weite planetarische Erfahrungen durch seine berufliche Tätigkeit und seine Kenne Rußlands. Er spricht schon 1980 deutlich die veränderte Rolle Amerikas und des Christentums aus: „There is no longer a Western Christendom that must bear the white man’s burden of saving the world. Vietnam should have finally taught Americans, and indirectly our Western supporters, that our ‘enemy’, Ho Chi Minh, was no more the enemy of mankind than we were ourselves. We have met the enemy and he is us”, zitiert er den US General Ramsey Clark (1970, Letters s.6).

In seinen letzten Werken D-Day und Beyond Belief führt Gardner uns tiefer ein in das neue gemeinsame Paradigma, das er in all seinen Büchern schrittweise immer weiter entdeckt hat.

Die Grundlegung schaut Gardner im Kreuz der Wirklichkeit Eugen Rosenstock Huessys und Michail Bakhtins Chronotype: “Chronotype or cross of reality both based on four basic types of speech: Imperative – subjective – narrative – and objective. Speech doesn’t simply describe the human reality; it creates it” (D-Day 219). Sie fordern das modern Bewußtsein heraus denn sie bilden ein „Modell der menschlichen Wirklichkeit ohne Ende.“ „these founders new discipline would integrate all our knowledge“ (aao221). Beide Bakhtin und Eugen basieren nach Gardner auf dem Unterschied zu Bubers Ich und Du: Statt Buber’s formula „as I become, I say thou! Bakhtin’s insight might be formulated: ‘as I hear myself addressed as thou, I become I.” Die neue Frage „What must we do to insure the survival of a truly human society?” erfordert nach credo ut intelligam und cogito ergo sum eine neue Wissenschaft.

“Some final thoughts on the future discipline proposed by Bakhtin and Rosenstock-Huessy: It would focus neither on God nor on the natural world but on “man”. It seems to me that Bakhtin and ERH were working not only toward a new discipline but also toward a new vision of our place in the order of existence. … a sea of speech and time”,(aao225ff).

In Bezug auf Rußland erinnert uns Gardner an die russischen Erfahrungen 1991 bis 2000: „Moskau war ein Zentrum eines mafia-oligarchischen Kapitalismus.“ Dagegen stehe die russische Tradition mit Solovyov, dem geistigen Vater Bakhtins: “economic relations must be consciously directed towards the common good” and that “every man has the right to the means of a worthy existence” two propositions which challenge the kind of laissez-faire capitalism which American advisers so disastrously promoted here in 1991-1992.

In Beyond Belief – Jenseits des Glaubens (2008) antwortet Gardner auf das Erstarken des christlichen Fundamentalismus in USA. Dieses Buch heisst im Untertitel: Discovering Christianity’s new paradigm (Das neue Paradigma der Christenheit entdecken).

Er versucht mit diesem Buch auf die Fragen zu antworten: „Wie kann man sprechen nach dem Holocaust.“ „An welche Art Gott glauben wir?“ Es ist eine Summe seiner Lebenserfahrungen mit dem Kreuz der Wirklichkeit adressiert an seine amerikanischen Landsleute.

Ich schließe die Erinnerung an Gardner mit seinen Visionen und einem Bild, das er 1978 in Zürich in der Zeitung The New Yorker fand, wartend auf seinen Flug nach Moskau,

Some visions of how we might come to see the world in the light of the new unifying discipline which I’ve been describing:
Get rid of the notion that we live one-dimensional lives in a simply mechanical world.
Spirit is not something otherworldly.
Replace our ancient story of a divine being who called the world into existence, and our more recent story of meaningless atoms competing in space, with a new story which would tell us of the great body of Humankind, united through all time by the sweeping web of speech.
Recognize the living word as the spark, the electricity, which flashes throughout this web, animating each of us and uniting us with the whole.
As the atoms was imagined by the Greeks but remained hidden until Faraday and Bohr, so the Logos was described by Heraclitus but really was not seen as the field in which we become human until Bakhtin’s and Rosenstock-Huessy’s discoveries (D-Day 222ff).

Glazunov Ilya Glazunovs Bild Die Heimkehr des verlorenen Sohnes (1977). Gardner schreibt 1978 dazu: „Er (Glazunov) ist ein führender Repräsentant einer gegenwärtigen Bewegung die Joseph Kraft (der Autor des Artikels im The New Yorker) beschreibt als Ausdruck „der traditionellen Gefühle des Russischen Nationalismus.“ Was aber faszinierend ist an dieser Bewegung ist, dass sie nicht einfach nationalistisch ist. Es ist eine Suche nach den Wurzeln von Rußlands großartiger Zivilisation, und diese Wurzeln sind in seiner Tradition da als Verkörperung der Östlichen Orthodoxen Kirche. Dies ist eine Wiedergeburt von ihrer Alyosha Seite.“
Gardner hatte dieses Bild seiner Begleiterin Olga, aktives Mitglied der kommunistischen Partei, gezeigt und sie gefragt, was sie davon halte, sie, der „rationalistische Ivan“. Olga: „Ich habe keine Probleme mit dem Bild. Es ist ein großartiges Gemälde.“

Ich sehe in diesem Bild das spirituelle Erbe Rußlands nach Rußlands Europäisierung (Hans Ehrenberg: Östliches Christentum 1925 und West- und Ostökumene 1955) bereit zum Frieden.

Thomas Dreessen

3. Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft, Tagung 30.09. bis 2.10.2022

Nach einigen Treffen im Haus am Turm in Essen und nach diversen coronabedingten Einschränkungen atmete die diesjährige Tagung fast schon wieder Normalität. Aber natürlich spiegeln die Verhältnisse auf unserem Planeten alles andere als Ausgleich und Verständigung. Und so widmete sich die Nürmbrechter Tagung, in der Abgeschiedenheit der Eifel einer Kriegsschrift von Eugen Rosenstock-Huessy aus dem Jahre 1940. Die etwa zur gleichen Zeit wie Thomas Manns Radioansprachen „Deutsche Hörer“, am 13. Juni geschriebene „The Atlantic Revolution“ zeigt die Maßstäbe und Dimensionen auf, mit denen der Autor die tektonischen Verschiebungen der Weltlage nach dem Fall Frankreichs und vor dem Kriegseintritt der USA beschreibt. Während der gemeinsamen Lesung konnten sowohl die Parallelen des historischen Textes zur neuen Kriegslage in Europa markiert werden, als auch die besondere Zielsetzung und beabsichtigte Zielgruppe in der Frontstellung des Zweiten Weltkrieges. Eugen Rosenstock-Huessy bezeichnet sich im Text selber als Experte für Revolutionen und nicht als Experte für amerikanische Geschichte. Und daß die Lokomotive der Revolution (Karl Marx) weiter viel Dampf im Kessel produzierte ließ sich 1940 sowenig bestreiten wie im Dritten Jahrtausend. In jedem Fall beeindruckte die lebensnahe und wohlbegründete Schilderung der zeitgenössischen Verhältnisse die versammelte Gruppe. Erfreulich war, daß die Gesellschaft Mitglieder begrüßen konnte, die lange nicht mehr den Weg zu einer Tagung gefunden hatten, was vielleicht den jeweiligen geographischen Umständen geschuldet war. Thomas Dreessen berichtete über zwei aktuelle Projekte mit weitreichenden Auswirkungen für die weitere Arbeit der Gesellschaft: 1) den kräftezehrenden Abschluß der Neuausgabe von „Der unbezahlbare Mensch“ im agenda Verlag, der auch durch großzügige Förderung aus dem Kreis der Mitglieder zu einem erschwinglichen Preis von 24,95 Euro möglich wurde (Der Band ist inzwischen erschienen: Eugen Rosenstock-Huessy, Der unbezahlbare Mensch, ergänzt und neuübersetzt von Eckart Wilkens, Münster: agenda Verlag 2022) sowie 2) den Stand der Gespräche über eine neue Heimat des Eugen Rosenstock-Huessy Archiv nachdem die Evangelische Kirche in Westfalen ihre bisherige Gastfreundschaft aufgekündigt hatte. Erfreulicherweise konnte inzwischen das renommierte Schiller-Archiv in Marbach für den Bestand gewonnen werden. Nach mehreren Gesprächen und der sachkundigen Beratung durch den bisherigen Spiritus Rektor des Bielefelder Bestandes, Gottfried Hofmann, wird Marbach die Originale des Nachlasses sowie alle für die wissenschaftliche Erforschung relevanten Schriften, Bücher und Dokumente übernehmen. Die Dokumente sollen 2023 gesichtet und dann überführt werden, woraus sich auch weitere Anknüpfungspunkte für die Gesellschaft ergeben können. Otto Kroesen widmete seinen Beitrag zur Diskussion dem Thema Zivilgesellschaft und Stammesgesellschaft. Anknüpfend an aktuelle Kontroversen sprach er von einem Paradox des Kolonialismus: Man vertraue einander nicht. Dagegen verwies der Referent auf die kleinen Einheiten, die Gilden und Bruderschaften, freie Assoziationen von denen aus sich die Städte organisiert hätten und gewachsen seien. Ein Beitrag des christlichen Europa, der in vielen Teilen der Welt nach wie vor fehlt und der weder von Familien, noch Stämmen oder Reichen geleistet werden könne. Aus seinen Einsichten erklärt auch viele Fehlschläge in der wirtschaftlichen Entwicklung traditioneller Gesellschaften. In einem Ubuntu-System finde eine Zusammenarbeit nur innerhalb der jeweiligen Familie statt. Otto Kroesen konnte in seinem Vortrag viele Beispiele aus seiner langjährigen Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika anführen. Außerdem hat er seine Einblicke inzwischen in größerem Kontext und mit Hilfe der Terminologie Eugen Rosenstock-Huessys zusammengetragen: Das Buch ist fast gleichzeitig mit der Neuausgabe des „unbezahlbaren Menschen“ in den Niederlanden erschienen: Otto Kroesen, De menselijke onderneming. Het grote verhaal van geloof en economie, Middleburg: Skandalon 2022. Auch in den Niederlanden sitzt einer der wirtschaftlich erfolgreichsten und für die technische Entwicklung der Welt bedeutsamsten Unternehmen der Welt: ASML Die niederländische Ausgründung des Philips Konzern produziert die Belichtungsmaschinen, die für die Computerchips der jeweils neuesten Generation erforderlich sind und von allen Herstellern in Europa, Asien oder den USA bestellt werden. An den Grenzen des technisch Möglichen kooperiert das Unternehmen eng mit den führenden Unternehmen für Lasertechnologie „Trumpf“ und Optik „Zeiss“ aus Deutschland. Hier bewahrheitet sich aufs Neue das von Eugen Rosenstock-Huessy vielfach thematisierte soziodynamische Gesetz:

Jeder technische Fortschritt erweitert den Raum, verkürzt die Zeit, zerschlägt eine vorhergehende Gruppierung. Aus diesem Gesetz folgt, daß es sich bei der Praxis des Wirtschaftens um einen eintönigen, einseitigen, in immer dieselbe Richtung vorstoßenden Prozess handelt. Monotonie aber ist das Kennzeichen des Mechanischen, des Nicht-Lebendigen. Das Leben stirbt, sobald es eintönig wird. Wellen sind ja potentiell Töne. Wellenlängen sind also Tonarten. Das Leben entspringt erst, sobald sich Wellenlängen kreuzen und Polyphonie entstehen kann. Maschinen sind eintönig. Deshalb geht ihnen Leben ab. Hier also enthüllt sich die Aufgabe der sozialen Theorie. Seit vierzig Jahren versuche ich, die einfache biologische Wahrheit zu verbreiten, daß die Theorie von der Wirtschaft fordern muß, polyglott zu werden. Da jeder technische Fortschritt eine Vielstimmigkeit zerstört, so muß jedesmal neue Vielstimmigkeit im Gegenstoß gegen die Technik hervorgerufen werden, oder wir sterben. Das Leben entschwindet, je umfassender die Märkte werden, es sei denn, die Theorie werde polyglott. (Eugen Rosenstock-Huessy, „Theorien von gestern – Praktiken von wann? In Verteidigung der grammatischen Methode”, in: ders., Friedensbedingungen der planetarischen Gesellschaft. Zur Ökonomie der Zeit, hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: agenda Verlag 2001, S.188.)

In seinem Bericht über das Unternehmen konnte Jürgen Müller eine plastische Anschauung über die Wirksamkeit dieses Gesetz geben, nach wie vor und mehr denn je. Deshalb war es eine reizvolle Überlegung, ob sich aus der Geschichte von ASML Erkenntnisse für die Vollzahl der Zeiten und die Tragfähigkeit von Eugen Rosenstock-Huessys Verständnis von Stämmen und technischem Wandel finden lassen. Die Belegschaft von ASML versammelt Menschen aus allen Kulturen und Nationen des Planeten. Das 1984 gegründete Unternehmen mit 32.000 Beschäftigten aus 122 Nationen arbeitet mit 4700 Zulieferern zusammen und ist auf deren Vertrauen angewiesen. Geben sie auch Hinweise auf die Stämme der Zukunft? Der Referent betonte vor allem die vielfältigen Voraussetzungen in der Firmenkultur, ohne die eine solche Kompetenz gar nicht entstehen könnte. Dabei sprach er als Kontrast auch die hierarchische Organisation amerikanischer Firmen an, die kaum Widerspruch dulden. Dagegen sei ASML existentiell auf eine offene Firmenkultur und eine entsprechende Fehlerkultur angewiesen. Weniger technisch, wenn auch mit technischer Unterstützung fiel die Abendveranstaltung „Takt und Tanz“ im Gedenken an Eckart Wilkens aus. Der ehemalige Vorsitzende der Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft hatte sich als Musiker intensiv mit Theorien zur Tempofrage klassischer Musik beschäftigt und viele eigenen Musikaufnahmen klassischer Klaviermusik hinterlassen. Diese Aufnahmen wurden nun im Kontrast zu einigen Beispielen historischer Aufführungspraxis auf Hammerflügeln oder Cembalos vorgestellt. Dabei wurde die Klaviermusik des 19. Jahrhunderts als Kunstmusik kontrastiert mit der elementaren Bedeutung der Musik für alle Weltkulturen und Stämme, in der Erwartung, daß die Musik eines der Elemente bildet, die die Vollzahl der Zeiten ausmachen:

Die Hexentanzplätze sind die alten Tanzwiesen der Stämme. Auf dem Brocken mag die Tanzwiese des alten Sachsenstammes gelegen sein, mit der die Pfalz in Werla, später Goslar, zusammengehörte. Denn hier haben die Sachsen durch sieben und mehr Jahrhunderte ihren Mittelpunkt gesucht. Der Hexensabbat ist eine richtige Erinnerung an die vorkirchlichen Stammesfeiern.1

Buchstabentreue ist keine Werktreue, die Frage nach dem Sinn muß vor der Exekution von Vorschriften stehen (Das sehe ich übrigens auch in allen anderen Lebensbereichen so. Ein Gesetz erfüllt man nicht, weil es da ist, sondern weil man seinen Sinn erkennt – im extremsten Fall weil man dem Gesetzgeber vertraut und ihm glaubt, auch wenn man den Sinn nicht durchschaut.)2

Sven Bergmann

Der unbezahlbare Mensch

4. Unbezahlbarer Mensch neu

Wir sind froh, dass es gelungen ist Rosenstock-Huessys Der Unbezahlbare Mensch neu ediert im agenda Verlag herauszubringen. Herzlichen Dank für alle Unterstützung. Hier finden Sie eine Leseprobe
Das Buch ist im Handel erhältlich +ISBN 978-3-89688-758-0

Im nächsten Jahr, dem 50. Todesjahr Eugen Rosenstock-Huessys (23.2.1974) und auch dem 60. Jubiläum der Gründung unserer Gesellschaft wünschen wir und planen wir Präsentationen und Gespräche zum Unbezahlbaren Menschen in verschiedenen Regionen Deutschlands: Süd-Nord-Ost-West.
Wer Interesse hat solche eine Veranstaltung in der eigenen Region mit vorzubereiten und durchzuführen, der/die melde sich bitte umgehend.

