Mitteilungen 2025-12
Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft e.V.
„Ich beginne mit der Banalität der Schulstunde. … Sie liege von zehn bis elf. Ihre Form steht also von vornherein fest. Denn um zehn ist ihre Beendigung um elf bereits bekannt. Da wir nur das erkennen, was schon geschehen ist, so wird die elfte Stunde als schon geschehen behandelt. Der Stundenplan macht also diese Stunde zu einem Element der Vergangenheit; und an der Vergangenheit läßt sich nichts ändern. Die Vergangenheit steht ein für allemal fest. Jeder Schulstunde ist also das Wort „Gewesen“ unzweideutig eingeschrieben, und das macht sie so oft langweilig. Aber in jeder Schulstunde haben Lehrer und Schüler die Wahl. Der Insasse dieser langweiligen Stunde höre oder sage etwas zum allerersten Mal. Dann kann das, was er sagt, so unerhört sein, daß ein neues Leben von diesem Augenblick datiert. Von der ersten Lateinstunde zum Beispiel beginnt der Schüler „Latein“ in sein Leben so hineinzubauen, daß diese erste Stunde in einen lebenslangen Zusammenhang tritt. Es war eben die erste Lateinstunde, und die vorherbestimmte, „gewesene“ Stunde von zehn bis elf ist damit plötzlich zum ersten Augenblick einer Laufbahn als klassischer Philologe gestempelt. Wir können mithin eine der seit Olim wiederholten Schulstunden über uns ergehen lassen, die schon immer so und nicht anders gewesen sind, oder wir können ein Samenkorn der Zukunft unserem Gedächtnis einverleiben. … Nehmen wir das äußerste Beispiel einer Schulstunde von zehn bis elf, in der wir Feuer und Flamme sind, aber doch um elf nach Hause gehen. Da treten „Form“ und „Inhalt“ auseinander. Die Form ist wiederholte Vergangenheit des Stundenplans. Der Inhalt beginnt eine noch nie dagewesene Zukunft. Form und Inhalt, beide bleiben aber notwendig, soll die Schulstunde überhaupt noch Stunde heißen.
Uns enthüllt sich mithin der logische Gegensatz „Form“ und „Inhalt“ als Janusgesicht der Zeit. Die Form der Stunde ist gesetzlich und bekannt, ihr Inhalt ist neu und unerhört. Form und Inhalt sind keine logischen Gegensätze. Sie spalten die Zeit. Form und Inhalt sind vom Raumdenken erfundene Begriffe für eine Zeiterfahrung. Nun kann niemand leben, ohne dieser Spannung zwischen Zeitform und Zeitinhalt zu unterstehen. Wir werden dieser Spannung unterworfen, subjungiert. Also ist die Zeit unser Zerfall, der Zerfall unser selbst in den Letzten und den Ersten, in jedem Augenblick.” Eugen Rosenstock-Huessy, Soziologie - Die Vollzahl der Zeiten, 1958, p.745
Vorstand/board/bestuur: Dr. Jürgen Müller (Vorsitzender);
Sven Bergmann; Dr. Otto Kroesen; Jan Kroesen;
Antwortadresse: Jürgen Müller, Vermeerstraat 17, 5691 ED Son, Niederlande,
Tel: 0(031) 499 32 40 59
Mitteilungen Dezember 2025
Inhalt
- Einleitung - Jürgen Müller
- Antiope auf der Jahrestagung - Otto Kroesen
- „Die Tochter“ im Dritten Jahrtausend - Sven Bergmann
- Jan Zwart und Psalm 146 - Jan Kroesen
- Die Sprechkraft der Frau - Otto Kroesen
- Adressenänderungen - Sven Bergmann
- Hinweis zum Postversand - Sven Bergmann
1. Einleitung
Liebe Mitglieder und Freunde,
dem Thema der diesjährigen Jahrestagung: „Die Gesellschaft als Tochter - Seelische Wandlung oder technische Zerstörung?” sind diese Mitteilungen gewidmet. Die Spannung, die im Eingangszitat beschrieben wird, ist Frauen einfacher zugänglich als Männern. Rosenstock-Huessy benutzt diese Beobachtung um Zeiterleben einsichtlich zu machen und ermutigt in erster Linie Männer dies in ihr Leben zu integrieren. Frauen sollen nicht einfach Männerrollen übernehmen, sondern auf ihre eigene Art ausfüllen. Der Austausch zu diesem Thema konnte auf der Jahrestagung allenfalls begonnen werden.
Auf der Mitgliederversammlung haben wir dann Thomas Dreessen, der aus dem Vorstand ausgeschieden ist, für 16 Jahre intensiver Mitarbeit gedankt. Jan Kroesen ist als neues Mitglied in den Vorstand gewählt worden. Als langjähriger Jahrestagungsteilnehmer ist er uns allen bekannt. In diesen Mitteilungen erläutert er seine Auswahl für das Orgelkonzert in der Jona-Kirche.
Jürgen Müller
2. Antiope auf der Jahrestagung
Auf der Tagung der Rosenstock-Huessy-Gesellschaft vom 17. bis 19. Oktober dieses Jahres beschäftigten wir uns mit dem Text, mit dem die Soziologie endet, dem Text über Antiope, über die Rolle und Aufgabe der Frau in der Zukunft. In der Zukunft: Nach der Dominanz der Kirche in den ersten 1000 Jahren und der Dominanz des Staates in den zweiten 1000 Jahren der westlichen Geschichte klopft die Zeit der Gesellschaft an die Tür, eine Zeit des anarchistischen Aufstiegs von Stämmen und Wir-Gruppen, mit der Herausforderung, den gewalttätigen Anarchismus der Stämme mit dem Anarchismus der Liebe zu überwinden. Das sind zwar nicht Rosenstock-Huessys Worte, sondern meine, aber es zeigt meiner Meinung nach, worauf er mit dieser Soziologie hinauswill, und sicherlich auch mit dem Text am Ende über Antiope. Aber vielleicht greife ich mit dieser Aussage etwas zu weit vor. Lassen Sie mich mit einer kurzen Zusammenfassung oder besser gesagt einem Überblick über das beginnen, was uns dieser Text präsentiert, auch das größtenteils in meinen Worten. So versuche ich, etwas Licht in einen schwierigen Text zu bringen, in dem Rosenstock-Huessy noch nach seinen Worten sucht.
Nihilismus
Die Gesellschaft ist eigentlich und tatsächlich nihilistischer Natur. Sie ist wie eine gut funktionierende Maschine, die eigentlich keinen Zweck und keine Bestimmung hat. Gut organisiert fahren die Züge durch das Land, aber sie drehen nur ihre Runden und kehren wieder an den Ort zurück, von dem sie abgefahren sind. Es ist so, wie der Prediger über die Sonne schreibt, die am Ende des Tages untergeht und dann die ganze Nacht über zu dem Ort „eilt”, von dem sie aufgeht. Alles ist der Leere und Eitelkeit unterworfen. Diese Charakterisierung ist typisch für die industrielle Produktion, aber auch für die meisten Büroarbeiten. Diese Arbeit verläuft nach dem Subjekt-Objekt-Schema: Planung und Ausführung, Organisation und Umsetzung, Ideen und Verwirklichung. Das macht sie zu einer stark männlichen Tätigkeit, denn das Subjekt-Objekt-Geschehen ist eine männliche Angelegenheit. Warum? Der junge Mann, der vor allem Initiator und Produzent von Ideen ist, steht am Subjektpol. Der ältere Mann hat oft keine neuen Ideen mehr, sondern bildet wie ein Spinnennetz aus alltäglicher Geschäftigkeit die Objektseite. Er ist ein Mann von Welt, er weiß sich zu bewegen. Es ist keine Reise zu einem Bestimmung, die einmal in ferner Vergangenheit begonnen hat – und das ist das Nihilistische daran. Die Frage nach dem Warum oder Wozu wird gar nicht gestellt. Es gibt keine Bestimmung.
Das Ende der Hausfrau
Gleichzeitig hat dieses industrielle System zu einer weltweiten Produktion und zu einer weltweiten Wirtschaft, einem weltweiten Haushalt geführt. Das beendet die Rolle und Aufgabe der Frau im Haushalt. Die Marmelade, die Kerze, alle Haushaltsprodukte kommen fertig aus der Fabrik. Zu Hause gibt es nichts mehr zu tun. Jetzt arbeitet auch die Frau außerhalb des Hauses und wird in die globale Wirtschaft integriert. Oft bedeutet das: Eintritt in und Übernahme der Aufgabe und Rolle des Mannes, zu Rosenstock-Huessys Zeiten vor allem an der Schreibmaschine, in unserer Zeit jedoch in allen möglichen Berufen bis hin zur Lkw-Fahrerin. Rosenstock-Huessy bezeichnet dies als etwas Vorläufiges, da es der Frau als „Weib“ keine Befriedigung geben kann 1.
Inzwischen hat Rosenstock-Huessy selbst in seinen Werken aus den 1920er Jahren deutlich gemacht, dass dies auch für den Mann nicht befriedigend sein kann. Es macht den Mann zu einem Arbeitstier, das den Plänen des Managers unterworfen ist. Aber man kann zumindest noch argumentieren, dass die Subjekt-Objekt-Linie dem Mann eigen ist. Er befindet sich also zumindest auf seinem eigenen Terrain, geradezu zu sehr auf seinem eigenen Terrain.
Die Verweiblichung des Mannes
Das ist richtig, aber wie Rosenstock-Huessy selbst im Kapitel „Antiope” argumentiert, hat der Mann in den letzten zweitausend Jahren unter dem Einfluss der christlichen Botschaft eine enorme Veränderung durchlaufen, eine enorme Verweiblichung. Der Mann ist zum Gentleman geworden. Er ist sanfter geworden (gentle). Durch was? Er hat gelernt, auf eine Zeit vor ihm zurückzublicken und auf eine Zeit nach seinem Leben vorauszuschauen. Die Zeitachse ist eigentlich das Terrain der Frau, mit der Maßgabe, dass es sich nicht um ein Terrain, sondern um eine Zeitlinie handelt. Die ältere Frau ist die Hüterin der Vergangenheit, die junge Frau ist empfänglich für die Zukunft. Wenn sich auch der Mann mit der Zeitlinie beschäftigt, führt dies zu einer Verweiblichung. Das ist auch geschehen, aber nicht, weil der Mann sich die ältere Frau oder die junge Frau zum Vorbild genommen hat. Das hätte laut Rosenstock-Huessy nicht funktioniert. Der Mann musste sich mit dem konfrontieren, was in gewisser Weise übertrieben weiblich, übertrieben mütterlich und übertrieben sensibel für die Zukunft ist. Einerseits der Priester, der Frauenkleider trägt und der die Tradition der Kirche repräsentiert und andererseits das Weihnachtskind in seiner Verletzlichkeit haben dem Mann diese Konfrontation mit der Zeitachse ermöglicht.
Wir könnten das wie folgt bildlich darstellen:

Was geschieht hier? Der Mann wird aus seiner männlichen Rolle gebracht. Er wird vom Priester und vom Christkind zur Zeitlinie hingezogen. Er lebt nicht mehr im Moment, getrieben von Ehrgefühl oder Kampfgeist. Er wird sich die Frage stellen, warum und wozu, oder besser gesagt, woher und wohin? Er ist nicht mehr der direkte Entscheider oder Kämpfer. Der Entscheider und Kämpfer wird in einen weiten Prozess der Besinnung, des Nachdenkens, der Suche nach Orientierung und Lernmomenten aus der Vergangenheit aufgenommen, auf der Suche nach echter Sensibilität und Empfindsamkeit für zukünftige Möglichkeiten. Ohne eine solche Haltung wäre beispielsweise Wissenschaft nicht möglich gewesen, denn man muss immer das aufgreifen, was ein anderer hinterlassen hat, und es einem anderen überlassen, um weiterzumachen. Das erfordert eine andere Herangehensweise. Das liegt dem Mann nicht so sehr im Blut. Er hat es gelernt.
Und nun die Frau
Bei der Frau, so Rosenstock-Huessy, ist so etwas noch nicht geschehen. Auch wenn die Frau heute die Rolle des Mannes in der Industriegesellschaft oder in unserer Zeit, der postindustriellen Gesellschaft, übernimmt, bleibt die Subjekt-Objekt-Linie weiterhin dominant. Sie muss sich darin einfügen. Das funktioniert nicht gut. Allein schon deshalb läuft es nicht gut, weil die Doppelpoligkeit des Mannes nicht berücksichtigt wird: Der junge Mann ist schließlich Sänger und Initiator, ein kreativer Mensch, während meist nur der ältere Mann, der sich auskennt und die täglichen Aktivitäten leitet, das Vorbild ist im Arbeitsleben. Mit anderen Worten, die Frau müsste zumindest auch diesen Rollenwechsel in ihre Emanzipation einbeziehen 2. Aber auch das reicht noch nicht aus.
Auch die Frau braucht eine Übertreibung, um sie auf den richtigen Weg zu bringen. Der Mann ist zwar Initiator von Ideen (Subjekt, innen) und Regulator von Aktivitäten (Objekt, außen), aber die Spannung zwischen innen und außen soll noch weiter gesteigert werden: Es muss noch innerlicher und noch äußerlicher werden, um zu verhindern, dass die Frau sonst nur den Mann kopiert. Wie ist das möglich? Die Frau muss in dem Mann Gott und Tier schauen können, und damit meint Rosenstock-Huessy: Die Frau soll die Inspiration (Gott) hinter den kreativen Ideen des Mannes erkennen, und darüber hinaus soll die Frau die rohe Kraft (Tier) hinter der täglichen Aktivität des Regulators, des älteren Mannes, erkennen. Diese beiden Übertreibungen verschaffen der Frau den richtigen Zugang zur Männerrolle. Sie kann nun ihre töchterliche Sensibilität in die Ideenbildung des jungen Mannes einbringen und ihre mütterliche Fürsorge in die täglichen Aktivitäten des Regulators. Denn nun hat sie Anteil an der zugrunde liegenden Inspiration der Ideen, und an der wilden Kraft, die heimlich in den täglichen Aktivitäten steckt.
Das können wir uns wie folgt veranschaulichen:

Antiope: in zwei Richtungen schauend
Es gibt noch etwas: Wenn der Mann seine Rolle vom jungen Mann zum älteren Mann wechseln soll, braucht er Bestätigung: Jemand muss ihn mögen und lieb haben. Wenn eine Frau ihn liebt, kann der junge Mann erst wirklich die Welt erobern. Nur so gelingt es ihm, das Terrain „Welt”, das Terrain des älteren Mannes, zu betreten. Er wird sich selbst verwirklichen dank der begeisterten Bestätigung, die er aus den Blicken einer liebenden Frau schöpft. Wer liebt spürt dass er der Welt gewachsen ist.
Soll die Frau sich die Männerrolle als junger Mann und älterer Mann zu eigen machen, besser gesagt, den Übergang von inspirierter Sensibilität beim Entwickeln von Ideen zu mütterlicher Fürsorge im täglichen Büro- oder Arbeitsalltag, dann braucht sie ihrerseits auch Bestätigung: Jemand muss sie mögen, jemand muss sozusagen darauf warten, dass dies geschieht! Jemand muss ihr dankbar sein für ihren – bei aller Übernahme traditioneller Männerrollen – weiblichen Feinschliff des Ganzen 3.
