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Mitgliederbrief 2022-04

Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft e.V.

Power is granted so that it may act as spearhead into society. Power vanishes whenever it becomes obvious that it is not exercised for this, the one and only purpose for which it is granted. For what, then should our rethinking re-empower us? I may mention the three main directions as mere examples.

  1. The only way of saving our democracy is by recognizing that democracy is nothing religious, but the secular expression, the finite means of expressing something infinitely bigger. We have to restore to politics the difference between the infinite and the finite.
    As long as democracy is treated as the substitute of Christianity itself, as a religion, its abuses are taken for granted. Congressmen bowing to lobbying and to the “write your congressman” are considered virtuous. They should be ejected. The “too late” of the democracies in foreign affairs is simply accepted as inevitable. But there is nothing inevitable in the stupidity of the French and English democracies between September 1929 and May 1940. It was not inevitable but just inexcusable.
    And so democracy with all its “inevitability” died. Democracy is not inevitable, but the future of the U.S. is inevitable. We are as unprotected and unprepared as in 1776. And this fact of unprotectedness and unpreparedness is the platform of the Constitutional Convention that we should begin to hold in our hearts right now.
  2. Productivity must win out over the prejudices of economists in the Treasury and in Teaching.
    By not-producing, and by unemployment, we have lost three times the debt of the United States. For, the work of ten million men, during seven years, would have netted some 125,000,0000,000 dollars.
    But year after year the Brookings Institute has proved to Mr. Morgenthau’s satisfaction, that Germany had to collapse under her lack of gold.
  3. Civilization cannot live without mental sufferings and physical hardships.
    The peace campaign life, the easy life, the prohibition life, the nonproduction life, the birth-control life, cannot be preached without destroying life itself. Life is not easy nor prohibited and never shall be.
  4. Man is not known. Man is the uphill animal of creation. Man does the impossible.
    If he does not, he becomes superfluous, a nuisance on this earth. He falls below the wild beasts, becomes a mere livestock, when he relinquishes his role of being the unknown quantity of the universe.
    Then always, Mother Earth scratches herself and squashes man like a molesting fly, in some form of destruction; war or revolution or flu.
  5. Man’s actual health and turger depend on his having something unheard of to achieve on this earth, on his stemming from the infinite as a messenger into the finite.
    Man falls ill if he is restricted to limited efforts and to a division of purpose. Limited efforts do not even produce limited results. Eugen Rosenstock-Huessy, „The Atlantic Revolution”, 1940

Vorstand/board/bestuur: Dr. Jürgen Müller (Vorsitzender);
Thomas Dreessen; Sven Bergmann; Dr. Otto Kroesen
Antwortadresse: Jürgen Müller, Vermeerstraat 17, 5691 ED Son, Niederlande,
Tel: 0(031) 499 32 40 59

Brief an die Mitglieder April 2022

Inhalt

  1. Einleitung - Jürgen Müller
  2. Der Krieg in der Ukraine, was geht hier vor? - Otto Kroesen
  3. Atlantic Revolution or How to overcome the great Heresy of the New World and save democracy - Thomas Dreessen
  4. Recht ohne Revolution? - Sven Bergmann
  5. Synagoge, Kirche und die römische Steuer - Otto Kroesen
  6. Der Kreis schließt sich - Sven Bergmann
  7. Eugen Rosenstock-Huessys Vermächtnisse - Sven Bergmann
  8. Brief an Thomas Dreessen - Peter Galli
  9. Sach: Wat is’n Relligion? - Thomas Dreessen
  10. Brief an Müzeyyen und Thomas Dreessen - Jürgen Müller
  11. Rückschau auf die Jahrestagung 2021 - Sven Bergmann
  12. Vormerken der Jahrestagung 30.9 – 2.10.2022 - Jürgen Müller
  13. Adressenänderungen - Thomas Dreessen
  14. Hinweis zum Postversand - Thomas Dreessen

  15. Mitgliederbeitrag 2021 - Jürgen Müller


1. Einleitung

Liebe Mitglieder, liebe Freunde,

angesichts sich überschlagender Ereignisse durch den Überfall Rußlands auf die Ukraine und der darauf angekündigten Zeitenwende, ist es erhellend sich an America First zu erinnern. Charles Lindbergh, Luftpionier, dem 1927 die erste Alleinüberquerung des Atlantik gelang, Träger des Großkreuzes des Deutschen Adlerordens und Sprecher des America First Committee, sagte 1940: „Kein Einfluss von außen könnte die Probleme der europäischen Völker lösen oder ihnen gar einen dauernden Frieden bringen. Sie (= die europäischen Völker) müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, so wie wir unseres in die Hand nehmen müssen.“ Und weiter: „Ich glaube, dass es für uns von äußerster Wichtigkeit ist, mit Europa zusammenzuarbeiten. Nur durch Zusammenarbeit können wir die Überlegenheit unserer westlichen Zivilisation erhalten … Weder sie [die Europäer] noch wir sind stark genug, alleine die Erde gegen den Widerstand der anderen zu regieren. In der Vergangenheit hatten wir mit einem Europa zu tun, das von England und Frankreich dominiert wurde. In Zukunft haben wir möglicherweise mit einem Europa zu tun, das von Deutschland dominiert wird.“ Otto Kroesen, unser neues Vorstandsmitglied und Vorsitzender der niederländischen Vereinigung Respondeo, hat schon 2019 zu einem Vorhaben von Donald Trump aus der Perspektive Eugen Rosenstock-Huessys Stellung bezogen.
In diesem Brief geht er nun speziell auf den Krieg in der Ukraine ein.

Ein weiteres Ereignis, das den Vorstand beschäftigt, ist die Kündigung des Despositalvertrags unseres Archivs in Bielefeld. Das Landeskirchliche Archiv erwartet die Abholung der Sammlung bis zum 31. Mai 2023. Wir haben eine Shortlist möglicher Archive erstellt und wollen die Möglichkeiten der Unterbringung ausloten.

Jürgen Müller

2. Der Krieg in der Ukraine, was geht hier vor?

Auf der Vorstandssitzung der Gesellschaft vom 11. bis 13. März wurde während und zwischen den Tagesordnungspunkten auch viel über den Krieg in der Ukraine diskutiert. Wir versuchten, die verschiedenen Parteien zu verstehen, uns in die Dynamik des Konflikts hineinzuversetzen und uns zu fragen, wohin das alles führen soll. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, ob dies hätte verhindert werden können. Diese Diskussionen finden überall statt, und ich werde nicht versuchen, sie hier zu wiederholen. Ich werde jedoch einige Gesichtspunkte aus dem Rosenstock-Huessy-Repertoire anführen und sie auf ihren Erklärungswert hin überprüfen. Dabei werde ich ein besonderes Augenmerk auf einen Text legen, der auch unser Leitfaden bei der Vorstandssitzung war: „The Atlantic Revolution”, ein Text aus dem Jahr 1940, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Text wurde nicht veröffentlicht, ist aber so schwungvoll geschrieben, als ob er eine Unterrichtsstunde für eine Gruppe von Studenten hätte füllen oder vor einem Publikum hätte gesprochen werden können. Da ist Feuer drin, und Rosenstock-Huessy muss sich etwas von der Seele reden, auch wenn er es vielleicht nur auf dem Papier tut.

Die Frage: Was geht hier vor?

Wann passiert wirklich etwas? Es hat sich wirklich etwas getan, wenn sich unsere Wahrnehmung und die Wahrnehmung der Realität ändert. Wir fahren nicht mehr auf dem bisherigen Kurs weiter, sondern schlagen einen anderen Weg ein. Wir betrachten die Dinge aus einer neuen Perspektive. Die Realität und auch wir selbst sehen anders aus. Im Niederländischen sind die Wörter „gebeuren“ (sich ereignen) und „geboren“ (geboren) ein schönes Wortspiel. Ein Ereignis, das wirklich wichtig ist und einen Unterschied macht, ist auch eine Geburt. Etymologisch gesehen sind die beiden Wörter zweifellos miteinander verwandt. Stunden der Krise sind auch Geburtswehen einer neuen Zeit. Manchmal handelt es sich um einen neuen Schritt in einem bereits laufenden Vorgang. Manchmal handelt es sich um die Wiederholung eines Ereignisses in einem neuen Kontext oder um den späteren Ausbruch eines unterschwelligen Konfliktes. Selbst widersprüchliche Standpunkte können sich hier gegenseitig ergänzen. Aber ein Ereignis bringt immer eine Veränderung mit sich. Wenn sich nichts ändert, dann ist nichts Wesentliches passiert. So die Geschichtsinterpretation von Rosenstock-Huessy.

Die atlantische Revolution

In „The Atlantic Revolution” (1940) sieht Rosenstock-Huessy den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, aber auch die Machtergreifung durch Hitler und Mussolini in einer Linie mit dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution. Es handelt sich um die Windungen einer langen, kontinuierlichen Linie: der Weltrevolution. Diese Revolution ist nicht die Russische Revolution, denn die ist nur die Einleitung dazu. Die wirkliche Weltrevolution besteht im sogenannten freien Spiel der gesellschaftlichen Kräfte, wobei die Entfesselung der gesellschaftlichen Kräfte eigentlich kein “freies Spiel” ist. Die gesellschaftlichen Kräfte wurden freigesetzt, seit die autonomen Staaten die Kontrolle über die Wirtschaft und damit ihre Autonomie verloren haben. Dies impliziert den möglichen Kampf aller gegen alle, Staaten, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Interessengruppen, Kasten, Stämme. Diese wurden durchgerüttelt und entwurzelt zu bloßen Kräften im Raum, die nicht mehr von einem Punkt aus unter Kontrolle gebracht werden können. Sie stoßen aufeinander, oder, die einzige andere Möglichkeit, sie sprechen miteinander und gehen aufeinander ein und schließen Frieden. Sie können es tun oder nicht, aber es liegt wirklich in ihrer Hand: Sie sind nicht an eine höhere Ordnung gebunden, die es für sie tut. Nun, das ist etwas, wovor man sich fürchten muss: diese Unbegrenztheit der Egoismen, seien es Interessengruppen oder Staaten. Aber damit wird die Weltrevolution selbst zu einer höheren Macht: Man muss etwas gemeinsam machen, auch wenn man es nicht will. Der Erste Weltkrieg setzte die Weltrevolution auf die Tagesordnung, und die Russische Revolution schlug eine Teillösung vor, nämlich die totale Berechnung der Mittel und Bedürfnisse. Hitler und Mussolini haben die Weltrevolution mit ihre “Revolutionen” immer noch völlig verleugnet. Sie stecken den Kopf in den Sand und leben in einer Vergangenheit, die es eigentlich nie gegeben hat. Schließlich ist auch die atlantische Revolution eine Phase in diesem Prozess: Die Länder auf beiden Seiten des Atlantiks wachen trotz ihrer eigenen Trägheit auf. Sie, angeführt von den Vereinigten Staaten, können diesen Rückfall in die Vergangenheit von Hitler und Mussolini nicht zulassen und greifen ein. Wir müssen uns wenigstens vorwärts bewegen, nicht rückwärts. Wir schreiben das Jahr 1940.