Geschäftsstelle der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft
c/o Thomas Dreessen
Insterburger Strasse 13
D-45964 Gladbeck
0178 7197009

Thomas Dreessen

5. Der Freiwillige ist unbezahlbar


Es gibt viele Gründe, warum Der unbezahlbare Mensch immer noch ein sehr aktuelles Buch ist. Die erste Ausgabe von 1936 war die Visitenkarte von Rosenstock-Huessy in Amerika, zumindest die erste Hälfte des Buches - später wurde ein Teil auf Deutsch hinzugefügt. Man könnte sagen, es ist die Übersetzung der Angewandte Seelenkunde in die amerikanische Realität. Auf tiefgründige und poetische Weise legt Rosenstock-Huessy seine grammatikalische Methode in Angewandte Seelenkunde dar. Indem er diese grammatikalische Methode formuliert, entdeckt er sie gleichzeitig. Der unbezahlbare Mensch hingegen unterstellt die grammatikalische Methode als fertiges Ergebnis. In der Tat können mathematische Formeln verwendet werden, um die vier Pole Vergangenheit und Zukunft, Innen und Außen anzugeben. Außerdem beginnt Der unbezahlbare Mensch in Amerika mit dem von Rosenstock-Huessy in Europa abgeschlossenen Experiment: dem Versuch, das mechanisierte Leben der Arbeiter in einem modernen Unternehmen mit Leben zu erfüllen. Denn Der unbezahlbare Mensch ist eine Unternehmensphilosophie, besser noch eine Unternehmenssoziologie. Man ist versucht, ihm den gleichen Stellenwert einzuräumen, den bei Descartes sein kleines Werk Discours de la Méthode hat. Wer das kleine Werk mit einem modernen Blickwinkel liest, hat das Gefühl, auf bloße Selbstverständlichkeiten zu stoßen. Descartes belehrt seine Leser darüber, wie man Ursache und Wirkung logisch miteinander verbindet und wie man von ganz offensichtlichen Dingen ausgeht und versucht, von dort aus kompliziertere Dinge zu erklären, und zwar mit Hilfe der Naturgesetze. Man fragt sich: Wird Der Unbezahlbare Mensch nicht irgendwann einmal auf ähnliche Weise gelesen werden: als eine Reihe von Selbstverständlichkeiten, die ein jeder begreift?

Das Kreuz der Wirklichkeit in mathematischen Begriffen

Bis jetzt ist das noch nicht eingetroffen. Auch dieses kleine Buch hat kaum Gegenliebe gefunden. Das ist merkwürdig. Denn es kann nicht daran liegen, dass das Büchlein unverständlich geschrieben ist - was man von einigen anderen Werken von Rosenstock-Huessy durchaus behaupten könnte. Intellektuell ist es klar und deutlich. Es ist auch erkennbar. Jeder kann erkennen, dass man von Zeit zu Zeit von neuen Zwängen heimgesucht wird, die sich einem aufdrängen, und dass sie einen Bruch im Lebenslauf verursachen. Man muss sich von Zeit zu Zeit von der Vergangenheit und von der Gruppe, an die man gebunden ist, lösen, und dann ist man auf sich allein gestellt. Rosenstock-Huessy schlägt hierfür die Formel vor: 1 = 1. Man fällt auf sich selbst zurück. Das genaue Gegenteil ist das Erbe der Vergangenheit und - was mehr oder weniger dasselbe ist - die Identität der Gruppe, der man angehört. Dabei steht man nicht auf sich allein, sondern geht in der Gruppe auf: Ꚙ = 1. Das ist die Formel für das Wir-Sagen und das Miteinander. Sein Selbst verschwindet in der Gruppe. In diesem Moment ist man auch kein Ich. Wann ist man ein Ich? In der Spannung zwischen notwendiger Veränderung und dem Festhalten an der aus der Vergangenheit stammenden Gruppe erwacht das Ich, Ich! Man kommt nicht umhin, sich zu bemühen, die Kluft zwischen Herkunft und Zukunft zu überbrücken, trotz des Bruchs zwischen beiden. Man macht Vorschläge und versucht, andere daran zu beteiligen. Man versucht, einen oder mehrere Partner zu finden, die einem helfen, die Brücke zu bauen, und dafür gilt die Formel: 2 = 1. Die Ehe ist in der Tat das Modell für eine Partnerschaft: Zwei Menschen, die einander heiraten, bringen verschiedene Dinge aus einem unterschiedlichen Erbe mit und lernen, diese Beiträge im Hinblick auf eine neue Zukunft in Einklang zu bringen. Das ist etwas anderes als ein Vertrag, denn man geht aufeinander zu, ohne zu wissen, was auf einen zukommt. Die Vertragsbedingungen decken dieses Unerwartete nicht ab. Man steht gemeinsam für die Verwirklichung des notwendigen Wandels ein und alles ist ein Prozess. Bei diesem Aufstieg kann man sich auch gemeinsam der Welt stellen, denn zusammen mit einer Reihe von Partnern, die Veränderungen wollen, kann man auch etwas bewirken. Im Kampf gegen die Außenwelt nimmt die Partnerschaft jedoch eine andere Form an. Denn Partner leisten einen unersetzlichen Beitrag. Im Gegensatz dazu muss man im Produktionsprozess oder um gegen die Kräfte der Außenwelt bestehen zu können, austauschbar sein. Dies wird durch die Formel ausgedrückt: 3 = 1. Die Zahl 3 ist hier etwas willkürlich. Sie ist die Schichtarbeit von 3 × 8 Stunden entnommen. Dann braucht man drei Personen, es können auch mehr sein.

Der Dualis

Hier möchte ich nun etwas näher auf die Formel 2 = 1, den Dualis, Partnerschaft eingehen. Die Ehe ist, wie bereits erwähnt, das Vorbild dafür. Aber kann das in einem Unternehmen geschehen? Kann man mit einem Unternehmen verheiratet sein? Im Niederländischen kommt der Ausdruck nur mit negativem Vorzeichen vor. Wenn sich jemand zu sehr für seinen Job oder seine Arbeit engagiert, sagt man: Du bist nicht mit deiner Arbeit verheiratet! Aber die Tatsache, dass hier eine Warnung notwendig ist, beweist bereits, dass meist das Gegenteil der Fall ist: Man ist tatsächlich in gewisser Weise mit dem Unternehmen verheiratet. Möglicherweise hat man einen Arbeitsvertrag. Das kann jedoch nicht verhindern, dass man trotz aller Bestimmungen in einem Arbeitsvertrag bei seiner Arbeit mit allen möglichen Dingen konfrontiert wird, für die nichts vereinbart wurde. Läßt man dann die Arbeit aus den Händen fallen oder zeigt man das Beste von sich? Die Zukunft kann davon abhängen. Ein Ingenieur, der ein neues System für die interne Unternehmenskommunikation entwirft, kann sich so sehr um ein gutes Ergebnis bemühen, dass man auf Englisch sagt: it’s his baby! Es ist sein Baby! Kann man also doch Kinder in einem Unternehmen haben? In seinem Buch Vom Industrierecht stellt Rosenstock-Huessy fest, dass das auf freien, rationalen Individuen basierende Arbeitsrecht an zwei Hauptproblemen scheitert3. Das ist zum einen die Arbeit selbst. Denn man kann sich entscheiden, den Arbeitsplatz zu wechseln, aber zumindest als Arbeitnehmer kann man sich nicht aussuchen, nicht zu arbeiten, man braucht einen Arbeitsplatz. Man ist also nicht völlig frei und verfügt nicht über sich selbst. Das zweite, dem das auf freie Selbstbestimmung und Rationalität ausgerichtete Arbeitsrecht nicht gewachsen ist: die Ehe. Auch hier verlieren die Worte Freiheit und Selbstbestimmung ihre Bedeutung, wenn zumindest die Liebe führend ist.

Nach dem Arbeitsrecht ist man also nicht mit seinem Arbeitsplatz verheiratet, aber in der Praxis ist man es insgeheim doch. Dies erklärt auch, warum sich Mitarbeiter, die entlassen werden, wenn sich die Lage im Unternehmen verschlechtert, “abserviert” fühlen. “Abserviert” wird man schließlich auch, wenn der Liebhaber einen fallen lässt. Dies führt zu einem Paradoxon: Einerseits hat man einen Arbeitsvertrag, und wenn man sich zwischen 8.00 und 17.00 Uhr an dessen Bestimmungen hält, erhält man sein Gehalt, und ansonsten hat man eine reine Geschäftsbeziehung mit dem Unternehmen. Andererseits wird oft stillschweigend oder auch explizit eine sogenannte professionelle Haltung von einem verlangt, und das bedeutet, dass man sich für seine Arbeit interessieren, dass man sie mit Hingabe macht, mit Leidenschaft, wie es heutzutage heißt, ein Wort, das gebraucht wird, um das Wort Liebe zu vermeiden, um das es eigentlich geht. Dies ist eine Frage der Scham. Eigentlich macht man seine Arbeit nur dann gut, wenn man sie mit Liebe und nicht für Geld macht. Darauf bezieht sich der Titel Der Unbezahbare Mensch. Wie kann es sein, dass man seine Arbeit mit Liebe und Leidenschaft macht und dass die geschäftliche Institution, die den Rahmen bietet, eigentlich nur nebensächlich ist oder sein sollte? Wer denkt sich so etwas aus?

Arbeit und Institutionen

In unserem Arbeitssystem gibt es viele Jobs, die keinen Sinn machen, aber gut bezahlt sind. Umgekehrt gibt es viele sinnvolle Tätigkeiten, die nicht bezahlt werden. Ein Beispiel für den ersten Fall: die gesamte Werbung, die erforderlich ist, um Waschmittel zu verkaufen, die im Wesentlichen die gleiche Zusammensetzung haben. Ein Beispiel für Letzteres: persönliche Beratung für Kinder, die in der Ausbildung stecken bleiben. Gegen jedes Beispiel lässt sich etwas sagen. Manchmal unterscheiden sich die Waschmittel. Manchmal wird auch eine persönliche Beratung angeboten. Andererseits kann sich der Leser selbst viele andere Beispiele ausdenken. Warum ist das so? Das hat etwas mit dem Lauf der Zeit zu tun. Es dauert immer lange, bis etwas zu einer anerkannten Aufgabe wird, das heißt, es dauert lange, bis es gesellschaftliche Anerkennung findet. Wenn eine bestimmte Aufgabe gesellschaftliche Anerkennung findet, wird dafür Geld freigegeben und eine Institution geschaffen. Nur wenn etwas geschätzt wird, kann ein Preisschild daran befestigt werden. Ein anderes Beispiel: Bildung war früher eine Sache von Privatlehrern, die von der Familie bezahlt wurden, oder von Klosterschulen. Zur Zeit der Reformation wurde die Notwendigkeit erkannt, dass alle Menschen an der Bildung teilhaben sollten. Schließlich müsse jeder Christenmensch in der Lage sein, verantwortungsvolle Entscheidungen nach seinem eigenen Gewissen zu treffen. Nun, dann muss man auch etwas wissen. Außerdem werden auch bestimmte Aufgaben überflüssig, obwohl sie noch bezahlt werden.

Infolgedessen bleiben wichtige neue Aufgaben oft unbezahlt. Aber wer wird sie dann tun? Ein neuer Imperativ, der in der geschichtlichen Entwicklung auftaucht, führt oft zu einer unbesetzten, vakanten, Verantwortung. Hier ist es nur der unbezahlte Freiwillige, der diese Aufgabe übernimmt. Und manchmal dauert es sehr lange, bis diese Aufgabe so anerkannt wird, dass sie institutionalisiert wird. Mit anderen Worten: Der Freiwillige übernimmt eine freie Aufgabe aus Liebe, ohne dass bereits eine geschäftliche Institution damit verwoben ist, die die Finanzen regelt. Es ist der faktische Appell, es ist der neue Imperativ, der hier den Unterschied macht. Etwas oder jemand liegt verletzlich da und erweckt Liebe und Mitgefühl, so dass sich jemand angesprochen fühlt um dem Bedarf gerecht zu werden. So gesehen ist die Bezahlung für die Arbeit nichts weiter als eine bequeme Regelung, die es dem Freiwilligen ermöglicht, das zu tun, wozu er ohnehin motiviert war.

Der Freiwillige

Vielleicht gab es so etwas wie Freiwilligkeit schon immer, seit wir Menschen uns gegenseitig in die Augen schauen. Aber dieses Etwas, das schon immer da war, wurde immer deutlicher und ausgeprägter, immer mehr aus dem Granit unserer hartnäckigen Selbstliebe herausgemeißelt im Laufe der Geschichte. Ich möchte mich auf zwei wichtige Schritte in diesem Prozess konzentrieren. Dies sind der Begriff des Volks und der Begriff der Zivilität. Der Begriff des Volkes gehört zur Geschichte Israels. Zivilität gehört zur Kirchengeschichte.

