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Otto Kroesen: Antiope auf der Jahrestagung

Auf der Tagung der Rosenstock-Huessy-Gesellschaft vom 17. bis 19. Oktober dieses Jahres beschäftigten wir uns mit dem Text, mit dem die Soziologie endet, dem Text über Antiope, über die Rolle und Aufgabe der Frau in der Zukunft.

2. Antiope auf der Jahrestagung

In der Zukunft: Nach der Dominanz der Kirche in den ersten 1000 Jahren und der Dominanz des Staates in den zweiten 1000 Jahren der westlichen Geschichte klopft die Zeit der Gesellschaft an die Tür, eine Zeit des anarchistischen Aufstiegs von Stämmen und Wir-Gruppen, mit der Herausforderung, den gewalttätigen Anarchismus der Stämme mit dem Anarchismus der Liebe zu überwinden. Das sind zwar nicht Rosenstock-Huessys Worte, sondern meine, aber es zeigt meiner Meinung nach, worauf er mit dieser Soziologie hinauswill, und sicherlich auch mit dem Text am Ende über Antiope. Aber vielleicht greife ich mit dieser Aussage etwas zu weit vor. Lassen Sie mich mit einer kurzen Zusammenfassung oder besser gesagt einem Überblick über das beginnen, was uns dieser Text präsentiert, auch das größtenteils in meinen Worten. So versuche ich, etwas Licht in einen schwierigen Text zu bringen, in dem Rosenstock-Huessy noch nach seinen Worten sucht.

Nihilismus

Die Gesellschaft ist eigentlich und tatsächlich nihilistischer Natur. Sie ist wie eine gut funktionierende Maschine, die eigentlich keinen Zweck und keine Bestimmung hat. Gut organisiert fahren die Züge durch das Land, aber sie drehen nur ihre Runden und kehren wieder an den Ort zurück, von dem sie abgefahren sind. Es ist so, wie der Prediger über die Sonne schreibt, die am Ende des Tages untergeht und dann die ganze Nacht über zu dem Ort „eilt”, von dem sie aufgeht. Alles ist der Leere und Eitelkeit unterworfen. Diese Charakterisierung ist typisch für die industrielle Produktion, aber auch für die meisten Büroarbeiten. Diese Arbeit verläuft nach dem Subjekt-Objekt-Schema: Planung und Ausführung, Organisation und Umsetzung, Ideen und Verwirklichung. Das macht sie zu einer stark männlichen Tätigkeit, denn das Subjekt-Objekt-Geschehen ist eine männliche Angelegenheit. Warum? Der junge Mann, der vor allem Initiator und Produzent von Ideen ist, steht am Subjektpol. Der ältere Mann hat oft keine neuen Ideen mehr, sondern bildet wie ein Spinnennetz aus alltäglicher Geschäftigkeit die Objektseite. Er ist ein Mann von Welt, er weiß sich zu bewegen. Es ist keine Reise zu einem Bestimmung, die einmal in ferner Vergangenheit begonnen hat – und das ist das Nihilistische daran. Die Frage nach dem Warum oder Wozu wird gar nicht gestellt. Es gibt keine Bestimmung.

Das Ende der Hausfrau

Gleichzeitig hat dieses industrielle System zu einer weltweiten Produktion und zu einer weltweiten Wirtschaft, einem weltweiten Haushalt geführt. Das beendet die Rolle und Aufgabe der Frau im Haushalt. Die Marmelade, die Kerze, alle Haushaltsprodukte kommen fertig aus der Fabrik. Zu Hause gibt es nichts mehr zu tun. Jetzt arbeitet auch die Frau außerhalb des Hauses und wird in die globale Wirtschaft integriert. Oft bedeutet das: Eintritt in und Übernahme der Aufgabe und Rolle des Mannes, zu Rosenstock-Huessys Zeiten vor allem an der Schreibmaschine, in unserer Zeit jedoch in allen möglichen Berufen bis hin zur Lkw-Fahrerin. Rosenstock-Huessy bezeichnet dies als etwas Vorläufiges, da es der Frau als „Weib“ keine Befriedigung geben kann 1.

Inzwischen hat Rosenstock-Huessy selbst in seinen Werken aus den 1920er Jahren deutlich gemacht, dass dies auch für den Mann nicht befriedigend sein kann. Es macht den Mann zu einem Arbeitstier, das den Plänen des Managers unterworfen ist. Aber man kann zumindest noch argumentieren, dass die Subjekt-Objekt-Linie dem Mann eigen ist. Er befindet sich also zumindest auf seinem eigenen Terrain, geradezu zu sehr auf seinem eigenen Terrain.