Die rückwärts gelebte Zeit

Darum geht es, kurz gesagt, in dem Text „The Atlantic Revolution”. Dies zeigt bereits, dass es immer zwei Möglichkeiten gibt, mit einem neuen Ereignis umzugehen. Sie können sich damit auseinandersetzen und es auf sich wirken lassen, auch wenn Sie eine Zeit lang nicht wissen, was Sie damit anfangen sollen. Sie können das Ereignis aber auch verleugnen. Dies ist auch das Thema eines anderen Aufsatzes von Rosenstock-Huessy, „Die rückwärts gelebte Zeit”, veröffentlicht in Band II von „Die Sprache des Menschengeschlechts”. Auch das muss ich hier erwähnen. Sie haben sich in einer völlig neuen Situation wiedergefunden und können diese nicht akzeptieren. Sie versuchen, die Realität so zu gestalten, dass die nunmehr für ungültig erklärte Vergangenheit weiter existiert. Wir tun zum Beispiel so, als ob die Nationalstaaten immer noch die grundlegenden Probleme lösen könnten. Es scheint, dass dies in der heutigen Welt überall der Fall ist. Populistische Führer wollen zurück, sie berufen sich auf nationale Größe, sie kehren dem Rest der Welt den Rücken zu und leugnen, dass wir als bloße Kräfte im Raum dastehen, die in der Lage sind, sich gegenseitig und den Raum, in dem sie stehen, zu zerstören.

In demselben Aufsatz weist Rosenstock-Huessy darauf hin, dass wir manchmal im guten Sinne rückwärts leben müssen. Man kann sehr inspiriert sein und erkennen, dass die Dinge anders gemacht werden müssen, aber dann muss man gegen die tägliche Realität ankämpfen und mit der Situation beginnen, wie sie ist. Er nennt dies das Gesetz des doppelten Anfangs. Die Vision ist da. Aber der Prozess der Veränderung ist langsam und der tägliche Kampf der kleinen Schritte auf dem Weg dorthin nimmt viel Zeit in Anspruch.

Eine nationalistische Revolution

Haben wir jetzt einige Perspektiven, um zu verstehen, was in der Ukraine passiert? Oberflächlich betrachtet, findet in der Ukraine eine nationalistische Revolution statt. Es stimmt, dass die Ukraine seit dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums schon eine längere demokratische Tradition hat, aber es ist eine Demokratie mit vielen widersprüchlichen Regierungswechseln und vielen verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Ukraine hat ihr Gleichgewicht als Nationalstaat noch nicht gefunden und kämpft nun um ihre nationale Selbstbestimmung. Es ist wie bei der Französischen Revolution: Der äußere Feind hilft bei der Einigung. Die lange Geschichte mit Russland als Teil der Sowjetunion und natürlich die Ereignisse auf der Krim und in der Ostukraine 2014 haben zu dieser nationalistischen Überzeugung beigetragen. Und in der Tat ist das Recht der Völker auf Selbstbestimmung international anerkannt. Aber kann eine Aufteilung der Welt entlang nationalstaatlicher Linien den Maßstab der Weltrevolution liefern, die uns als Kräfte im Raum aufstellt und verlangt, dass die Kräfte im Raum sich der Macht der Sprache unterwerfen? Der Nationalismus hat sein Recht, aber er ist nicht das einzige Recht. Es ist verständlich, reicht aber auf Dauer nicht aus. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Nationalstaat die Welt um Anerkennung bittet und sich dann, sobald die Anerkennung erfolgt ist, nach innen wendet und in der Zeit zurücklebt, wie es Polen und Ungarn versuchen. Auch dies ist Teil des Prozesses des Auf und Ab, in dem die Weltrevolution ihren Weg sucht.

Eine reaktionäre Bewegung

Rückwärts leben: Macht Russland das nicht auch? Putin lebt in einer anderen Welt, sagte Merkel einmal. Er ist nicht allein: Es gibt eine Bewegung unter den rechten Intellektuellen in Russland, die Russlands Größe wiederherstellen will, und zwar mit einem Missionsbewusstsein, das sich gegen den westlichen Konsum und Individualismus und andere verderbliche Werte richtet. Die Ideen eines Dugin spielen dabei eine große Rolle. Der Mensch besteht nicht aus Einzelpersonen, sondern ist Teil des Körpers einer Gruppe. Russland hat dies bewahrt. Die Kirche bewahrt die innere Moral dieses Miteinanders. Der Westen will das zerstören. Westlicher Wohlstand und westliche Werte bedrohen dieses Lebensgefühl, schon allein deshalb, weil es an den Grenzen wohlhabende Nachbarn gibt. Einige Kommentatoren weisen darauf hin, dass Russland die EU an seinen Grenzen mehr fürchten würde als die NATO. Man kann diese Einschätzung ablehnen. Man kann auch versuchen zu verstehen, dass dies in weiten Teilen des von Armut geplagten Russlands Lebensrealität ist. Andererseits kann man auch fragen, was Russland von seiner kulturellen und christlichen Tradition her der Welt zu bieten hat. In der Vergangenheit gab es in dieser Hinsicht mehr Dialog, insbesondere in der grammatikalischen Tradition von Rosenstock-Huessy. Hans Ehrenberg muss erwähnt werden, und im 20. Jahrhundert nahm Clinton Gartner den Faden während und nach dem Kalten Krieg auf. Ich werde nie vergessen, was ein russischer Gesprächspartner einmal zu mir sagte: Ihr im Westen liebt euch nicht. Ihr organisiert ein Sozialleistungssystem. In Russland helfen sich die Menschen gegenseitig mit einem Sack Kartoffeln über den Winter aus ihrer Armut.

Die Russen haben also nicht ganz unrecht mit ihrer Einschätzung der Verflachung des Westens, aber das rechtfertigt nicht, weiterhin im 19. Jahrhundert zu leben und die Neuheit der laufenden Weltrevolution nicht zu sehen (oder sehen zu wollen). Dies gilt auch für die innerrussischen Beziehungen der bürgerlichen Freiheiten, der freien Presse, einer Gesellschaft von Freiwilligen. Das Eintreten für mehr Solidarität muss nicht zu Kadavergehorsam führen. Auch intern müssen sich in der russischen Gesellschaft verschiedene Kräfte gegenseitig korrigieren und ansprechen. Das gehört zur Weltrevolution der Sprache. Auch die neuen Demokratien in Osteuropa wie Ungarn und Polen tun sich damit schwer.

Amerikanischer Imperialismus

Rosenstock-Huessy unterscheidet stets zwischen den Fällen, in denen Amerika als Vereinigte Staaten und als Nationalstaat handelt. Als Vereinigte Staaten bereitet Amerika eine neue Weltordnung vor. Nach innen symbolisiert dies der Schmelztiegel Amerika, nach außen die Offenheit des Handels, die Weltmeere, die Rechtsstaatlichkeit. Mehr als die Vereinten Nationen sind die Vereinigten Staaten in der Lage, diese im Bedarfsfall durchzusetzen. Aber in vielen Fällen ist dies ambivalent, und das ist verständlich: Es ist verlockend, die historische Mission der Vereinigten Staaten zu nutzen, um jedes Mal den Vorteil Amerikas selbst als Nationalstaat zu suchen. America first - das ist nicht nur ein Slogan unter Trump. Im internationalen Wettbewerb hat Amerika eindeutig dazu beigetragen, die Ukraine von Russland loszulösen, und auch jetzt, da der Krieg tobt, steht Amerika an vorderster Front, um Unterstützung zu leisten. Ist das eine Notwendigkeit? Sollte ein autoritärer Staat von einem Sicherheitskordon von demokratischen und wohlhabenden Staaten umgeben sein? Muss Russland gezwungen werden, sich schnell ins 21. Jahrhundert zu bewegen? Oder sollte - wie in Amerika vom ehemaligen Außenminister Kissinger und anderen befürwortet - das Bedürfnis Russlands nach Sicherheit und einem Zugang zum Meer respektiert werden? Wenn diese Notwendigkeit nicht anerkannt wird, wie legitim ist dann das amerikanische Bedürfnis, mit Hilfe der Monroe-Doktrin fremde Mächte vom Norden und Süden Amerikas fernzuhalten? Ist das nicht auch neunzehntes Jahrhundert? Was für uns noch wichtiger ist: Könnten die Übergänge und Veränderungen in der Region vielleicht tiefere Wurzeln schlagen, wenn sie langsamer vonstatten gehen würden? Oder sollten wir die Gunst der Stunde nutzen? Letzteres hat Amerika sicherlich getan, indem es den ukrainischen Nationalismus auf breiter Front unterstützt hat. Aber es bringt die Region an den Rand eines Atomkriegs und hinterlässt eine Rechnung für die Ukraine und die Europäische Union, denn das, was nur langsam gehen kann, kommt unweigerlich noch auf uns zu. Die Weltrevolution der Sprache und der gegenseitigen Verantwortung braucht eine Mischung aus zivilgesellschaftlicher Zusammenarbeit, Respekt vor Minderheiten, nationalem Selbstbewusstsein und Beteiligung an einer planetarischen Gesellschaft. Dies erfordert neue Institutionen, aber auch ein neues “Selbst”, einen neuen Menschentyp, neue Eigenschaften.

Das Gesetz der Technik

Dies bringt uns zu einem weiteren Gesichtspunkt. Es war vor allem die Entwicklung der Technologie, die Nationalstaaten, Kasten, Stämme, Minderheiten in den einen Raum der Eine-Welt-Gesellschaft geworfen hat. Die technologischen Kräfte haben das freie Spiel der gesellschaftlichen Kräfte entfesselt. Rosenstock-Huessy hat das Folgende als “Gesetz der Technik” formuliert:

  1. Die Technologie vergrößert den Raum, in dem wir leben.
  2. Technologie beschleunigt die Zeit, die Prozesse der globalen Interaktion
  3. Die Technologie zersetzt bestehende Gemeinschaften.

Es gibt Leute, die meinen, das sei sehr negativ formuliert, aber sie vergessen, dass gerade die Fähigkeit zu sprechen, der Kern der Rosenstock-Huessy-Lehre, es ermöglicht, neue Gemeinschaften zu gründen. Wenn die Existenz einer Gemeinschaft nicht mehr selbstverständlich ist (auf Holländisch „vanzelfsprekend“), muss das bewusste und intensive Sprechen und Zuhören dies kompensieren. Gerade deshalb hat Rosenstock-Huessy den grammatikalischen Prozessen, die uns beugen und verändern, so viel Aufmerksamkeit gewidmet, und gerade deshalb hat er der lateinischen Formel „Respondeo etsi mutabor” - ich antworte, obwohl ich dadurch eine Veränderung erfahre - seine wichtigste Einsicht anvertraut. Kurz gesagt, die rasante Entwicklung der Technologie macht uns zu Kräften im Raum, aber dies kann durch die Sprache kompensiert werden, die uns in die moralischen Mächte unseres gemeinsamen kulturellen Erbes einhüllt. Darin liegt die Aufgabe der laufenden Weltrevolution: Die geistigen Mächte, die die einzelnen Kulturgruppen geleitet haben, werden nun zum gemeinsamen Erbe und werden jedes Mal, je nach den Umständen, zur Gründung neuer Gruppen genutzt. Diese neuen Gruppen greifen auf ein gemeinsames Repertoire zurück und bahnen sich ihren Weg im Zusammenspiel miteinander. Jede Kultur löst sich so von ihrem eigenen Hintergrund und wird zu einer Art Nomade. Aber die Selbstverabsolutierung ist dadurch unmöglich geworden: Die absoluten Werte der eigenen Gruppe werden nun zu Beiträgen für das große Ganze. Dies erfordert, dass jeder mitredet und Verantwortung übernimmt.