Als Israel der Stammeskultur und der imperialen Kultur ihre Herrschaft verweigert, kommt der Begriff des Volkes auf. Der Widerstand geht von einer ungeordneten Gruppe von Menschen aus, die sich gegenseitig ansehen und Blicke und Worte des Verständnisses austauschen. Hier entsteht ein zukunftsorientiertes Wir, in dem sich Menschen nicht aus familiärer Loyalität oder aufgrund der Autorität einer Obrigkeit zusammenschließen, sondern unter der Autorität der kommenden Gerechtigkeit. Diese Autorität und die kommende Gerechtigkeit werden durch den Namen JHWH angezeigt. Anders als die üblichen Mächte ist er unsichtbar. Im Richterzeitalter geschieht dies unter der Inspiration charismatischer Führer. David erobert das Königtum mit der Unterstützung des Volkes, das unter den Großgrundbesitzern leidet. Die Psalmen und andere biblische Schriften sind voll von Versen und Gegenstrophen. In der ersten Zeile spricht der Chor, in der zweiten Zeile antwortet die Gemeinde. Hier schauen sich ganz normale Menschen in die Augen, und aus diesem Blick erwächst die Aufforderung, in gegenseitigem Verständnis verantwortungsvoll zu handeln.

Als die junge Kirche Menschen mit jüdischem und nichtjüdischem Hintergrund zusammenbringt, geschieht etwas Ähnliches. Juden und Nichtjuden, reiche und arme, versorgen sich gegenseitig mit Mahlzeiten und übernehmen verantwortungsvolle Aufgaben der Armenpflege und ähnliches. Sie nennen sich gegenseitig Brüder und Schwestern und bilden eine alternative öffentliche Versammlung. Die römische Herrschaft hatte alle öffentlichen Versammlungen der Stadtstaaten in Griechenland und anderswo unwirksam gemacht, aber genau diesen Begriff, ecclesia, öffentliche Versammlung, beansprucht diese neue Gemeinschaft. Es handelt sich um eine Gemeinschaft der gegenseitigen Verantwortung, die von familiären Loyalitäten und von staatlicher Autorität unabhängig ist. Sie ist eine Gemeinschaft von Freiwilligen. Es wäre nicht weit von der Wahrheit entfernt, das Wort agapè im Neuen Testament mit “Freiwilligkeit” zu übersetzen. Schließlich bedeutet das Wort frei im Grunde auch Liebe, was sich in den Namen Freya und Freier widerspiegelt. Es bedeutet, für den anderen bereit zu sein, wer auch immer es sein mag. Aber jetzt bekommt dieses “wer auch immer es ist” eine weitere neue Artikulation. Man muss den anderen höher achten als sich selbst (Philipper 2,3.4). Der Stärkere muss schwächer werden und der Schwächere höher. Der stärkste Ausdruck dieser neuen Artikulation findet sich in der Beziehung zwischen Christus und der Gemeinde. Durch sein Leiden erwirbt Christus die Gemeinde als seine Braut. Das ist die Gemeinde der Nachfolger. So wird auch die Beziehung zwischen Mann und Frau neu formuliert (1. Korinther 11, 1-16)4. Der Mann ist für die Frau wie Christus und muss deshalb seine Kopfbedeckung ablegen. Bislang von höheren Mächten bewacht, ist sein Haupt nun so nackt wie Christus am Kreuz. Im Gegensatz dazu muss die Frau jetzt einen Hut tragen, denn dieser gedemütigte Mann ist die Macht, die sie wiederum beschützt! Sie bürgt für ihn, und er bürgt für sie. Damit erhält sie das Recht zu sprechen. Denn einen Hut, etwas auf dem Kopf, trug immer derjenige, der etwas zu sagen hatte. So war es in der Antike und noch lange danach. Hier hat die christliche Demut ihre Anfänge in einer nie endenden gegenseitigen Interaktion des “Gehen Sie voran!” Die Brüder und Schwestern stehen gegenseitig füreinander ein und legen damit ihren sturen Eigensinn ab. Das ist die Geburtsstunde der Zivilität. Als Konstantin der Große 310 n. Chr. die Macht eroberte, war er ein Kaiser ohne Volk: Das Volk war in der Kirche. Er musste also kommen und höflich fragen, ob sie bitte sein Volk als das Volk eines christlichen Kaisers sein wollten, sonst hatte er nichts zu sagen. Im Kampf zwischen Kaiser und Papst im Mittelalter kriegte diese Zivilität von Brüdern und Schwestern im gegenseitigen Einstehen füreinander neue Chancen in den Städten und Bruderschaften. Mit Unterstützung der Bettelmönche wurden lokale Gemeinschaften gegründet, mit einem Eid, mit eigenen Gesetzen, einem ummauerten Gebiet und eigener Kontrolle und Verteidigung.

Die Aneignung von Zivilität war keine natürliche Veranlagung, sondern eine neue Schöpfung! 1924 berichtete Rosenstock-Huessy in seiner Korrespondenz, dass er eine wichtige neue Entdeckung und eine große Vereinfachung gemacht habe, nämlich das Kreuz der Wirklichkeit als Methode5. Aber eigentlich hatte er diese Methode schon. Schließlich ist Rosenzweigs Stern der Erlösung eine Antwort auf das Kreuz der Wirklichkeit, wie Rosenzweig selbst sagt6. Was ist nun die neue Entdeckung? Worin besteht die Vereinfachung? Das Kreuz der Wirklichkeit ist keine methodische Tatsache, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und über sie verfügt; im Gegenteil, das Kreuz der Wirklichkeit “bildet sich an uns aus”. Die verschiedenen Pole der Wirklichkeit werden für uns sichtbar. Sie sind nicht unsere Schöpfung; vielmehr sind wir es, die sich diesem kreativen Prozess widersetzen. Das Kreuz der Wirklichkeit drängt sich uns gewissermaßen auf. Die vier Pole des Kreuzes der Wirklichkeit entstehen in der entdeckenden Sprache, die auf es verweist. Man erscheint in den Worten, die man ausspricht. Für den Begriff des Dualis, der Zweierbeziehung, die in Demut ihren eigensinnigen Willen ablegen (der Mann zuerst! - anders geht es nicht), heißt das: Dieser Dualis wird mit dem paulinischen Bild von Christus und die Gemeinde ins Leben gerufen.

Der Freiwillige im Unternehmen

Unternehmen, ob groß oder klein, kommen ohne Freiwillige nicht aus. Während dies im normalen Management noch wenig bekannt ist, wird es in der Managementausbildung immer häufiger thematisiert. Die gewöhnliche Verwaltung basiert immer noch auf dem Diskurs der Selbstbestimmung und der Rationalität, dem Diskurs der Französischen Revolution, oder sie nutzt die totale logistische Berechnung von Bedürfnisse, den Diskurs der Russischen Revolution. Wenn das herkömmliche Management ins Stocken gerät, wird aber die Managementausbildung als Lösung herangezogen und geht es um Kommunikation, Professionalität und gegenseitige Verantwortung. So übernimmt das heutige Managementtraining die frühere Rolle und Leistungen der Kirche, und der Coach übernimmt die Rolle des Pastors. Es stellt sich also die Frage, ob man nicht doch mit dem Unternehmen verheiratet ist, und in welchem Umfang? Und wie sieht diese Ehe aus? Setzen sich die Menschen füreinander ein oder nutzen sie sich gegenseitig aus?

In vielerlei Hinsicht ist es eine präzise und sachliche Sprache, die Rosenstock-Huessy in Der Unbezahbare Mensch verwendet. Mathematische Formeln hinzugefügt - nützlich für eine Managementschulung! Für ein amerikanisches Publikum (vielleicht sind wir in dieser Hinsicht inzwischen alle Amerikaner geworden) muss Rosenstock-Huessy an der Außenseite beginnen und hoffen, dass die Menschen zu einem tieferen Verständnis dieser scheinbar oberflächlichen Formeln geführt werden. In seiner Widmung an Hedi, Margrits Schwester, zu Beginn dieses Buches, berichtet Rosenstock-Huessy von der Freude und dem Gesang in ihrem Schweizer Dorf Säckingen, als das Heu eingebracht wurde. Dann bemerkt er, dass die Lehre von der Wirtschaft die Unaussprechlichste von allem ist! Dies mag Eckart Wilkens, der das Werk neu übersetzte, dazu veranlasst haben, am Ende einige Gedichte von Rosenstock-Huessy hinzuzufügen, die sich auf Der Unbezahbare Mensch beziehen7.

Daraus ein Couplet:

Zahlen dürfen schmerzfrei spielen:
wenn sie auf das Wahre zielen,
bleibt es jedem unverweigert,
dass er Zahl zu Wahrheit steigert.

Otto Kroesen

6. Eugen Rosenstock-Huessys „Breslauer Koffer“

Rettung von Breslau über Heidelberg nach Bielefeld

Die Imperative, die Befehle, haben eine nicht unbeträchtliche Bedeutung für die soziale Grammatik, die Eugen Rosenstock-Huessy Mitte der 20er Jahre systematisch in seiner „Angewandten Seelenkunde“ ausgearbeitet hat. Erste Ansätze datieren zurück in die Kriegszeit und sind dokumentiert in den wechselseitig ausgetauschten Briefen mit seiner Frau Margrit und seinem Schicksalsfreund Franz Rosenzweig. 1917 fällt häufiger die Metapher vom „Kreuz der Wirklichkeit“ für die soziale Verfugung menschlichen Handelns in Raum und besonders Zeit. Der wesentliche Indikator für diese Erkenntnis ist die menschliche Sprache, die sich alles andere als gedanklich gesteuert erweist. Sicher ist in diese kategorische Begriffsbildung seine sechseinhalbjährige Erfahrung der Extremsituation als Soldat eingeflossen, erst als einjährig Freiwilliger und dann fast unvermittelt an der Westfront im Ersten Weltkrieg. Im Vorwort zu seinen „Europäischen Revolutionen“ hat er die Sprache der Reformation, die Sprache der Universität und die Sprache Preußens, als seine drei Muttersprachen bezeichnet. Und sicher haben bei dieser Sprachprägung die große Militärreformer eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gehabt. Etwa zur gleichen Zeit hatte Max Weber seine Definition der Macht geschärft, als die Chance für einen Befehl Gehorsam zu finden. Und in gewisser Weise läßt sich der Begriff „Kreuz der Wirklichkeit“ als eine gesellschaftliche Typologie deuten, um soziales Handeln in seinem Ablauf zu deuten und zu verstehen.8 Für Eugen Rosenstock, für Max Weber oder für Ernst Troeltsch war der Dienst als einjährig Freiwilliger der „Normalfall“ eines vaterlandstreuen und auf die eigene Karriere bedachten Nachwuchsakademikers, auch wenn sie über den Dienst als solchen fluchten.9 Für Ernst Troeltsch gingen mit dem Dienst gar alle menschlichen Ideale „jammervoll zu Bruch“.10 In der ganzen Breite der Berechtigten konnten sich weniger als ein Drittel diese „Abkürzung“ überhaupt leisten.11 So kritisch, ja verächtlich Max Weber das preußische Treiben von Wilhelm II. und seiner Entourage beurteilte, so klar äußerte er sich auch über die „Sprache“ Preußens:

Der echte „preußische Geist“ gehört zu den schönsten Blüten des Deutschtums. Jede Zeile, die wir von Scharnhorst, Gneisenau, Boyen, Moltke haben, atmet ihn ebenso wie die Taten und Worte der großen preußischen (zum guten Teil freilich außerhalb Preußens heimischen) Reformbeamten, die man nicht erst zu nennen braucht. Und ebenso Bismarcks von den heutigen bornierten Philistern der „Realpolitik“ übel karikierte eminente Geistigkeit. Aber es scheint zuweilen, als ob dieser alte preußische Geist heute im Beamtentum anderer Bundesstaaten stärker weiterlebte als in Berlin.12

Und Richard Schmidt, in dem der junge Eugen Rosenstock einen Pionier der anhebenden politischen Wissenschaft sah, konstatierte zur gleichen Zeit:

In der Bureaukratie lag von altersher Deutschlands tätigste und wirksamste Kraft, die Tätigkeit unsres Landes, eine Auslese aller Volksklassen zu erlernter, erprobter, geschulter Arbeit für die Gesellschaft zu sammeln. Gerade das Fürstentum und sein Rat war es, das vor allem mit Hilfe der akademischen Bildung, mit Hilfe systematischer, d.h. geistig durchdachter und geordneter Fachbildung, die fähigen Bürger als Richter, als Finanzbeamte, als Geistliche, als Lehrer, als Offiziere zu Angehörigen einer eigenartigen neuen Klasse der „Staatsdiener“ heranzog und in ihr zusammenschmolz. Speziell auch das Heer fügte sich mit seinem Offizierkorps genau in diesen Rahmen ein, denn gerade in der Grundlegung, die es seit Scharnhorst und Boyen vor 100 Jahren erreichte, war es wie Justiz, Verwaltung, Schule auf den Gedanken zugeschnitten, daß es mit Hilfe von Kriegsschule und Kriegsakademie von solchen geleitet werden sollte, die ihre Tätigkeit als Lebensberuf begriffen, und als speziellen Zweig studierten und beherrschten; und seine in aller Geschichte einzig dastehenden Erfolge in den Kriegen von 1864, 1866 und 1870 und so auch die im Laufe des Weltkrieges verdankte es gerade dieser Idee. Dabei war es in erster Linie Preußen, das seine Führerstellung in Deutschland mit Hilfe der Berufsbeamten gewann und dieses Instrument bis zur Reichsgründung verständnisvoll behandelte.13

Eugens, neben Max Hamburger und Franz Rosenzweig, vielleicht engster Freund vor dem Ersten Weltkrieg, Werner Picht, war Enkel eines Generalstabsoffiziers unter dem alten Moltke, der zu seiner Zeit mehr Popularität genoß als Bismarck, wie sein Biograph Franz Herre im Abstand von einhundert Jahren überrascht feststellte. Und es war niemand anderes als Friedrich Meinecke, der mit seiner Habilitationsschrift (1896) den ersten Teil einer Biographie von Hermann von Boyen vorgelegt hatte, dessen zweiter Teil 1899 erschien. Boyen war mit seiner Militärreform der „Erfinder“ der besonderen Lebensphase des einjährig Freiwilligen, die so charakteristisch für die preußischen und dann deutschen Eliten war. Der Dienst war charakteristisch für eine Tendenz, die das 19. Jahrhundert prägte: Wir hatten und haben seit hundert Jahren in Europa die Herrschaft der Gebildeten über die Ungebildeten. Trotz der Privilegien der Fürsten, des Adels, des Offizierskorps spielten die Examina und Prüfungen, die Kenntnisse und der „Bildungsgang“ die immer entscheidendere Rolle. Man denke nur an das Einjährig-Freiwilligen- Vorrecht dessen, der sich durch die Untersekunda eines Gymnasiums durchzuzwingen verstand, oder an die Auslese im Generalstab, in dem und von dem aus der kluge und gebildete Offizier – wie der bürgerliche Ludendorff – das altadlige preußische Heer mehr und mehr beherrschte.14