Ganzheitlichkeit
Zu all dem muss noch angemerkt werden: Männer und Frauen sind eigentlich alle Punkte auf einem Kontinuum, einer polaren Spannung zwischen dem männlichsten Mann und der weiblichsten Frau. Irgendwo auf dem Kontinuum zwischen diesen beiden findet man Männer und Frauen in allen Abstufungen zwischen Mann und Frau. Wie viele Männer konnten ihr Unternehmen dank der subtilen Bestätigung, die sie von ihrer Sekretärin erhielten, führen? Vielleicht war sie die Einzige, mit der er sich über die Dilemmata des Unternehmens austauschen konnte. Das ist doch eine subtile Form einer ehelichen Beziehung. Wenn eine weibliche Führungskraft dies nun auf ihre Weise mit fürsorglicher Zuwendung und spiritueller Sensibilität tut, können ein Augenzwinkern und ein Lächeln schon ausreichen, um sie in ihrem Kurs zu bestätigen. Du machst das gut! Ich bin froh, dass du da bist. Das gibt der Frau Bestätigung, aber nicht nur ihr. Es verändert auch den Mann. Es wirkt inspirierend, wenn sich Vorstellungskraft und Sensibilität gegenseitig anerkennen, und es wirkt bestätigend und, ich würde fast sagen, befriedigend, wenn eine fast animalische Tatkraft in Bahnen gelenkt wird. Verbinden sich Männer und Frauen nicht am Arbeitsplatz miteinander? Wenn so etwas im übertragenen Sinne geschieht, heilen Männer und Frauen sich gegenseitig und werden ganz 4.
Ehen und Gruppierungen
Wir leben in einer anderen Zeit als vorher. Frans Timmermans, ein sachlicher, gut informierter und kompetenter Politiker, hat auf der linken Seite die Wahlen in den Niederlanden verloren. Mamdani in New York hat ebenfalls auf der linken Seite die Wahlen gewonnen. Er hat die junge Mittelschicht über Tiktok mit einem stammesähnlichen Wir-Gefühl angesprochen. Dieses Wir-Gefühl musste geschaffen werden, weil es der Weg war, über den die Informationen, die er zu vermitteln hatte, aufgenommen werden konnten. Timmermans lebte noch von einem Zusammengehörigkeitsgefühl von gestern, von den Sozialisten, von der niederländischen Säulengesellschaft, die es nicht mehr gibt. Die Verbundenheit untereinander und das Vertrauen in die Führung dieser Säulen existieren nicht mehr. In der modernen Gesellschaft müssen die Menschen zunächst einmal durch den Akt der Überzeugung selbst miteinander verbunden werden. Ist das nicht auch eine Intensivierung der Zeitachse? Man glaubt an das, was sich gut anfühlt, – aber das ist doch die weibliche Sensitivität für die Zukunft? Und wenn andere dieses Gefühl teilen, steht man stark da, was resultiert in einem Wir-Gefühl. In der Einleitung schrieb ich, dass der Anarchismus der Wir-Gruppen, die stammesartig agieren und die ihre eigene Rechthaberei kultivieren, durch den Anarchismus der Liebe überwunden werden soll. Kann auch die Liebe temporäre Wir-Gruppen schmieden? Ist das die Art und Weise, wie unsere Politiker und Manager auf das Weibliche der Frau hören sollten: sensible Inspiration für die Zukunft, Hüterin der Vergangenheit? So wird die Zeitlinie zurückgewonnen, Herkunft und Bestimmung. Aber auch das kann mit viel Kurzsicht einher gehen, sodass es oft genug schiefgehen kann. Denn welche Stimme aus der Tradition wird gehört? Und welcher neue Appell wird Gehör finden? Wer verhindert, dass ein kurzsichtiges Erben der Vergangenheit und eine kurzsichtige Vision der Zukunft uns von Illusion zu Illusion weiterführen? Ist das die Situation, die Rosenstock-Huessy für die Zukunft voraussieht? Am Ende seines Kapitels hat Rosenstock-Huessy einen Satz, der in dieser Hinsicht zum Nachdenken anregt: „Kirche und Staaten dauern übermenschlich lange, und auf die übermenschliche Dauer legen sie es an. Wir müssen von allen Ewigkeiten absehen. Des Nihilisten Polterabend kann nur zu vorübergehender Gruppierung die Liebeskraft freisetzen“ 5.
Bereits zuvor hat sich Rosenstock-Huessy gefragt, ob der heutige Nihilist, der ohne Ziel in der gesellschaftlichen Maschinerie mitläuft, dennoch irgendwie Bestimmung und Herkunft entdecken kann, und er bemerkt dazu: „… den Nihilisten treffen wir nur innerhalb seiner selbst, und da lässt er sich treffen, wenn er in sich die Dualität der Zeiten trifft. Also ist es die Frage aller Fragen, ob sich die Spaltung des einzelnen Nihilisten selber in jeder einzelnen Stunde seines Lebens aufdecken läßt. Gelänge dies, so wäre „Zeit“ nicht mehr ein Thema der Theologie oder des Glaubens oder der Religion. Dann wäre Zeit ein Gegenstand der Erkenntnis des „Menschen schlechthin“. Und in diesem Falle wird dem Jahrtausend des Nihilisten zu helfen sein. Es würde zwar immer noch weder aus Heiligen noch aus glaubensstarken Revolutionären sich bilden. Aber eine Kette nihilistischer, jedoch vorübergehender Stunden wäre die Lebenslinie der sich unaufhörlich erneuernden Gesellschaft“ [6]. Insbesondere mit diesem letzten Satz: Was meint er damit? – In unserer Zeit kann uns eine Kette vorübergehender Perioden insofern helfen, als wir zwar von politischer Illusion zu politischer Illusion schreiten, dies jedoch in einer Weise, dass sie sich gegenseitig ausreichend korrigieren, um letztlich auf dem richtigen Weg zu bleiben. Ist das möglich? Ist es das, was wir von der Frau als „Weib“ und von die „Tochter Gesellschaft” erwarten dürfen? Ist es das, was die Frau als Weib zur Gesellschaft beitragen kann? Wir schreiten von der einen kurzfristigen und fehlerhafte Lösung zur nächsten weiter. Darum stehen wir noch am Anfang eines enormen Veränderungsprozesses.
Otto Kroesen
3. „Die Tochter“ im Dritten Jahrtausend
Eine Ansage Eugen Rosenstock-Huessys
Leben wir in einem „postheroischen“ Zeitalter? Diese Diagnose jedenfalls hat der Politikwissenschaftler Herfried Münkler den westlichen Wohlstandsgesellschaften des dritten Jahrtausends gestellt. Während Familien der Dritten Welt immer neue Armeen junger Männer ins Gefecht würfen, mieden die kinderarmen westlichen Gesellschaften den Opfertod und verließen sich auf ihre technologische Überlegenheit: „Die postheroische Gesellschaft verfügt nicht über eine befriedete Welt. Sie muss darum heroische Gemeinschaften ausdifferenzieren, die ihre labile Kollektivpsyche schützen.“6 Auch Peter Sloterdijk stellt dem institutionalisierten Europa kein optimistisches Zeugnis aus. Ironisch konzediert er dem abgedankten Kontinent immerhin ein ewiges Leben als museales Zitat.7
Ohne Zweifel gehört Eugen Rosenstock-Huessy mit Edward Gibbon, Karl Marx, Friedrich Engels, Friedrich Nietzsche, Eduard Meyer, Max und Alfred Weber, Oswald Spengler, Arnold Toynbee, Carl Schmitt, Eric Voegelin, Friedrich Heer, Johan Huizinga, Alexander Rüstow, William Mc Neill oder Karl Loewenstein zur Phalanx politischer Denker, deren Horizont weit über die abendländische, europäische oder westliche Perspektive hinausgreift. Sein Werk „Out of Revolution“ ziert eine Karte, die im Vorraum des Sitzungssaals der Vereinten Nationen in New York hängt: “The world adjusted to nowhere“. Eine seiner bleibenden Erkenntnisse und Lehren aus dem I. Weltkrieg lautet: „Die Erde ist rund geworden.“ Die alte – veraltete – Sicht, die aus der Mitte Europas über die Welt streifte und von dort aus West und Ost zu erschließen glaubte, hatte sich überholt.8
Wenn Sie jetzt sich entschließen würden, nach New York zu fahren in den Sitzungssaal der Vereinten Nationen, so würden Sie vielleicht sehr kritisch sein gegen das Funktionieren der Vereinten Nationen. Sie würden aber verblüfft stehen vor dem Wandbild, einer Landkarte, die so geordnet ist, daß die beiden Pole, Nordpol und Südpol, die Mittelpunkte einer Ellipse bilden und die Erdteile kreisförmig um diese Pole herumschwingen; das heißt, man hat eine Projektion gefunden, die es vermeidet, irgendein Land dieses Globus, dieses Planeten in die Mitte zu setzen.9
Mit dem amerikanischen Kreuzzug gegen die alte Welt, mit der russischen Revolution und mit der Entthronung der zum Teil tausendjährigen glänzenden Reiche in China, in Indien, in Afrika, in Persien, im Nahen Osten oder in Osteuropa hatte sich die Ausgangslage politischer Debatten grundlegend verändert. Die alten Gewissheiten taugten nicht mehr. Wie sich der Rechtshistoriker und Weltkriegssoldat vor dieser Herausforderung neu orientierte zeigt keine seiner Schriften so exemplarisch wie die 1920 im Patmos Verlag erschienene „Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution“, in der man auch eine früh kondensierte Form seiner späteren, nach dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Soziologie sehen kann. In der Schrift durchlebt er die Etappen des Krieges, beschreibt revolutionäre Veränderungen seiner Gegenwart in Universität, Kirche und Staat und gibt einen Ausblick auf die Zukunft: „Im Frieden“. In drei Abschnitten, „Die Arbeitsgemeinschaft“, „Die Tochter“ und „Menschheit und Menschengeschlecht“ gibt er eine Ahnung von dem, was die Menschen im dritten Jahrtausend erwartet. Seine engsten Freunde Hans Ehrenberg in seiner dialogischen „Disputation“ oder Franz Rosenzweig in den drei Teilen seines „Stern der Erlösung“ wählten einen ähnlichen Aufbau. Die drei Kapitel stehen jeweils für einen spezifischen Aspekt der Zukunft, erschließen ihre Stoßrichtung aber nur in wechselseitiger Verschränkung.
Die – katholisch-mittelalterliche – Kirche kennt den Schutz des Menschen vor der Natur. Denn die Natur ist verzaubert und der Seele des Menschen gefährlich. Sie ist sein Feind, den der Priester beschwört, wie er die Ernte durch seinen Segen schützt. Das ist die Religion und die Autorität der Kirche. Der neue – protestantisch-neuzeitliche – Staat kennt den Schutz und die Pflege der Natur. Sie ist sein Häftling, den er zurechtstutzt und dämpft und korrigiert, wie er das Vöglein in seinem Salonkäfig füttert. Das ist das Privileg und die Hoheit des Staats. Die neue Welt der Technik aber fordert den Schutz des Menschen durch die Natur. Ihr Weg geht quer durch die Leidenschaften der Natur, durch die Entfesselung der Elemente. Die Männer der Technik begreifen den kirchlichen Aberglauben gegen die Natur ebensowenig wie die Staatsprivilegien über die Natur. Denn ihre Kräfte, ihre Funken, ihre Drähte, ihre Flugzeuge, ihre Schiffe, ihre Meßapparate überstürmen die ganze Erde. Darum kennen sie nur die Gesellschaft, die an der Durchkräftigung der ganzen Erde tätige Gesellschaft. Die Gliederung in einzelne Länder und Erdteile ist für die neue Welt der Arbeit nur ein Unterfall der Einheit der menschlichen Gesellschaft. Die Zerstreuung der einzelnen Menschen in ihrem Kampf ums Dasein ist für sie nur ein Unterfall des Kampfes der ganzen Menschheit um die Entzauberung, Befreiung und Vollendung der Natur. Freilich stürmen diese Kräfte über die ganze Erde hinweg und umspannen sie mit Leichtigkeit. Darum einigen sie die ganze Erde; darum zwingen sie das ganze Menschengeschlecht zum Zusammenwirken.10
Wie müssen wir uns die Zukunft der Menschheit vorstellen? Als das Ideal einer liberalen Welthandelsgesellschaft für die Francis Fukuyama 1989 das „Ende der Geschichte“ erneut in Anschlag brachte? Als allwissende Weltregierung, die nationale Konflikte oder Staatenkriege verhindert? Oder doch als die Utopie einer sozialistischen Weltkommune von der Thomas Morus bereits Anfang des 16. Jahrhunderts handelte? Herausgefordert durch Krieg und Revolution entstand die ganz eigenständige und bisher in dieser Dimension noch gar nicht erkannte Position Eugen Rosenstock-Huessys.11 Gerade aus der Erschütterung des Ersten Weltkriegs und dem Blutbad der Siegfriedsöhne, das er in Verdun am eigenen Leib gespürt hatte, ergab sich ihm eine ganz andere Zukunft.
Den Männern ist das Herz gebrochen. Deutschland ist ein großes Krankenzimmer. Es ist ein schlechtes Volk, daß heut kraftvoll sein Geschäft betreibt und losbricht zur Arbeit mit schäumender Kraft: Schieber sind es, ob nun in Wissenschaft, Politik oder Künsten oder Handel… Männer können die Ärzte nicht sein… Der männliche Geist ist ausgelaugt. Er salzt nicht mehr.12
Er nahm Weltkrieg und Revolution als wirkliche Zeichen einer Wende der Weltgeschichte. Und für diese Wende erwartete er den Auftritt der Tochter als der bisher im vierfältigen Familiengeflecht am wenigsten zu Stimme gelangten Position:
Früher hätte ein Vater seiner Tochter niemals erlaubt, Freud, Gandhi, Marx, Admiral Byrd oder Leslie Howard zu verehren. Er wäre der eifersüchtige Gott gewesen. Moderne Frauen probieren viele Gottheiten aus, viele Lehrgebäude und viele Kochrezepte, ehe sie heiraten. Der Platz des Vaters, dieser einen großen persönlichen Autorität für Werte wird von einer anonymen Zeitgenossenschaft eingenommen.13
Im folgenden wollen wir uns dem Entwurf „Die Tochter“ widmen. Der vielleicht überraschendste Teil des perspektivischen Trios kann in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden, zumal die Thematik zugleich den Abschluß der dreibändigen Soziologie bildet, an der der Autor bis Ende der 50er Jahre arbeitete. Dort heißt das Kapitel „Antiope oder die Binität“, zum Teil mit wörtlichen Zitaten aus „Der Tochter“.14 Mit dem Topos der Tochter verbinden sich die drei großen zeitgenössischen Emanzipationsbewegungen gegen den patriarchalen Status quo: die Frauenbewegung, die Arbeiterbewegung und die Jugendbewegung: „Die Industrie ist ein Riesenarbeitshaus, eine Ökonomie, die alle einzelnen Haushalte verschlingt. Die Frau muß Mensch werden, weil sie in die Welt hinausgefallen ist und dort nun wie ein Mann arbeiten soll. Das kann sie nicht.“15 Für Eugen Rosenstock-Huessy war Gewissheit was für Friedrich Engels noch Erwartung war:
Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Manne, eine Unmöglichkeit ist und bleibt, so lange die Frau von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem, gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann, und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutenden Maß in Anspruch nimmt. Und dies ist erst möglich geworden durch die moderne große Industrie, die nicht nur Frauenarbeit auf großer Stufenleiter zuläßt, sondern förmlich nach ihr verlangt, und die auch die private Hausarbeit mehr und mehr in eine öffentliche Industrie aufzulösen strebt.[23] [^23]: Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Text (= MEGA, I.Abt., Bd.29), Berlin: Dietz Verlag 1990, S.256.