Die Weltrevolution

In seinem Text über die atlantische Revolution sieht Rosenstock-Huessy eine solche Verantwortung im Jahr 1940 durch das Eingreifen der atlantischen Völker in den von den Nazis begonnenen Krieg. Endlich nehmen diese Völker die Herausforderung an. Es dauerte seine Zeit, denn jeder neigt dazu, es langsam anzugehen. In dem erwähnten Text führt Rosenstock-Huessy den Konjunkturzyklus ein: Wir müssen uns im Kreislauf von Produktion und Konsum, dem Konjunkturzyklus, der Wirtschaft bewegen. In einer demokratischen Konsumgesellschaft ist dies in der Regel die höchste Macht. So viel zur Außenwelt. In der inneren Welt des persönlichen Lebens treten Depressionen und Nervenzusammenbrüche auf. Aber das sind individuelle Probleme, unter denen jeder für sich zu leiden hat. Eine verantwortungsbewusste Haltung aber kehrt diese Proportionen um: Wenn wir das, was wir in unserer Seele erleiden, gemeinschaftlich machen, tragen wir auch gemeinschaftliche Verantwortung, wir setzen den Konjunkturzyklus außer Kraft und können vereint in die bessere Richtung gehen.

Rosenstock-Huessys Kritik an der demokratischen Konsumgesellschaft richtet sich in diesem Text vor allem an Amerika, aber ich würde argumentieren, dass sich insbesondere Europa diese Kritik im aktuellen Konflikt in der Ukraine zu Herzen nehmen sollte. Die westlichen Regierungen haben alle Anstrengungen unternommen, um ihre Haushalte auszugleichen, mit der Konjunktur Schritt zu halten und die Bevölkerung bei Laune zu halten. Dies spiegelt die Situation in vielen Unternehmen wider, in denen eine so genannte Zufriedenheitsumfrage durchgeführt wird, wenn man das Bedürfnis verspürt, die Stimmung der Mitarbeiter zu erfassen. Soweit ich weiß, gibt es den Begriff Verantwortungsumfrage nicht. Europa hat mit dem Green Deal eine Vorreiterrolle übernommen, das muss man sagen. Aber auch hier stand ein Managementansatz im Vordergrund, der versucht, Veränderungsstrategien so zu gestalten, dass sie nicht zu viel kosten. Außerdem hat sich Europa aus seiner Verantwortung für Afrika herausgehalten. Mit jedem neuen Zustrom von Flüchtlingen wird in den Niederlanden die Debatte über regionale Hilfe lauter: Statt die Menschen hier aufzunehmen, sollten sie in der Region aufgenommen werden. Aber Europa hat es immer vermieden, in großem Maßstab vorzugehen und den Mut aufzubringen, der dazu erforderlich ist. So auch hat sich Europa auch gegenüber Russland verhalten, mit großer kultureller Distanz, aber mit der Überweisung großer Geldbeträge für Öl und Gas, mit denen Europa nun, wie sich herausstellt, die Kriegskasse derjenigen in Russland gefüttert hat, die dank des Geldes der Globalisierung zur geschlossenen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts zurückkehren wollen. Der Westen scheint dasselbe auch mit China zu tun. In China lässt man alles möglichst billig produzieren und damit wird eine hierarchische Gesellschaft aufgebaut (in Produktionsbetrieben sind die Beziehungen immer hierarchischer), die die eigene Bevölkerung diszipliniert und andere Teile der Welt als Ressourcen betrachtet. Übrigens haben sich die Kolonialmächte des 19. Jahrhunderts gegenüber China genauso verhalten. Dass Europa jetzt aufrüsten will, mag kurzfristig notwendig und verständlich sein, aber es ist nicht die Antwort auf die anstehende Weltrevolution der Sprache, die notwendig ist.

Verantwortungsbewusstes Handeln, das die Weltrevolution ernst nimmt, bedeutet, dass man sich bei jeder Handlung auch fragt, was diese Handlung für andere bedeutet. Irgendwann in seinem Unterricht rief Rosenstock-Huessy seinen Schülern in Dartmouth zu: “Weil ihr ein Fernsehgerät haben wollt, werdet ihr Krieg mit Indien haben”. Die westliche Gesellschaft ist so sehr auf technische Beschleunigung ausgerichtet, dass neue verantwortungsvolle Gemeinschaften keine Chance haben, zu wachsen und stärker zu werden. Dann hat das Gesetz der Technik nur eine disruptive Wirkung. Die geschlossenen Kasten in Indien müssen geöffnet werden. Die geschlossenen Gesellschaften mit vertikalen Netzwerken, Clans und Stämmen in Afrika und in der arabischen Welt müssen größer denken. Das russische MIR, gleichzeitig das Wort für Dorf und Universum, muss Teil einer größeren Interaktion und eines größeren Austauschs werden. Dies ist aber nur möglich, wenn die Antwort auf das Gesetz der Technik ernst genommen wird: Neue Gemeinschaften und Netzwerke gegenseitiger Verantwortung müssen die alten Dorfgesellschaften ersetzen und kompensieren.

Bei jeder Revolution, die Rosenstock-Huessy in seinen historischen Werken beschreibt, musste der neue Typus Mensch, der diese neue Gesellschaft tragen konnte, wie er selbst sagt, im Prozess der Revolution selbst erfunden werden. So ist es auch mit der Weltrevolution der Sprache und der Verantwortung. Wenn der gegenwärtige Konflikt in der Ukraine Teil dieses Prozesses ist, dann ist vielleicht all die Gewalt und das Leid, wenn auch ungerechtfertigt, doch nicht umsonst.

Otto Kroesen

3. Atlantic Revolution or: How to overcome the great Heresy of the New World and save Democracy.

Eugen Rosenstock-Huessys Analyse und Vision 1940 zur Erneuerung der Atlantischen Revolution für das Menschengeschlecht auf der verletzten Erde.

Er spricht im Zeitpunkt des Eintritts der USA in den 2.Weltkrieg. Seine Adressaten sind die US-Amerikaner. Seine Analyse führt uns zu wichtigen Wurzeln der ökologischen und soziokulturellen Zerstörungen unserer Zeit und prophetischer Schau für die US Gesellschaft, wenn nicht eine grundlegende mentale Veränderung erfolge, beginnend nicht bei den Eliten, sondern bei den desillusionierten, hoffnungslosen Middleaged Menschen und ihren Kindern.

Es ist eine Analyse von großer Bedeutung für unsere Zeit, in der Mauern gebaut werden, Nationalismus weltweit wächst, in der Staaten zerfallen, Terror, Klimakatastrophe und Kriege das Ende der Welt wie wir sie zu kennen meinten, anzeigen. Der Entertainer Harald Schmidt wurde im WDR Interview zum Ukrainekrieg befragt. Er antwortete u.a.: „Unsere Außenministerin hat vor der UNO zum 24.3. gesagt, sie sei gestern eingeschlafen und am 24.3. in einer völlig veränderten Welt aufgewacht. Frage ich: In welcher Welt ist sie eingeschlafen? Hat sie Afghanistan, Irak, Syrien, Bosnien, Libyen, Israel-Palästina usw. vergessen, verschlafen?” Rosenstock-Huessy schätzte es sehr den Blick von außerhalb des Westens wahrzunehmen. Rabindranath Tagore ist einer dieser Blicker und Sprecher den er sehr schätzte. Tagore prophezeite 1917: „Wenn diese Idee der Nation, die heutzutage universelle Anerkennung genießt, den Kult des Eigentums als moralische Verpflichtung auszugeben versucht …, führt das nicht nur zu Verwüstungen, es stellt auch einen Angriff auf die Lebensgrundlagen der Menschheit dar.“1 Heute, 82 Jahre nach 1940 stellt Pankaj Mishra fest (Das Zeitalter des Zorns Eine Geschichte der Gegenwart): „Nach einem langen, prekären Gleichgewicht, das seit 1945 bestand, weicht die alte, vom Westen dominierte Weltordnung scheinbar einer globalen Unordnung. Angloamerika produziert nicht länger zuverlässig den Surplus der Weltgeschichte wie in den letzten zwei Jahrhunderten, und die Menschen, die es einst beherrschte, begehren gegen die in dieser Geschichte geschaffenen Normen und Werte auf.“2 Noch eine dritte Stimme werde gehört, Ivan Krastev/Stephen Holmes (Das Licht, das erlosch3): „In ihrer brillanten Analyse zeigen Krastev und Holmes, dass das seinerzeit ausgerufene „Ende der Geschichte“ in Wahrheit ein Zeitalter der Nachahmung einläutete. Drei Jahrzehnte lang sah sich der Osten gezwungen, den Westen zu imitieren, und versank in Gefühlen der Unzulänglichkeit, Abhängigkeit und des Identitätsverlustes. Inzwischen hat das Vorbild seine moralische Glaubwürdigkeit verloren – und ein gefährliches Wertevakuum geschaffen.“ Seien Sie gespannt auf Rosenstock-Huessys aktuelle Zeitansage in seiner Deutung der USA, der Atlantischen Revolution, ihrer möglichen Zukunft und der Zukunft der Demokratie. Ich präsentiere Ihnen ein Exzerpt in der Originalsprache. Die 6 Überschriften stammen aus der Gliederung von Eckart Wilkens. Sie sind dem Originaltext entnommen.