Die Verweiblichung des Mannes

Das ist richtig, aber wie Rosenstock-Huessy selbst im Kapitel „Antiope” argumentiert, hat der Mann in den letzten zweitausend Jahren unter dem Einfluss der christlichen Botschaft eine enorme Veränderung durchlaufen, eine enorme Verweiblichung. Der Mann ist zum Gentleman geworden. Er ist sanfter geworden (gentle). Durch was? Er hat gelernt, auf eine Zeit vor ihm zurückzublicken und auf eine Zeit nach seinem Leben vorauszuschauen. Die Zeitachse ist eigentlich das Terrain der Frau, mit der Maßgabe, dass es sich nicht um ein Terrain, sondern um eine Zeitlinie handelt. Die ältere Frau ist die Hüterin der Vergangenheit, die junge Frau ist empfänglich für die Zukunft. Wenn sich auch der Mann mit der Zeitlinie beschäftigt, führt dies zu einer Verweiblichung. Das ist auch geschehen, aber nicht, weil der Mann sich die ältere Frau oder die junge Frau zum Vorbild genommen hat. Das hätte laut Rosenstock-Huessy nicht funktioniert. Der Mann musste sich mit dem konfrontieren, was in gewisser Weise übertrieben weiblich, übertrieben mütterlich und übertrieben sensibel für die Zukunft ist. Einerseits der Priester, der Frauenkleider trägt und der die Tradition der Kirche repräsentiert und andererseits das Weihnachtskind in seiner Verletzlichkeit haben dem Mann diese Konfrontation mit der Zeitachse ermöglicht.

Wir könnten das wie folgt bildlich darstellen: OK Mann Frau

Was geschieht hier? Der Mann wird aus seiner männlichen Rolle gebracht. Er wird vom Priester und vom Christkind zur Zeitlinie hingezogen. Er lebt nicht mehr im Moment, getrieben von Ehrgefühl oder Kampfgeist. Er wird sich die Frage stellen, warum und wozu, oder besser gesagt, woher und wohin? Er ist nicht mehr der direkte Entscheider oder Kämpfer. Der Entscheider und Kämpfer wird in einen weiten Prozess der Besinnung, des Nachdenkens, der Suche nach Orientierung und Lernmomenten aus der Vergangenheit aufgenommen, auf der Suche nach echter Sensibilität und Empfindsamkeit für zukünftige Möglichkeiten. Ohne eine solche Haltung wäre beispielsweise Wissenschaft nicht möglich gewesen, denn man muss immer das aufgreifen, was ein anderer hinterlassen hat, und es einem anderen überlassen, um weiterzumachen. Das erfordert eine andere Herangehensweise. Das liegt dem Mann nicht so sehr im Blut. Er hat es gelernt.

Und nun die Frau

Bei der Frau, so Rosenstock-Huessy, ist so etwas noch nicht geschehen. Auch wenn die Frau heute die Rolle des Mannes in der Industriegesellschaft oder in unserer Zeit, der postindustriellen Gesellschaft, übernimmt, bleibt die Subjekt-Objekt-Linie weiterhin dominant. Sie muss sich darin einfügen. Das funktioniert nicht gut. Allein schon deshalb läuft es nicht gut, weil die Doppelpoligkeit des Mannes nicht berücksichtigt wird: Der junge Mann ist schließlich Sänger und Initiator, ein kreativer Mensch, während meist nur der ältere Mann, der sich auskennt und die täglichen Aktivitäten leitet, das Vorbild ist im Arbeitsleben. Mit anderen Worten, die Frau müsste zumindest auch diesen Rollenwechsel in ihre Emanzipation einbeziehen 2. Aber auch das reicht noch nicht aus.

Auch die Frau braucht eine Übertreibung, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Der Mann ist zwar Initiator von Ideen (Subjekt, innen) und Regulator von Aktivitäten (Objekt, außen), aber die Spannung zwischen innen und außen soll noch weiter gesteigert werden: Es muss noch innerlicher und noch äußerlicher werden, um zu verhindern, dass die Frau sonst nur den Mann kopiert. Wie ist das möglich? Die Frau muss in dem Mann Gott und Tier schauen können, und damit meint Rosenstock-Huessy: Die Frau soll die Inspiration (Gott) hinter den kreativen Ideen des Mannes erkennen, und darüber hinaus soll die Frau die rohe Kraft (Tier) hinter der täglichen Aktivität des Regulators, des älteren Mannes, erkennen. Diese beiden Übertreibungen verschaffen der Frau den richtigen Zugang zur Männerrolle. Sie kann nun ihre töchterliche Sensibilität in die Ideenbildung des jungen Mannes einbringen und ihre mütterliche Fürsorge in die täglichen Aktivitäten des Regulators. Denn nun hat sie Anteil an der zugrunde liegenden Inspiration der Ideen, und an der wilden Kraft, die heimlich in den täglichen Aktivitäten steckt.