Aufbauend auf dem Kapitel über die Arbeitsteilung, in dem Eugen Rosenstock-Huessy die Ehe als Vorbild und Maßstab der menschlichen Schöpferkraft zur Überwindung und Einhegung fundamental gegensätzlicher Elemente bestimmte, leitet er seinen Essay „Die Tochter“ mit der totalen Erschöpfung der bisher dominierenden Söhne ein. Und doch muß die Wahl dieses Titels erstaunen, zumindest für eine politische Stellungnahme des Jahres 1920. Aufschluß bringt der Textverweis auf das gleichnamige Werk von Johann Wolfgang von Goethe: „Die natürliche Tochter“. Vor dem Hintergrund der klassischen Bildung der seinerzeitigen Leser mögen weitere Hinweise überflüssig gewesen sein. Heute dürfte außerhalb von Germanistenkreisen selbst die Existenz eines solchen Dramas „des Dichters“ unbekannt sein. Dabei handelt es sich um Goethes Suche nach einer Position angesichts der Herausforderung der Französischen Revolution; ein unvollendet gebliebenes Projekt, aber immerhin „Goethes bedeutendstes Drama in seiner zweiten Lebenshälfte“.16 Und für Eugen Rosenstock und seinen Freund Franz Rosenzweig markierte dieses Ereignis einen elementaren Bezugspunkt ihrer politischen Orientierung wie ihr Briefwechsel zwischen den Fronten des Ersten Weltkriegs dokumentiert.17
An seiner Soziologie hat der Autor über vierzig Jahre gearbeitet, immer wieder unterbrochen von vordringlichen politischen und gesellschaftlichen Prioritäten, in der Hoffnung eine erahnte Katastrophe abzuwenden. Mit der Tochter knüpft er bei Goethe an, aber mit der Antiope weitet er den Blick in die gar nicht graue Vorzeit, die Zeit von Tierzucht, Metallverarbeitung, Astronomie und Schiffbau, also just dem Zeithorizont, den er in seiner Göttingen Vorlesung von 1950 angemahnt hatte. Seine Forderung wurde knapp 50 Jahre später eingelöst, nicht von den angesprochenen Historikern sondern von einem Professor für Kunst, Klaus Theweleit.18
Diesem Feld wollen wir uns um Folgenden zuwenden, der Argumentation in „Die Tochter“, der Parallele zu Goethes Drama, dem historischen Kontext der Frauenbewegung und schließlich der „Antiope“, die ihn so beschäftigte, daß er seiner langjährigen Brieffreundin Sabine Leibholz-Bonhoeffer das gleichnamige Gedicht widmete.
Die Tochter
*Die Tochter ist ja heute viel interessanter, weil sie zum ersten Mal in die ganze Gesellschaft eintritt. Weil heute die Mündigkeit des Mädchens eine Urbedingung unserer weiteren Existenz ist, dieses Mündigwerden, dieses sich nicht mehr auf die väterliche oder mütterliche Religion einfach verlassen können. Sie müssen ja Ihren Glauben selber bekennen. Das hat früher ein Mädchen nicht tun müssen. Sie hat mit sechzehn Jahren oft geheiratet. Da war die Autorität der Eltern noch nicht erloschen. Und dann trat sie schon in eine neue Welt ihres Mannes ein. Heute hätte der Mann überhaupt keinen Himmel über sich, wenn die Frau ihm diese Wortkraft nicht zubringt. Sie muß also sich selber etwas an Mündigkeit erwerben. Und deswegen studieren Sie. Deswegen haben Sie Berufe. Das ist ja alles unglaublich neu und ist ja noch lange nicht verkraftet. Denn zunächst hat man ganz naiv die Töchter erzogen wie die Söhne. Ich hoffe, es kommt der Tag, wo Sie, meine Damen, dagegen protestieren werden und Ihre Töchter davor bewahren werden, daß Sie hier auf so häßlichen Bänken sitzen müssen und Ihren Körper dabei ruinieren.[^27] [^27]: Eugen Rosenstock-Huessy, Die Gesetze der christlichen Zeitrechnung. Gastvorlesung an der theologischen Fakultät der Universität Münster/Westfalen Sommersemester 1958, hrsg.v. Rudolf Hermeier und Jochen Lübbers, Münster: agenda Verlag 2002, S.151/152.
Man sieht dem Essay über die Tochter Satz für Satz an, daß er im Schatten des Ersten Weltkrieges entstanden ist und zugleich die emotionale Betroffenheit des Autors. Die Tochter hat er sich nicht „ausgedacht“, die Konstellation hat er am eigenen Leib erfahren. Vielleicht hat er auch schon erste Überlegungen in seinem Elternhaus angestellt, in dem er mit seinen Geschwistern, den drei älteren und drei jüngeren Schwestern unter einem Dach lebte und für die er von seinem Vater im Falle seines Ablebens in die Verantwortung gerufen worden war. Dabei sind die Überlegungen des Essays alles andere als eine spontane Eingebung. Vielmehr beschreibt „Die Tochter“ trotz aller Aktualität eine historische Dimension, die mit Christi Geburt anhebt und nach der jeweiligen Vorherrschaft von Kirche und Staat mit der Französischen Revolution eine Brisanz erfährt, die im 20. Jahrhundert mit dem technischen Durchbruch zur Weltgesellschaft die Tochter auf die Bühne der Weltpolitik führt:
Kirche und Staat haben die Menschen vergessen gemacht, daß Gott sich offenbart; denn sie halten Kirche und Staat für ihr unentreißbares, unentziehbares Privateigentum. Darin sind sich Kirchen- und Staatsmänner gleich, daß sie beide auf ihr Eigentum pochen, als seien die Häuser, in denen sie wohnen ewig. Sie haben sich dadurch Gottes bemächtigt und ihn unter sich gebeugt. Denn erst bei dem Unmöglichen fängt Gottes Allmacht an. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.19
Lange waren die Menschen der Natur feindlich gesinnt und der „verzauberten“ Natur unterlegen. Bis weit in die Neuzeit hatten Christen die Natur und als „Gefahrenquell“ auch die Frauen insgeheim gefürchtet. Und so war es in der Neuzeit auch nur konsequent im Rahmen der Beherrschung und Zurechtstutzung der Natur, Frauen und Mädchen zuhause einzuschließen, jedenfalls nicht als ebenbürtig anzuerkennen. Und anstatt die Ehe als „Urbild aller leiblichen Gemeinschaften“ anzuerkennen, habe man gerade in der Gegenwart die Ehe als bloße Arbeitsgemeinschaft verhöhnt und damit zerstört. Diese vollkommen verdrehte Sicht auf die Wirklichkeit ließe sich fortan nicht mehr halten.
Die Heilung hat schon in dem Augenblick sich vorbereitet, wo das Verderben hereinbrach. Als Prometheus die große Revolution vollführte, da ließ der Dichter ahnungsvoll die natürliche Tochter aufbewahren in der Stille und Verborgenheit zur Rettung des Volkes, da prägte er den überheidnischen, aber auch überchristlichen Satz: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan. Die irdische Liebe soll entsühnt werden.
Die große Revolution ist hier diejenige von 1789 und in der Tat erhob Olympe de Gouges 1791 erstmals ihre Stimme zur Erklärung „Der Rechte der Frau“ gegen die Tyrannei des Mannes. Letztlich büßte sie mit ihrem Kopf für ihre Kühnheit. Aber sie blieb nicht die einzige Märtyrerin der Frauenfrage.
Wir sollen heut nicht durch die Zerteilung unserer Seele in Leib und Geist geheilt werden. Denn die Mittel haben die Kirchenchristen verbraucht. Die Aufopferung des Leibes für den Geist wirkt nicht mehr, da der das Opfer empfangende Geist trotzdem leerer, wirkungsloser Geist bleibt. So findet umgekehrt nur die Einheit von Leib und Seele Gnade vor Gottes Augen. Und er beruft zur Erneuerung seiner Offenbarung die Tochter des Menschen, die natürliche Tochter und Schwester, wie der Dichter sie in seiner „Eugenie“, prophetisch sich selber übertreffend, geahnt hat; die Tochter des Menschen empfängt in ihr Herz die Berufung, zu heilen die zerstoßenen Herzen.
Nun wird heut die Kreatur, die noch übrig ist im Bereich des Menschen, die geschaffene Natur, die noch nicht eingegangen ist in die gestanzten Formen männlicher Kirchen- und männlicher Staatenbauten, sie wird berufen, damit von ihr aus die alte zerfallende, verwesende Geisteswelt neuen Anreiz und neues Leben empfange.
Die Tochter symbolisiert also das Seufzen der Kreatur und bringt jene Aspekte lebendigen Zusammenlebens zur Sprache, die bisher Anathema waren. Und es ist sicher kein Zufall, daß gerade im dritten Jahrtausend Frauen im Feuer politischer Konflikte stehen. Und in diesen Kontext gehört Eugen Rosenstock-Huessys Fassung der „Säkularisierungsthese“:
*Da ist heut keiner mehr, der nicht christliche Gedanken in sich trüge, auch wenn er auf eine heidnische „Weltanschauung“ selbstbewußt schwört. Und da ist kein selbstbewußter Orthodoxer, der nicht unchristliches Geistesleben neben oder hinter seiner Orthodoxie birgt. Bisher schien im
Auf welchem Kontinent auch immer, sind es vordringlich Frauen, die ihre Finger in die Wunden überheblicher Anmaßung und von der Zeit überholtem Gehabe legen. Man schaue sich nur die Listen der alternativen oder originären Nobelpreise an, der Friedenspreise und der Menschenrechtspreise. Greta Thunberg, Irina Scherbakowa, Mutter Theresa, Maria Machado, Narges Muhammdi, Eren Keskin oder Gisèle Pelikot repräsentieren nur die Spitze eines Eisbergs. „Unter dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ solidarisierten sich Exil-Iranerinnen und -Iraner, aber auch hiesige gesellschaftliche Gruppen mit der Protestbewegung.“20 Eugen Rosenstock kann nicht ganz falsch gelegen haben, als er diese Bewegungen in Aussicht stellte.21
Über all diese Überlegungen hinaus enthält „Die Tochter“, wie die beiden anderen Essays, einen kaum versteckten biographischen Subtext, der auf die Dreiecksbeziehung zwischen Eugen und Margrit Rosenstock sowie Franz Rosenzweig anspielt und die ganze Dramatik dieser Beziehung in Worte zu fassen versucht:
Die schöne Jüdin war es, die Judas vorbehaltenes Volk hineinzog in die Gemeinschaft der Völker, in die christliche Gesellschaft. Eine bis dahin selbstverständliche Schranke – der Christenheit – zerbrach. Das Judentum, das Volk Gottes, der Hüter des Gesetzes, sah die Riegel zerbrechen, die Abrahams Samen verwahrt hatten bis dahin. Und es zerbrachen nicht nur die Schranken des Bluts und des Volkstums. Es zerbrach auch die Form des ehelichen Bandes. Denn damals wird der heidnische Ehrenpunkt zerbrochen, der Todfeindschaft setzt zwischen zwei, die das selbe Weib lieben. Ein Stück Welt wird hier überwunden, das unausrottbar schien wie die Natur. Die Enge aller irdischen Formen wird offenbar vor der Allmacht der göttlichen Kraft. Die Liebe wird die Kraft, die den Mann über die Schranken seines Bekenntnisses, seines Glaubens, über die Ehre seines Volkes und seiner Ehe hinauszwingt, die ihn sogar im Nebenbuhler den Bruder finden lehrt. Sie ist stärker als Blut und Sakrament. Denn sie „passiert“. Sie ist die Überraschung, die das scheinbar schon geregelte Leben umstürzt und auf neue Grundlagen stellt.22
Darüber hinaus verweist der Autor im dritten Abschnitt „Menschheit und Menschengeschlecht“ auf die alte versinkende Welt des Duellstandpunkts:
Heut hat Christus auch dies wie alle Tiermoral besiegt. Heut besitzt niemand sein Weib. Gott gäbe es ihm denn und erhielte es ihm tagtäglich. Er hat keine „gesetzlichen“ Rechte auf Liebe. Die staatlich-diesseitige Legitimität zerfällt wie alle Legitimität. Das Leben des Herzens ist nicht befohlen oder von staatswegen geordnet, sondern es geschieht, es ereignet sich, oder es ereignet sich nicht. Das Weib, als Frau und Mutter ruhiger Besitz, wird zur Braut, der ewig neu geliebten, neu sich verschenkenden. Daß der gehaßte Feind zum Bruder wird, das kann ein männliches Herz nur ertragen, wenn die geliebte Frau zur Braut wird.23
In der Folge wird Eugen Rosenstock auch den Mädchennamen seiner Frau, Huessy, annehmen.
Goethes Revolutionsdrama
Eugen Rosenstock thematisierte 1920 seine Erschütterung durch Krieg und Revolution. Es liegt daher nahe, daß er sich den Urteilen klassischer Denker über die vorausgegangene Französische Revolution zuwandte. Und mußte da nicht neben Hegel, mit dem sich sein engster Freund Franz Rosenzweig abmühte, Goethe ins Spiel kommen, der damals ein neues Zeitalter angesagt hatte und 1808 gar mit Kaiser Napoleon zusammengetroffen war? Der Ausbildung nach Jurist wie Eugen Rosenstock hat Goethe sehr um sein Verhältnis zur Revolution gerungen. Letztlich stand die Revolution fundamental gegen die ständische Ordnung, der er seine dichterische Freiheit ohne Marktzwang verdankte. Nachdem ihm Schiller die Memoiren der Stéphanie-Louise de Bourbon-Conti geborgt hatte, fing Goethe Feuer und am 2. April 1803 erlebte das Drama unter dem Titel „Eugenia oder Die natürliche Tochter“ die Uraufführung. Kein anderer Stoff hat ihn in seiner zweiten Lebenshälfte derart beschäftigt und das eigentlich auf fünf Teile projektierte Drama blieb ein Torso. Dabei boten sich die Memoiren umso mehr an, als Jean Jacques Rousseau persönlich der Erzieher der Gräfin de Bourbon-Conti war: „Rousseau, ihrem wichtigsten Mentor, dem Schützling ihres Vaters, verdankt Stéphanie nach ihren Worten ihre Fähigkeit zur Ausdauer, die stoische Kraft ihrer später leidgeprüften Seele, die sich über alle Schicksalsschläge erheben wird.“24 Goethes eigentliches Revolutionsdrama schildert die Spannung zwischen adeliger und bürgerlicher Welt, und den Riß, der mitten durch die „natürliche“ also uneheliche Tochter Eugenie geht.25 Vom Olymp der stabilen alten Ordnung gerät sie in eine reißende Revolution, in den Konflikt zwischen ihrem Vater und ihrem Stiefbruder im Streit zwischen königlicher Prärogative und den Reformforderungen der Gerichte (Parlamente), bis es für sie kein Halten mehr gibt und sie ins Nichts verschifft werden soll. Eine Konstellation die sie kaum durchschaut und auf die sie nicht vorbereitet war: „Kind zuerst, Scheintote in der Mitte, verbannte unsichtbare Göttin am Schluß“, in dieser Katharsis spielt sich das persönliche Drama Eugenies ab.26 „Diese Undurchschaubarkeit nun aber von der persönlichen Sphäre Stéphanies in jene allgemeine der Politik als solcher gehoben zu haben, folgt aus Goethes zugleich zeitkritischer und symbolisierender Tendenz, die dem Bereich der Politik eine negative Naturgesetzlichkeit zuordnet“ genau mit Verweis auf die von Eugen Rosenstock-Huessy zitierte Erwiderung des Gerichtsrates auf die Frage Eugenies nach „Recht und Ordnung“:
In abgeschlossnen Kreisen lenken wir,
gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe
des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemeßnen Räumen
gewaltig seltsam hin und her bewegt,
belebt und tötet, ohne Rat und Urteil,
das wird nach anderm Maß, nach anderer Zahl
vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.