  1. A new phase of the World Revolution - S.2
    The Atlantic Revolution is that chapter of the World revolution – which is the superior force of our age - that was opened with the German Russian Alliance May 10, 1940.
    The Atlantic Revolution forces the U.S., to discount the Allies as sovereign powers.
    The Atlantic Revolution is the challenge to the Atlantic peoples: to throw off the Egyptian magic of the business cycle, and to pool the energies latent in individual fear and agony, individual frustration and anguish, breakdown and suffering. .. Common sufferings are the only basis for a common policy and a common life.
    The Atlantic Revolution is the challenge of the living god, against the idols of a bygone era: individual freedom and business cycle.
  2. Division is the sin of man - S.6
    The Atlantic Revolution can take the form of war and annihilate cadres that have no life or peoples back of them. Our urgent search must be for a third form, beyond civil war and military war, in which we may couch the world revolution, on this side of the Atlantic. I think there is a third form.
    The whole world revolution consists in the redistribution of the natural powers and resources, from oil to electricity, from manpower to horsepower. We are not threatened from without but from this deep seated hatred against fertility of the soil and the fecundity of the family and the creativity of the human soul.
    Woodrow Wilson condemned Europe to live in clothes of the pre-industrial era. The finiteness of the Wilsonian vision for the European space was his impiety. Human beings do not live in boxes - If they are condemned to do so as by the League of Nations scheme, they have no choice but to turnthese boxes into pill boxes.
    The creed of America: Man is a roaming and moving being, never to be enshrined or embalmed in some particle of space forever. Rosenstocks Frage: Why have we asked the rest of the world to live by another creed than our own? The admission required from the cadres and the men and women forming the cadres of the U.S. runs: Thou shalt not have in thine house divers measures, a great for America, and a small for Europe. The average Atlantic Monthly American has two world views, two religions, two ideologies, one for himself, one for Europe. This paralyzes and nullifies all his actions and thoughts. -
  3. Conservation of Christianity is impossible - S.10
    The great heresy of the New World is that it has forgotten its own onrush into infinite space. Man’s soul comes from the infinite into the finite. Fecundity has been superseded /ersetzt/ by exploitation in this country
    Atlantic Revolution may have the meaning that we must save the essence of revelation, the fruit of suffering through four thousand years of human history, for the whole human race. The redistribution must take place within your and my soul. The “I” must give way to the “we” and to the “you”.
    The central creed of Christianity is its faith in death and resurrection. It believes in the end of the world again and again. Hence the conservation of Christianity depends on the voluntary mental conversion and resurrection of the middle-aged generation in this country.
    All sins are mental. The Atlantic revolution still can be waged as a mental revolution. The hopeless middleaged people may prefer to carry their mind back into reality from where the triunity of love, hope and faith may get hold of them once more, so that they swing in cosmic harmony. Mental suffering becomes a sacred duty. People must suffer mental agony or face ruin. Power is redistributed for the simple reason that power is the duty to look out for the long distant future.
  4. Faith, love, hope again - S.14
    The modern individual in middle life has lost sight of his quality as a founder and father of society. He has asked for rights, for happiness, for subsidies or tariffs, for freedom and peace, in the name of himself, and not of his grandchildren.
    The only way of saving our democracy is by recognizing that Democracy is nothing religious, but the secular expression, the finite means of expressing something infinitely bigger. …As long as Democracy is treated as the substitute of Christianity itself, as a religion, its abuses are taken for granted. Cesar is not God even when Cesar happens to be disguised as a democracy
    We believe that the complete impotency of the educated classes in this country is not final because we love America, and believe that they love it too.
    America has lost faith and hope and has castrated her love.
  5. Daily Re-immigration - S.19
    The tenets of a positive creed for the Atlantic revolution: We must go back to 1776: Immigration as a spiritual power of man to change… / as “denominator that may make America immune against Hitler’s plan of a revolution here in which he would set up section against section, race against race, class against class.”
    First acceptance of the world revolution and its demand for redistribution: Immigration by service to the soil. Matter is matter: economies are economies… without any preference or dogma for any one form of economy
    Man and his equals are one Man through the Ages, in the power of Speech, Teaching, Writing
    Relations between human beings without simultaneous relations to the inferior and the superior forces, remain sterile.
  6. A group of believers - S.23
    Can we build up a group of believers in man’s power, authority and insight into change? If they, as one man re-immigrate… That is gone now.
    But the new World can regain its old unbounded courage if it implements re-immigration into the life of every child. This should become our present activity, arising out of our past and pointing to our future – from naïve membership in one minority, from being natives of one state, who all must re-immigrate into the New World that lies beyond Nationalism. It is our way of believing in man’s soul, his power to grow and to change. When we let it go, the minorities cluster around their separate interests and the melting pot loses its magic.
    As long as courageous re-immigration rediscovers America, this Hemisphere may feel safe. So we can also make a real contribution to Europe and Asia, which have “given up the faith in man’s power to be transformed personally, to become a person in the process of taking responsibility.”
    We are not deserters of the world. …. This is the center of our creed, and it is an indispensable tenet in the creed of all mankind. In this sense we indeed defend the freedom of humanity.

    Thomas Dreessen

4. Recht ohne Revolution?

Der Richter im Spiegel von Goethes Revolutionsdrama

Eugen Rosenstock ist nicht glimpflich mit seinen juristischen Fachkollegen umgesprungen, wenn er es für erforderlich hielt. Und er hat ihnen mehrfach den Spiegel des Gerichtsrats aus Goethes „natürlicher Tochter“ entgegen gehalten. Möglich ist eine frühe Anregung durch seinen Dialogpartner Franz Rosenzweig: Brief an Eugen Rosenstock, 25.12.1917, in: ders., Briefe und Tagebücher, hrsg.v. Rachel Rosenzweig und Edith Rosenzweig-Scheinmann, unter Mitwirkung von Bernhard Casper, 1. Bd. 1900-1918 (= Franz Rosenzweig, Der Mensch und sein Werk, Gesammelte Schriften; Bd.I), Haag: Martinus Nijhoff 1979, S.495. Franz besaß die 55 Bände der Goethe Gesamtausgabe seit 1906.

Eine erste Erwähnung findet sich im vorletzten Abschnitt „Die Tochter“ seiner zeitpolitischen Intervention von 1920: „Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution“, zuletzt in seinem ausdrücklich als „Postscript eines gewesenen Rechtshistorikers“ festgehaltenen Aufsatz von 1953. Zwei Jahre nach Gründung des Goethe-Instituts unter tätiger Unterstützung des allen politischen Systemen dienstbaren Juristen Karl Christian von Loesch, dem Erfinder des „genialen“ Begriffs der „Ausdeutschung“, zitierte er die für ihn entscheidende Antwort des Gerichtsrates auf Eugenies Frage, was Gesetz und Ordnung seien:

In abgeschlossnen Kreisen lenken wir,
gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe
des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemeßnen Räumen
gewaltig seltsam hin und her bewegt,
belebt und tötet, ohne Rat und Urteil,
das wird nach anderm Maß, nach anderer Zahl
vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.

Als erschreckendes Untertanenwort kennzeichnete Eugen Rosenstock die Position des Gerichtsrats und setzte diese Position in Parallele mit der Haltung deutscher Juristen von 1815 bis 1933 und darüber hinaus. (Eugen Rosenstock-Huessy, Postscript eines gewesenen Rechtshistorikers <1967>, in: ders., Dienst auf dem Planeten, in: ders., Unterwegs zur planetarischen Solidarität: Sammeledition von Der unbezahlbare Mensch (1955), (1965), Ja und Nein - Autobiographische Fragmente (1968), hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: Agenda-Verlag 2006, S.274)

Neben seinen Revolutionsschriften von 1920 und 1931 unterstreicht dieser Indiz seine lebenslanges Studium des Gestaltenwandels menschlicher Verbände sowie die fundamentale Bedeutung der Französischen Revolution, wie sie auch im Weltkriegsbriefwechsel von Franz Rosenzweig und Eugen Rosenstock-Huessy zum Ausdruck kommt (Franz Rosenzweig besaß die 55 Bände der Goethe Gesamtausgabe seit 1906). Außerdem hat der Rechtshistoriker sein grandioses Alterswerk als eine „nachgoethische Soziologie“ dokumentiert. Im Register seines Nachkriegsbuches „Die Hochzeit des Krieges und der Revolution“ sind außer „Jesus von Nazareth, der Christus“ nur die Namen Goethe und Nietzsche aufgenommen, obwohl im Text viele Personen angesprochen werden. Bekannt ist, daß Eugen die Werke von Goethe, Schiller und Shakespeare sprichwörtlich mit der Muttermilch aufgenommen hat. Seine Mutter Paula fand neben der Erziehung ihrer sechs Töchter und ihres einzigen Sohnes die Zeit, ein Buch über Shakespeares Sturm sowie Goethes Märchenbuch zu veröffentlichen . Als der Sohn in den Leipziger Revolutionswirren 1919 das charakteristische Shakespeare Kapitel aus Goethes Wilhelm Meister anführte, und von der Uhr sprach, deren Zeiger abgefallen seien, fühlte sich der Doyen der juristischen Fakultät, Exzellenz Adolf Wach schon von dieser Metapher überfordert – immerhin der Schwiegersohn Felix Mendelssohn-Bartholdys.

Heute ist Goethes Revolutionsdrama kaum bekannt. Bezeichnend ist, daß sich häufig Politikwissenschaftler mit diesem Werk beschäftigt haben. Goethes eigentliches Revolutionsdrama schildert die Spannung zwischen adeliger und bürgerlicher Welt, und den Riß, der mitten durch die „natürliche“ also uneheliche Tochter Eugenie geht. Eugen Rosenstock war ein zutiefst existentieller Denker, der sein Herz auf der Zunge trug und selbst intimste Details menschlicher Beziehungen subtil in seine Schriften eingeflochten hat. Gegen ihn wirken Karl Jaspers wie ein biederer Schulmeister oder Martin Heidegger wie ein zynischer Genießer. Vor diesem Hintergrund dürfte es nicht erstaunen, daß er vermutlich 1911 selbst Vater einer Tochter geworden ist. 1988, zum 100. Geburtstag erfüllte Bas Leenman dem Autor den Wunsch, das Kapitel die Tochter nach seinem Tode „in einem schönen, weißen Bändchen“ herauszugeben (Rosenstock-Huessy, Eugen, Die Tochter – Das Buch Rut, verdeutscht von Martin Buber, hrsg.v. Bas Leenman, Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 1988, S.9).

„Eugenie, als Tochter des Herzogs und Verwandte des Königs, gehört dem höchsten Adel an und ist auf diese Weise durch ihren sozialen Stand „bedeutend und ausgezeichnet“. Die Besonderheit ihrer Lage beruht dabei auf der Tatsache, daß sie „natürliche“ Tochter, d.h. illegitime ist. Mit den Begriffen der bisherigen Interpretation bedeutet dies: Eugenie ist in der „physischen“ Welt bereits erschienen, aber noch nicht in der moralischen. Diese Tatsache verleiht ihr eine schwankende Stellung zwischen Natur und Gesetz. Eine Spannung zwischen diesen Polen deutet sich an: das Gesetz erweist sich als eng und das ausschließend, was die Natur reichlich spendet.“ (Theo Stammen, Goethe und die Französische Revolution. Eine Interpretation der „natürlichen Tochter“, München: C.H. Beck Verlag 1966, S.95)

Die von Goethe ursprünglich geplante Revolutionstrilogie über die natürliche Tochter ist ein Torso geblieben. Gerade der nachrevolutionäre allzu politische Anspruch lähmte den Autor bei der weiteren Ausführung seiner erhaltenen Entwürfe (in der Ausgabe des Insel Verlages, hrsg.v. Bernhard Böschenstein, Frankfurt a.M. 1990 ist außerdem Goethes vermutliche Vorlage abgedruckt: die Memoiren der Stéphanie Louise de Bourbon-Conti). Adolf Grabowsky, Mitgründer der „Zeitschrift für Politik“, hat darauf verwiesen, daß Goethe weniger nachdrücklich für dieses Stück eingetreten sei, gerade weil es eher romantisch als klassisch angelegt war und einige seiner persönlichsten Lebensfragen verhandelte (Adolf Grabowsky, Goethes „Natürliche Tochter“ als politische Bekenntnis, in: ZfP, 22.Jg. (1933), S.98.).