Das können wir uns wie folgt veranschaulichen: OK Frau Mann

Antiope: in zwei Richtungen schauend

Es gibt noch etwas: Wenn der Mann seine Rolle vom jungen Mann zum älteren Mann wechseln soll, braucht er Bestätigung: Jemand muss ihn mögen und lieb haben. Wenn eine Frau ihn liebt, kann der junge Mann erst wirklich die Welt erobern. Nur so gelingt es ihm, das Terrain „Welt”, das Terrain des älteren Mannes, zu betreten. Er wird sich selbst verwirklichen dank der begeisterten Bestätigung, die er aus den Blicken einer liebenden Frau schöpft. Wer liebt spürt dass er der Welt gewachsen ist.

Soll die Frau sich die Männerrolle als junger Mann und älterer Mann zu eigen machen, besser gesagt, den Übergang von inspirierter Sensibilität beim Entwickeln von Ideen zu mütterlicher Fürsorge im täglichen Büro- oder Arbeitsalltag, dann braucht sie ihrerseits auch Bestätigung: Jemand muss sie mögen, jemand muss sozusagen darauf warten, dass dies geschieht! Jemand muss ihr dankbar sein für ihren – bei aller Übernahme traditioneller Männerrollen – weiblichen Feinschliff des Ganzen 3.

Ganzheitlichkeit

Zu all dem muss noch angemerkt werden: Männer und Frauen sind eigentlich alle Punkte auf einem Kontinuum, einer polaren Spannung zwischen dem männlichsten Mann und der weiblichsten Frau. Irgendwo auf dem Kontinuum zwischen diesen beiden findet man Männer und Frauen in allen Abstufungen zwischen Mann und Frau. Wie viele Männer konnten ihr Unternehmen dank der subtilen Bestätigung, die sie von ihrer Sekretärin erhielten, führen? Vielleicht war sie die Einzige, mit der er sich über die Dilemmata des Unternehmens austauschen konnte. Das ist doch eine subtile Form einer ehelichen Beziehung. Wenn eine weibliche Führungskraft dies nun auf ihre Weise mit fürsorglicher Zuwendung und spiritueller Sensibilität tut, können ein Augenzwinkern und ein Lächeln schon ausreichen, um sie in ihrem Kurs zu bestätigen. Du machst das gut! Ich bin froh, dass du da bist. Das gibt der Frau Bestätigung, aber nicht nur ihr. Es verändert auch den Mann. Es wirkt inspirierend, wenn sich Vorstellungskraft und Sensibilität gegenseitig anerkennen, und es wirkt bestätigend und, ich würde fast sagen, befriedigend, wenn eine fast animalische Tatkraft in Bahnen gelenkt wird. Verbinden sich Männer und Frauen nicht am Arbeitsplatz miteinander? Wenn so etwas im übertragenen Sinne geschieht, heilen Männer und Frauen sich gegenseitig und werden ganz 4.

Ehen und Gruppierungen

Wir leben in einer anderen Zeit als vorher. Frans Timmermans, ein sachlicher, gut informierter und kompetenter Politiker, hat auf der linken Seite die Wahlen in den Niederlanden verloren. Mamdani in New York hat ebenfalls auf der linken Seite die Wahlen gewonnen. Er hat die junge Mittelschicht über Tiktok mit einem stammesähnlichen Wir-Gefühl angesprochen. Dieses Wir-Gefühl musste geschaffen werden, weil es der Weg war, über den die Informationen, die er zu vermitteln hatte, aufgenommen werden konnten. Timmermans lebte noch von einem Zusammengehörigkeitsgefühl von gestern, von den Sozialisten, von der niederländischen Säulengesellschaft, die es nicht mehr gibt. Die Verbundenheit untereinander und das Vertrauen in die Führung dieser Säulen existieren nicht mehr. In der modernen Gesellschaft müssen die Menschen zunächst einmal durch den Akt der Überzeugung selbst miteinander verbunden werden. Ist das nicht auch eine Intensivierung der Zeitachse? Man glaubt an das, was sich gut anfühlt, – aber das ist doch die weibliche Sensitivität für die Zukunft? Und wenn andere dieses Gefühl teilen, steht man stark da, was resultiert in einem Wir-Gefühl. In der Einleitung schrieb ich, dass der Anarchismus der Wir-Gruppen, die stammesartig agieren und die ihre eigene Rechthaberei kultivieren, durch den Anarchismus der Liebe überwunden werden soll. Kann auch die Liebe temporäre Wir-Gruppen schmieden? Ist das die Art und Weise, wie unsere Politiker und Manager auf das Weibliche der Frau hören sollten: sensible Inspiration für die Zukunft, Hüterin der Vergangenheit? So wird die Zeitlinie zurückgewonnen, Herkunft und Bestimmung. Aber auch das kann mit viel Kurzsicht einher gehen, sodass es oft genug schiefgehen kann. Denn welche Stimme aus der Tradition wird gehört? Und welcher neue Appell wird Gehör finden? Wer verhindert, dass ein kurzsichtiges Erben der Vergangenheit und eine kurzsichtige Vision der Zukunft uns von Illusion zu Illusion weiterführen? Ist das die Situation, die Rosenstock-Huessy für die Zukunft voraussieht? Am Ende seines Kapitels hat Rosenstock-Huessy einen Satz, der in dieser Hinsicht zum Nachdenken anregt: „Kirche und Staaten dauern übermenschlich lange, und auf die übermenschliche Dauer legen sie es an. Wir müssen von allen Ewigkeiten absehen. Des Nihilisten Polterabend kann nur zu vorübergehender Gruppierung die Liebeskraft freisetzen“ 5.