(Vierter Aufzug, zweiter Aufritt27)
„Das Thema der glanzvollen Erscheinung eines höheren Wesens, dem kein rechtmäßiger Aufenthalt in der geschichtlichen Gegenwart mehr zukommt und das als „unsichtbare Gottheit“ diejenigen bestimmt, die ihr inneres Bild in ihrer Erinnerung festhalten, um so die Auflösung alles Geeinten zu bestehen, ist in den Kontext der die Natürliche Tochter umgebenden Werke zu stellen, um differenzierter und konkreter begriffen zu werden.“28
Für den Studenten Eugen Rosenstock dürfte der breit rezipierte Goethe Friedrich Gundolfs, der ab 1910 in Heidelberg lehrte, nicht ohne Wirkung geblieben sein. Dessen Anmerkungen zur „Natürlichen Tochter“ sind eingefügt in das Kapitel „Die Revolution“.29 Dabei sah Gundolf in diesem Beitrag das dritte Stadium von Goethes Verarbeitung der Französischen Revolution.30 Außerdem liegt eine Anregung durch Gustav Radbruch, dem späteren Reichjustizminister nahe, mit dem Rosenstock seit 1908 befreundet war. Dieser hatte in der Kulturzeitschrift „Logos“ einen Beitrag über Goethes Wilhelm Meister verfaßt und sich dabei insbesondere mit dessen Revolutionsbegriff beschäftigt:
Denn Goethe ist Revolutionen im Leben der Staaten ebenso feind wie der vulkanistischen Geologie der Erdrevolutionen. Ordnung ist ihm als ein Natur und Menschheit zugleich umspannender kosmischer Wert heilig und als die unerläßliche Vorbedingung des einzigen, das not tut: des Leistens und Schaffens, selbst mit dem Preise des Despotismus, ja der Fremdherrschaft nicht zu teuer erkauft. Deshalb müssen wir auch das letzte Wort Goethescher Gesellschaftsphilosophie dort suchen, wo er sein Gemeinschaftsideal ohne Rücksicht auf überlieferte Ordnungen im geschichtsleeren Raum zu konstruieren in der Lage ist: bei den Amerika-Wanderern.31
Schon Radbruch deutete als drittes Ideal neben der „individualistischen – liberalen oder demokratischen – Lehre, welche die Gemeinschaft in den Dienst des einzelnen stellt“ und der überindividualistisch-konservativen Staatsphilosophie die Arbeitsgemeinschaft als Zukunftsperspektive an, deren letztes Ziel die Kultur bilde:
Neben den Freiheits- und den Machtstaat tritt der Kulturstaat. Hat Goethe die Idee des Freiheitsstaates in ihrer ausgeprägtesten Form: des Rechts- und Justizstaates in jenen Ausführungen, welche Polizei, nicht Justiz in den Mittelpunkt der Staatsaufgaben stellen, ausdrücklich zurückgewiesen, so übergeht er den Gedanken des Macht-, des Nationalstaates mit geflissentlich kaltem Schweigen: des ganzen Begriffszusammenhanges Nation und Macht, Krieg und Heer wird mit keinem Worte gedacht, man müßte denn die flüchtige Bemerkung über Lotharios Feldjägercorps hierher rechnen. Kein Zweifel, daß die Gesellschaftslehre des Wandererbundes mit ihrem Grundgedanken des Leistens und Schaffens in spezialisierter Berufsarbeit sich dem dritten Ideal einer Arbeitsgemeinschaft einfüge.32
Und genau dieses dritte Ideal der Arbeitsgemeinschaft bildete 1920 einen der zentralen Begriffe, auf denen Eugen Rosenstock-Huessy sein Gesellschaftsverständnis im Dritten Jahrtausend aufbaute.33
Eugen Rosenstock war ein zutiefst existentieller Denker, der sein Herz auf der Zunge trug und selbst intimste Details menschlicher Beziehungen subtil in seine Schriften eingeflochten hat. 1988, zum 100. Geburtstag erfüllte Bas Leenman dem Autor den Wunsch, das Kapitel die Tochter nach seinem Tode „in einem schönen, weißen Bändchen“ herauszugeben.34
So findet umgekehrt nur die Einheit von Leib und Seele Gnade vor Gottes Augen. Und er beruft zur Erneuerung seiner Offenbarung die Tochter des Menschen, die natürliche Tochter und Schwester, wie der Dichter sie in seiner „Eugenie“, prophetisch sich selbst übertreffend, geahnt hat; die Tochter des Menschen empfängt in ihr Herz die Berufung, zu heilen die zerstoßenen Herzen.35
Historischer Kontext
Wie schon angemerkt, hatte die Frauenfrage mit der Französischen Revolution eine entscheidende Wendung genommen, die bis in die Gegenwart anhält. Dabei wird oft übersehen, daß entscheidende Emanzipationsschritte von der Kirche ausgegangen waren:
Erst die Kirche hat – wie Sie wissen, Sie brauchen nur die Promessi Sposi von Manzoni zu lesen – den einzelnen Menschen das Recht zur Eheschließung gegeben, das Recht, ja oder nein zu sagen. Das ist wohl die größte Tat des Investiturstreites geworden, daß die Kirche die Ehegatten, auch die Frau, von der Bevormundung ihrer Eltern emanzipiert hat. Es ist also ein neues Recht in die Menschen in Europa hineingefahren. Sie wissen, die letzte solche Ehe, an der dann das Mittelalter zerbrochen ist, die Ehescheidung Heinrichs VIII. hat Epoche gemacht. Aber die Kirche hat die ganzen Jahrhunderte vorher um dasselbe Problem gerungen: Wie verleihe ich dem Mädchen, der Tochter, eine Stimme im Ehesakrament? Merkwürdigerweise wird heute von den römischen Katholiken gar nicht genügend hervorgehoben, daß in der Gesetzgebungsarbeit aller Gebiete Europas die Kirche eine entscheidende Stimme zur Emanzipation der Frau erhoben hat, und daß dies heute noch gilt. Sie haben jetzt in den letzten Tagen in Deutschland ein Gesetz verabschiedet, wo das ein bißchen übertrieben wurde.36
Gerade am 1. Juli 1958 war das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts“ in Kraft getreten. Der Mann verlor sein Letztentscheidungsrecht, solange die Frau durch eine Berufstätigkeit ihre Familienpflichten nicht vernachlässigte.
Im wilhelminischen Kaiserreich spiegelten sich in der Frauenfrage sämtliche gesellschaftlichen Konfliktlagen: soziale Frage, Religion, Sexualität, Industrialisierung, der Gegensatz von Stadt / Land, Bildung und Besitz, Militär, Recht und Politik.37 Vorreiter der bürgerlichen Frauenbewegung war das Land Baden, mit den beiden Universitäten Heidelberg und Freiburg. Der Student Eugen Rosenstock zählte zu einer der ersten Generationen für die Kommilitoninnen kaum noch Exotik versprühten. In den 20er Jahren stürmten die Töchter rauchend, mit Bubikopf in langen Hosen an die Öffentlichkeit. Damit trat die Frauenemanzipation in eine neue Phase ein. Zunächst war es den organisierten Frauen um Gleichberechtigung, um gleichen Zugang zu bisher verschlossenen Berufen, um Schule, Bildung und Studium gegangen. Themen waren Mutterschutz, Gesundheitsversorgung, Abtreibung, Prostitution, Kinderschutz, Vereinsrecht und schließlich das Frauenwahlrecht. Eine offensive Interessenvertretung war schlicht verboten, bis 1908 ein neues Vereinsrecht in Kraft trat. Nachdem diese Hürde genommen war und die ersten Frauen in Positionen an den Universitäten und in der Wirtschaft einrückten, erkannten sie, daß es eine Illusion ist, bloß die männliche Rolle zu kopieren. Dabei war das Engagement der Frauen schon im 19. Jahrhundert sehr beachtlich. Nach Gründung des Allgemeinen deutschen Frauenvereins 1865 zählte der Bund deutscher Frauenvereine 1894 rund 500.000 Mitglieder in 2500 Lokalgruppen. Die ersten Immatrikulationen von Studentinnen lassen sich erst nach der Jahrhundertwende feststellen. Hier spielte der Widerstand oder die Aufgeschlossenheit einzelner Professoren eine wesentliche Rolle. Eine Vorreiterin war Else Jaffe von Richthofen, die bei Max Weber in Heidelberg promovierte und später als Fabrikinspektorin in die Wirtschaft wechselte. Allein ihre Erscheinung sorgte für einiges Aufsehen; ihre zahlreichen Affären waren im Universitätsmilieu durchaus nicht ungewöhnlich. Während die Erzieherin Helene Lange stellvertretend für die frühe Phase der Bewegung steht, repräsentiert Alice Salomon38 die neue Frauenbewegung nach der Jahrhundertwende:
Die wirtschaftlichen Forderungen der Frauenbewegung waren ursprünglich nur auf die Unverheirateten zugeschnitten. Man verlangte die Eröffnung aller Berufe, man forderte gleiche Ausbildungsmöglichkeiten für Mann und Frau, damit die Frau im Erwerbsleben, in ihren Leistungen es dem Manne gleich tun könne. Man ging dabei wohl von der Voraussetzung aus, dass die natürlichen Anlagen von Mann und Frau gleiche seien, dass die ungleichen Leistungen der Geschlechter nur zurückzuführen seien auf die verschiedenartige Erziehung; dass selbst die geringere Körperkraft der Frau ein Ergebnis falscher Erziehung, der Entartung sei. Die Stellung des Mannes war der Massstab, an dem alle Lebensverhältnisse der Frauen gemessen, nach dem auch alle wirtschaftlichen Forderungen aufgestellt wurden.39
Weitere Protagonistinnen in Deutschland waren die in Bethel begrabene Vertraute Friedrich Naumanns, Gertrud Bäumer, Gertrud Simmel alias Marie Louise Enckendorff, die Gräfin von Reventlow oder Jeannette Schwerin. 1904 traten auf dem Internationalen Frauenkongress in Berlin mit Susan B. Anthony, May Wright Sewall, Lady Isabel M. Aberdeen und der ersten Friedensnobelpreisträgerin Berta von Suttner führende Vertreterinnen der Bewegung auf. Melli Beese erwarb 1911 als erste deutsche Frau einen Pilotenschein und in den 20er Jahren setzte Clärenore Stinnes zur ersten Weltumrundung im Automobil an. Außerdem gab es eine weitere Märtyrerin: Miss Emily Wilding Davison starb am 8. Juni 1913 an ihren Verletzungen, die sie sich Tage vorher zugezogen hatte, als sie sich beim Derby in Ascot vor die Pferde geworfen hatte. Für Eugen Rosenstock-Huessy ein Kriterium für die Ernsthaftigkeit jeder sozialen Bewegung. Wichtige Schriften zur Frauenfrage erlebten in dieser Zeit hohe Auflagen und mußten schon nach kurzer Zeit neu aufgelegt werden.40
So wie Eugen Rosenstock die Arbeitsgemeinschaft als vorbildlich für die Befriedung gesellschaftlicher Konflikte angeführt hat, hatte Marianne Weber in ihrem kulturgeschichtlichen Abriss „Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung“ bereits 1907 die Ehe als vorbildliche Institution vorgestellt und dabei zeitgenössische Mythen entzaubert, so die Idee eines ursprünglich gewaltfreien Matriarchats.41 Den Vorstellungen vom edlen Wilden, der freien Liebe und Sexualität, denen oft wirtschaftliche Ausbeutung zugrunde lag, stellte sie profane Abhängigkeitsverhältnisse entgegen. Und gerade Ehe und Eigentumsbesitz hätten die Unabhängigkeit der Frau gegenüber physisch überlegenen Männern gestärkt. Dabei darf man sich die frühen Formen der Ehe nicht allzu idyllisch vorstellen. Bei Nomaden mit Viehbesitz bestand die Eheschließung in einem geschäftlichen Austausch der Tochter mit einer bestimmten Anzahl von Tieren. Die Frau rangierte als Besitz- und Beuteobjekt, wie Ehemann Max Weber in seiner „Soziologie“ ausführte:
Die Töchter gelten, wie alle Kinder, als nutzbarer Besitz der Hausgemeinschaft, in der sie geboren sind. Diese verfügt über ihre Hand. Der Leiter kann sie, ebenso wie seine Frau, seinen Gästen sexuell zur Verfügung stellen, sie zeitweilig oder dauernd gegen Abgaben oder Dienste sexuell nutzen lassen. Diese prostitutionsartige Verwertung der Haustöchter bildet einen beträchtlichen Teil der unter dem unklaren Sammelnamen des »Mutterrechts« verstandenen Fälle: Mann und Frau bleiben in diesem Fall jeder in seiner Hausgemeinschaft, die Kinder in der der Mutter, der Mann bleibt ihnen ganz fremd und leistet nur, in der heutigen Sprache ausgedrückt: »Alimente« an ihren Hausherrn. Es besteht also keine Gemeinschaft des Hauses von Mann, Frau und Kindern. Diese kann auf der Basis von Vater- oder Mutterfolge entstehen. Der Mann, welcher die Mittel besitzt, eine Frau bar zu bezahlen, nimmt sie aus ihrem Haus und ihrer Sippe in das seinige. Seine Hausgemeinschaft wird ihr voller Eigentümer und damit Besitzer ihrer Kinder. Der Zahlungsunfähige muß dagegen, wenn ihm die häusliche Vereinigung mit dem begehrten Mädchen von dessen Hausherrn gestattet wird, in dessen Hausgemeinschaft eintreten, entweder zeitweise, um sie abzuverdienen (»Dienstehe«) oder dauernd, und der Hausgemeinschaft der Frau verbleibt dann die Gewalt über sie und die Kinder. Das Haupt einer vermögenden Hausgemeinschaft also kauft einerseits von minder vermögenden anderen Hausgemeinschaften Frauen für sich und seine Söhne (sog. »Digaehe«) und zwingt andererseits unvermögende Freier seiner Töchter zum Eintritt in den eigenen Hausverband (»Binaehe«). Vaterfolge, d.h. Zurechnung zum Hause und zur Sippe des Vaters, und Mutterfolge, d.h. Zurechnung zum Hause und zur Sippe der Mutter, Vaterhausgewalt, d.h. Gewalt des Manneshauses, und Mutterhausgewalt, d.h. Gewalt der Hausgemeinschaft der Frau, bestehen dann nebeneinander für verschiedene Personen innerhalb einer und derselben Hausgemeinschaft.42
Man müßte Eugen Rosenstock schon sehr dichte Scheuklappen andichten, die Universalgeschichte Marianne Webers nicht zur Kenntnis genommen zu haben.
Antiope oder die Binität
So zeitgebunden sich der erste Entwurf der Tochter präsentierte, so abgewogen kommt das letzte Kapitel der dreibändigen Soziologie „Antiope oder die Binität“ über den Leser. Und es kann gar nicht anders sein als Abschluß eines mehr als tausendseitigen Werkes, das Stämme, Reiche, Religionen und heilige Schriften, Ägypten, Jerusalem, Rom und Athen, Tempel und Märkte an sich vorüberziehen läßt. Dennoch ist der Text auch ohne dieses Vorwissen verständlich. Daß es sich um einen Abschluß handelt, signalisieren schon die beiden letzten Sätze der Antiope. Eugen Rosenstock-Huessy beschwört nichts weniger als die „Endzeit unseres Geschlechts“ und die Erfüllung von Kirche, Staat und Gesellschaft.43 Und er kehrt zurück zu Selma Lagerlöf und ihrem Roman „Die Wunder des Antichrist“. Niemand könne die Menschheit von ihrem Leiden erlösen, lautete das Fazit, das Franz Rosenzweig, Richard Ehrenberg und Eugen Rosenstock in ihrem Leipziger Nachtgespräch am 7.7.1913 engagiert diskutierten, im Nachgang seines 25. Geburtstages.44 Für die Heilserwartungen des Sozialismus steht an mehreren Stellen des Romans die Formulierung: „Mein Reich ist nur von dieser Welt“.