„Heute braucht kein junges Mädchen aus dem Zimmer geschickt zu werden, wenn von einem Bastard die Rede ist. Der Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe ist naturalisiert. Etwas Unaussprechliches ist sagbar geworden. Statt Bastard heißt er der natürliche Sohn und braucht sich nicht beleidigt zu fühlen.” (Eugen Rosenstock-Huessy, Das Unaussprechliche <1962>, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, Bd.1, Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.705)

Für Eugen Rosenstock-Huessy jedenfalls führte das angesprochene Spannungsfeld mitten hinein in sein eigenes Sprachdenken und seine Überlegungen zum gesellschaftlichen Wandel. Der Mensch sei keine Sache und müsse deshalb metanoetisch, stets wandlungsfähig bleiben und sich nicht dem „Gleichmachwerkzeug des Gehirns“ unterwerfen (Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 11. Folge, Dezember 1969). Darüber hinaus sind in Goethes natürlicher Tochter Sprache, Recht und Revolution verhandelt und damit drei Kernthemen des Lebenswerks von Eugen Rosenstock-Huessy. Sprache muß von Person zu Person ins Ohr wandern, schon das Papier kann den Zauber der Sprache verderben. Der durch die Schrift „entmenschlichte Zauber des Dokuments läßt das Sprechen unter Menschen verstummen.“ (Theo Stammen, Goethe und die Französische Revolution. Eine Interpretation der „natürlichen Tochter“, München: C.H. Beck Verlag 1966, S.129). Je stärker die rationale Welt der Söhne die Zeit verkürzt, die Räume erweitert und die Gruppen zerstört, desto dringlicher wird die Heilung auf einer neuen Ebene:

„So findet umgekehrt nur die Einheit von Leib und Seele Gnade vor Gottes Augen. Und er beruft zur Erneuerung seiner Offenbarung die Tochter des Menschen, die natürliche Tochter und Schwester, wie der Dichter sie in seiner „Eugenie“, prophetisch sich selbst übertreffend, geahnt hat; die Tochter des Menschen empfängt in ihr Herz die Berufung, zu heilen die zerstoßenen Herzen.“ (Eugen Rosenstock, Die Epochen des Kirchenrechts, in: ders. Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920, S.280)

Diese Einsichten erhoffte er sich gerade auch von den Juristen, die in ihrer rechtspositivistischen Gesetzestreue, der allzu buchstabengetreuen Auslegung einzelner Paragraphen in Gefahr stünden, die Gerechtigkeit aus den Augen und damit den Boden unter den Füßen zu verlieren. Genau eine solche Revolution des Rechts hatte er 1919 am eigenen Laib erfahren und gesehen wie viele Juristen vor der historischen Herausforderung versagten:

„Eine Welt ohne die Gerichte Gottes, ohne Revolutionen ist entsprechend die alles beherrschende Vorstellung, in der die Juristen der Aufklärung genau wie die der Restauration sich einrichten möchten.“ (Eugen Rosenstock, Vom Industrierecht. Rechtssystematische Fragen. Festgabe Xaver Gretener zum Fünfzigjährigen Doktorjubiläum am 26. April 1926, hrsg.v.d. Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin und Breslau: Verlag Hermann Sack 1926, S.129)

Sven Bergmann

5. Synagoge, Kirche und die römische Steuer

Die niederländische Zeitschrift “In de Waagschaal” veröffentlichte einen Artikel von Otto Kroesen (April 2022) über die römische Steuer zur Zeit von Vespasian, Diocletian und Nerva. Anlass ist die Lektüre einer Dissertation von Marius Heemstra, Neutestamentler an der Universität Groningen, ebenfalls aus dem Jahr 2009. Heemstra widerlegt die inzwischen weit verbreitete Vorstellung, dass die Verfolgungen unter Diokletian 85-96 nicht so drastisch waren. Er erklärt auch, dass die Steuerpolitik der Römer zu einem beschleunigten Trenung von Kirche und Synagoge führte. Dies geschah insbesondere, als Nerva, der Nachfolger Diokletians, eine streng religiöse Definition von “Juden” annahm: Menschen, die tatsächlich in die Synagoge gingen. Dies gab den orthodoxen Juden die Möglichkeit, sich der Verfolgung zu entziehen. Heemstra zufolge bezeugen der Hebräerbrief, das Johannesevangelium und die Offenbarungen des Johannes diese Spannungen. Aus dem Kontext von Rosenstock-Huessy ist diese Studie wichtig, weil sie zeigt, dass der von der Kirche eingeschlagene christliche Weg nicht als isoliertes religiöses Phänomen zu verstehen ist, sondern einen alternativen gesellschaftlichen Weg darstellt, der von Anfang an im Widerspruch zur Überlebensstrategie der Synagoge stand.

Der Artikel ist auf unserer Website im Internet zu lesen.

Otto Kroesen

6. „Der Kreis schließt sich“

Eine Sammelrezension

Stefan Rebenich, Die Deutschen und ihre Antike. Eine wechselvolle Beziehung, Stuttgart: Klett-Cotta 2021.
David Graeber, David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart: Klett-Cotta, 2021.

Wenn der späte Eugen Rosenstock-Huessy eine gewisse Ermüdung gegenüber unfruchtbaren theologischen Debatten äußerte, so hat er auf der anderen Seite sein nie nachlassendes Interesse für früh- oder urgeschichtliche Expeditionen und Ausgrabungen bekundet. Einer seiner Studienfreunde war Ernst Robert Curtius, dessen Großvater Ernst, als Ausgräber Olympias einer der Koryphäen deutscher Archäologie war. Die dreibändige Ausgabe der Schriften des Althistorikers „Altertum und Gegenwart“ befand sich in Eugens Bibliothek und er zitierte ihn in seinem Werk. Die Familien Picht, Becker, von Hentig und Curtius waren prototypisch für das protestantische Bildungsbürgertum über mindestens drei Generationen, als Prinzenerzieher im 19. Jahrhundert bis zur Bildungsreform Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach seinen Studien bei Adolf Erman, die er noch als Schüler in Berlin betrieben hatte, hatte Eugen Rosenstock-Huessy 1950 Ägypten, 1957 Griechenland und 1959 die Stätten der Mayakultur bereist. In einem Brief an seinen Freund Georg Müller in Bielefeld beklagte er kurz darauf die Oberflächlichkeit führender Kulturforscher:

„So geht es den Kritikern, die nie selber aus dem Chaos der Quellen eigenes geschaffen haben. Genau so wie meine Bestimmung des deutschen Volksnamens ist doch mein Verständnis von „Stamm“ und „Reich“ von den Müttern selbst heraufgeholt worden. Dies, nichts Inhaltliches, bildet die unüberbrückbare Kluft zwischen mir und den anderen. Es ist ganz richtig, wenn Du gegen die Reitervölker Webers – warum nicht auch gegen die Bandkeramiker Oswald Menghins - das Sprachdenken hervorhebst. Aber der Hauptunterschied ist doch der, daß die Gegner mir ein Theorem, abgehoben von der Oberfläche ihrer Fächer, zuschreiben, während ich praktisch unter der Oberfläche ihrer Fächer gegriffen habe und aus 21 Zivilisationen Toynbees das „Reich“ und aus den Hypothesen der Prähistoriker den „Stamm“ zum Sprechen bringe.“ (Eugen Rosenstock-Huessy an Georg Müller, März 1960, in: Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 18. Folge, Mai (1973), S.9)

Oswald Menghins „Weltgeschichte der Steinzeit“ war 1929 erschienen. Er war ein Jahrgangsgenosse von Eugen Rosenstock-Huessy. Just zu seinem Studienwechsel nach Heidelberger erschien im dortigen Universitätsverlag Winter seit 1909 die ethnographische Zeitschrift „Wörter und Sachen“, die sich als fächerübergreifendes Kompendium verstand und insbesondere auch Recht und Sprache in den Blick nahm. Im Vorwort zur Eröffnungsnummer heißt es:

„Nach einer Periode heilsamer Beschränkung der sprachlichen Studien auf die Erforschung der lautlichen Veränderungen scheint die Zeit gekommen zu seine, den Wortbedeutungen, den Sachen, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Unter Sachen verstehen wir nicht nur die räumliche Gegenstände, sondern ebensowohl Gedanken, Vorstellungen und Institutionen, die in irgendeinem Worte ihren sprachlichen Ausdruck finden.“ „Mit vielen Anderen sind wir überzeugt, daß Sprachwissenschaft nur eine Teil der Kulturwissenschaft ist, daß die Sprachgeschichte zur Worterklärung der Sachgeschichte bedarf, sowie die Sachgeschichte, wenigstens für die ältesten Zeiten, der Sprachgeschichte nicht entraten kann. Wir glauben, daß in der Vereinigung von Sprachwissenschaft und Sachwissenschaft die Zukunft der Kulturgeschichte liegt.“

Diesem Grundverständnis ist auch Eugen Rosenstock bis zu seinem großen Sprachwerk immer verpflichtet geblieben. Aus diesem Blickwinkel können zwei Veröffentlichungen einiges Interesse beanspruchen, die dieses Umfeld näher beleuchten.

1.) Stefan Rebenich einer der führenden Althistoriker schildert die Grundlagen seines Faches im 19. Jahrhundert. Damit eröffnet er einen kenntnisreichen Blick auf diejenigen Forschungen die Eugen Rosenstock in seiner Schul- und Studienzeit rezipiert hat, die für ihn gleichsam wissenschaftliche Qualitätsstandards gesetzt haben. Das Buch bietet einen reichhaltigen Überblick über die Leistungen des Faches und Koryphäen wie Barthold Georg Niebuhr, Theodor Mommsen, seinen Schwiegersohn Ulrich Wilamowitz-Moellerdorff, Jacob Burckhardt, Adolf Erman, Ernst Curtius, Adolf Harnack bis hin zum Platon-Kult im George-Kreis. Einige der Bezüge zum Werk von Eugen Rosenstock-Huessy lassen sich auf diesem Wege indirekt erschießen. Das Buch fußt auf solider Quellenkenntnis und ist für ein wissenschaftliches Standardwerk ähnlich gut zu lesen wie die Werke von Alfred Heuss oder Karl Christ.

2.) Den Menschen der Frühzeit selbst widmet sich das gerade international besprochene Gemeinschaftswerk des jüngst verstorbenen David Graeber und David Wengrow. Mit einem kritischen Blick auf die traditionelle Frühgeschichte, die mit selbstverständlicher Logik vom Ackerbau zum modernen Staat führe, bieten die Autoren ein breites Panorama der Stämme und Reiche, der Jäger und Sammler, der Nomaden und Krieger aus einer „antiautoritären“ Perspektive. Dabei setzten sie sich immer wieder mit klassischen Werken der Frühgeschichte auseinander, etwa mit Bronislaw Malinowskis „Argonauten des westlichen Pazifik“ von 1922. Dabei zeigen sie an vielen Beispielen, daß sich Stämme auch nach Kenntnis des Ackerbaus ganz bewußt wieder von diesem „Fortschritt“ abwandten, weil ihnen ihre Freiheit lieber war. Manche Stämme unterwarfen sich im Sommer diametral anderen Ordnungen als im Winter oder errichteten große Gemeinschaften ohne einen Herrschaftsapparat. In einer sehr gewagten These bringen die Autoren die Aufklärung des 18. Jahrhunderts mit einer Rezeption freiheitlicher Lebensweisen nordamerikanischer Stämme durch Einwanderer oder Forschungsreisende in Verbindung. Vor allem aber bietet das Buch einen handlichen Überblick über die Entwicklung ihres Forschungsgebietes im 20. Jahrhundert mit einem Blick auf Ausgrabungen und Erkenntnisse über Stämme und Reiche in Amerika, Indien, China, Afrika, Ägypten sowie im fruchtbaren Halbmond.