Deshalb setzte später an diesem Punkt die Kritik am preußischen Obrigkeitsstaates an. In der Weimarer Republik hat der Historiker Eckart Kehr die Ausbildung des Reserveoffizierwesens analytisch beschrieben: Sie „bedeutete die endgültige Kapitulation des deutschen Bürgertums, das auf die politische Revolution verzichtet hatte und aus Furcht vor dem Umsturz der besitzlosen Klasse sich intensiv an die bestehende Machtorganisation des Staates anzuschließen strebte.“15 Genau deshalb hat der Historiker und Rosenstock-Kenner Hans Ulrich Wehler dem scharfen Kritiker nach dem Zweiten Weltkrieg erneut Gehör verschafft. Eine Voraussetzung für den einjährig Freiwilligen war die „Selbstequipierung“, also die eigenen Anschaffung und Finanzierung der Ausrüstung. Preußen kam aus armen Verhältnissen und hielt daher seine Beamten, Wissenschaftler und Soldaten kurz:

„Junge Leute von Bildung, welche sich während ihrer Dienstzeit selbst bekleiden, ausrüsten und verpflegen, und welche die gewonnenen Kenntnisse in dem vorgeschriebenen Umfange dargelegt haben, werden schon nach einer einjährigen aktiven Dienstzeit im stehenden Heere – vom Tage des Diensteintrittes an gerechnet – zur Reserve beurlaubt. Sie können nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und Leistungen zu Offiziersstellen der Reserve und Landwehr vorgeschlagen werden.“16

Die Vorteile dieser Regelung war die gegenüber dem sonst dreijährigen Dienst, der Übergang zur Reserve schon nach einem Jahr. Zwischen dem 17. und 23. Lebensjahr konnten die Rekruten ihren Dienst in der Regel am 1. Oktober antreten und durften ihre bevorzugte Garnison, ihre Waffengattung sowie den Truppenteil frei auswählen. Außerdem waren die Rekruten von bisweilen demütigen Arbeitsdiensten oder stumpfsinnigen Wachdiensten befreit und mußten nur einen kurzen Teil ihrer Zeit in einer Kaserne verbringen.

Dienstkleidung und Mobiliar der einjährig Freiwilligen waren bis ins Detail reglementiert. So durfte etwa der Transportkoffer, „inkl. aller vorstehenden Beschläge, Bodenleisten, Handgriffe etc. nicht über 590 mm lang, 350 mm breit und 280 mm hoch sein. Das Maximalgewicht des gepackten Koffers ist auf 21 kg normiert.“ Im Koffer sind unterzubringen: „Mütze, Waffenrock, Achselstücke, Orden und Ehrenzeichen, zwei Beinkleider, Unterjacke, Drillichrock oder Blouse, zwei Paar Stiefel, 1/2 Dutzend weiße, 1 Paar graue Handschuhe, zwei Halsbinden, vier Hemden, drei Paar Manschetten nebst Knöpfen, zwei Unterbeinkleider, sechs bis acht wollene Socken, Leibbinde, sechs bis acht Taschentücher, Schreibmaterial, zwei Handtücher Spiegel, Rauchutensilien, Lichter, Konserven, Thee, Kaffee, Zucker, Senf u. dgl.“17

Und so staffierte sich auch der Rekrut Eugen Rosenstock aus, bzw. ließ sich von seinem Vater die entsprechenden Beträge überweisen, bis mit dem Beginn des Weltkrieges der erste Sold floß. Zu dieser Ausstattung gehörte das Mobiliar einer Offizierskiste.

Gottfried Hofmann hat in seiner Chronik die Stationen des „akademischen Militärs“ Eugen Rosenstock aufgeführt.18 Die Einberufung des Studenten aus Heidelberg erfolgte zum 1. Oktober 1910 in Kassel zum 1. Kurhessischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 11. Zu diesem Zeitpunkt kannte er bereits den Historiker Franz Rosenzweig, dessen Elternhaus in der gleichen Stadt stand. Ende Juli 1912 hatte er die obligatorischen Reserveübungen als Dienstgrad Vizewachtmeister absolviert und durfte sich bis zum Semesterbeginn in Leipzig auf drei Monate Ferien freuen. Im August 1914 wurde er jäh aus seinen Leipziger Lehrveranstaltungen gerissen und trat in Erfurt seinen Dienst in der 1. Trainabteilung der 2. Fuhrparkkolonne des XI. Armeekorps unter Generalleutnant Otto von Plüskow an. Immerhin erhielt er schon im gleichen Monat sein Reitpferd, das er nach dem Heimatort seiner Frau „Säckingen“ taufte. Nach etwa einem halben Jahr an der Front konstatierte er eine Wandlung seiner Persönlichkeit: „Wir sind nun halbe Berufssoldaten geworden, erst der lange Krieg erzeugt die spezifischen Soldateneigenschaften.“19 Im Februar 1915 erfolgte die Beförderung zum Leutnant der Reserve und im Sommer erhielt er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Für den Transport seines Mobiliars stand ihm standesgemäß ein Bursche zur Verfügung. Sichtlich zufrieden schrieb Eugen seiner Mutter per Postkarte, daß der Vater nun kein Geld mehr schicken brauche. Als Leutnant verbesserten sich seinen finanziellen Verhältnisse kolossal. Noch 1914 hatte er geklagt: „Ich bekomme jetzt 42 M Löhnung monatlich. Als Leutnant hätte ich 500 M Mobilmachungsgeld und 300 M Gage im Monat. Dieser gewaltige Unterschied begründet auch, weshalb man mit den Beförderungen gerade zum Reserveleutnant kolossal knausert.“20

Außerdem habe der Kaiser persönlich gerade sein Korps in Lowig besucht. Leicht distanziert hat er später seine Position auf den Punkt gebracht: „Man war daher Dr. phil. von Heidelberg und kgl. preußischer Reserveoffizier. Aber man hatte nicht die Vorstellung, als der Heidelberger Dr. phil. die volle Mitverantwortung für die Politik dieses preußisch-deutschen Staates zu tragen.“21 Immerhin blieb in der Etappe genug Zeit, um seine ersten wissenschaftlichen Rezensionen auf den Weg zu bringen oder Hans Delbrücks Kriegsgeschichte zu studieren. Anfang 1917 berichtete Eugen daß er „auf flüchtigem Roß“ seinem Burschen und dem Gepäckwagen folge, die schon zwei Stunden durch den Schnee trotteten. Im Sommer 1917 schickte er seinen Koffer nach Kassel und bat seine Frau, diesen mit Büchern zu füllen. Im gleichen Jahr kam es dann zu einer einschneidenden politischen Neuorientierung, die ihren Niederschlag in über 30 politischen Aufsätzen, Manuskripten und Fragmenten fand. Am 21. Dezember 1918 erfolgte seine Demobilisierung in Kassel. Da hatte er bereits vier Angebote einer möglichen zivilen Existenz ausgeschlagen, die er als rückwärtsgewandt charakterisierte: die Übernahme der väterlichen Terobank, eine Dozentur in Leipzig, eine Tätigkeit als leitender Redakteur von Carl Muths katholischen Zeitschrift „Hochland“ sowie die Mitarbeit bei der Ausarbeitung einer neuen Verfassung als Staatssekretär im preußischen Innenministerium unter Rudolf Breitscheid, dessen Bekanntschaft er an der Westfront gemacht hatte. Diese Ablehnung wiegt umso schwerer, als er seit seiner Trauung mit Margrit Huessy im Clinch mit seinen Eltern lag, die die Eheleute zu einer „bürgerlichen“ Existenz drängten. Seinen Eltern hatte Eugen schon 1915 zum Kaisergeburtstag am 27. Januar geschrieben: „Aus dieser Eurer Verwechslung von dem überbürgerlichen Sinn einer Trauung im Kriege und dem bürgerlichen Sinne eines Hausstandes im Frieden ist alles das entstanden, was Margrit und ich beklagen.“

So schnell wurde es nichts mit dem bürgerlichen Hausstand von Eugen und Margrit, die während der Kriegsjahre häufig bei der befreundeten Familie Picht im Schwarzwald wohnte oder im Kasseler Elternhaus von Franz Rosenzweig zu Gast war.

Stets wanderte die Offizierskiste zwischen Front und Heimat hin und her oder nach der Demobilisierung von Kassel nach Leipzig, von Leipzig nach Stuttgart, von Stuttgart nach Frankfurt oder von dort via Darmstadt nach Breslau, wo Familie Rosenstock-Huessy erstmals ein festes Haus beziehen konnte. Dort fanden Eugen und Margrit eine tatkräftige Haushaltshilfe in Anna Henke, deren Wertschätzung man schon daran ablesen kann, daß 1928, nach deren Hochzeit mit einem Oderschiffer, das für Veranstaltungen ausgebaute Erdgeschoss des Hause in der Wardeinstraße 3 zu einer Einliegerwohnung umgebaut wurde. Die außeruniversitären Veranstaltungen wurden in den Keller verlegt. Schon wenig später starb Anna Henkes Mann. Eine Anekdote aus den 30er Jahren zeigt, wie resolut und unerschrocken die Haushälterin auftrat: Bei einer Durchsuchung monierte die SA, warum Bilder ihres verstorbenen Mannes und Eugen Rosenstock-Huessys auf der Kommode stünden, aber kein Hitlerbild. Anna Henke entgegnete: Wenn der Führer in der Oder ertrinke oder nach Amerika auswandere, würde sie auch dessen Foto aufstellen! In den 30er Jahren schmuggelte sie häufig deutlich sichtbar Schmuck ihrer Arbeitgeberin über die Schweizer Grenze und sie war es auch, die viele originale Dokumente und Manuskripte in einem Koffer vor der Zerstreuung rettete. Hinter dem Koffer verbarg sich Eugens preußische Offizierskiste. Die übliche lederverkleidete Holzkiste, die sich arg lädiert erhalten hat, mißt 75 x 45 x 47 cm. In der Nachkriegszeit wanderte der Koffer von Göttingen oder Säckingen nach Heidelberg wo Eugen für seine Besuche in Deutschland eine kleine Wohnung zur Verfügung stand.

Eine entscheidende Wendung ergab sich durch die Freundschaft zwischen dem ausgewanderten Eugen Rosenstock-Huessy und dem Oberstudiendirektor Georg Müller, dem Direktor der Aufbauschule in Bielefeld Bethel. Der Freund Fritz von Bodelschwinghs war einer der ersten, die nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs den Kontakt suchten. Müller hatte schon die erste Auflage der „Europäischen Revolutionen“ gelesen und rezensiert. Im ersten Brief vom 11.11.1948 ermunterte er den „sehr verehrten Professor“, sein Buch von 1931 neu herauszubringen: „Es besteht bei uns ein ausserordentlich starkes Bedürfnis nach politischer Wegweisung, die auf Kenntnis der gesamteuropäischen Geschichte gegründet ist.“ Diese Einladung fand freudigen Widerhall und aus dem Anstoß entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, deren Briefdokumentation für die Rekonstruktion des Lebens von Eugen Rosenstock-Huessy von elementarer Bedeutung ist. Außerdem war damit ein Grundstein zur späteren Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft und zum Archiv der Gesellschaft gelegt worden. Mit Unterstützung seiner Bielefelder Mitarbeiter entfaltete Georg Müller eine unermüdliche Sammeltätigkeit zu Leben und Werk von Eugen Rosenstock-Huessy. Seit den 60er Jahren taucht im Briefwechsel der beiden regelmäßig die Formel „für das Archiv“ auf.

Georg Müller genoß das Vertrauen des Autors der „Europäischen Revolutionen“ und warb vor allem in theologischen Zeitschriften unermüdlich für dessen Gesamtwerk. Andreas Leutzsch schreibt in seinem Archivportrait „Zwischen Welt und Bielefeld“: „Andererseits sah Rosenstock durchaus in Müller zeitweilig ein alter ego und zollte den Bemühungen Müllers um die Verbreitung seines Werkes Achtung, die in der Beauftragung bzw. Genehmigung zur Sammlung seiner Arbeiten gipfeln sollte. Das Verhältnis von Georg Müller zu Eugen Rosenstock bestimmt somit wesentlich den Charakter der Sammlung.“22

Rund um seinen 80. Geburtstag sorgte sich Eugen Rosenstock-Huessy um den Verbleib der im „Breslauer Koffer“ aufbewahrten Dokumente. Da er sich 1969 für mehrere Wochen in Deutschland aufhielt, nutzen Georg Müller und sein Schulkollege Karl Heinz Potthast dies am 20. und 21. März für einen Besuch des Hochbetagten in der Heidelberger Bergstraße 161. Eugen Rosenstock-Huessy und Freya von Moltke wohnten dort im Obergeschoß des Hauses der Familie Curtius. Bei dieser Gelegenheit übergab er ihnen für das „Archiv“ einen großen Bestand von Briefen und Manuskripten aus der Zeit vor 1933.23 So kamen die Dokumente nach Bielefeld, zunächst in die Wohnung von Georg Müller und später in das landeskirchliche Archiv. Aus dem Koffer verteilte Georg Müller die Archivalien thematisch auf acht Gruppen in acht Schalen auf seinem Wohnzimmerschrank. Die Haushälterin sollte die Sortierung der Papiere möglichst nicht durcheinander bringen. Diese spontane Ordnung bildete die Grundstruktur des späteren Archivs in Bethel. Nur vor diesem Hintergrund ist es auch zu erklären, daß sich der zentrale Bestand aller Dokumente Eugen Rosenstocks in Kopie oder Original zwar in der Raumer Library des Dartmouth College in Vermont befindet, aber dennoch viele Unikate im Original ausschließlich in Bielefeld überliefert sind, so auch der Breslauer Koffer. Weitere Exponate sind eine von Sabine Bonhoeffer-Leibholz, der Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer, gestaltete Büste, verschiedene Portraits, aber auch amtliche Unterlagen zur Auswanderung oder Familienpapiere. Kurz vor seinem Tod und im Todesjahr von Eugen Rosenstock-Huessy hielt Georg Müller in den Mitteilungen der von ihm gegründeten Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft fest:

Bücher und Schriften, die mich seit Mitte der zwanziger Jahre auf dem Wege zu Rosenstock-Huessy begleiteten, sind inhaltlich so vielfach verflochten mit den Dokumenten, die mir später Rosenstock mit der Bitte um Aufnahme in das Archiv übergab, daß eine zeitliche oder sachliche Trennung zwischen beiden Gruppen nicht gut möglich ist. Ich halte es daher für richtig, meine geistige Hinterlassenschaft, soweit sie rein literarisches oder fachwissenschaftliches Interesse übersteigt, als „Stiftung“ dem Archiv einzufügen. Bethel, am 29. April 1978, Georg Müller.24

Sven Bergmann

7. Eugen Rosenstock als Gast im Hegel-Club

Der akademische Nachwuchs im Meinecke-Rausch

Als Hannah Arendt ihrem Doktorvater und Liebhaber Martin Heidegger zum 80. Geburtstag gratulierte und sein 50. Jubiläum als Lehrer hervorhob, war sie sich ganz sicher: Allein der Name Heideggers sei unter dem studentischen Nachwuchs weitergeflüstert worden, er allein habe eine gänzlich neue Philosophie angestoßen: „Denn Heideggers Ruhm ist älter als die Veröffentlichung von Sein und Zeit im Jahre 1927, ja es ist fraglich, ob der ungewöhnliche Erfolg dieses Buches – nicht das Aufsehen, das es sofort erregte, sondern vor allem die außerordentlich nachhaltige Wirkung, mit der sich sehr wenige Veröffentlichungen des Jahrhunderts messen können – möglich gewesen wäre ohne den, wie man sagt, Lehrerfolg, der ihm vorausgegangen war und den er, jedenfalls in der Meinung derer, die damals studierten, nur bestätigte.“25 Zwar begrenzte Hannah Arendt ihre Aussage auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, aber an ihrer Wertschätzung für den „heimlichen König“ des Denkens hielt sie fest. Anders als Stefan George habe Heidegger kein Geheimnis um seine Philosophie gemacht. Erst er habe ein weitverbreitetes „Unbehagen an dem akademischen Lehr- und Lernbetrieb“ zur Sprache gebracht. Erst er sei wieder ein Lehrer gewesen, bei dem man das Denken habe lernen können, und der die Philosophie wieder zu einem Anliegen denkender Menschen gemacht habe, „und zwar nicht erst seit gestern und heute, sondern seit eh und je, und der, gerade weil ihm der Faden der Tradition gerissen ist, die Vergangenheit neu entdeckt.“ Daß dieses Unbehagen bereits vor dem ersten Weltkrieg eingesetzt hatte, überging Hannah Arendt geflissentlich: den „Dialog“ von Franz Rosenzweig und Eugen Rosenstock im Umfeld ihrer Freunde und Kritiker, der 1919 in Würzburg seine Fortsetzung mit der Initiative zu „Patmos“ hatte und dann zum Kreis um die Zeitschrift „Kreatur“ hat sie nie wirklich rezipiert.

Dabei machte Eugen Rosenstock schon in der 20er Jahren eine deutliche Aussage. In seiner Rezension der gerade erschienenen Hegel Ausgabe „Der Staat“ durch den Journalisten Alfred Merbach räumt er gerade seinem Freund Franz Rosenzweig eine besondere Bedeutung für die „Hegel Renaissance“ ein:

Am Anfang seines Wirkens (1802) steht der Aufschrei: „Deutschland ist kein Staat mehr“. Am Ende steht die geistige Ausrüstung Preußens für seine neue Hegemonie und damit für die preußische Spitze in Bismarcks Kaiserreich. Wie Hegel das zuwege gebracht hat, lese man in dem Bande nach, der übrigens ohne Franz Rosenzweigs Standardwerk „Hegel und der Staat“ nicht möglich gewesen wäre. Rosenzweigs zwei imponierende Bände sind eben nicht zufällig die einzige voll ausgereifte Frucht jenes Neuhegelianismus von 1910 bis 1914, von dem wir eingangs sprachen.26

Mehr als erstaunlich führte ausgerechnet die nur wenige Jahre später erschienene Monographie zur „Hegel-Renaissance“ Franz Rosenzweig nicht einmal mehr im Register auf:

Die beherrschende Stimmung wendete sich, wie hier nur mit Schlagworten angedeutet werden kann, von einer geistigen Welt, von den echten Totalitationsproblemen ab, sie war durchschnittlich naturalistisch, positivistisch, historistisch, relativistisch und erreichte ihr die breiten Massen, auch der Gebildeten, ergreifendes Extrem in einem groben Materialismus und Hylozoismus.27

Nun ist die Hegel-Renaissance und auch der Beitrag von Franz Rosenzweig in der Forschung alles andere als übersehen worden, etwa von Wolfgang Ullmann. Vor allem der Kasseler Soziologe Wolfdietrich Schmied-Kowarzik hat sich im Anschluß an die große Franz Rosenzweig Tagung in Kassel diesem Umfeld gewidmet. Seine Ausführungen sollten hier ergänzt werden.

Bisher wurden vor allem die Erinnerungen von Viktor von Weizsäcker, die Briefe Franz Rosenzweigs und Hans Ehrenbergs sowie der dokumentierte Briefwechsel Siegfried A. Kaehlers beachtet. Einige Hinweise aus dem Umfeld Max Webers fehlten in dieser Einordnung. Und das, obwohl Hans Ehrenberg als einer von nur wenigen Briefpartnern Max Webers in der frühen Sammlung seiner Briefe durch seine Gattin Marianne vertreten war: Gesammelte Politische Schriften, München: Drei Masken Verlag 1921. Im gleichen Verlag erschienen dann auch Hans Ehrenbergs kritische Dialoge „Drei Bücher vom deutschen Idealismus“ zu Fichte, Schelling und zuletzt Hegel. Außerdem war Hans Ehrenberg Leiter und Hauptherausgeber der Reihe „Frommanns philosophische Taschenbücher“, deren erste Folge Franz Rosenzweig rezensierte.

Diese Einschätzung läßt sich vor allem damit rechtfertigen, daß Max Weber, im Schatten der offiziellen Heidelberger Universitätspolitik, seismographisch die politischen und sozialen Strömungen seiner Zeit registrierte. Ihn interessierten keine Denkverbote oder Rassenvorurteile, ihn interessierten kluge und wegweisende Denkanstöße, egal, ob seine Gesprächspartner in oder außerhalb der offiziellen Lehre standen, egal aus welchen Land sie kamen, egal, ob sie George, Spengler, Lukács oder Bloch hießen. Er suchte konträre Standpunkte über vermeintliche Gräben des Zeitgeistes hinweg ins Gespräch zu bringen: „Mir schiene es daher doch der Mühe werth, ihn hier mit einigen Herren bekannt zu machen (namentlich den Neo-Metaphysikern Hegel‘scher und verwandter eschatologischer Richtung).“28 Und seinen marxistischen Gesprächspartner Georg von Lukács ermunterte er:

Nachdem ich ihm einiges Wenige, in meiner Beleuchtung gesagt hatte, war er darauf capriziert, Sie zu sehen – zufällig nannte ich Ihren Namen als einen der Typen deutschen „Eschatologismus“ u. als Gegenpol Stefan George‘s. Ich halte es für möglich, daß es Ihnen nicht zu lästig fällt, ihm eine Stunde Unterhaltung zu schenken.29

Deshalb hatte er ein waches Auge auf die „Hegel-Renaissance“, in die seine philosophischen Gesprächspartner Wilhelm Windelband oder Heinrich Rickert als philosophische Fachvertreter zuvorderst als Exponenten der südwestdeutschen Schule des Neukantianismus verwickelt waren.

Deshalb sei hiermit ein Versuch unternommen, die verschiedenen Kreise und Initiativen, an denen Eugen Rosenstock beteiligt war, voneinander abzuheben: 1. Die soziologischen Diskussionsabende, die auch unter dem Begriff „Max Weber Abende“ firmierten, 2. Die Baden-Badener Gesprächskreise und 3. Die Hegel-Renaissance, die ihren Niederschlag auch in der Zeitschrift „Logos“ fand oder im WS 1908 ein Gesprächsthema auf dem 3. internationalen Kongreß für Philosophie in Heidelberg war, bei dem Eugen Rosenstock erstmals die Stimmen von Max Weber und Wilhelm Windelband hörte.

Die „Soziologischen Diskussionsabende“ in Heidelberg

Der jugendliche Eugen Rosenstock war stets „neuer Dinge begierig“ und daher oft dabei, wenn sich Deutschlands Nachwuchsakademiker zu Gesprächen, Treffen oder Kreisen zusammenfanden. Eine klare Ausrichtung hatte der Patmos-Kreis, der sich 1919 erstmals bei einer Veranstaltung in Würzburg der Öffentlichkeit präsentierte. Weniger konturiert sind die „Baden-Badener“ Treffen oder der „Max Weber-Kreis“, die gelegentlich miteinander verwechselt worden sind. Der „Max Weber Kreis“ ist identisch mit den Heidelberger „Soziologischen Diskussionsabenden“, die zwar im Bann des „Soziologen Max Weber“ standen, aber nicht von ihm veranstaltet oder besucht wurden. Deshalb ist auch kein Vortrag oder Referat von ihm an einem dieser Abende bekannt oder überliefert. Diese Veranstaltungen wurden von den Studenten selbst organisiert und dabei lebhaft von den Professoren der volkswirtschaftlichen Fakultät Eberhard Gothein und Alfred Weber unterstützt. Man wird sich diese Treffen als Doktorandenkolloquien der noch gänzlich unbürokratisierten deutschen Universität vorstellen können. Fast kein Semester der Diskussionsabende endete ohne eine künstlerische oder dramaturgische Aufführung der Studenten. Darüber hinaus hatten nicht wenige der Teilnehmer große Sympathien für Stefan George und seinen Kreis, der seit 1910 regelmäßig in Heidelberg logierte. Wir könne von der letzten Studentengeneration vor der bereits in der Weimarer Republik einsetzenden „Massenuniversität“ sprechen. Elementare Voraussetzung dieser „akademischen Freiheit“ war die finanzielle Unterstützung durch die vermögenden bürgerlichen Familien der Studenten.

Der „Freiburger Kreis“

Demgegenüber ging der Impuls zu den Baden-Badener Gesprächen von Studenten der benachbarten Freiburger Universität aus. Es waren vor allem fortgeschrittenere Semester, die bei dem Philosophen Heinrich Rickert oder den Historikern Friedrich Meinecke und Georg von Below studierten, die als „Freiburger Kreis“ Grundfragen ihrer Fächer zur Sprache bringen wollten (nicht zu verwechseln mit dem Freiburger „Widerstandskreis“-Kreis der vierziger Jahre). Mit seinem in Straßburg geschriebenen und 1909 erschienenen Buch „Weltbürgertum und Nationalstaat“ hatte Meinecke einen Nerv der Zeit getroffen und zog viele Studenten an seine neue Wirkungsstätte. Viele Söhne etablierter Professoren kamen in diesem Kreis zusammen:

Seit dem Sommersemester 1907 sammelte sich um mich nun auch ein engerer Schülerkreis, wie ich ihn so noch nicht gehabt hatte. Denn es blieb nicht, wie bisher, bei der Einzelbeziehung des Schülers zum Lehrer, sondern die Schüler unter sich bildeten zugleich eine freie Gemeinschaft, in der man mindestens ebensoviel voneinander, wie von mir lernte. Drei anspruchsvolle, aber zugleich, wie sich bald herausstellen sollte, sehr liebenswerte Professorensöhne traten da mit einem Male gleichzeitig in mein Seminar ein und haben die folgenden Jahre durch den Kern jener Gemeinschaft gebildet, - der schon einmal erwähnte Siegfried Kaehler, Sohn des Hallenser Theologen, Willy Mayer, Sohn des Leipziger, früher Straßburger Verwaltungsrechtlers Otto Mayer, und - die sonnigste Erscheinung unter den Dreien – Walter Sohm, der Sohn des berühmten Leipziger Juristen Rudolf Sohm. Seine Freunde waren kühn genug, die Wirkung dieses strahlenden und hochbegabten jungen Menschen mit der des jungen Goethe au seine Umgebung zu vergleichen.30

„Ausgangspunkt für Baden-Baden (Vorbild) waren die sommerlichen Treffen der Professoren: Einmal an einem Sonntag im Juni jedes Jahres kamen die Professoren und Dozenten vom Oberrhein, aus Heidelberg, Straßburg, Freiburg, Basel, auch Karlsruhe, - auch Tübingen und selbst schon Frankfurt waren zuweilen vertreten – in Baden-Baden zusammen, um im vornehmsten Hotel, Stephanie, zu tafeln. Tags vorher, am Samstag, trafen sich schon die einzelnen Freundespaare. So habe ich damals mit Marcks im Hotel Grethel auf der Höhe schöne Stunden verlebt. Und die Lichtentaler Allee auf und ab wandelten dann die Paare, so daß man schon an ihren Gruppierungen beobachten konnte, was sich einander suchte und was einander mied.“31

Die badischen Universitäten galten im Kaiserreich ausdrücklich als Sommeruniversitäten, die mit Landschaft, Wanderungen, Skifahren und Wein, Weib und Gesang anlockten. Diesen Treffen wollten die aufstrebenden Doktoranden aus den Seminaren von Friedrich Meinecke, Heinrich Rickert oder Georg von Below nacheifern. Eugen Rosenstocks Akademikergeneration war vielleicht die letzte, die mit einem ungebrochenen Führungsanspruch ihr Studium begann. Wie selbstverständlich waren sie im Glanz der deutschen Weltmachtgeltung aufgewachsen und beabsichtigten nun, als die zu einem Studium auserwählten Jahrgangsbesten in die Schaltstellen des Staates einzurücken. Schon die Studenten waren sich ihres Ranges zu tiefst bewußt wie sich an den zeitgenössischen Photographien ablesen läßt. Bei dem ersten Treffen kam es zu einer bunten Mischung philosophischer und historischer Provenienz. Gerade zu der damaligen Zeit wurden bisher unhinterfragte Prämissen des etablierten Historismus problematisch und in der Herausforderung des Marxismus wurden die philosophischen Systeme von Kant und Hegel problematisiert. Der Freiburger Nationalökonom Gerhard von Schulze-Gaevernitz widmete seine öffentliche Rede bei der Übergabe des Prorektorats dem Thema „Marx oder Kant?“. Als eine wichtige Stellungnahme wurde 1911 Johann Plenges Schrift „Marx und Hegel“ registriert. Zum Kristallisationspunkt vieler der damaligen Diskussionen wurde die Zeitschrift Logos, die als „Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur“ ab 1910 erschien und vor allem von Freiburger Schülern Heinrich Rickerts wie Georg Mehlis oder Richard Kroner getragen wurde. Auf der Titelseite wurden als Mitwirkende erwähnt: Rudolf Eucken, Otto Gierke, Edmund Husserl, Friedrich Meinecke, Heinrich Rickert, Georg Simmel, Ernst Troeltsch, Max Weber, Wilhelm Windelband und Heinrich Wölfflin. Die Zeitschrift erschien zugleich in russischer Sprache und wurde sehr von Studenten beachtet, denen mehr als ein reines Brotstudium vorschwebte. Den Kontrapunkt setzte die traditionelle „Historische Zeitschrift“, die seit 1896 vom Herausgeber Friedrich Meinecke geprägt wurde. Zwar gab Meinecke seiner Zeitschrift einen geisteswissenschaftlichen Spin, blieb aber der faktenbasierten und detailfixierten Linie der historischen Tradition treu. Gegen diesen Historismus bezogen dann vor allem die Vettern Franz Rosenzweig und Hans Ehrenberg Position:

Auf Betreiben von Ehrenberg – von Rosenzweig unterstützt – kommt es zu einem Zusammenschluß junger Doktoranden der Philosophie und der Geschichtswissenschaft aus Heidelberg, Freiburg und Straßburg, die ein erstes Treffen für Januar 1910 in Baden-Baden vereinbaren. Dieser Gruppe gehören die Philosophen Hans Ehrenberg, Richard Kroner und die Historiker Franz Rosenzweig, Siegfried A. Kaehler, Eduard Wilhelm Mayer, Erich Marcks, Walter Sohm, Kurt Breysig, der Rechtshistoriker Eugen Rosenstock, der Romanist Ernst Robert Curtius, der Pädagoge und Schriftsteller Werner Picht sowie die Mediziner Rudolf Ehrenberg und Victor von Weizsäcker an. Beim ersten Treffen am 9. Januar 1910 in Baden-Baden referieren Richard Kroner über Henri Bergson, Hans Ehrenberg über die „Entwicklung des christlichen Standpunkts der christlichen Dogmengeschichte der Gegenwart“ und Franz Rosenzweig über die „Hegel-Renaissance. Geschichtskonstruktionen der Gegenwart“. Anschließend kommt es zu einem Eklat.32

Der Eklat führte zu einer Spaltung der Meinecke-Schülerschaft in die eher konservativer eingestellten Historiker, die bis in die 60er Jahre die deutschen Lehrstühle dominieren sollten und den eher philosophisch oder lebensweltlich ausgerichteten Doktoranden, die ihre Handlungsschwerpunkt später eher außerhalb der akademischen Welt suchten: „Überhaupt läßt sich das Baden-Badener Programm als Manifest im Interesse einer neuen Sachlichkeit im Bereich der Philosophie verstehen. Aber eben dieser Ton einer neuen Sachlichkeit wohl war es, der nach einem programmatisch gemeinten Vortrag von Rosenzweig über das 18., 19. und 20. Jahrhundert die Opposition der anderen Meineckeschüler auf den Plan rief, an der das Baden-Badener-Programm schließlich scheitern sollte. So jedenfalls berichtet Viktor von Weizsäcker in seiner Autobiographie (Natur und Geist, Göttingen 1955, 26)“33

Zum Teil trugen die Kombattanten tiefe seelische Verletzungen mit sich: „Rosenzweig ist ganz ausgeschieden aus dem Kreis, ein Semester lang dahin lebend, den ehemaligen Bekannten auf Schritt und Tritt begegnend und ausweichend, ein peinliches Erlebnis für alle Teile.“34 Von daher ist die Einschätzung des Wissenschaftshistorikers Rüdiger von Bruch, der die Schülerbildung Friedrich Meineckes erst ab 1918 datieren wollte, wenig plausibel:

Erst nach 1918 strahlte er wirklich aus, war er der bedeutendste Lehrer unter deutschen Historikern in der Weimarer Republik, wie sein früherer Schüler Gerhard Masur 1954 vermerkte. Erst jetzt sammelte sich ein junger intellektueller Sauerteig um ihn, Schüler mit unterschiedlichen politischen Optionen, von sozialistischer bis zu nationalkonservativer Einstellung, und der Lust an methodischen Experimenten, nicht selten auch aus jüdischem Großbürgertum, die den Lehrer verehrten, der keine eigene Schule bilden wollte.35

Das Treffen erregte schon vorab gehörige Aufmerksamkeit in den akademischen Kreisen Badens und Gerüchte machten die Runde. Vor allem wurde gerügt, daß die Doktoranden ihre Konferenz ohne Abstimmung mit den Ordinarien angekündigt hatten. Die ausführlichste Schilderung dieser Atmosphäre verdanken wir Paul Honigsheim, einem Doktoranden Max Webers:

Am meisten aber sind damals, wenigstens für eine Zeitlang, die Webers und ihr Kreis durch zwei Begebenheiten, die sich innerhalb der Sphäre der Philosophie abspielten, berührt worden. Etliche jüngere dortige Akademiker hatten nämlich mit Freunden aus Freiburg und Straßburg monatliche Treffen in Baden-Baden mit kulturwissenschaftlichen Vorträgen und Diskussionen vereinbart. Einige unter den stärker hervortretenden Persönlichkeiten waren in ihrer ausgesprochen antiliberalen Haltung stark auf „neue Bindungen“ aus und in der Tat recht hegelianisch eingestellt. Allerdings von Heidelberg abwesend war in jenen Tagen der damals prononcierteste Hegelianer Julius Ebbinghaus. Er war der Sohn eines stark empirisch eingestellten Philosophen und Psychologen und wurde deshalb von Driesch unter Verwendung hegelianischer Terminologie „Die Idee des Vaters in ihrem Anderssein“ genannt, hat sich aber später einem strengen Kantianismus zugewandt. Wohl aber lebten zwei, zum mindesten damals recht hegelianisch eingestellte Leute in jenen Tagen in der Neckarstadt. Es waren Hans Ehrenberg und sein Vetter Franz Rosenzweig. Beide waren jüdischer Abstammung, fühlten sich aber ganz außerhalb der israelitischen Kultur stehend. Ehrenberg hat das später bekundet, indem er sich bald danach auch positiv-protestantischer Religiosität zuwandte, und Rosenzweig, indem er sein Buch „Hegel und der Staat“ schrieb, das viel diskutiert wurde. Friedrich Meinecke, mit dem wir schon als Verfasser des Buches „Weltbürgertum und Nationalstaat“ bekannt wurden, und der damals einer der aufgeschlossensten unter den deutschen Historikern war, wurde derart von dem Werk eingenommen, daß er dem Verfasser die Habilitation als Privatdozent an der Universität Freiburg anbot, die jener aber ablehnte. […] Wegen der geschilderten damaligen hegelianisierenden Einstellung etlicher Mitglieder wurde nun aber die ganze Baden-Badener Veranstaltung von einigen Mißgünstigen unrichtigerweise als Hegel-Klub bezeichnet. Nun gab es zudem selbst im damaligen Heidelberg etliche recht professoral gesinnte Leute. Sie waren entrüstet und heischten, man hätte doch „die ganze philosophische Fakultät zur Eröffnungssitzung einladen müssen“. Nicht so Max Weber. Trotzdem oder gerade weil er Hegel und Hegel-Klubs nicht liebte, fühlte er sich verpflichtet, sich für das Recht anderer einzusetzen, sich zu Hegel zu bekennen und ihn zu propagieren. Diese echt Webersche Haltung ist mir aus seinen persönlichen mündlichen Bemerkungen noch deutlich in Erinnerung. Alle derartigen Auseinandersetzungen traten nun aber für eine allerdings nur relativ kurze Zeit zurück gegenüber dem Aufsehen, das zwei „Gestalten vom Gegenpol“ erregten, wie sie Marianne in ihrer Biographie ihres Gatten genannt hat. Es waren Georg von Lukács und sein damaliger Freund Ernst Bloch. Ersterer war schon zu jener Zeit prononciert gegen Bürgerlichkeit, Liberalismus, Verfassungsstaat, Parlamentarismus, revisionistischen Sozialismus, Aufgeklärtheit, Relativismus und Individualismus eingestellt.36

Diesen wesentlich breiteren Kontext sollte man daher im Hinterkopf behalten, um die Reichweite der Gedanken einzuschätzen, mit denen sich Eugen Rosenstock während seines Studiums in Heidelberg auseinandersetzte. Und man sollte seiner Einschätzung noch genauer nachgehen, die er in einem Brief am 17.6.1947 an seinen Freund Ernst Michel aus der katholischen Sozialbewegung festhielt: „Ich habe Deine Darstellung der Geschichte des Du oder der Du-Entdeckung im „Partner Gottes“ gelesen. Da Du sie so schriebst, so muß sie wohl für Dich wahr sein. Ich sehe es natürlich anders an. Sowohl Franz Rosenzweig wie Hans Ehrenberg wären ohne meinen Vorgang niemals sprachbewußt oder Du-kundig geworden. Im Briefband von Rosenzweig kannst Du das ja ganz bündig lesen, und das war ja die Bekehrung von Franz durch mich, und die Übersendung meiner „Sprachlehre“ ist im „Neuen Denken“ von ihm ausdrücklich festgestellt. In dieser „Sprachlehre“ aber steht die ganze Grammatik ausführlich drin. Wenn man aber Deine Seite liest, so trotte ich als Outsider neben den anderen einher, obwohl ich die zentrale Einsicht seit 1912 jedem, der es hören will, predigte, und Rosenzweig war eben der erste, der wollte. Hans Ehrenberg war ganz ahnungslos und lernte es von uns beiden. Sein Plan in Baden-Baden scheiterte genau an dieser Unkenntnis, daß die Sprache nichts Natürliches ist.“37

Die Baden-Badener Konferenz war eine Art Nukleus für viele der späteren Initiativen der Teilnehmer, vielleicht auch ein erstes Aufscheinen des späteren „Stern der Erlösung“, so wie Rosenzweigs „Hegel und der Staat“ das Hegelkapitel aus Meineckes „Weltbürgertum“ ausdeutete. Franz Rosenzweig sowie Hans und Rudolf Ehrenberg waren Vettern und als gleichaltrige Studenten ohnehin im Gespräch. Franz Rosenzweig und Viktor von Weizsäcker kannten sich seit 1906 aus dem Medizinstudium in Freiburg. 1909 hatte Weizsäcker Eugen Rosenstock beim Säbelfechten sekundiert, dessen Freunden begegnete er 1910 zum ersten Mal. Viele ihrer Baden-Badener Opponenten wurden angesehene Historiker, die nach dem zweiten Weltkrieg die Lehrstühle der Bundesrepublik dominierten. Aus dem geistigen Ringen von 1910 wurde nach 1930 blutiger Ernst. Von daher bietet sich eine „symblysmatische“ Betrachtung (die Wissenschaft argumentiert „prosopographisch“) dieser Kreise an, in vergleichender Betrachtung anderer dominanter Gesprächszirkel: der Marxisten und der George-Jünger. Auch Georg Lukács und Ernst Bloch trafen, wenn auch in Budapest, 1910 erstmals aufeinander und schon bald stürmten sie zu Max Weber nach Heidelberg. Vom Rickert-Schüler und engen Freund der Webers, Emil Lask, verbreitete sich schon bald der Witz von den vier Evangelisten, Matthäus, Markus, Lukács und Bloch durch das Weltdorf am Neckar. Ein solch breiter Ansatz könnte auch einer Tendenz entgegenwirken, die Eugen Rosenstock-Huessy der Meinecke-Schule nach der deutschen Katastrophe gemacht hat: die „Flucht in die Biographie“: „Diese Kondensierung der Geschichte in die Biographie ist also der dem Publikum (den Griechen) schon mit Jason, Achill, Odysseus vorgespielte Individualitätstraum. Heut seit 1890 ist die ganze Meinecke-Schule aus der Historie in die Biographie ausgerissen. Der eine Lamprecht blieb der Geschichte treu, Oncken, Brandenburg, Meinecke, Marcks, Ritter – alle flohen in die Biographie! Wie überzeugend ließe sich doch dieser „Fall“ ins reine Griechentum, in das Sonnenjünglingsdasein des Hyperion, in einer Zeitschrift zur Sprache bringen!“38

1910 jedenfalls war ein historischer Knackpunkt von symbolischer Bedeutung für die Ideenkreise der unmittelbaren Vorkriegszeit, die gleichzeitig eine Zeit unvergleichlichen Wohlstands und technischen Fortschritts war. Und so eklatant das Scheitern des Treffens ausfiel, umso bedeutungsvoller waren die Neuformierungen die sich später daraus ergeben sollten, ob bewußt erstrebt oder unbewußt vollzogen. Vor diesem Hintergrund bewiesen die gescheiterten Initiatoren Hans Ehrenberg und Franz Rosenzweig wohl ein feineres Sensorium für die Zukunft als die „Traditionalisten“:

„Zusammen mit Franz Rosenzweig und dessen Vetter Hans Ehrenberg gehörte Weizsäcker einer kurzlebigen Gesellschaft an, die „die zeitgenössische Kultur zum Gegenstand historischer Betrachtung zu machen suchte“. Die erste Sitzung dieser Gesellschaft, die nach den Herausgebern der Briefe Rosenzweigs (1935) „Badener Gesellschaft“, laut Weizsäcker „Baden-Badener Gesellschaft“ hieß, fand am 9.1.1910 in Baden-Baden statt. Diese Sitzung endete laut Weizsäcker nach einem allzu hegelianisch- spekulativen Referat Rosenzweigs mit dem „Austritt“ einer Gruppe von Meinecke-Schülern. Dabei wurde nach Weizsäcker auch ein antisemitischer Unterton gegen Ehrenberg und Rosenzweig deutlich. Er habe sich zur Partei der Gründer gehalten und habe sich „nichtsahnend in der Gruppe der angeblichen Philosemiten wiedergefunden“. Sicher ist, dass die Gesellschaft nicht lange existierte, aller Wahrscheinlichkeit nach fand keine weitere Sitzung mehr statt.“39

Baden-Baden war nur eine erste von weiteren Etappen:

So aber, wie Rosenzweigs Scheitern an der Aufgabe einer religiösen Erneuerung seines Volkes aussah, so sahen auch die christlichen und weiterhin die geistigen Versuche gleicher Art aus. Da waren zunächst seine zwei Vettern Hans und Rudolf Ehrenberg, sein Freund Rosenstock, die gleichaltrigen; Werner Picht, der Volksbildungsmann, Leo Weismantel, der Dichter, Carlo Philips, der Übersetzer, und etwas entfernter noch ich selbst. Es lag nahe genug, daß die so Bestrebten auch Fühlung mit den aus der Kirche hervorgehenden Bewegungen bekamen, und das waren vor allem Karl Barth und seine Freunde Thurneysen, Gogarten und Merz. Ein neuer Kreis entstand so, der sich in Erinnerung an die Insel, auf der dem Johannes die Apokalypse offenbart wurde, als Patmos-Kreis bezeichnete und auch mit einer Schriftensammlung hervortrat; an diesem Kreis habe ich mich nicht beteiligt. Rosenzweig bezeichnete mich als den einzigen seiner Freunde, der die Wissenschaft noch ernst nehme, was sowohl Achtung wie wohl ein kleiner Hochmut von seiner Seite war. Aber er selbst gehörte auch nicht zum Patmos-Kreis; der war ihm wohl zu sehr aus Juden, Christen, Philosophen und unruhigen Geistern zusammengesetzt. Inselartig waren in der Tat diese Kreise, flüchtig aufleuchtend wie Inseln der Sage, aber doch radikal und hart genug gegen die Versuchungen der Zeitpolitik, wie Korallenriffe, die auch, wenn sie bald überflutet werden, die Struktur der geistigen Landschaft stark bestimmt haben, und die auch jetzt noch zum Untergrunde unserer Geschichte gehören.40

Man wird den Protagonisten der angesprochenen Richtungen kaum den Vorwurf machen können, ihre Zeit nicht entschieden herausgefordert zu haben. In einem Brief an Eugen Rosenstock-Huessy stellte Jacob Taubes am 8.6.1953 fest, daß Heidegger der Sprachphilosophie Eugen Rosenstocks und Franz Rosenzweigs „immer“ um fünfzehn Jahre nachhinke. Hannah Arendt, deren Aufsatz über Heidegger 1969 erschien, hielt annähernd das gleiche Tempo.