Zur Antiope führt Benjamin Hederichs „Gründliches mythologisches Lexikon“, das Goethe bei seinen Studien konsultierte, aus:
Antiope wurde von Jupiter oder doch sonst von einem ihr anständigen Menschen zu Fall gebracht. Als ihr nun deshalb ihr Vater mit Drohungen hart zusetzte, so flüchtete sie sich zu dem Epopeus nach Sicyon, den sie auch heurathete. Indessen grämete sich ihr Vater über solchem Unwesen zu Tode, befahl aber noch vor seinem Ableben seinem Bruder, dem Lykus, an dem Epopeus Rache zu nehmen. Dies geschah auch und Antiope kam zurück nach Theben, nachdem sie auf dem Rückweg zwei Söhne, den Amphion und Zethus geboren hatte. Die eifersüchtige Gattin des Lykus Dirce beschuldigte Antiope des Ehebruchs und wollte sie einem Ochsen an den Hals binden lassen und brennende Fackeln an die Hörner, um sie also elendiglicher Weise hinzurichten. Nachdem die Söhne ihre Mutter erkannten, so hätten sie die Dirce ergriffen und nun selbst an den Ochsen gebunden, und also zu Tode schleifen lassen.45
In seinem Text geht Eugen Rosenstock-Huessy von der Gegenwart des dritten Jahrtausend aus, einer Zeit in der die Revolution durch die technischen Neuerungen zum Tagesgeschäft geworden ist, und die Menschen täglich „aus der Bahn geworfen“ werden. Dafür sind Männer und Frauen gegensätzlich ausgerichtet, während Männer „labil“ im Raum wanken, ruhen Frauen in der Zeit:
Der lebendige Zeitsinn aber, der den Männern beim Anlegen von Fahrplänen abhanden kommt, wird unmittelbar vom weiblichen Geschlecht wahrgenommen. Zweideutiger verbindet sich jeder Augenblick für ein wirklich weibliches Wesen sowohl mit ihrer Tradition wie mit ihrer Zukunft.
Männer-Verstand blickt in eine Richtung. Aber die Zeit existiert nur, wenn wir plötzlich uns sowohl als Ende wie als Anfang empfinden. „Zeit“ ist unser Zerfall in die Letzten und die Ersten, kraft unserer Freiheit, beiden Richtungen uns zuzuwenden. Wenn also der Zeitsinn im Zeitalter der Technik abhanden kommt und der kommende Äon um die Wurzeln der rechten Zeit ringen muß, dann ist die erste politische Stunde der Frau gekommen.46
Die Frau ist dem Mann mit ihrem „direkten Zeitsinn“ voraus. Am Beispiel einer Schulstunden erläutert der Autor, wie sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschlingen. Durch die Festlegung der Stunde schaut man aus der Zukunft zurück und erwirbt so seine Gegenwart, die solange verschiebbar bleibt, bis die vorher angesagte Stunde endet. Und genau diesen Zusammenhang der Zeiten spürt jede Mutter intuitiv, nur in noch gewaltigeren Zeitspannen und die Braut „ahnt im Augenblick die entscheidende Begegnung ihrer ganzen Zukunft“.47
Das Kreuz des Menschen von Fleisch und Blut, Geschlecht und Zeit stattet die Männer und Söhne mit dem Sinn für Raumaneignung aus, die Töchter und Mütter mit der Pflege der zuchtvollen langen Tage über Jahrzehnte und Generationen. Daß die Eigentümer der Erde und die Eroberer der inneren Gedankenwelt Männer sind, ist uns ebenso natürlich, wie daß Sitte und Kunst, Zucht und Mode in der Hut der Frauen ruhen.48
Dabei sind beide Pole dazu verdammt, ihr einseitiges „Geschlecht oder Alter“ zu überkreuzen. Papst und Christus sind bei diesem notwendigen Zusammenspiel „Übertreibungen“, auch wenn sich auf ihnen weiter „reziprok“ aufbauen läßt.
Wenn es darauf ankäme, die Frauen zu vermännern, dann genügte für sie das Gymnasialstudium und die technische Ausbildung, das Stimmrecht und die Uniform der Männer. Die Nihilisten sind auf diesen Kurzschluß verfallen, weil sie von der notwendigen Verwandlung nicht gewußt haben. Wenn eine Frau das Geheimnis der Männer erwerben will, so ist sie hoch willkommen. Wenn sie es aber erwirbt, indem sie den Mann nachahmt, dann vergißt sie, daß der Mann zweiphasig lebt und daß dem Freier und dem Mann Polarität geboten ist. Die Frauen werden zunichte, wenn sie auf den Freier oder den Mann direkt abzielen. Wie wird aus dem Freier der Mann? Indem ihn ein Weib erhört. Da gehören also zwei dazu, bevor der Don Juan dem König Philipp weicht.49
Auch die Frauen haben auszugehen von den Tatsachen der gesellschaftlichen, technisch geprägten Gegenwart, ja sie ermöglichen erst ihre Überwindung reiner Zeitlichkeit, auch wenn die aus ihren Haushalten herausgerissen Frauen in der „zählbaren Welt“ zunächst frieren:
Die Industrie ist ein Riesenarbeitshaus, eine Ökonomie, die alle einzelnen Haushalte verschlingt. Die Frau muß Mensch werden, weil sie in die Welt hinausgefallen ist und dort nun wie ein Mann arbeiten soll. Das kann sie nicht. Sie muß also zum Menschen in demselben vollen Umfang werden, wie das der Missionar und Dichter schon haben werden müssen und wie es natürlich jede rechte Frau auch immer schon geworden ist.50
Barsch weist der Autor alle Versuche einer bloßen „auswendigen“ Nachahmung männlicher Gedankensysteme in Philosophie oder Musik zurück, um genau an dieser Stelle die Vorbildlichkeit der Antiope einzuführen, ihre Doppelpoligkeit, „die den Mann in zweierlei Gestalt schauen muß“. Noch fehle den Frauen die Begeisterung, wie Antiope auf den Mann zugleich als Gott und als Tier in den Blick zu nehmen:
Die geistige Eifersucht ist also an die Stelle der leiblichen getreten. Statt antiopisch ist diese Frauenberechtigte nur antithetisch. Die Dialektik der Gesellschaftsunordnung ist eben das Gegenteil des Dialogs in einer Gesellschaftsordnung.51
Aber ohne die Binität als Mutter und als Geliebte und als Tochter fehle die Überzeugungskraft mit der Sprache in jeder Generation neu geboren werden müsse. Zwar nicht für die Ewigkeit, wie scheinbar in Kirche und Staat, aber doch vorübergehend, denn in der Gesellschaft ist nur der Wandel ewig.
Die idealistische Spaltung der Liebesgöttin Venus in die Uranierin und die gemeine Liebe bedeutet den Untergang einer Rasse. Aber der Januscharakter der Diana und Antiope, die Binität einer ins Innerste der Begeisterung, ins Äußerste der Wildheit dringenden Seele, ist Gegenteil solcher Zerspaltung; während die Atome sich nur spalten, spannt sich das Lebendige zu seiner doppelten Zeit, die vorwärts und rückwärts blickt, die das Innerste noch mehr verinnert, Antiope, die das Äußerste noch mehr veräußert, Diana als Herrin der Wildnis.[62]
Dabei bleibe die Liebe einzigartig und eifersüchtig und eine bedingungslose Auswahl sei nötig, die fast unmöglich erscheine. Und doch müsse sie gewagt werden, umso mehr als mit der globalen Ökonomie alle Töchter Töchter eines großen Vaterhauses geworden seien.
Am Ende der Antiope wartet die Antwort, die schon im Leipziger Nachtgespräch von 1913 den Ton angab: „Niemand kann die Menschen von ihren Leiden befreien; aber dem wird viel vergeben werden, der ihnen wieder neuen Mut macht, ihre Leiden zu tragen.“52
Sven Bergmann
4. Jan Zwart und Psalm 146
Jan Zwart (1877-1937) war ein bekannter niederländischer Komponist. Wie Johann Sebastian Bach wurde er durch seine Beiträge zur Kirchenmusik in den Niederlanden bekannt. Seine Kompositionen, meist über Psalmen und Gesänge, wurden in den Niederlanden durch die Sendungen des christlichen Radiosenders NCRV bekannt. Ausgehend von einem ernsthaften und tiefen Glauben spiegeln seine Kompositionen das Lebensgefühl der reformierten Strömung in den Niederlanden wider, in der Bescheidenheit (im reformierten Jargon „Demut” genannt) und Glaubensvertrauen eine wichtige Rolle spielten und spielen. Verantwortung für das Leben in Kirche, Staat und Gesellschaft und der fruchtbare Umgang mit Talenten wurden und werden in dieser kirchlichen Strömung als sehr wertvoll angesehen.

Bei Jan Zwart finden sich diese Werte in seinen Chorälen und Gesänge wieder. Das calvinistisch-protestantische Christentum klingt in all seinen Melodien durch, unabhängig davon, ob es sich um eine meditative Verarbeitung eines Liedes, eine kraftvolle Wiedergabe des Liedes der Reformation („Ein fester Burg ist unser Gott”) oder um das Stück handelt, das ich in der Jona-Kirche in Essen gespielt habe, die Toccata über Psalm 146. Aus all diesen verschiedenen Melodien spricht die Hingabe an Gott, die Mühen und Sorgen des Alltags, die Freude und das Glück über das Leben vor Seinem An die Orgel in der Jona-Kirche. Antlitz und das beharrliche Bestreben, den Schöpfer in Arbeit und Leben zu ehren und ihm zu dienen.
So auch in Psalm 146: „Lobt den Herrn mit fröhlichen Klängen.” Es ist eine lebhafte Toccata rund um die Melodie dieses Psalms. Es ist ein Psalm, in dem nie vergessen wird, dass der Mensch die Hilfe und Unterstützung Gottes braucht. Wir brauchen seinen Rat und seine Tat. Er gibt den Unterdrückten Recht und den Gefangenen Freiheit. Überall klingt die Abhängigkeit von uns Menschen durch, und das ist es, was uns dazu bewegt, den Herrn zu preisen: Halleluja! Gott zu loben. In dem Lobgesang wird das nie vergessen. Das kommt auch in der Komposition von Jan Zwart zum Ausdruck. Es ist eine Ode an Gott, eine Komposition, die fröhlich macht, aber unsere Abhängigkeit vom Schöpfer nie vergisst.
Für Kenner der Orgelmusik: Historisch gesehen ähnelt die Komposition in ihrem Aufbau und ihrer Ausführung ein wenig der Toccata aus der Suite Gothique von Léon Boëllmann. Es ist eine fröhliche Melodie, in der jedoch nie die Abhängigkeit vom Schöpfer vergessen wird. Der Psalm wird weiterhin in Moll gespielt. Nur der Schlussakkord endet in Dur.
Über diesen Link können Sie eine der vielen Aufführungen anhören. Viel Spaß beim Zuhören.
Jan Kroesen
5. Die Sprechkraft der Frau
Die Tochter des Jairus und die blutflüssige Frau
Die Geschichte der jungen Tochter des Synagogenvorstehers und der älteren Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet, steht im Matthäusevangelium, aber auch im Lukas- und im Markusevangelium. Diese beiden „Heilungsgeschichten” sind miteinander verknüpft. Jede nachfolgende Version der Erzählung wird etwas ausführlicher, in der Reihenfolge Matthäus, Lukas, Markus. Wurde sie in der frühen Kirche immer wichtiger? Was sagt dies über die Frage der Beziehung zwischen Mann und Frau und über die Umgangsformen in der anfänglichen Kirche aus? Das versuche ich in diesem Beitrag zu beschreiben.
Frauen aus Galiläa dienten Jesus – sie kümmerten sich offenbar um die Mahlzeiten und die Versorgung, als Jesus und seine Jünger von Dorf zu Dorf zogen. Frauen standen am Kreuz, Frauen waren die ersten Zeugen am leeren Grab. In der neuen Gemeinde nehmen auch Frauen am Gottesdienst teil, anders als in der Synagoge. Paulus hat viele weibliche Mitarbeiterinnen, um die 25 werden namentlich genannt. In Christus gibt es weder Mann noch Frau, so Paulus im Brief an die Galater 3,28. An anderen Stellen (1 Korinther 14,34) und insbesondere in den Pastoralbriefen (z. B. 1 Timotheus 2,12) tritt Paulus allerdings wieder auf die Bremse. Die Frau soll in der Gemeinde schweigen. Warum das alles? Was geschieht hier?
In der griechisch-römischen Gesellschaft des Römischen Reiches hatten Frauen es schwer. Ein pater familias hatte im Römischen Reich das Sagen über Frau und Kinder. Er konnte sie bei Bedarf als Sklaven verkaufen, er hatte auch das Recht, seine Kinder zu töten, wenn er wollte. Es kam oft vor, dass Mädchen ausgesetzt wurden. Mädchen waren eine Kostenstelle. In der Ehe war der Mann dominant, eigentlich war die Frau sein Eigentum. Frauen waren dazu da, Kinder zu gebären und den Haushalt zu führen, und sie waren sicherlich keine Gesprächspartnerinnen für den Mann. Dass Männer in den nackten Turnhallen, Badehäusern und philosophischen Schulen homosexuelle Beziehungen zu jungen, gutaussehenden und intelligenten Jungen suchten, hat viel mit dem Besitzverhältnis von Männern in Ehen mit meist ungebildeten Frauen zu tun. War es in Israel besser? In Matthäus 19 stellt Jesus klar, dass ein Mann Ehebruch begeht, wenn er seine Frau wegschickt und eine andere heiratet. Dann heißt es: „Da sagten seine Jünger: Wenn das die Beziehung zwischen Mann und Frau ist, dann ist es besser, nicht zu heiraten” (Matthäus 19,10). Das sagt genug.
Die Stellung der Geschichte in den verschiedenen Evangelien
Die Stellung, die die Geschichte von der Tochter des Jairus in den drei Evangelien einnimmt, in denen sie erzählt wird, nämlich Matthäus, Lukas und Markus, hat Einfluss auf ihre Bedeutung. Diese Bedeutung hängt auch mit der Botschaft jedes der drei Evangelisten zusammen, oder zumindest mit den unterschiedlichen Schwerpunkten, die sie in dieser Botschaft setzen.
Bei Matthäus schließt sich die Geschichte an das Gespräch mit den Jüngern des Johannes an, die zu Jesus kommen und ihn fragen, warum seine Jünger nicht fasten (Matthäus 9,14-17). Dann weist Jesus darauf hin, dass Fasten nicht angebracht ist, solange der Bräutigam anwesend ist. Es werden noch andere Tage kommen, und dann werden seine Jünger fasten. Man füllt neuen Wein nicht in alte Schläuche, sondern neuen Wein in neue Schläuche. Darauf folgt die Geschichte von der Tochter des Synagogenvorstehers und der blutflüssigen Frau.
Die neue Stellung der Frau hat offenbar mit dem neuen Wein zu tun. Denn gerade in der Liturgie ist der Bräutigam anwesend. An den kirchlichen Versammlungen nehmen von Anfang an sowohl Frauen als auch Männer teil. Bei Jesus findet die Frau Heilung in einer krank machenden Gesellschaft.
Bei Markus und Lukas knüpft die Geschichte an die Heilung von Legio bei den Gerasenen an. Der Besessene namens Legio wird geheilt und wird zu einem Jünger, der zu Füßen Jesu sitzt (Lukas 8,35). Die Schweineherde stürzt sich in den Abgrund und die Dämonen folgen ihr in den Abgrund, das Meer, also die Unterwelt, aus der sie auch stammen. Im Hintergrund agiert Dionysos, der Gott der Unordnung. Er ist der Gott der Unterwelt, des Lebens und des Todes, und der Unterbauch, der Angst und der Lust 53. Er bringt die gesellschaftliche Ordnung ins Wanken. Er und seine Anhänger handeln nach ihren Gefühl, doch er ist auch der Zerstörer, der Nihilist. In allen drei Erzählungen ist Dionysos im Hintergrund präsent: im Sturm auf dem See, in Legion und der dämonischen Herde, die sich ins Meer stürzt, sowie in der blutenden Frau und dem sterbenden Mädchen. Diese drei Geschichten zeichnen auch ein Bild ihrer Zeit. Denn Dionysos inspiriert auch einen Nero, der alles zerstört, um auf zynische Weise nach Ruhm und Größe zu streben. Bereits als Jesus mit seinen Jüngern in das Boot steigt, um zum Land Gerasa zu fahren, wo er diesem Legion begegnen wird, werden sie mit den wütenden Wellen des Meeres konfrontiert. Aber Dionysos, der das Meer aufwühlt, kommt durch die Autorität der Stimme Christi zur Ruhe. Die Jünger sagen voller Staunen zueinander: „Wer ist er, dass sogar der Wind und das Wasser seinen Befehlen gehorchen“ (Lukas 8,25). Dionysos verwirrt alle gängigen Regeln der Gesellschaft. Aber er ist nicht der Einzige, der sich über die gängigen Regeln hinwegsetzt. Auch die Liebe überschreitet Grenzen, und die Liebe, die sich nicht an die Regeln hält, ist die höhere Macht. Grenzen überschreiten und Regeln durchbrechen, das haben die erneuernden Kraft der Liebe und der zerstörerischen Kraft des Dionysos gemeinsam.