An einer Vielzahl von Beispielen demonstrieren die Autoren, daß Jagd und Landwirtschaft vielfach parallel und nicht alternativ betrieben worden sind, es überhaupt fraglich sei, von einer „Revolution“ auszugehen, denen alle Weltkulturen gefolgt seien. Vielmehr seien die Übergänge zwischen Stämmen und Reichen vielfältig, niemals stringent in eine Richtung verlaufen. Diese Vielfalt habe mindestens bis 1492 bestanden, als mit der europäischen Expansion wichtige Kulturpflanzen und Tierarten in einen Austausch über die Kontinente gebracht worden seien. Schon themenbedingt konzentriert sich das Buch auf den Übergang vom Holozän zum Anthropozän, also etwa auf die Zeit vor 12 000 Jahren. Dabei fällt viel Licht auf Fragen, mit denen sich Eugen Rosenstock-Huessy vor allem in seiner Soziologie beschäftigt hat:

„Zu Beginn des Holozäns, also vor etwa 12000 Jahren, waren die großen Flüsse der Welt meist noch wild und unberechenbar. Dann, vor etwa 7000 Jahren, gestalteten sich die Überschwemmungsverläufe nach und nach regelmäßiger. So entstanden weite und äußerst fruchtbare Überschwemmungsgebiete entlang des Gelben Flusses, des Indus, des Tigris und anderer Flüsse, die wir mit den ersten urbanen Zivilisationen in Verbindung bringen.“

Die Autoren kennen Eugen Rosenstock-Huessy nicht, weder seine – gut versteckte - ägyptische Verfassungsgeschichte, noch seine „Welt“-Soziologie. Wenn man das Buch mit dessen Brille liest, kann man das nur zutiefst bedauern, zum Schaden der etablierten Forschung. Auf den Gedanken, daß die wilden Fluten die Menschen erschreckt haben und erst durch die Berechnung des Himmels, mit den Reichen ihren Schrecken verlieren konnten, kommen nicht nur diese Autoren (noch) nicht. Ähnliches trifft auch auf die in den letzten Jahren erfolgreichen Bücher von Yuval Noah Harari, Jared Diamond oder Steven Pinker zu. Allen diesen Autoren sind weder Max Webers Agrargeschichte bekannt, noch die Werke Eduard Meyers, Kurt Breysigs oder eben Eugen Rosenstock-Huessy.

Dabei lesen sich viele Stellen wie Belegstellen der Erkenntnisse des Soziologen, etwa die zentrale Bedeutung der Tiere als Wegbahner der schwachen und schutzbedürftigen Menschen, die Funktion der Tanzplätze, Orgien oder Drogen, der Gräber und die Orientierung der Stämme durch die Ahnen. Die geschilderte Vielfalt der Stämme kommt dem sehr nahe, was Eugen Rosenstock-Huessy als Vielfalt und Spezialisierung der Stämme in Krieg oder Frieden, für Land oder Meer, Wüste oder Eis beschrieben hat. Die Bedeutung von Stämmen für die Formierung der Namen von Mann, Frau, Sohn und Tochter wird genausowenig gesehen, wie der Weg der Tätowierungen als Stammeszeichen, von der Haut auf die Stein-Bauten der Maya und Pharaonen und von dort auf Papyrus und schließlich auf Papier. Nur so wird auch die Spitze des Christentums gegen das Einritzen verständlich, da das Christentum in seinem Anspruch als allgemeine, katholische Kirche gerade das Trennende der Stämme überwinden wollte und will, insbesondere auch gegenüber dem ausgewählten Volk der Juden, das mit seinem Beschneidungsritual, seinem Sabbat und seinen Speisevorschriften gerade die Abgrenzung nach außen dokumentierte. Wie Eugen Rosenstock-Huessy immer wieder betont hat, vollzog das Judentum einen „Fortschritt“ gegenüber den Stämmen, weil es die Initiation in die frühkindliche Entwicklung vorverlegt hat. Sein großes historisches Bild der drei Jahrtausende, der Ablösung der Stämme durch die Reiche und deren Weiterwirkung durch Staaten und Kirchen hin zur planetarischen Gesellschaft des dritten Jahrtausends, hat er stets der Gegenprobe harter Fakten unterzogen.

Die Fülle der im vorliegenden Buch versammelten Formationen kann unmöglich einer Kritik unterzogen werden. Aus argonautischer Perspektive lassen allerdings einige Stellen besonders aufhorchen: „Menschliches Denken ist von Natur aus dialogisch. Dieser Tatsachen waren sich die Philosophen früherer Zeiten für gewöhnlich überaus bewusst. Deshalb hatten sie, egal ob in China, Indien oder Griechenland, eine Vorliebe dafür, ihre Bücher in Dialogform zu schreiben. Menschen nähmen sich nur dann richtig wahr, wie sie meinten, wenn sie miteinander diskutierten und versuchen, die Meinung eines Gesprächspartners zu ändern oder ein gemeinsames Problem zu lösen.“ (David Graeber, David Wengrow, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart: Klett-Cotta, 2021, S.112) oder die Bemerkung: „In späteren Zeiten boten Totenfeste auch Gelegenheit, Namen „wiederauferstehen“ zu lassen, da die Titel nun von den Verstorbenen auf die Lebenden übergingen.“ (Graeber, David, Wengrow, David, Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, Stuttgart: Klett-Cotta, 2021, S.494).

Um anzudeuten, welcher Schatz im Werk von Eugen Rosenstock-Huessy noch zu heben ist, seien hier einige Passagen aus seinen Vorlesungen über Universal History zitiert:

When I was out in British Columbia, I was struck with something I had never found in any books: that I had to walk there through the underbrush on the paths made out by the great animals: the elk, or the moose. All people who go on expeditions in unexplored countries – without maps we went, we didn’t know where we were going – have to – or are very grateful when they then find these paths made by the big animals, to their watering place, for example. The meeting grounds of the weak, frail, primitive man were the paths created by the animals. And the animal totem is, I’m quite convinced of this, never only the superstition that man came from an eagle, or from a lion, or from a bear, as you can read in most textbooks. But it is the simple acknowledgement of the gratitude, the spiritual gratitude owed to these animals for the organization of this incredibly weak man, who has – had at that time – no iron axe, no steel, you see, weapons. He had perhaps stone weapons. He could not possibly fell those trees, which he had to in order to find the place of union inside the jungle.

Now the same is true, gentlemen, of the overpopulation in the tribe. They are also unemployed. They are also people who can’t get married. The tribe suffers either from no children – that’s cured by adoption – or it suffers from overcrowding. The problem of unemployment, gentlemen, is as old as the tribe – as mankind on this earth. It isn’t an invention of our days. Only the stupidity, the folly, with which the 19th century has dealt with unemployment – the economic theory which you learn, which omits the problem of unemployment, the so-called capitalistic theory which you learn – that is fantastically stupid. Now the tribe wasn’t that stupid. But it was tragically hit by an – the unemployment problem. It saw it, but it couldn’t solve it, as little as the single nation can solve it. Luxembourg cannot solve its unemployment problem. Guatemala cannot solve its unemployment problem. Unemployment forces a change of the frontiers of the world, all the time. If you have 10 million people unemployed in Italy, then the United States must write the Marshall Plan. It’s a very poor way of dealing with the unemployment problem, but we should let these 10 million Italians come in here. We don’t do this. But we have to do something, so at least we pay them some money. The dole. Because the unemployment is that motor, gentlemen, that transcends the existing political organization on the globe. Now the tribe is an organization of people who actually can meet. And we said that the numbers of the tribe move between 500 and 5,000. When you get to higher units, you get the United Nations, as you know. The five tribes here in this – in upper New York state. That was an attempt to go beyond the physical measure of supporting for three days and three nights, or for a week, and the orgies of the tribe, 5,000 people. Well, you can’t feed more, you see, within primitive times. Therefore you can’t have a tribal organization that exceeds these 5,000 people. So you get to this – this theory of five – united tribes. As you know, at this country that has been the biggest entity ever created without the white man’s interference. Deep reason, because the tribe is stymied when the people cannot be locally vaccinated with the ecstatic experience of having one ancestor in the spirit, of worshiping one – dead hero, of looking up to the same totem poles, of receiving the same tattoos on their body, you see. All these things have to be performed physically, there in the presence of the ancestral spirit. So that’s the limit.

Now what did the tribe with – do with the surplus? Gentlemen, the history of mankind is that of an eternal stream of people creating new tribes, and new tribes. These people, who had to leave the tribe in various ways in many times – regions were called “wolves,” – wolves. You have perhaps read in the paper that the – Nazis tried to – or are said to have tried to organize werewolves. The werewolf. Who has heard this – this term in 1945? Well, this is an interesting word, because the word – the term “wer,” – w-e-r is the same as Latin, vir. And it means “man.” A wolf is – the werewolf is a man turned wolf. That is, a man – an unemployed. And by and large, we have treated in this country, in – during the 19th century, in the capitalistic countries in Europe the same way, the unemployed as werewolves. They had no place to go. They had no – and when they were poor, as you know. They didn’t even vote, in England, for example. Because they were poor. So they couldn’t even express their economic needs by the political machinery. You see, so were – they were not members of the tribe, of the country, of the state.
Now the full stream of historical life was, of course, more than seven generations. It goes now on for 6,000 years, 7,000 years. By and large, that’s my guess. That perhaps all this started 7000 B.C. or 6000 B.C. The history of mankind is very short, gentlemen. All what you hear is all nonsense. There is no million years, or 500,000 years of human history. It’s a very short story. People who don’t believe in the spirit always replace the spirit by millions of years. That’s { } – would escape – they say, “It came to pass in 500 million of years, which – that shows more probable.” Gentlemen, it’s even more improbable that anything reasonable should happen in 500 million years than in 7,000. But all this is mythology. It’s just childish. The ancients – the Egyptians did the same. They had for their Egypt 500,000 years back. But we know when it started. It started exactly the year 2782. And the tribal history then, before the empires settled down in a different manner, may be traced, I would say to 6000 B.C. – 7000 B.C. But we have no proof of anything older, as what human-speaking, human-organized mankind goes. That’s, of course, in contradiction to all these cheap evolutionary schemes, which have never applied the first experiences about human speech, how we see languages develop. After all, we have these languages to this day. We can – we can poke into them. There are 4,927 languages spoken in Africa to this day. There they are. They are not from eternity. And they all are mutually dependent. They all have been developed by something which you must know is very important: by contrast imitation. Imitation by contrast.

Den Begriff der „Kontrastimitation“, mit dem Eugen Rosenstock-Huessy häufiger argumentierte, übernahm er von seinem Schwager Hermann Kantorowicz: Eugen Rosenstock-Huessy, Im Kreuz der Wirklichkeit. Eine nach-goethische Soziologie, Bd.3: Die Vollzahl der Zeiten 2, hrsg. von Michael Gormann-Thelen, Ruth Mautner, Lise van der Molen, mit einem Vorwort von Irene Scherer, verb., vollst. und korrigierte Neuausgabe (= Thalheimer Reihe Texte aus der Geschichte; Bd.6), Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 2009, S.154.

Das Buch von Graeber und Wengrow räumt mit vielen naturrechtlichen Vorurteilen auf, zum Teil rennt es aber auch nur schon seit 100 Jahren geöffnete Türen ein. Immerhin bietet es einen faszinierenden Einblick in unsere Vorgeschichte, die bei weitem noch nicht hinreichend verstanden ist.