Bereits zuvor hat sich Rosenstock-Huessy gefragt, ob der heutige Nihilist, der ohne Ziel in der gesellschaftlichen Maschinerie mitläuft, dennoch irgendwie Bestimmung und Herkunft entdecken kann, und er bemerkt dazu: „… den Nihilisten treffen wir nur innerhalb seiner selbst, und da lässt er sich treffen, wenn er in sich die Dualität der Zeiten trifft. Also ist es die Frage aller Fragen, ob sich die Spaltung des einzelnen Nihilisten selber in jeder einzelnen Stunde seines Lebens aufdecken läßt. Gelänge dies, so wäre „Zeit“ nicht mehr ein Thema der Theologie oder des Glaubens oder der Religion. Dann wäre Zeit ein Gegenstand der Erkenntnis des „Menschen schlechthin“. Und in diesem Falle wird dem Jahrtausend des Nihilisten zu helfen sein. Es würde zwar immer noch weder aus Heiligen noch aus glaubensstarken Revolutionären sich bilden. Aber eine Kette nihilistischer, jedoch vorübergehender Stunden wäre die Lebenslinie der sich unaufhörlich erneuernden Gesellschaft“ [6]. Insbesondere mit diesem letzten Satz: Was meint er damit? – In unserer Zeit kann uns eine Kette vorübergehender Perioden insofern helfen, als wir zwar von politischer Illusion zu politischer Illusion schreiten, dies jedoch in einer Weise, dass sie sich gegenseitig ausreichend korrigieren, um letztlich auf dem richtigen Weg zu bleiben. Ist das möglich? Ist es das, was wir von der Frau als „Weib“ und von die „Tochter Gesellschaft” erwarten dürfen? Ist es das, was die Frau als Weib zur Gesellschaft beitragen kann? Wir schreiten von der einen kurzfristigen und fehlerhafte Lösung zur nächsten weiter. Darum stehen wir noch am Anfang eines enormen Veränderungsprozesses.

Otto Kroesen

aus dem Mitgliederbrief 2025-12

  1. Meistens verwendet Rosenstock-Huessy selbst das Wort „Weib” für die Frau. Das wirkt altmodisch und sogar abwertend. Es verweist jedoch auch auf das spezifisch Weibliche an der Frau. Meiner Meinung nach will Rosenstock-Huessy mit diesem Wort darauf hinweisen. 

  2. Das bringt Rosenstock-Huessy auf den Titel Antiope für diesen Text. Antiope ist bei Homer die Frau, die in zwei Richtungen schaut, Soziologie II, p. 752. 

  3. Rosenstock-Huessy wird in dieser Hinsicht wenig konkret, und man hat aus in seinem Text den Eindruck, dass er von Zurückhaltung erfasst ist und sehr tentativ vorgeht. 

  4. Rosenstock-Huessy drückt es nicht so aus. Er spielt vielmehr auf die Vergänglichkeit der ehelichen Beziehung im Zeitalter der Gesellschaft an. Er hat insofern Recht, als eine übertragene Ehe in einer Arbeitsbeziehung immer zu mehr werden kann. Aber das muss nicht so sein. In dieser Hinsicht interpretiere ich ihn als einen altmodischen Mann: Wenn die Frau nicht auf ihn hört, sondern auf einen anderen Mann, erscheint das als Ehebruch. Sind wir doch weiter als er zu seiner Zeit? 

  5. Soziologie p. 757.