Das Gebiet, in dem Jesus diese Dämonenaustreibung durchführt, gehört zu Dekapolis. Ein großer Teil der Bevölkerung dort ist jüdisch, aber es gibt auch zehn griechische Städte, Kolonien, die dort gegründet wurden und die sich durch eine hingebungsvolle Kaiserverehrung auszeichnen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Jesus nach der Heilung von Legio nach Meinung der dort lebenden Bevölkerung bitte wieder gehen soll. Der geheilte Besessene bleibt zurück, er darf nicht mitkommen, sondern erhält den Auftrag, vor seiner eigenen Familie Zeugnis abzulegen.
Der Gott Dionysos, der im Hintergrund dieser beiden Geschichten steht, dem Sturm auf dem See und der Heilung von Legio, spielt zu dieser Zeit auch bei den Frauen eine wichtige Rolle. In ihren eigenen, ausschließlich für Frauen bestimmten Festen, wie sie in der griechisch-römischen Welt gefeiert wurden, nimmt die Gottheit von ihnen Besitz. Sie sind dann die ganze Nacht lang betrunken und in Ekstase unter sich, und ohne Männer. Männer, die sich dort zeigen, bringen sich in Lebensgefahr. Die Frauen lassen sich gehen, leben sich aus und lassen ihrer Wut freien Lauf, wenn sie wollen.
Denn ob in der Synagoge oder in der römischen Welt, Frauen sind unmündig und marginalisiert. Sie haben nichts zu sagen, und das im doppelten Sinne: keine Mitsprache, aber (also) auch keine Meinung. Von ihnen wird nicht erwartet, dass sie eine Meinung haben. Aber so geraten sowohl die junge Frau als auch die alte Frau in der Synagoge und im Tempel in Bedrängnis, wodurch Krankheit und Tod Einzug halten. Emotionale Ausbrüche sind das Ventil. Das Ventil ist Dionysos, die Trunkenheit durch die Nacht hindurch in einem Zustand der Ekstase und Besessenheit. Aber das zugrunde liegende Problem ist, dass sie kurz gehalten werden und sprachlos sind.
Die Geschichte von Matthäus mit den Ergänzungen von Lukas und Markus
Matthäus
Es ist lehrreich, die verschiedenen Versionen der Geschichte von der Tochter des Jairus und der blutflüssigen Frau zu vergleichen. Matthäus hat die kürzeste Version (Matthäus 9: 18 - 26). Ein Oberster der Synagoge ist offenbar die Ausnahme von der großen Feindseligkeit, die Jesus von den Schriftgelehrten und Pharisäern erfährt. Der Vorsteher wird nicht namentlich genannt. Seine Tochter ist gestorben, und Jesus wird gebeten, ihr die Hände aufzulegen. Dann wird sie leben. Jesus macht sich mit seinen Jüngern auf den Weg, und währenddessen nähert sich ihm von hinten eine Frau, die seit zwölf Jahren an Blutungen leidet, und berührt sein Gewand. Jesus dreht sich um und beruhigt sie laut Matthäus sofort: „Dein Glaube hat dich gerettet”. Jesus beendet den Lärm der Flötenspieler und das laute Wehklagen im Haus des Synagogenvorstehers; er wird ausgelacht, als er sagt, dass das Mädchen nicht tot ist, sondern schläft. Er nimmt sie bei der Hand, und sie steht auf, und die Nachricht von diesem Ereignis verbreitet sich in der ganzen Umgebung. Das ist alles, was Matthäus dazu zu sagen hat. Es ist klar: Die Frau wird in die Gemeinschaft aufgenommen. Sie ist nicht länger ausgeschlossen, so wie auch Matthäus, der früher Zöllner war, nicht länger ausgeschlossen ist.
Matthäus hat noch eine besondere Nebenbotschaft. Weiter oben im Evangelium, als zweites Wunder, das Jesus vollbringt, heilt Jesus den Sklaven eines Hauptmanns, aber Jesus tut dies aus der Ferne (Matthäus 8,5-13). Der Hauptmann selbst betont nämlich, dass er es nicht wert ist, dass Jesus in sein Haus kommt. Er wird für seinen Glauben gelobt. Dieser Hauptmann ist kein Jude, der Vorsteher der Synagoge natürlich schon. Aber dieser Hauptmann hat einen größeren Glauben, während Jesus bei seinem eigenen Volk im Haus des Jairus ausgelacht wird.
Was will Matthäus mit dieser Geschichte sagen? In Matthäus ist Jesus der verworfene König Israels, der dennoch als Sohn Gottes über die Völker herrschen wird. Wer ausgeschlossen war, kommt herein, und wer sich für drinnen hielt, wird ausgeschlossen. Die junge Frau und die ältere Frau sind in der neuen Gemeinschaft und finden Heilung. Die beiden Heilungen sind miteinander verwoben: Die eine bringt die andere mit sich. Es geht also um dasselbe: Anerkennung, die zu Fruchtbarkeit führt.
Bei Matthäus ist noch nicht so klar, was wichtiger ist: Anerkennung oder Gesundheit? Der Vorsteher der Synagoge möchte, dass seine Tochter lebt. Die ältere Frau sucht Heilung. Jesus sagt, dass ihr Glaube sie gerettet hat. Von diesem Moment an ist sie auch geheilt. Letzteres scheint dann fast nebensächlich zu sein.
Lukas und Markus
Sowohl Lukas als auch Markus haben die Geschichte von Matthäus in einer ausführlicheren Version. Sie passt gut zu dem, was sie zu sagen haben. In ihren Gemeinden, in der griechischen Welt und in Rom ist die neue Stellung der Frau ein wichtiges Thema.
Bei Lukas und Markus gehen nicht alle Jünger mit hinein, sondern nur Petrus, Johannes und Jakobus. Diese drei Jünger bilden mehr oder weniger den inneren Kreis, sie werden häufiger separat behandelt, wie bei der Verklärung auf dem Berg und auch in Gethsemane. Sie sehen in Jesus schon zu Lebzeiten mehr als die anderen den Auferstandenen. Das verschafft ihnen eine privilegierte Position. Vielleicht hat auch Matthäus einen Hinweis auf die Auferstehung, denn als der Synagogenvorsteher ihn bittet, seine Tochter von den Toten aufzuerwecken, heißt es: „Jesus stand auf …” (Matthäus 9,19). Die Auferstehung der Tochter des Synagogenvorstehers ist etwas für den inneren Kreis. Lukas betont dies also.
Bei Lukas und in Anlehnung an ihn bei Markus erhält der Vorsteher der Synagoge auch einen Namen: Jairus. Das bedeutet: „JHWH gibt Licht”. Lukas muss sich darüber gefreut haben, dass es noch einmal einen Synagogenvorsteher gibt, der in Jesus den wahren Geist Israels anerkennt. Denn das ist der Tenor seines gesamten Evangeliums: Der Geist Israels wird aus dem Tempeldienst und der Synagoge herausgenommen und in die Realität der bekehrten griechisch-römischen Bürger übertragen, die sich um die sozialen Missstände sorgen. Lukas und in seiner Nachfolge auch Markus stellen die Verbindung zwischen den beiden Frauen, der jungen und der alten, noch deutlicher her: Nicht nur die ältere Frau litt bereits seit 12 Jahren an ihrer Krankheit (so auch Matthäus), sondern auch die Tochter des Jairus ist 12 Jahre alt.
Lukas ist immer darauf bedacht, eine Umkehr zu zeigen. Der verlorene Sohn gelangt zur Selbsterkenntnis und findet einen anderen Weg. Der ungerechte Verwalter überlegt sich und beschließt dann, die Schuldscheine zu reduzieren. Diese Suche nach einer Wende passt zu seiner Aufgabe als Assistent des Paulus, der das Evangelium in den griechischen Städten den Heiden verkündet. Die neu gegründeten Gemeinden werden auf einen neuen Weg gebracht. Für diese Menschen beginnt ein neues Leben. Auch die Frau, die Jesus berührt hat und gesund geworden ist, wird so auf einen neuen Weg gebracht. Ihr wurde klar, dass sie nicht unbemerkt geblieben war, und sie trat zitternd hervor. Und vor der ganzen Menge erzählt sie ihre Geschichte und wie sie sofort geheilt wurde. Jesus sagt: „Dein Glaube hat dich gerettet: Geh in Frieden.“
Lukas nimmt in die Geschichte auf, dass Jesus anordnet, dem Mädchen, das von den Toten auferweckt wurde, zu essen zu geben. Das ist sehr aufmerksam von Jesus, aber es ist wohl eher die Absicht von Lukas, zu unterstreichen, dass es wirklich geschehen ist und nicht nur eine schöne Darstellung der Dinge oder ein Traum ist. Als die Jünger in Lukas dem auferstandenen Herrn begegnen, fragt Jesus auch: „Habt ihr hier etwas zu essen?“ (Lukas 24,41) und dann isst er einen Fisch. Es ist also wirklich wahr. Das ist allerdings eine besondere Art von Wahrhaftigkeit, denn der Fisch, den Jesus isst, symbolisiert gleichzeitig die Gläubigen, nicht wahr? Er nimmt die Gläubigen in seinen Leib, in die Kirche auf, und damit wird seine Auferstehung erst wirklich wahr. Diese Geschichten haben einen doppelten Boden. Aber auch in den damaligen Gemeinden gab es viele kindliche Erwachsene, die beim ersten Boden der Geschichte stehen geblieben sind und kein Gespür für die tiefere Bedeutung hatten. Es soll konkret sein. Aber tatsächlich ist die tiefere Ebene genauso konkret. Schließlich weisen sowohl Lukas als auch Markus darauf hin, dass niemand über die Auferweckung der Tochter des Jairus sprechen darf. Aber im Gegensatz zu Lukas erwähnt Markus auch, dass genau das in großem Umfang geschehen ist. Warum darf eigentlich niemand darüber sprechen? Es gibt verschiedene Gründe dafür. Es soll nicht zu sehr auf die Wunder eingegangen werden. Es sind nicht mehr als Zeichen. Aber diese Wunder sind im eigentlichen Sinne auch nur für den inneren Kreis bestimmt. Nicht jeder wird den doppelten Boden erkennen, nämlich dass sie zur Atmosphäre der Auferstehung gehören. Nicht jeder hat ein Auge dafür, was wirklich geschieht. Es ist kein Wunder-Glaube, und doch ist es real.
Markus
Markus hat noch ein paar Extras. Er achtet darauf, dass er sowohl Matthäus als auch Lukas gerecht wird. Bei Matthäus findet man mehr Aufmerksamkeit für die Rettung der Tochter des Jairus und der blutflüssigen Frau, bei Lukas mehr für die Heilung. Markus erwähnt immer beide (Markus 5: 24,34) 54. Markus widmet auch der Hoffnungslosigkeit der Situation der blutflüssigen Frau mehr Aufmerksamkeit: Sie hat bereits ihr ganzes Geld für Ärzte ausgegeben, und es hat nichts geholfen (Markus 5,26). Der Grund für diese Ausführlichkeit? Für Markus steht vor allem die Macht Jesu im Mittelpunkt. Die Ärzte konnten nichts ausrichten. Aber die Kraft der Liebe bringt etwas Neues. Markus widmet auch dem Lärm und dem Tumult bei Jesu Eintritt in das Haus des Jairus mehr Worte. Sowohl Markus als auch Lukas behaupten übrigens, dass Jesus alle „rausschmeißt”, eine deutliche Ausdrucksweise. Beide wollen diesem Gejammer ein Ende setzen. Es ist noch zu sehr mit der dionysischen Rolle der Frau verbunden. Sie muss nun lernen, klar zu sprechen und sich nicht mehr diesem Gejammer hinzugeben. Sowohl Lukas als auch Markus erwähnen, dass sowohl der Vater als auch die Mutter mit in den Raum gehen, in dem das Mädchen liegt, beide. Interessant ist schließlich, dass Markus für seine Zuhörer die aramäischen Worte „Talitha koem“ verwendet und die Übersetzung dazu liefert: Mädchen, steh auf! Das tut er in seinem Evangelium öfter, was darauf hindeutet, dass sein Publikum diese Übersetzung brauchte. Das ist auch ein Hinweis darauf, dass das Evangelium des Markus nicht das erste Evangelium ist, sondern das dritte, geschrieben in Rom für Menschen, die kein Aramäisch oder Hebräisch können. Aber warum brauchte dieses Publikum diese unverständlichen Worte? Ist das doch die Stimme des Petrus, der dabei war und sich wörtlich an diesen Ausdruck erinnert?
Reihenfolge der drei Evangelien
Das bringt mich zu einer kleinen Abschweifung über die drei Evangelien Matthäus, Lukas und Markus: Ich behandle Markus hier nicht nur an dritter Stelle, weil er in dieser Geschichte den ausführlichsten Text hat. Ich schließe mich Farmer 55 und anderen in ihrer Auffassung an, dass Markus nicht als erstes, sondern als drittes geschrieben hat, und zwar für die Gemeinde in Rom, wo er der Sekretär von Petrus war. Meistens wird Markus als erstes Evangelium angesehen, weil es das kürzeste ist. Es gibt jedoch zahlreiche textliche Belege dafür, dass dies nicht der Fall ist, und darüber hinaus gibt es wichtige historische und theologische Gründe. Diese theologischen Gründe finden sich auch bei Rosenstock-Huessy in Die Frucht der Lippen. Rosenstock-Huessy hat für die endgültige biblische Reihenfolge, wie wir sie kennen, Matthäus, Markus, Lukas, vor allem theologische Gründe. Historisch gesehen muss Matthäus tatsächlich an erster Stelle stehen, da hier die Trennung der Geister zwischen der Synagogentradition, die auch in Matthäus noch stark lebendig ist, und der entstehenden christlichen Kirche stattfindet. Bei Matthäus ist Jesus der verworfene König Israels und Sohn Davids, der als Verworfener dennoch über die Völker herrschen wird. Er, der verworfen war, wird zum Eckstein. Matthäus ist selbst ein Verworfener, als ehemaliger Zöllner, und er hat ein Auge dafür, dass gerade die Verworfenen zu den Auserwählten werden. Für Matthäus ist es außerdem so, dass die christliche Gemeinde die Vollkommenheit verwirklicht, die das Gesetz anstrebt und die die Bergpredigt verkündet. Die Gemeinde hat einen Endpunkt erreicht: Die Erfüllung des Gesetzes ist da, jetzt, da das Leben und Sterben Jesu der Zugang zum Gesetz ist. Historisch gesehen muss Lukas jedoch das zweite Evangelium sein, das nach Matthäus geschrieben wurde, weil er auf Matthäus reagiert. Und Lukas muss reagieren, denn die Linie, die Matthäus zieht, wird für Lukas zu einem Problem. Die von Paulus neu gegründeten Gemeinden kriegen nämlich, sobald sie Matthäus in griechischer Übersetzung lesen können, den Eindruck, dass sie eigentlich Juden werden müssen, einschließlich Beschneidung und Speisegesetzen. Denn in Matthäus halten sich Jesus und die Jünger an das Gesetz, nur jetzt nicht mehr nur an die Regel des Gesetzes, sondern auch an dessen Inhalt und Absicht, mit Hingabe. Aber kein Jota des Gesetzes geht verloren (Matthäus 5,18). Die Gemeinde muss vollkommen sein (z. B. Matthäus 5,48). Das Lukasevangelium strebt nicht nach Vollkommenheit, im Gegenteil, Gott sucht gerade die Verlorenen. Lukas zeigt vor allem, dass die jüdische Inspiration in den griechischsprachigen Gemeinden, die von Paulus gegründet wurden, in eine neue Phase eintritt. Diese Inspiration löst sich vom Tempel. Die Geburtsgeschichten Jesu kreisen um den Tempel, und auch in der Apostelgeschichte sind die Apostel immer im Tempel zu finden. Auch die griechischen und römischen Anhänger des Paulus lassen ihre Tempel hinter sich und beginnen einen neuen Lebensweg. Diese Menschen haben eine Wende erlebt und werden auf einen neuen Weg gebracht. In der Apostelgeschichte wird auch die Gemeinde so genannt: der Weg (Apostelgeschichte 9,2). Dennoch zeigt Lukas großen Respekt für den Text von Matthäus und bringt seine auf die neu gegründeten Gemeinden ausgerichtete Interpretation als Erläuterung zu den Evangelientexten von Matthäus ein. Er schreibt eigentlich eine neue Version von Matthäus, eine Art Midrasch zu Matthäus. Damit schließt er sich auch Matthäus selbst an, der in seinem Evangelium seinerseits eine neue Version der ersten fünf Bücher Mose schreibt (Matthäus hat fünf große Reden Jesu, die in gewisser Weise den ersten fünf Büchern der Bibel, den Büchern Mose, entsprechen).