Sven Bergmann

7. Eugen Rosenstock-Huessys Vermächtnisse

Säulen seines Werkes

Die späten 20er Jahre sind für Eugen Rosenstock-Huessy und seine Familie von Schicksalsschlägen überschattet. Neben einer längeren Erkrankung seiner Frau starb 1928 sein bereits vorher vollkommen hilfsbedürftiger Vater in Freiburg. Außerdem konnte er das tragische Leiden seines engsten Freundes Franz Rosenzweig verfolgen, der lange gegen seine unheilbare Muskelerkrankung „Amyotropher Lateralsklerose“ ankämpfte. Vor diesem Hintergrund überrascht nicht, daß sich der Breslauer Hochschullehrer Gedanken über die Regelung seines eigenen Nachlasses machte und Ende 1927 einige „Vermächtnisse“ festhielt. Das handschriftliche Dokument ist von einigem Interesse für die Selbstverortung des damaligen Professors des Staatsrechts und der Rechtsgeschichte. Welche Erkenntnisse ergeben sich aus seiner damaligen Sicht auf seine Werke, seine Manuskripte und seine Pläne sowie die beteiligten Personen? Immerhin lag zu dieser Zeit noch keines der späteren Werke: der „Europäischen Revolutionen“, der zweibändigen „Soziologie“ oder des Sprachwerkes vor. Neben den persönlichen Umständen dürften auch die politischen Zeitläufe nicht aus dem Blick fallen. Eugen Rosenstock-Huessy hat nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeteilt: „Die zehn Jahre von 1923 bis 1933, die gönne ich keinem Menschen. Ich hatte das Gefühl, daß ich im Wettlauf mit dem Tod nur noch begrenzte Zeit hatte. Ich hatte immer Hitler erwartet.“ (Hans Thieme, Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973), in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung, 106. Bd. (1989), S.1-11)

Das Dokument, datiert auf „Leuzerheide 25.12.1927“, ist vermutlich bei einem Skiurlaub in den Schweizer Alpen formuliert worden. Es fällt auf, daß als Ansprechpartner der Vermächtnisse seine Frau, sein Sohn sowie vier enge Freunde angesprochen werden, aber weder seine Mutter, noch eine seiner fünf lebenden Schwestern (Thea Kantorowicz war bereits 1925 verstorben). Sein 1921 geborener Sohn Hans sollte an seinem 24. Geburtstag die inzwischen wieder vorhandene Bibliothek „noch möglichst ungeteilt“ erhalten. Rudolf Ehrenberg, Erwin Jacobi, Werner Picht und Viktor von Weizsäcker sollten seine Frau Margrit als Erbin aller Autorenrechte bei der Herausgabe von Manuskripten oder Briefen unterstützen:

„Ich habe den Wunsch, dass der Gesamtplan meines Schaffens: (Kirchengeschichte, Deutsche Rechtsgeschichte, Soziologie, Das deutsche Recht in historischer Gestalt, Gesetze unserer Zeitrechnung (= Völker Europas), Sprachlehre, Lebensalter der Wirtschaft) irgendwie durch eine Nachlasspublikation deutlich werden möge, u.U. durch Herauslösen geeigneter Teile aus schon bestehenden Publikationen und Zusammenfügen mit Ungedrucktem, mit Plänen und Briefen.“

Interessant ist die Zuordnung vieler seiner verstreut erschienen Zeitschriftenaufsätze zu sieben Säulen des Gesamtwerkes. Ausdrücklich bezeichnete er zum damaligen Zeitpunkt die Rechtslehre „von den juristischen Personen“ als seine „Lieblingslehre“.

Zur Rechtslehre zählte er: „Der ewige Kampf des Rechts gegen den Staat“, „ABC der Politik“, das Kapitel über die Rechtsformen und die Jur. Rez. aus der „Werkstattaussiedlung“, die beiden letzten Kapitel des „Industrierechts“, die Vortragsreihe „Recht und Gerechtigkeit“, Teile aus der „Volksordnung“, den Aufsatz „Die philosophischen Grundlagen des Arbeitsrechts“, Teile aus der „Lebensarbeit in der Industrie“, den Aufsatz „Idealistisches und namentliches Denken“ sowie die Vorlesung über Recht an der Frankfurter Akademie der Arbeit.

Zur Staatslehre zählte er: „Abbau der politischen Lüge“, „Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution“ sowie aus der Volksordnung „Der Beamte in der modernen Gesellschaft“ (b/schurweg; ein Vortragsstenogramm) [hier handelt es sich wohl um den Aufsatz „Kastengeist und Mandarinentum“]

Der Soziologie ordnete er die Georgenreden zu (vor allem die ersten und Allerseelen) aus der Volksordnung sowie „Kreatur“ I, 4, „Die Tochter“ aus der „Hochzeit des Kriegs und der Revolution“, „Arbeit und Ehe“, die Entwürfe für den zweiten Band der Soziologie und „Die geistige Struktur des deutschen Ostens“ aus dem Abendland.

Auf die Geschichte entfielen die Aufsätze über „Rathaus und Roland“, den Sachsenspiegel, „Die Namen deutsch und völkisch“ aus den Schildgenossen, über Georg Barthold Niebuhr, Frankfurt in der Stauferzeit um 1200, Rohmer und der Übermensch [???], die Paracelsusvorrede, die Rezension „Neue Literatur über die deutschen Königswahlen“, „Würzburg, das älteste deutsche Herzogtum“, das „Pricipium doctoris“ für Rudolph Sohm sowie die Seminararbeit bei Karl Hampe in Heidelberg über das „angebliche Danteepigramm in Leipzig“.

Der Sprachlehre ordnete er die Angewandte Seelenkunde und weitere Manuskripte und Briefe zu sowie das Schlusskapitel aus der Habilitationsschrift über „Ostfalens Rechtsliteratur“ und den Aufsatz über „Den Kreuzzug des Sternenbanners“ und seine Rezension von Berdjajews „Das neue Mittelalter. Betrachtungen über das Schicksal Russlands und Europas“ von 1927.

Dem „Kreuz der Wirklichkeit“ ordnete er folgende Werke zu:

„Das Alter der Kirche vertritt die Gesetze der christlichen Zeitrechnung Teil I Die Völker Europas (oder: Die Revolutionen Europas) bilden Teil II dieses Werkstatt Die Lebensalter der Wirtschaft (vier Stufen von je 4-500 Jahren, beginnend 500) Die deutsche Rechtsgeschichte gegliedert nach dem Generationenprinzip im kleinen nach germanisch roemisch, fränkisch romanisch, abendländisch, eigenstaatlich -europäisch auffassen.“

Die Sprachlehre setzte er in Zusammenhang mit Soziologie I und II.

„Autobiographie „zwischen sämtlichen Stühlen“. Parallel zu den Weltaltern der Wirtschaft als Lehrbuch, das die Kurse über „Deutsches Privatrecht“ regeneriert: Unser Recht in geschichtlicher Gestalt. Die Ausformung der Lebensstationen des Menschen im Recht (Die Lebensalter der Wirtschaft zeigen den Zusammenhang von Ständen und Klassen mit den Lebensaltern) Völlige Einbeziehung des System „römischen“, in Wahrheit gemeinen Rechts in diese Zuordnung. Zukunftsmächtig durch Jugend und Arbeitsrecht. Das erste in der Erscheinung ist das letzte als Prinzip der Regelung. Arbeitsmarkt und Arbeitsrecht.“

Das Dokument ist gleich mehrfach aufschlußreich: Die Vermächtnisse bieten einen Schnappschuß von der Ordnung des Werkes. Außerdem werden engste Vertrauenspersonen aufgeführt, die mit seinem Werk verbunden waren und denen er eine Einschätzung der jeweiligen historischen, juristischen und theologischen Zusammenhänge zutraute. Noch eingehender wird zu untersuchen sein, warum Hans Ehrenberg, Joseph Wittig, Leo Weismantel oder Ernst Michel nicht genannt werden. Alle Freunde kannte Eugen Rosenstock-Huessy aus der Vorkriegszeit. Mit Erwin Jacobi war er seit 1912 bekannt, dem Jahr der gemeinsamen Bewerbung auf eine juristische Professur in Leipzig. Beide verehrten den Germanisten, Romanisten und Kanonisten Rudolph Sohm, der 1917 in Leipzig verstorben war. Die anderen Verbindungen waren vor allem in Heidelberg gestiftet worden. Franz Rosenzweig kannte den älteren Viktor von Weizsäcker seit 1906 aus dem Medizinstudium, bevor er als Doktorant zur Geschichte wechselte. Rudolf Ehrenberg war einer von Rosenzweigs Vettern. Unter dem Eindruck von Friedrich Meineckes Buch „Weltbürgertum und Nationalstaat“ waren sie am Neckar zusammengetroffen. Ein erster Kulminationspunkt des Freundeskreises war der Baden-Badener Gesprächskreis, ein unabhängig von der Universität organisiertes Doktorandenseminar, das Teilnehmer der Oberrheinischen Universitäten von Heidelberg Freiburg, Straßburg, ja sogar aus Frankfurt anzog. Doch schon auf dem ersten Treffen vom Januar 1910 kam es zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Kritikern des herrschenden Historismus und Positivismus in der Geschichtswissenschaft und Anhängern des traditionellen Machtstaatsparadigmas, wobei antisemitische Untertöne mitgeschwungen haben mögen. Diese Auseinandersetzung bildete den ersten Nukleus des Kreises um Franz Rosenzweig, seine Vettern Hans und Rudolf Ehrenberg, Viktor von Weizsäcker sowie Eugen Rosenstock. Den Juristen Werner Picht, der bei Alfred Weber zusätzlich Soziologie belegte, lernte er über die Heidelberger Soziologischen Seminare im Namen Max Webers, aber ohne dessen Beteiligung kennen. Nach den Erschütterungen des Weltkriegs und in Abgrenzung von den Thesen Oswald Spenglers sammelten sich die Freunde unter dem Namen „Patmos“. Im gleichen Jahr 1927 als die Vermächtnisse erschienen, war die erste Ausgabe der Zeitschrift „Die Kreatur“ erschienen, für die alle Freunde Beträge lieferten, bzw. sogar als Herausgeber fungierten. Neben Eugen war auch seine Frau Margrit eng mit Werner und Greda Picht, geborene Curtius, der Schwester des Romanisten Ernst Robert, befreundet. In der Kriegszeit wohnte Margrit häufig im Hause der Pichts auf dem Feldberg im Schwarzwald.

Das Manuskript dokumentiert den langen Atem des Universitätslehrers. Trotz aller Widrigkeiten der Zeitläufe konnte er seine Pläne am Ende ausführen und ein umfangreiches und geschlossenes Werk hinterlassen wie kaum einer seiner Freunde. Darüber hinaus fällt auf, daß die verschiedenen „Säulen“ alles andere als getrennt voneinander aufgeschichtet worden sind. Auf vielen Ebenen durchdringen sich historische, soziologische, juristische oder theologische Gedankengänge. Auch sein wohl bekanntestes Werk über die „Europäischen Revolutionen“ steht nicht als Solitär allein, sondern rückt als Teil II mit dem „Alter der Kirche“, seiner „Kirchengeschichte“ in den übergreifenden Zusammenhang von „Das Kreuz der Wirklichkeit“. Über die Reservierung dieses Titels allein für die dreibändige Soziologie wird erneut nachzudenken sein.