Sven Bergmann

8. Umzug des Archivs

Nach dem das Landeskirchliche Archiv in Bielefeld uns mit großem Bedauern aus Platzmangel gekündigt hat sind wir froh Ihnen mitteilen zu können, dass unser Archiv 2023 in das Deutsche Literaturarchiv Marbach aufgenommen wird. Es ist dann nicht mehr Depositum, sondern Teil des DLA. Darin liegen gute Chancen für eine stärkere Wahrnehmung Eugen Rosenstock-Huessys. Er sagte einmal: ‚In 50 Jahren werde ich gehört!‘

In Marbach wollen wir dann nach dem vollzogenen Umzug, die nächste Jahrestagung durchführen Anfang Oktober 2023.

Thomas Dreesen

9. Das menschliche Unternehmen: die große Geschichte des Glaubens und der Wirtschaft

Hintergrund und Inhalt

Am 12. November hatte ich die Gelegenheit ein Buch öffentlich vorzustellen, an dem ich - so kann ich rückblickend sagen - seit fünfunddreißig Jahren gearbeitet habe. Es ist etwa fünfunddreißig Jahre her, dass ich mit der Lektüre der Werke von Rosenstock-Huessy anfing. Ich war nicht nur von seiner Sprachphilosophie beeindruckt, sondern noch mehr von seiner Gesellschaftsgeschichte. Ich hatte Bubers Buch Das Königtum Gottes während meines Theologiestudiums gelesen. Darin stellt Buber den Glauben der Propheten in den Mittelpunkt der historischen Entscheidungen, die König und Volk von Israel zu treffen hatten. So wurde sie lebensnah. Ich fand das großartig. Diese Verbindung zwischen religiöser Inspiration und sozialem Handeln hat mich seither immer beschäftigt. Die Soziologie von Rosenstock-Huessy und seine Bücher über die europäischen Revolutionen waren gleichsam eine Fortsetzung und Vertiefung dessen, was ich bei Buber gefunden hatte. Die Geschichte von Gott und Mensch in der Bibel geht weiter!

Das Buch ist jedoch nicht nur eine Darstellung oder Zusammenfassung der historischen Arbeit von Rosenstock-Huessy. In gewisser Weise handelt es sich auch um eine Aktualisierung. Das ist auch der Grund, warum das Buch so dick ist. Die Arbeit von Rosenstock-Huessy hat mich dazu veranlasst, mich auch mit zahlreichen anderen Quellen zu befassen. Es hat diese fünfunddreißig Jahre gekostet, dies zu tun. Eigentlich habe ich erst vor sieben Jahren beschlossen, selbst ein Buch daraus zu machen. Es ist jetzt auf Niederländisch verfügbar. Vielleicht gibt es eines Tages auch eine deutsche Ausgabe. Das wäre schön. Aber zumindest kann ich in diesem Rundbrief angeben, warum und worum es geht.

Unterschiedliche Rollenverteilung zwischen Kirche und Gesellschaft

Früher gab es eine andere Rollenverteilung zwischen Kirche und Gesellschaft als heute. Die Kirche war eine Gemeinschaft des gegenseitigen Vertrauens, und in der Welt waren die Dinge oft schwierig. Die Mission bestand darin, die hohe Moral und Nächstenliebe der Kirche in die Welt hinein zu tragen. So war es in der jungen Kirche im Werk der Heiligen, so war es in der mittelalterlichen Kirche in Orden, Bruderschaften und Städten, so war es in der lutherischen und calvinistischen Reformation. Es hat funktioniert. Infolgedessen herrscht in der heutigen Gesellschaft nicht mehr die beängstigende Gleichgültigkeit der Vergangenheit. Der Staat ist zu einem Wohlfahrtsstaat geworden, die Gesellschaft zu einer Zivilgesellschaft. Das ist ein Produkt der christlichen Inspiration. Doch ab der Französischen Revolution wird die christliche Inspiration zur Privatsache, auch wenn die Französische Revolution selbst eine Übersetzung eben dieser christlichen Inspiration in die weltliche Sprache ist.

Das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte

Seit der Französischen Revolution geht auch die heimische Produktion, auf der die Reformation in Deutschland, den Niederlanden und England noch aufbaute, verloren. Wohnen und Arbeiten sind getrennt. Außerdem lässt der Staat der Wirtschaft freie Hand. Die Produktion der freien Wirtschaft tritt an die Stelle der Hausproduktion. Die Gesellschaft wird zunehmend zu einem anonymen Kraftfeld vieler Aktoren, über das niemand Kontrolle hat. Denn bereits die Kirche und später der Staat haben die Rolle des Stammes/der Familie einerseits und der Regierung andererseits immer mehr zurückgedrängt. Es gibt keine unsichtbare Hand, die hier für Ordnung sorgt. Es sieht nach Chaos aus und ist es oft auch. Es ist wie in einer Familie mit zänkischen Kindern, deren Eltern nicht zu Hause sind. Der normative Horizont, der früher vorhanden war, wurde ausgelöscht.

Die Gesellschaft hat das Wort

Nun muss die Gesellschaft selbst dafür sorgen, dass das gegenseitige Vertrauen und innere Festigkeit aufrechterhalten werden. Die Kirche verschwindet im Hintergrund. Im Vordergrund, inmitten des Interessenkampfes, müssen die Menschen nun ihre Normen und Werte ohne kirchliche Autorität neu erfinden. Die Gesellschaft ist also die Tochter der Kirche. Die Tochter erhält eine Mitgift aus Werten, menschlichen Errungenschaften und Eigenschaften, die in der Kirche eingeübt sind. Welche Werte? Die Fähigkeit, Loyalität und Kritik zu vereinen, die Zusammenarbeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu praktizieren, für eine Zukunft nach dem Tod zu arbeiten, sich selbst als Glied in einer Kette des Wachstums hin zu mehr Heil und Gerechtigkeit zu sehen, trotz aller Misserfolge und Unzulänglichkeiten. Dies sind einige der Werte, Worte, eigentlich höhere Mächte, die das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte leiten können und sollten. In der Tat ist jeder einzelne von ihnen eine höhere Macht, die über uns herrscht. Die Götter der Vergangenheit sind die Mächte und Werte von heute. Die Mächte und Werte von heute sind immer noch die Götter der Vergangenheit.

Andere religiöse Traditionen

In diesem neuen Lebenshorizont, der “Gesellschaft”, kann der christliche Glaube nur innerhalb einer Auswahl und eines Chors anderer religiöser Traditionen zum Ausdruck kommen. Niemand glaubt Ihnen mehr, wenn Sie alles Recht der Welt haben wollen. Aber jeder hat etwas beizutragen. Der Islam lehrt Gemeinschaft und Gleichheit. Die buddhistische Meditation hilft, die gegenseitigen Ellbogenschläge am Arbeitsplatz zu relativieren. Taoistisches Nichtstun hilft, sich auf die eine Sache zu konzentrieren, die vonnöten ist. Christliche Inspiration bringt die Fähigkeit mit sich, durch Trennungen und Schuldgefühle hindurch jedes Mal einen neuen Abschnitt zu beginnen. Hinweis: Diese Eigenschaften werden heute nicht mehr für die Existenz der Kirche benötigt, sondern für das Überleben der Gesellschaft! Aber alle diese Merkmale haben ihren Ursprung in einer historischen Inspiration, die damals eine neue soziale Ordnung einführte. In dem Buch versuche ich auf meine Weise, diesen universellen historischen Horizont zu benennen und zu erben. Dabei versuche ich auch zu benennen, wo diese religiöse Inspiration einen Unterschied im sozialen Handeln macht. Rosenstock-Huessy weist zum Beispiel darauf hin, dass der Zoroastrismus und die jüdischen Propheten eine ähnliche Inspiration hatten, die auf eine Zukunft der Gerechtigkeit ausgerichtet war. Dies spiegelte sich aber auch in einem ähnlichen Streben nach sozialer Gerechtigkeit wider. Im persischen Reich und in Israel während der persischen Herrschaft wurden die Steuern durch die Priester und den Tempel erhoben. Dadurch wurde verhindert, dass sich Großgrundbesitzer, die normalerweise - zumindest bei Griechen und Römern - für die Erhebung der Steuern zuständig waren, persönlich bereichern konnten. Seit der Gesetzgebung von Solon in Griechenland und von Nehemia in Israel durften arme Bauern nicht mehr als Sklaven verkauft werden, wenn sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten. Dies hat mit religiöser Inspiration zu tun.

Ein weiteres Beispiel: Nur wenige Menschen beachten die Tatsache, dass die Bruderschaften und Zünfte im Mittelalter einen wichtigen Fortschritt bedeuten. Man sollte einen Eid auf die Gesetze der Stadt ablegen, und man sollte anfangen, sich wie ein guter Bürger zu verhalten, aber das war auch der erste Schritt weg von der Stammessolidarität und der Familienloyalität. In diesem Zusammenhang zitiert Rosenstock-Huessy das Wort aus Matthäus 12, 46-50: Die sind meine Brüder und Schwestern und Vater und Mutter, die den Willen meines Vaters tun. Dieser Text wurde in den Gesetzen der Städte und Bruderschaften oft zitiert. Diese neue religiöse Solidarität ermöglichte auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Denn nur solchen Menschen kann man auch die gemeinsame Kasse anvertrauen. Diesen Zusammenhang zwischen religiöser Inspiration und wirtschaftlicher Ordnung für jede Epoche aufzuzeigen, ist etwas, womit ich mich in diesem Buch intensiv beschäftigt habe.

Ein Beispiel dafür ist der Umschlag des Buches: Zu Van Goyens Zeiten gab es Pläne, das Haarlemmermeer trocken zu legen; dazu ist es nie gekommen. Aber es inspirierte ihn zu diesem Gemälde aus dem Jahr 1646. Der Geist der Zusammenarbeit der protestantischen Gemeinden inspirierte zu gemeinsamen Aktionen beim Bau von Kanälen, der Trockenlegung von Poldern usw. Ich behaupte also: Dort am Himmel, in diesen aufgewühlten Wolken, sehen Sie die unsichtbare Kirche, den Heiligen Geist. Natürlich habe ich immer Recht, denn er ist unsichtbar. Aber ich habe noch ein anderes Argument. Im Mittelalter, in der katholischen Epoche Europas, hätte man dasselbe mit einer Madonna in der Landschaft ausgedrückt. Wenn eine solche Madonna gemalt wurde, dann wurde sie damals in Italien auch durch das Land getragen, um zu zeigen: Das Christentum muss sich auch außerhalb der Städte durchsetzen. Damals gab es viele Großgrundbesitzer, und die Leibeigenschaft der Bauern war praktisch eine Form der Sklaverei.

Größer werden

De menselijke onderneming Die Geschichte, die Ereignisse, die uns verändert haben, sind also eine Quelle menschlicher Qualitäten, in die wir uns einkleiden können. Mit diesen menschlichen Qualitäten ausgestattet, werden wir größer als wir selbst. Wir gehen über uns selbst hinaus. Wir wagen es, mehr zu sein als ein reibungslos funktionierendes Rädchen im Getriebe. Wir verschaffen unserer Stimme Gehör und haben auch etwas zu sagen. Wir haben geistig etwas zu sagen. Darauf hinzuweisen und das deutlich zu machen, ist die eigentliche Triebfeder für diese Studie. Wahrscheinlich brauchte ich diese ganze Studie, weil ich selbst nicht viel Mut habe. Nur wer aufmerksam zugehört hat, hat auch etwas zu sagen.

Dies ist vor dem Hintergrund der kollektivistischen Reaktion, die in unserer Zeit wieder auftaucht, von großer Aktualität. Damit meine ich Formen des Ultranationalismus, des Verschwörungsdenkens, des Feindbildes, des Neofaschismus, alles, was den zersplitterten Menschen wieder ein Wir-Gefühl gibt. Rosenstock-Huessy weist auch immer wieder darauf hin, dass die Proletarisierung der Arbeitsbedingungen die Quelle für dieses Bedürfnis nach einem allmächtigen und ewigen Wir ist. Menschen, die in der sozialen Wirklichkeit kurz und klein gehalten werden, keine Verantwortung tragen (dürfen) und als Rädchen im Getriebe fungieren, schließen sich in ihrer Freizeit in großen Wir-Kollektive zusammen, die Selbstbestätigung und Identität bieten und eine große Zukunft versprechen. Die Antwort darauf, die Rosenstock-Huessy suchte und zu verwirklichen versuchte, ist die Mündigkeit: In der Erwachsenenbildung könnten/sollten wir lernen, selbstständig zu sein und dennoch in verantwortungsvollem Umgang miteinander an der Zukunft zu arbeiten. Die Einheit der Person finden wir in erster Linie dadurch, dass wir ausgesondert, angesprochen und zur Verantwortung gerufen werden, und so können wir uns von leichtlebigen Identitäten lösen. Nur dann können wir reiflich nach Verbündeten suchen, als Menschen, deren Wert nicht in Geld ausgedrückt werden kann. Mehr dazu auch in meinem anderen Beitrag zu diesem Rundbrief.