Obwohl Lukas dem Text von Matthäus sehr respektvoll gegenübersteht – er verwendet fast den gesamten Text von Matthäus –, besteht dennoch eine gewisse Spannung zwischen Matthäus und Lukas. Auch damals wurde dies von Freunden und Feinden bemerkt. Man liebte es, die Widersprüche zwischen beiden zu einer Polemik gegen die neue Gemeinde auszuschlachten 56. Markus versucht, zwischen ihnen zu vermitteln, indem er vor allem die Passagen weglässt, in denen sie stark voneinander abweichen, oder indem er taktisch um die Widersprüche herummanövriert. Aber das ist nicht die einzige Absicht, die Markus mit seinem Evangelium verfolgt. Der Überlieferung zufolge gibt er auch die Stimme des Petrus wieder, der Zugang zu wichtigen Funktionären in der Armee hatte und sie in das Evangelium Christi einführte. Viele Ergänzungen mit historischen Details und Naturbeschreibungen des Handlungsortes könnten also von ihm stammen, aus den Aufzeichnungen des Markus. Vor oder kurz nach dem Martyrium des Petrus hat Markus sein Evangelium niedergeschrieben, um den Märtyrern in Rom zur Zeit Neros und danach Mut zu machen. Auch unter schwierigen Umständen müssen sie standhaft bleiben und treu bleiben. Markus zeigt, dass auch die Jünger damit zu kämpfen hatten und selbst kurz vor dem Abfall vom Glauben standen. Gerade bei Markus enttäuschen die Jünger sehr. Aber so können die verfolgten Christen auch sehen, dass sie vor den gleichen Herausforderungen stehen wie die Jünger. Demgegenüber stellt Markus immer wieder die Macht des Gekreuzigten, der am Kreuz sterbend sogar den römischen Hauptmann dazu bringt, zu bekennen, dass er der Sohn Gottes ist. Darin liegt auch die eigentliche Absicht des Markus und wahrscheinlich der Grund, warum er alle Reden und Worte Jesu weglässt: Ob man nun Anhänger des Matthäus oder des Lukas ist, es kommt jetzt darauf an, dass man für die Sache einsteht und als wahrer Jünger das Martyrium ebenso gehorsam trägt wie der Sohn Gottes am Kreuz. Gleich zu Beginn wird Jesus daher als Sohn Gottes auserwählt.
Markus braucht keine Geburtsgeschichten, denn auch die damaligen römischen Kaiser adoptierten oft ihre Nachfolger.57 Wir können die Taufe im Jordan und die Taube, die auf Jesus herabkommt, als eine Adoption zum Sohn Gottes gleich zu Beginn verstehen. Markus verwendet hier das Wort arche für Anfang, ein Wort, das auch „Herrschaft” bedeutet. Hier wählt Markus die Opposition gegen den Kaiser, der zu dieser Zeit als Sohn der Götter gilt. Er stellt dem den leidenden Sohn Gottes am Kreuz gegenüber. Und so wie der römische Kaiser ein Vater für das gesamte Römische Reich ist und seine Hausgenossen eine große Familie bilden, so ist der Sohn Gottes ganz und gar vom Vater im Himmel abhängig. Das Wort „Abba” wird nur bei Markus (14,36) von Jesus in Gethsemane verwendet – der Sohn ist dem Vater ebenso gehorsam, wie es jeder Sohn in einer römischen Familie ist oder sein sollte. Das Leiden selbst ist seine Mission, und er geht ohne Umwege darauf zu, denn er regiert vom Kreuz aus. Die Gläubigen, die in Rom mit dem Martyrium konfrontiert sind, folgen ihm darin als Brüder und Schwestern. So schlägt die Liebe eine Bresche in die Dämonie der römischen Götter. Die Dämonen sind nämlich Götter, die als Dämonen bezeichnet werden, wenn sie in dir gegenwärtig sind, sodass du ihr Besitz geworden bist.
Dies zeigt sich in der Reihenfolge der Evangelien, sowohl aufgrund der Texte als auch aufgrund des Verlaufs der Geschichte. Dass Lukas in späteren Zeiten doch nach Markus platziert wurde, hat theologische Gründe. Denn auch nach der Zeit des Markus in Rom ist für die entstehende Kirche die Erkenntnis des Lukas, dass in jeder historischen Periode immer wieder eine neue Übersetzung der Heilsgeschichte notwendig ist, von Bedeutung. Hinzu kommt die mittlere Position, die der Text von Markus einnimmt: Er folgt entweder Matthäus oder Lukas, wobei Widersprüche zwischen beiden vermieden werden. Das ermöglicht einen sanften Übergang zwischen diesen beiden recht unterschiedlichen Evangelien. Diese Unterschiede fallen nicht so sehr ins Auge, wenn man Markus als Zweites liest und erst dann Lukas.
Frauen werden stimmhaft
Es gehörte zur Rolle der Frau, während der Trauer um die Verstorbenen Lärm zu machen, einschließlich der typischen Ululation, das Markus als „alalazontes“ beschreibt. Diese Ululation drückte intensive Gefühle aus. Rosenstock-Huessy weist darauf hin, dass dieses Ululation bei Beerdigungen, Hochzeiten und anderen Festlichkeiten vorkam und in Israel, aber auch im Stammesleben überall üblich war. Normal zu sprechen war – mit einigen Ausnahmen – für Frauen zu jener Zeit etwas Neues. Dies rührte daher, dass Männer als erste durch die Sprache gebunden wurden. Andernfalls konnte es keinen Frieden im Stamm geben. Schließlich muss die wildeste Kraft zuerst gezähmt werden, um ein friedliches Zusammenleben möglich zu machen. Die Namen der Vorfahren gebieten den Männern Einhalt; so entsteht die Sprache. Die Gesetzgeber, die im Namen der Vorfahren handelten, schufen dadurch zum ersten Mal eine Gemeinschaft von Anhängern und ein geregeltes Familienleben. Bei den germanischen Völkern, so Rosenstock-Huessy, trugen die einfachen Leute nicht einmal Namen 58. Wer nicht Teil der Rechtsordnung ist, braucht keinen Namen, da er keine Verantwortung trägt. Nun, in der christlichen Gemeinschaft werden Frauen auch in die Sprache der Liturgie einbezogen. Dadurch erhalten sie eine eigene Sprache. Von nun an sind sie Teil der Rechtsordnung und tragen Verantwortung.
Selbst in Israel ist es noch ungewöhnlich, dass Frauen eine Stimme haben. In Matthäus’ Stammbaum werden die Namen von vier Frauen erwähnt, die in die Heilsgeschichte Israels eingriffen. Frauen haben immer wieder in Krisensituationen eingegriffen, außerhalb ihrer üblichen Rollen als Mütter und Hausfrauen. Dies war auch außerhalb Israels der Fall. Mit der Rückkehr des Friedens kehrte die Normalität zurück; das heißt, die Frauen wurden zurückgedrängt und die gewöhnlichen Rollenverhältnisse wiederhergestellt. Ähnliches scheint auch in der frühen Kirche zu geschehen. In den späteren Paulusbriefen und auch in den Petrusbriefen werden Frauen, so scheint es, ermahnt und zu ihren häuslichen Pflichten zurückgeführt. Sie müssen gehorsam sein (Petrus 3,1–6). Dies mag daran liegen, dass (1) angesichts der Dominanz der traditionellen Frauenrolle, auf die auch Markus hinweist, nicht immer alles gut lief, aber auch (2) die Bedrohung durch die römischen Autoritäten zunahm – der drohende Bedrückung, wie Paulus das mehrmals nennt. Anfänglich hatte Paulus mit viele anderen Evangelisten viel Erfolg gehabt. Dass der wahre Sohn Gottes nicht diktatorisch von oben aber als Kreuzesträger von unten regiert, das war „frohe Botschaft“. Es war aber auch eine umstrittene Botschaft und wohin immer Paulus kam, folgte Konflikt und Gefangenschaft, nicht nur für Paulus und nicht nur von die Juden. Eine zukünftige Verfolgung hängt schon in die Luft. Vorsicht war geboten. „Nicht jetzt!“, ruft er beinahe. Die Gemeinde müsse ruhig sein und keinen Anlass geben. Daher sollten Frauen in der Gemeinde erst einmal schweigen.
Es ist bedauerlich, dass traditionelle Kirchengemeinden und Kirchen solchen Texten auch heute noch ewigen Wert beimessen. Damals war es Frauen nicht möglich, frei zu sprechen, aber ist es heute, nach 2000 Jahren, möglich? Rosenstock-Huessy überblickt die gesamte Menschheitsgeschichte. Das Sprechen begann mit den Männern. Das musste so sein, denn zuerst musste die größte Macht und der größte Widerstand überwunden werden. Erst wenn Männer anfangen zu sprechen, beginnen sie auch, sich zurückzuhalten. Es ist ein langer Prozess. Dies trifft insbesondere deshalb zu, weil dieses „Zurückhalten“ zwei Seiten hat: Einerseits schafft es Raum, auch für Frauen in der Geschichte von Stämmen und Reichen, andererseits macht jedes „Zurückhalten“ auch eine neue Form der Kontrolle über andere möglich als eine Erweiterung der eigenen Selbstbeherrschung. Zur Zeit Jesu sind die vier kulturellen Strömungen der Antike zu Ende gegangen. Den Männern ist sozusagen der Atem ausgegangen. Eine neue Zukunft kann nicht länger auf all den vorherigen Versuchen weiterbauen. Die alten kulturellen Formen sind wie alte Schläuche, die zerplatzen, wenn neuer Wein hineingegossen wird. Die vier Evangelien bezeugen dies:
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Matthäus zeigt das Ende des Stammeswesens in Israel. Die Gerechtigkeit des Gesetzes wird zur Selbstgerechtigkeit einer bestehenden Gruppe und schließt andere aus: Jesus Christus, Matthäus, die christliche Kirche. Dem Opfer wird eine Stimme gegeben, statt seinen Verfolgern.
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Markus zeigt das Ende der Legitimität von Kaisern und Königen, die als Söhne von Göttern herrschen. Markus’ Christus steuert direkt auf sein Ziel zu, und in seinem tiefsten Leiden am Kreuz zeigt sich, dass der wahre Sohn Gottes nicht von oben regiert.
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Lukas übersetzt die nationale Existenz Israels in die neue Wirklichkeit des Volkes Gottes, das von Zeit zu Zeit aufs Neue die Gegenwart Gottes auf Erden verkörpert, nun aber so, dass alle Menschen an der Heilsgeschichte teilhaben können, die mit Israel begann.
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In seinem poetischen Evangelium zeigt Johannes das Ende der konstruktivistischen Willkür der Griechen auf: Vom Anfang bis zum Ende der Geschichte ist der Mensch, indem er sein Leben für seine Freunde hingibt (selbst für jene, die nicht so überzeugend seine Freunde sind), Gottes Gedicht. Dies ist nicht konstruiert. Es ist nichts Künstliches oder Willkürliches daran.
Vier bis dahin männlich geprägte Kulturformen finden in dem gekreuzigten Christus ihr Ende. Sie können wie Phönix aus der Asche auferstehen, wenn sie einander Raum geben. Diesen Raum schaffen sie, sobald sie erkennen, dass die Torheit Gottes weiser ist als die Menschen (1. Korinther 1,25). Raum wird frei, besser noch, Zeit wird frei – für Frauen als Hüterinnen der Vergangenheit und als sensible Stimmen für die Zukunft, für Heil, Heilung und Leben. Doch auch dieses neue Leben wird erneut ein schwieriges Dasein führen, ein langsames Wachstum gegen Unterdrückung, ja, selbst in der Kirchengeschichte.
Rosenstock-Huessy hingegen sieht in seiner Zeit, am Ende der europäischen Revolutionsgeschichte und am Beginn der Zeit der „Gesellschaft“ als Tochter der Kirche, das Ende der Männerherrschaft. Männer schaffen Ordnung und denken linear vom Subjekt zum Objekt. Dabei verstricken sie sich und fangen an in ihren eigenen Rauch zu husten. Nun gewinnen sie eine neue Wertschätzung für die Frau, die ihren Weg kreuzt. Ihr Mitgefühl und ihre Zuneigung eröffnen ihnen überraschenderweise einen neuen Weg, den anderen zu hören und in den anderen den Anderen zu erkennen. Es ist eine Unterbrechung der männlichen Raumordnung durch die weibliche Öffnung in der Zeit. Nicht nur muss sie erneut die Situation retten, sondern ihre Präsenz wird nun dauerhaft. Denn die traditionelle Rolle der Hausfrau gerät in der entstehenden globalen Gesellschaft in den Hintergrund. Zudem ist der Gesellschaft so ständig im Wandel, dass ständig nach temporären Lösungen gesucht werden muss. Und die Zeitachse, die sich von Lösung zu Lösung bewegt, ist die Lebensader der Frau – der jungen, zukunftsorientierten Frau und der älteren, die die Vergangenheit bewahrt. Sie können die traditionell männliche Arbeit des Planens und Ausführens zeitnah und sinnvoll einschalten und ausschalten. Als Mann kann man darüber nur froh sein. Letzteres – die Freude darüber und das Aussprechen dieser Freude – verleiht der schöpferischen Beziehung zwischen Mann und Frau im Hinblick auf die Erlösung der Welt neuen Schwung.
Otto Kroesen
6. Adressenänderungen
Bitte senden sie eine eventuelle Adressenänderung schriftlich oder per E-mail an Sven Bergmann, er führt die Adressenliste. Alle Mitglieder und Korrespondenten, die diesen Brief mit gewöhnlicher Post bekommen, möchten wir bitten, uns soweit vorhanden, ihre Email-Adresse mitzuteilen.
Sven Bergmann
7. Hinweis zum Postversand
Der Rundbrief der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft wird als Postsendung nur an Mitglieder verschickt. Nicht-Mitglieder erhalten den Rundbrief gegen Erstattung der Druck- und Versandkosten in Höhe von € 20 p.a. Der Versand per e-Mail bleibt unberührt.