Sven Bergmann

8. Brief an Thomas Dreessen

Lieber Thomas, dein Anruf kam sehr überraschend, es war am 4.1.22.
Du hattest im Nachlass von Eckart Wilkens meine Staatsexamensarbeit von 1988 gefunden, über Eugen Rosenstock und Joseph Wittig – ihr gemeinsamer Weg in der Weimarer Republik.
Und sie hatte dir wohl sehr zugesagt – vor 24 Jahren sandte ich sie Eckart Wilkens zu, ich hatte damals keine Reaktion erhalten. Dass nun nach so langer Zeit ein ECHO kam, hat mich riesig gefreut und zugleich verwundert und irgendwie habe ich dabei zugleich etwas nachempfinden können, wie lange Eugen Rosenstock oft auf ein ECHO auf sein Riesenwerk warten musste und noch muss! Diese versetzten Echoräume gehören wohl für alle dazu, die sich mit seinem großen Werk beschäftigen.

Du batest mich meine Arbeit auf die Homepage der ERH –Gesellschaft stellen zu dürfen und ich habe dem gerne zugestimmt. Ich sandte dir auch noch einen Aufsatz über das Vorwort von Walter Dirks von 1955 zum Büchlein von Rosenstock, „Der unbezahlbare Mensch“ zu. Dieser hatte es dir ebenfalls angetan und du hast dich umgehend daran gemacht einen Verleger für das kleine Büchlein samt Vorwort und evtl. meinem Aufsatz, zu finden.
Gleichzeitig hatte ich im Oktober noch einen Aufsatz über die Beziehung von Eugen und Margrit Rosenstock und Rosenzweig anläßlich des 100 jährigen Jubiläums des „Stern der Erlösung“ verfasst.
Dieser Artikel kam just an dem Tag zur Veröffentlichung, als du mich im Januar erneut angerufen hast und mir mitgeteilt hast, dass der Agenda Verlag Interesse an der Veröffentlichung von der kleinen Schrift „Der unbezahlbare Mensch“ signalisierte. Ich vergesse diesen Moment nicht, als meine Frau mir das Heft mit dem Aufsatz über den Stern der Erlösung in die Hand gab und ich gleichzeitig mit dir telefonierte.
Das war für mich wie eine Offenbarung des Himmels!
Vielen Dank dir, Thomas, für dein so kluges und schnelles Handeln, du hast wirklich wunderbar Witterung aufgenommen, was not tut.

Ja, da liegt einiges Unheil in der Luft, genauer, gleich mehrere Krisen und wieder ein Krieg fokusieren sich in Europa und umfassen doch gleichzeitig den ganzen Planeten.
Uns war klar, Eugen war immer schon aktuell, aber jetzt wird seine Aktualität so greifbar wie kaum zuvor. Es mag damit zusammen hängen, dass nun genau 100 Jahre zwischen seinem unermüdlichen Wirken im und nach dem Ersten Weltkrieg und dem Jahre 2022 liegen. Was hat er nicht alles prophezeit und vorausgesehen. 1919 bereits das „Lügenkaisertum“ Hitlers, und 1945 einen neuen und „letzten Hitler“ im Jahre 2010. Dass es 2022 geworden ist, zeigt, wie präzise seine Witterung war. Und das hat mich dann doch erschüttert. Denn 1988 hatte ich ihm den „letzten Hitler“ nicht geglaubt.
Von 2022 bis 2033 können wir nun Jahr für Jahr die 20er Jahre des 20.Jahrhundert wieder lesen. Insbesondere aber auch alle Freunde von Eugen begrüßen, Ernst Michel, Josph Wittig, Franz Rosenzweig, Fl. Christian Rang, Martin Buber, die Ehrenbergs und viele Freunde vom Hohenrodter Bund und dem Boberhaus und vor allem die vielen praktischen Projekte bestaunen, die damals wegweisend umgesetzt wurden. Insbesondere die Arbeitsgemeinschaften in Löwenberg, die mir es persönlich am meisten angetan haben.
1924 steht das 100 jährige Jubiläum der „Angewandten Seelenkunde“ an, auch wenn sie schon 1916 geschrieben wurde – wurde ihre historische Dimension jemals erkannt!? Wie bewegend ist doch sein gemeinsamer Weg mit Joseph Wittig – ja 1923 erschienen die „Erlösten“ und wie prophetisch ordnete Eugen die kirchlichen Reaktionen ein. 2022 harren die Laien immer noch in der kath. Kirche auf ein Wirken auf Augenhöhe mit den Klerikern. Das Kirchenschiff hat einen brutalen Schiffbruch erlitten. Das „Alter der Kirche“ – eine wirkmächtige Kirchengeschichte! Fast 100 Jahre alt - da kann es einem wirklich den Atem verschlagen.
Der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, der Vorstandschaft – einen herzlichen Dank für eure so wertvolle Arbeit und für euren langen Atem!

Peter Galli aus dem Kaiserstuhl, Südbaden

10. Brief an Müzeyyen und Thomas Dreessen

18.November 2021

Liebe Müzeyyen, lieber Thomas,

ganz herzlichen Glückwunsch zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Müzeyyen.
Dein Engagement nimmt zentrale Anliegen von Rosenstock-Huessy auf, wie das Finden von Sprache über kulturelle Grenzen hinweg, Geschichten zum Gehör und zur Ansicht zu bringen, gemeinsam einen Weg zu gehen und die kritische Analyse politischen Handelns.

Darüber hinaus danken wir für Deine und Eure Gastfreundschaft für den Vorstand der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft. Ihr habt Euer Haus geöffnet, uns an der Familie teilhaben lassen und den Genußaspekt der Vorstandssitzungen entscheidend erhöht.

HG,
Jürgen
Vorsitzender der ERHG

Jürgen Müller

9. Sach: Wat is‘n Relligion?

auf der Website: Wat is’n Relligion

Thomas Dreessen

10. Rückblick auf die Jahrestagung 2021

In einem Windschatten des Coronasturms, zwischen Delta und Omikron, konnte die letzte, mehrmals verschobene Jahrestagung im November 2021 stattfinden. Nach mehr als einem Jahr ohne Gehör und ohne Gespräch von Angesicht zu Angesicht stand das Wochenende im Haus am Turm in Essen-Werden ganz im Eindruck des persönlichen Austausches. Dann war es vor allem die gemeinsame Lektüre von Eugen Rosenstocks-Huessys, Margarete Susman zu ihrem 90. Geburtstag gewidmeten Aufsatzes „Im Notfall“ aus der bildungspolitischen Zeitschrift „Neue Sammlung“ von 1963, der die Diskussion bestimmte. In dem Text knüpft der Autor an heilsgeschichtliche Überlegungen kurz vor dem Schicksalsjahr 1933 an: Eugen Rosenstock, Die Geschichtsnot und die Gefahr der Barbarei, in: Gartenlaube. Illustriertes Familienblatt (1932), S.831-833.

Der Text zielt auf die Zeitlichkeit des Geistes und, mit einem Überblick über die grammatische Methode, auf den Kern des Gesamtwerkes. Dem isolierten Individuum ist keine menschliche Erfahrung möglich, weder im Raum noch in der Zeit. Vom Notfall zum Nominativ, vom Ereignis bis zu dessen Dominanz in der letzten Stufe jedes Wandlungsprozesses entfaltet sich das Leben menschlicher Gruppen und Formationen. Der intensiven gemeinsamen Lektüre am Samstag folgte am Sonntag ein Gedankenaustausch über die Herausforderungen des Textes angesichts der globalen Lage des 3. Jahrtausends. Immerhin hatte Eugen Rosenstock-Huessy das Jahrtausend der Gesellschaft, der Tochter, der Arbeitsgemeinschaften und des Menschengeschlechts schon 1920 prophezeit.

Einen wichtigen Impuls für die Diskussionen gab Thomas Dreessen. Viele der von Eugen Rosenstock-Huessy vor Jahrzehnten angesprochenen Themen und Thesen, das dialogische, das zeitweilige, der Primat des Lebens vor der Wissenschaft, die planetarische Verantwortung, die Überwindung von Gegensätzen durch übergreifende Werke finden inzwischen ganz prominent Gehör in der öffentlichen Diskussion, ohne daß die beteiligten Akteure auch nur eine Ahnung von ihrem „Vordenker“ hätten. Hartmut Rosa, Andreas Reckwitz, Harald Welzer, Heinz Bude oder Richard David Precht erreichen zigtausende Zuhörer und Leser und hätten verstanden, daß der Kulturwissenschaftler sein Forschungsfeld nicht als Objekt behandeln könne. Dies sind erfreuliche Entwicklungen, denn es geht ja nicht um den Stempel einer besonderen Theorie oder Richtung, sondern um die richtigen Fragen, ohne akademische oder theologische Scheuklappen.

In der Mitgliederversammlung am Samstag, dem 20.11.2021 gedachte der Vorstand der jüngst verstorbenen Mitglieder, insbesondere auch den ehemaligen Vorstandsmitglieder der Gesellschaft. Nachdem Andreas Schreck seinen Wunsch bekundet hatte, aus dem Vorstand auszuscheiden, wählten die Mitglieder einen neuen Vorstand. Neben dem Vorsitzenden Jürgen W. Müller wurde Thomas Dreessen in seinem Amt bestätigt und Sven Bergmann und Otto Kroesen zu Vorstandsmitgliedern gewählt.

Sven Bergmann

### 11. Vormerken der Jahrestagung 30.9 - 2.10.2022

Die Jahrestagung findet vom 30. September - 2. Oktober 2022 im Haus Wiesengrund, Nümbrecht statt. Das Tagungsthema werden wir noch mitteilen. Bitte merken Sie den Termin vor.

Jürgen Müller

12. Adressenänderungen

Bitte senden sie eine eventuelle Adressenänderung schriftlich oder per E-mail an Thomas Dreessen (s. u.), er führt die Adressenliste. Alle Mitglieder und Korrespondenten, die diesen Brief mit gewöhnlicher Post bekommen, möchten wir bitten, uns soweit vorhanden, ihre Email-Adresse mitzuteilen.

Thomas Dreessen

13. Hinweis zum Postversand

Der Rundbrief der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft wird als Postsendung nur an Mitglieder verschickt. Nicht-Mitglieder erhalten den Rundbrief gegen Erstattung der Druck- und Versandkosten in Höhe von € 20 p.a. Den Postversand betreut Andreas Schreck. Der Versand per e-Mail bleibt unberührt.

Thomas Dreessen

14. Mitgliederbeitrag 2022

Die „Selbstzahler“ unter den Mitgliedern werden gebeten, den Jahresbeitrag in Höhe von 40 Euro (Einzelpersonen) auf das Konto Nr. 6430029 bei Sparkasse Bielefeld (BLZ 48050161) zu überweisen. IBAN-Kontonummer: DE43 4805 0161 0006 4300 29; SWIFT-BIC: SPBIDE3BXXX

Die Lastschrift-Abbuchungen des Beiträge 2021 und 2022 erfolgen in Kürze. Soweit Sie kein Mandat erteilt haben, nehmen Sie bitte die Überweisung vor, soweit noch nicht geschehen.

Jürgen Müller

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  1. Zitiert nach Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires, 2013, 277ff 

  2. Ders: Das Zeitalter des Zorns, 2017 s47 

  3. Ullstein, Berlin 2019