Zusammenfassung

Was will ich mit diesem Buch? Dass wir Menschen wieder den Geist und den Mut haben, zu sprechen; dass wir auch etwas zu sagen haben, weil wir den Zeiten, die uns vorausgegangen sind, wirklich aufmerksam zugehört haben; dass wir uns nicht als unpersönliche Rädchen in der Maschine klein machen und kurz halten lassen, sondern an Wortgewandtheit und Handlungsfähigkeit wachsen.

Das menschliche Unternehmen - die große Geschichte von Glaube und Wirtschaft, 2022, Skandalon, Middelburg, 350 Seiten, €32,50

Otto Kroesen

10. Brief von Claus Friese

4.12.2022
Lieber Herr Dreessen,   auf meinen Reisen begleiten mich bei den Unterlagen -, von den essenziellen, die ich bei mir führe - immer auch noch jene Worte, die Sie einmal den Korrespondenten schrieben: dies war Ihr Wort: „aber es machte mir beim Schreiben auch deutlich, dass ich während der Corona-Krise bisher von niemandem, von niemandem ein Wort gehört habe, das auch nur die Spanne eines Jahres oder Jahrzehnts beim Sprecher spüren lässt! Das heißt, dass die Verantwortlichkeit gegenüber dem eigenen gesprochenen Wort als das unser Leben haltende Wirken des Geistes ganz unbekannt ist – und bitter nötig.“

Zuerst noch meinen Glückwunsch und Respekt für ein derart offenes und mutiges dem eigenen Kreis gegenüber vorgetragenes Wort. Es hat mich ja selbst fassungslos gemacht. Noch fassungsloser wäre ich, wenn dieses Wort einfach übergangen worden, ohne Widerhall verhallt wäre. War es so? 

Dann bleibt mir, am 2. Advent in diesem Sinne Sie mit der Antwort des Mädchens Maria an den Engel zu grüßen: „….mir geschehe so, wie du es gesagt hast“. Mein Leben möge so geschehen, wie ich – von dir - , auch wenn es mich fassungslos macht, angeredet wurde! WIE soll das Unmögliche geschehen mit meinem Leben? WIE du es gesagt hast. Da ist der Widerhall. Und es ist ein Erbe, das ich in der Jugend angetreten bin, und das mich in seinem Geschehen als „Rentner“ keineswegs entbindet.
Auf ein Neues!

Mit herzlichen Grüßen Ihr

Claus Friese

11. Vertreibung des Geistes

Über Amerika und Europa hinaus,
Eugen Rosenstock-Huessy im O-Ton

Vertreibung des Geistes Für einen Zeitgenossen des Jahrgangs 1888 ist die Stimme Eugen Rosenstock-Huessy sehr ausführlich dokumentiert. Vor allem seine Nachkriegsvorlesungen am Darmouth College liegen, dank des technischen Interesses seiner Studenten, in dutzenden von Mitschnitten, inzwischen frei zugänglich und auch transkribiert vor. Leider läßt die technische Qualität der Aufzeichnungen oft zu wünschen übrig. Darüber hinaus existieren allerdings eine Reihe Radiointerviews aus der Nachkriegszeit, die nur zum Teil bekannt sind. Bekannt ist das „Interview in Münster“ anläßlich seiner dortigen Gastvorlesung: Eugen Rosenstock-Huessy, Die Gesetze der christlichen Zeitrechnung, Gastvorlesung an der Theologischen Fakultät der Universität Münster, Westfalen, Sommersemester 1958, hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: Agenda-Verlag 2002. Nachlesen konnte man das Interview schon länger: Eugen Rosenstock-Huessy, Unterwegs zur planetarischen Solidarität: Sammeledition von Der unbezahlbare Mensch (1955), Dienst auf dem Planeten(1965), Ja und Nein - Autobiographische Fragmente (1968), hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: Agenda-Verlag 2006, S.278-290. Trotzdem hat der Originalton des Interviews seinen besonderen Reiz, der jetzt im Rahmen einer Sammlung von Gesprächen aus den Jahren 1959 und 1960 erstmals veröffentlicht wird. Die Stimme ist klar und verständlich und klingt weniger berlinerisch als vielleicht zu erwarten war. Seinen besonderen Reiz hat das Interview im Kontext 34 weiterer Gespräche mit Emigrantinnen und Emigranten wie Paul Tillich, Hannah Arendt, Hans Kelsen, Walter Gropius Emil J. Gumbel oder Friedrich Wilhelm Foerster. Vertreten ist auch Arnold Brecht, der Deutschland am 9. November 1933 auf der gleichen MS Deutschland verlassen hatte wie Eugen Rosenstock-Huessy. Die rund 20 Stunden geben ein plastisches Bild der fundamental anders ausgerichteten Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Prioritäten in der Ferne. Geführt hatte die Interviews Irmgard Bach für Radion Bremen, die Anregung war von dem niederländischen Anthropologen Frederik Jacobus Buytendijk ausgegangen. Die Interviews stehen für mehr als die Summe ihrer Teile, oder wie Eugen Rosenstock-Huessy resümiert: „Wir sind die Generation, die zum erstenmal Europa und Amerika zusammenzwingt, dauernd zusammenzwingen muß. Welche Formen das annimmt, wissen die Götter.“

Hans Sarkowicz (Hg.) / Annette Vogt (Hg.): Vertreibung des Geistes. 35 Stimmen aus dem Exil von Hannah Arendt bis Ernst Toch. 2 CDs, DHV - Der Hörverlag, München 2022
ISBN 9783844546880, CD, 30.00 EUR

Sven Bergmann

12. Adressenänderungen

Bitte senden sie eine eventuelle Adressenänderung schriftlich oder per E-mail an Thomas Dreessen (s. u.), er führt die Adressenliste. Alle Mitglieder und Korrespondenten, die diesen Brief mit gewöhnlicher Post bekommen, möchten wir bitten, uns soweit vorhanden, ihre Email-Adresse mitzuteilen.

Thomas Dreessen

13. Hinweis zum Postversand

Der Rundbrief der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft wird als Postsendung nur an Mitglieder verschickt. Nicht-Mitglieder erhalten den Rundbrief gegen Erstattung der Druck- und Versandkosten in Höhe von € 20 p.a. Der Versand per e-Mail bleibt unberührt.

Thomas Dreessen

zum Seitenbeginn

  1. Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie, 2. Bd.: Die Vollzahl der Zeiten, Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag 1958, S.354. 

  2. Nikolaus Harnoncourt,, Über Musik. Mozart und die Werkzeuge des Affen, hrsg.v. Alice Harnoncourt, Salzburg; Wien: Residenz Verlag 2020, S.29. 

  3. Rosenstock-Huessy, E., 1926. Vom Industrierecht, Rechtssystematische Fragen, Sack,Berlin, Breslau, S.140 ff. 

  4. Rosenstock-Huessy, E., 2002. Gesetze der Christlichen Zeitrechnung, Rudolf Hermeier, Jochem Lübbers, (Hersg.) Agenda Verlag, S. 488 

  5. Not Chosen But Laid On Me By God, Brief Rosenstock-Huessy, Oktober 24 S.1141 PDF

  6. Not Chosen But Laid On Me By God, Brief Rosenzweig, Augustus 22, S. 1131 PDF

  7. Rosenstock-Huessy, E., 2022. Der unbezahlbare Mensch, Übersetzung Eckart Wilkens, Agenda Verlag, S. 252. 

  8. Mit einer Postkarte weist der Gründungsdirektor der Frankfurter Akademie für Arbeit, Eugen Rosenstock, den Sozialpsychologen Willy Hellpach am 5.6.1921 auf Max Webers nachgelassenes „Wirtschaft und Gesellschaft“ hin. Auch wenn er in dem Werk eine „gigantische Entartung“ erblickt, belegt seine Beschäftigung mit diesem grundlegenden Werk doch seine Rezeption genau in den Jahren, in denen er seine eigene Soziologie konzipierte. Nur wenige Monate später formulierte er in der „Angewandten Seelenkunde“ erstmals seine soziale Grammatik systematisch aus. 

  9. Vgl. Dirk Kaesler, Max Weber. Eine Biographie, München: C.H. Beck 2014, S.218-227. Dort auch weiterführende Literatur. S.949. 

  10. Friedrich Wilhelm Graf, Ernst Troeltsch. Theologe im Welthorizont. Eine Biographie, München: C.H. Beck 70. 

  11. Dirk Kaesler, Max Weber. Eine Biographie, München: C.H. Beck 2014, S.218. 

  12. Max Weber, Wahlrecht und Demokratie in Deutschland <1917>, in: Max Weber, Zur Politik im Weltkrieg. Schriften und Reden 1914-1918, hrsg. von Wolfgang J. Mommsen (= MWG I/15), Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 1984, S.386. 

  13. Richard Schmidt, Die Grundlinien des deutschen Staatswesens (= Wissenschaft und Bildung; Bd.153), Leipzig: Verlag von Quelle & Meyer 1919, S.140. 

  14. Eugen Rosenstock, Arbeiterbildung, Rhein-Mainische Volkszeitung 7.11.1924, reel 2, 140. 

  15. Zur Genesis des Königlich Preußischen Reserveoffiziers, in: ders., Der Primat der Innenpolitik. Gesammelte
Aufsätze zur preußisch-deutschen Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, hrsg.v. Hans-Ulrich Wehler, 2., durchges. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter 1970, S.60. 

  16. Die grundlegenden Bestimmungen über die Stellung der Einjährig-Freiwilligen im Heere sind im § 11 des Wehrgesetzes nachzulesen. 

  17. Handbuch für den Einjährig-Freiwilligen den Unteroffizier, Offiziersaspiranten und Offizier des Beurlaubtenstandes der kgl. bayerischen Infanterie. Aus Reglements. Verordnungen etc. zusammengestellt von den Hauptleuten C. Th. Müller und Th. v. Zwehl, 5. Auflage. Mit (79 Abbildungen, München: Druck und Verlag von R. Oldenbourg. 1890, S.201 

  18. Gottfried Hofmann, Eugen Rosenstock-Huessy. Versuch einer Chronik seines Lebens, korrigierte und ergänzte Fassung, Münster: Agenda Verlag 2014. 

  19. Eugen Rosenstock an seine Eltern, Jziorko b. Rogow am 12.1.1915. 

  20. Brief an die Eltern, Radom 15.10.1914. 

  21. Eugen Rosenstock, Die europäischen Revolutionen. Volkscharaktere und Staatenbildung, Jena: Eugen Diederichs Verlag 1931, S.418. 

  22. Andreas Leutzsch, Zwischen Welt und Bielefeld: Eugen Rosenstock-Huessy, Georg Müller und ihr Archiv in Bielefeld, in: Jahresbericht des historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, 91. Jg. (2006), S.225-250, hier S.227. 

  23. Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 10. Folge, Juni 1969. 

  24. Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 27. Folge, Mai 1978. 

  25. Hannah Arendt, Martin Heidegger ist 80 Jahre alt, in: dies., Menschen in finsteren Zeiten, hrsg.v. Ursula Lutz, München; Zürich: Piper Verlag 1989, S.172. 

  26. Eugen Rosenstock-Huessy, Hegel und unser Geschlecht (1924/25), in: ders., Friedensbedingungen der planetarischen Gesellschaft. Zur Ökonomie der Zeit, hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: Agenda-Verlag 2001, S.288. 

  27. Heinrich Levy, Die Hegel-Renaissance in der deutschen Philosophie mit besonderer Berücksichtigung des Neukantianismus (= Philosophische Vorträge; Bd.30), Charlottenburg: Pan-Verlag Rolf Heise 1927, S.10 

  28. Max Weber an Karl Wolfskehl am 9. März 1913, in: ders., Briefe 1913-1914, hrsg.v. M. Rainer Lepsius, Wolfgang J. Mommsen (= MWG II/8), Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 2003, S.115. 

  29. Max Weber an Georg von Lukács am 6. März 1913, in: ders., Briefe 1913-1914, hrsg.v. M. Rainer Lepsius, Wolfgang J. Mommsen (= MWG II/8), Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 2003, S.107. 

  30. Meinecke, Friedrich, Straßburg / Freiburg / Berlin. 1901 – 1919. Erinnerungen, Stuttgart: K.F. Koehler Verlag 1949, S.94ff. 

  31. Friedrich Meinecke, Straßburg / Freiburg / Berlin. 1901 – 1919. Erinnerungen, Stuttgart: K.F. Koehler Verlag 1949, S.52. 

  32. Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Rosenzweig im Gespräch mit Ehrenberg, Cohen und Buber (= Rosenzweigiana; Bd.1), Freiburg, München: Verlag Karl Alber 2006, S.65. 

  33. Ullmann, Wolfgang, Die Entdeckung des neuen Denkens. Das Leipziger Nachtgespräch und der Briefwechsel über Judentum und Christentum zwischen Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig, in: stimmstein. Jahrbuch der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft, Bd.2, hrsg.v. Bas Leenman, Lise van der Molen, André Sikojev, Eckart Wilkens, Moers: Brendow Verlag 1987, S.147-178; S.150ff. 

  34. Siegfried A. Kaehler an Johannes Kramer, 30. August 1910, in: ders., Briefe 1900 – 1963, hrsg. von Walter Bußmann und Günther Grünthal (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts; Bd.58), Boppard am Rhein: Harald Boldt Verlag 1993, S.125. 

  35. Rüdiger vom Bruch, Ein Gelehrtenleben zwischen Bismarck und Ademauer, in: Friedrich Meinecke und seine Zeit. Studien zu Leben und Werk, hrsg.v. Gisela Bock und Daniel Schönpflug (= Pallas Athene; Bd.19), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2006, S.16/17. 

  36. Paul Honigsheim, Erinnerungen an Max Weber, in: Max Weber zum Gedächtnis. Materialien und Dokumente zur Bewertung von Werk und Persönlichkeit, hrsg.v. René König und Johannes Winckelmann, 2. Aufl. (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie; Sonderheft 7), Opladen: Westdeutscher Verlag 1985, S.183/184. 

  37. Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 25. Folge, April 1977. 

  38. Eugen Rosenstock-Huessy an Georg Müller, Juli 1959, in: Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 18. Folge, Mai (1973), S.7. 

  39. Udo Benzenhöfer,, Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker, Leben und Werk im Überblick, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2007, S.26. 

  40. Viktor von Weizsäcker, Begegnungen und Entscheidungen, Stuttgart: K.F. Koehler Verlag 1949, S.15ff.