Sven Bergmann
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Meistens verwendet Rosenstock-Huessy selbst das Wort „Weib” für die Frau. Das wirkt altmodisch und sogar abwertend. Es verweist jedoch auch auf das spezifisch Weibliche an der Frau. Meiner Meinung nach will Rosenstock-Huessy mit diesem Wort darauf hinweisen. ↩
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Das bringt Rosenstock-Huessy auf den Titel Antiope für diesen Text. Antiope ist bei Homer die Frau, die in zwei Richtungen schaut, Soziologie II, p. 752. ↩
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Rosenstock-Huessy wird in dieser Hinsicht wenig konkret, und man hat aus in seinem Text den Eindruck, dass er von Zurückhaltung erfasst ist und sehr tentativ vorgeht. ↩
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Rosenstock-Huessy drückt es nicht so aus. Er spielt vielmehr auf die Vergänglichkeit der ehelichen Beziehung im Zeitalter der Gesellschaft an. Er hat insofern Recht, als eine übertragene Ehe in einer Arbeitsbeziehung immer zu mehr werden kann. Aber das muss nicht so sein. In dieser Hinsicht interpretiere ich ihn als einen altmodischen Mann: Wenn die Frau nicht auf ihn hört, sondern auf einen anderen Mann, erscheint das als Ehebruch. Sind wir doch weiter als er zu seiner Zeit? ↩
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Soziologie p. 757. ↩
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Herfried Münkler, Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert, Berlin: Rowohlt Berlin Verlag 2015, S.187. ↩
- Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften. Lesezeichen im Buch Europa, Berlin: Suhrkamp 2024. Vgl.: Reinhard Mehring, Jenseits von Freund und Feind. Carl Schmitt im Kontext von Antipoden, Würzburg: Königshausen & Neumann 2025, S.110ff. „Schmitt zählte Rosenstock vermutlich zur ‚neuen Elite‘ von 1929, wenn Sloterdijks Charakterisierung zutrifft“.
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Nach der neuen amerikanischen Sicherheitsstrategie von November 2025 gehen Europa und die „Western Hemisphere“ überhaupt neue alte Wege. Welcome back, Mr. Monroe! What’s Up, Mr. Habermas? ↩
- Eugen Rosenstock-Huessy, Künftige Widersacher der Kirche oder Europa ist nicht mehr die nette Mitte der Welt (1957), In Verteidigung der grammatischen Methode, in: ders., Friedensbedingungen der planetarischen Gesellschaft. Zur Ökonomie der Zeit, hrsg. von Rudolf Hermeier, Münster: Agenda-Verlag 2001, S.168ff.
- Eugen Rosenstock, Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920 S.266.
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Sein Entwurf steht quer zu den Alternativen Großraum oder Weltgesellschaft wie sie Reinhard Mehring jüngst prägnant beschrieben hat: ders., Zur Konstitutionalisierung Europas: Jürgen Habermas vs. Carl Schmitt, in: ders., Jenseits von Freund und Feind. Carl Schmitt im Kontext von Antipoden, Würzburg: Königshausen & Neumann 2025, S.135-149. ↩
- Eugen Rosenstock, Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920 S.270-274.
- Eugen Rosenstock-Huessy, Der unbezahlbare Mensch, neu gegliedert von Eckart Wilkens, Münster: agenda Verlag 2022, S.131ff.
-
Eugen Rosenstock-Huessy, Im Kreuz der Wirklichkeit. Eine nach-goethische Soziologie, Bd.3: Die Vollzahl der Zeiten 2, hrsg. von Michael Gormann-Thelen, Ruth Mautner, Lise van der Molen, mit einem Vorwort von Irene Scherer, verb., vollst. und korrigierte Neuausgabe (= Talheimer Reihe Texte aus der Geschichte; Bd.6), Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 2009, S.496-511. ↩
- Ebda., S.505.
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Johann Wolfgang Goethe, Die natürliche Tochter, in: ders., Dramen 1791 – 1832, hrsg.v. Dieter Borchmeyer, Peter Huber (= Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche; I. Abt., Bd.6), Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1993, S.1146. ↩
-
Franz Rosenzweig, Briefe, hrsg.v. Edith Rosenzweig unter Mitwirkung v. Ernst Simon, Berlin: Schocken Verlag 1935. Darin: Franz Rosenzweig und Eugen Rosenstock: Judentum und Christentum, S.637-720. ↩
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Hier sei nur allgemein auf sein opus magnum „Pocohontas“ verwiesen. Für die Tochter ist insbesondere der zweite Band einschlägig: Klaus Theweleit, Buch der Königstöchter. Von Göttermännern und Menschenfrauen. Mythenbildung, vorhomerisch, amerikanisch (= Pocahontas II), 2. Aufl., Berlin: Matthes & Seitz 2020. ↩
- Eugen Rosenstock, Die Tochter, in: ders. Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920, S.276. Das Unmögliche anzustreben, um das Mögliche zu erreichen ist ein klassischer Topos deutscher Real-Politik, von Luther über Bismarck zu Weber.
-
Michael Lüders, Drecksarbeit? Israel, Amerika und der imperiale Größenwahn im Nahen Osten, München: Wilhelm Goldmann Verlag 2025, S.63. ↩
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Für die unübersehbare Literatur zum nun schon seit Jahrzehnten Modethema Gender ist Eugen Rosenstock-Huessy ein Unbekannter. Jenseits von Gesinnung und Ämterpatronage fehlt es an einem wirklichen Verständnis, auch wenn die „Gleichzeitigkeit“ korrekt konstatiert wird: Exemplarisch: Shila Behjat, Frauen und Revolution, München: Carl Handser Verlag 2025, S.257. ↩
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Als die schöne Jüdin, als die „Heldinnen der Bibel“, gelten Judith, Ruth und Esther. Eugen Rosenstock, Die Tochter, in: ders. Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920, S.284. ↩
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Eugen Rosenstock, Menschheit und Menschengeschlecht, in: ders. Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920, S.302. ↩
-
Bernhard Böschenstein, Die Bedeutung der Quelle für Goethes „Natürliche Tochter“, in: Johann Wolfgang Goethe, Die natürliche Tochter. Mit den Memoiren der Stéphanie Louise de Bourbon-Conti und drei Studien von Bernhard Böschenstein, Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1990, S.322ff. ↩
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Sein Schulkollege und späterer Schwager Max Hamburger hat ihn gelegentlich scherzhaft Eugenie tituliert. ↩
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Bernhard Böschenstein, Goethes „natürliche Tochter“ als Antwort auf die Französische Revolution, in: Johann Wolfgang Goethe, Die natürliche Tochter. Mit den Memoiren der Stéphanie Louise de Bourbon-Conti und drei Studien von Bernhard Böschenstein, Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1990, S.358. ↩
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Johann Wolfgang Goethe, Die natürliche Tochter, in: ders., Dramen 1791 – 1832, hrsg.v. Dieter Borchmeyer, Peter Huber (= Sämtliche Werke, Briefe, Tagebücher und Gespräche; I. Abt., Bd.6), Frankfurt a. M.: Deutscher Klassiker Verlag 1993, S.301-394.; Kommentar, S.1116-1175. ↩
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Bernhard Böschenstein, Goethes „natürliche Tochter“ als Antwort auf die Französische Revolution, in: Johann Wolfgang Goethe, Die natürliche Tochter. Mit den Memoiren der Stéphanie Louise de Bourbon-Conti und drei Studien von Bernhard Böschenstein, Frankfurt a.M.: Insel Verlag 1990, S.354. ↩
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Friedrich Gundolf, Goethe, 2. Aufl., Berlin: Georg Bondi 1917, S.467ff. ↩
- Friedrich Gundolf, Goethe, 2. Aufl., Berlin: Georg Bondi 1917, S.471.
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Gustav Radbruch, Wilhelm Meisters sozial-politische Sendung. Eine rechtsphilosophische Goethe-Studie, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, 8.Jg., H.2 (1919-20), S.159. Dort auch schon: Jonas Cohn, Wilhelm Meisters Wanderjahre, ihr Sinn und die Bedeutung für die Gegenwart, in: Logos, 1. Jg., H.2 (1910), S.228-256. ↩
- Gustav Radbruch, Wilhelm Meisters sozial-politische Sendung. Eine rechtsphilosophische Goethe-Studie, in: Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur, 8.Jg., H.2 (1919-20), S.159.
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Es liegt nahe, eine Anregung durch Emil Lasks „Rechtsphilosophie“ von 1905 zu vermuten, die schon Radbruch beeinflußt hatte, allerdings fehlen in dieser Hinsicht bisher einschlägige Belege bei Eugen Rosenstock-Huessy; vgl. Jing Zhao, Die Rechtsphilosophie Gustav Radbruchs unter dem Einfluss von Emil Lask. Eine Studie zur neukantianischen Neubegründung des Rechts (= Studien zur Rechtsphilosophie und Rechtstheorie; Bd. 74), Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2020, S.61ff. Kant ist die zentrale philosophische Referenz in der Frühfassung der Soziologie! ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Die Tochter – Das Buch Rut, verdeutscht von Martin Buber, hrsg.v. Bas Leenman, Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 1988, S.9. ↩
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Eugen Rosenstock, Die Tochter, in: ders. Die Hochzeit des Kriegs und der Revolution (Der Bücher vom Kreuzweg erste Folge), Würzburg: Patmos-Verlag 1920, S.280. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Die Einheit des europäischen Geistes, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.79. ↩
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Jüngste Darstellung der Forschungen zur Frauenfrage im Kaiserreich bei: Roger Chickering, The German Empire, 1871-1918, Cambridge University Press 2025, S.251-268. ↩
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Alice Salomon, Lebenserinnerungen. Jugendjahre, Sozialreform, Frauenbewegung, Exil, hrsg.v.d. Alice Salomon Hochschule Berlin, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Brandes & Apsel 2024. ↩
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Salomon, Alice, Wirtschaftliche Probleme der Frauenbewegung, in: Archiv für Rechts- und Wirtschaftsphilosophie, Bd.IV (1910/1911), S.359ff. ↩
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Anzuführen wären hier: Handbuch der Frauenbewegung, hrsg.v. Helene Lange, Gertrud Bäumer, I. Teil: Die Geschichte der Frauenbewegung in den Kulturländern, Berlin: W. Moeser Buchhandlung 1901; Handbuch der Frauenbewegung, hrsg.v. Helene Lange, Gertrud Bäumer, II. Teil: Frauenbewegung und soziale Frauenthätigkeit in Deutschland nach Einzelgebieten, Berlin: W. Moeser Buchhandlung 1901; Handbuch der Frauenbewegung, hrsg.v. Helene Lange, Gertrud Bäumer, III. Teil: Der Stand der Frauenbildung in den Kulturländern, Berlin: W. Moeser Buchhandlung 1902; Handbuch der Frauenbewegung, hrsg.v. Helene Lange, Gertrud Bäumer, IV. Teil: Die deutsche Frau im Beruf, Berlin: W. Moeser Buchhandlung 1902; Käthe Schirmacher, Die moderne Frauenbewegung. Ein geschichtlicher Überblick, Leipzig: Teubner 1909; Politisches Handbuch für Frauen, hrsg.v. Allgemeinen Deutschen Frauen-Verein, Leipzig: Teubner 1909; Elisabeth Gnauck-Kühne, Die deutsche Frau um die Jahrhundertwende. Statistische Studie zur Frauenfrage, Berlin: Verlag von Otto Liebmann 1904. ↩
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Marianne Weber, Ehefrau und Mutter in der Rechtsentwicklung. Eine Einführung, Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 1907. ↩
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Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlaß, Teilband 1: Gemeinschaften, hrsg.v. Wolfgang J. Mommsen i.Z.m. Michael Meyer (= MWG I/22-1), Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 2001, S.132ff. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Im Kreuz der Wirklichkeit. Eine nach-goethische Soziologie, Bd.3: Die Vollzahl der Zeiten 2, hrsg. von Michael Gormann-Thelen, Ruth Mautner, Lise van der Molen, mit einem Vorwort von Irene Scherer, verb., vollst. und korrigierte Neuausgabe (= Talheimer Reihe Texte aus der Geschichte; Bd.6), Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 2009, S.510ff. ↩
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Wolfgang Ullmann, Die Entdeckung des neuen Denkens. Das Leipziger Nachtgespräch und der Briefwechsel über Judentum und Christentum zwischen Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig, in: stimmstein. Jahrbuch der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft, Bd.2, hrsg.v. Bas Leenman, Lise van der Molen, André Sikojev, Eckart Wilkens, Moers: Brendow Verlag 1987, S.147-178; Hugo Gotthard Bloth, Was geschah im „Leipziger Nachtgespräch“ am 7.7.1913 zwischen den Freunden Eigen Rosenstock, Franz Rosenzweig und Rudolf Ehrenberg? In: Mitteilungsblatt der Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft 1982, S.2-14. ↩
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Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon, Nachdruck der Ausgabe 1770, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996, S.291/292. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Im Kreuz der Wirklichkeit. Eine nach-goethische Soziologie, Bd.3: Die Vollzahl der Zeiten 2, hrsg. von Michael Gormann-Thelen, Ruth Mautner, Lise van der Molen, mit einem Vorwort von Irene Scherer, verb., vollst. und korrigierte Neuausgabe (= Talheimer Reihe Texte aus der Geschichte; Bd.6), Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 2009, S.497. ↩
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Ebda., S.501. ↩
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Ebda., S.502. ↩
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Ebda., S.504ff. ↩
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Ebda., S.505. ↩
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Ebda., S.508. ↩
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Selma Lagerlöf, Die Wunder des Antichrist <1897>. Roman, München: Verlag Albert Langen 1920, S.481. ↩
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Charles Thomas Davis III, 1978. Speaking of Jesus, Toward a Theology of the Periphery, S. 181 ff. Siehe auch die von Davis zitierte Walter F. Otto, 1933. Dionysos – Mythos und Kultus, Klostermann, Frankfurt, 2e Druck 1939, pp.89 e.v. „In den Bakchen des Euripides sind die auf Befehl des Königs ins Gefängnis geworfenen Mänaden plötzlich wieder frei: die Fesseln waren von selbst von ihren Füßen gefallen, und, ohne dass einer Hand sie berührte, hatten die verschlossenen Türen sich aufgetan (443 ff.). So sollen auch die von Lykurgos gefangen gesetzten Mänaden unversehens wieder frei geworden sein (Apollod. 3,35). Noch viel wunderbarer, als die Befreiung der Frauen, ist die Überlegenheit, mit der Dionysos selbst des verblendeten spottet, der ihn in Bande zu schlagen wähnte, und plötzlich wieder ohne Fesseln vor sich stehen sieht (Eur. Bacch. 616 ff.)“ pp.90,91. ↩
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Dies ist ein Muster im Markusevangelium. Er folgt in seiner Erzählreihenfolge entweder Matthäus oder Lukas, achtet aber darauf, in jeder einzelnen Erzählung Wörter aus beiden zu entlehnen, um die Kontinuität zu den Vorgängern zu wahren. Dieses Muster ist der wichtigste, nur noch auf dem Text basierende Beleg dafür, dass Markus nach Matthäus und Lukas kommt. Weitere Belege finden sich in David P. Peabody et al., 2002, „One Gospel from Two, Mark’s Use of Matthew and Luke, A Demonstration by the Research Team of the International Institute for Gospel Studies“, Trinity Press International, Harrisburg, London, New York, S. 23–24. ↩
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Die prägnanteste Zusammenfassung seiner Argumentation findet sich in W. R. Farmer, 1994, „The Gospel of Jesus; The Pastoral Relevance of the Synoptic Problem“, Wipf & Stock. ↩
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W. R. Farmer, 1990, „The Statement of the Hypothesis“, in: „The Interrelations of the Gospels“, hrsg. von David L. Dungan, Leuven University Press, S. 10. 138. ↩
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Peppard weist darauf hin, dass Markus keine Geburtsgeschichten benötigt, da er Jesus ausdrücklich als Sohn Gottes darstellt. Gott selbst „adoptierte“ ihn als seinen Sohn, wie es die römischen Kaiser oft mit ihren Nachfolgern taten. Da die römischen Kaiser den Kaiserkult aus Ägypten übernahmen, verbreitete sich dieser im gesamten Römischen Reich. Die römischen Senatoren unterstützten diese Verherrlichung des Kaisers, weil sie sich nicht trauten, sich zu exponieren. Ovid schreibt, dass auch die römischen Senatoren bedenken mussten, dass das, was sie sagten, früher oder später vom Kaiser als einer höheren Macht gehört werden würde, der „in die höheren Ränge aufgenommen“ worden war und Gebete „von seinem Platz zwischen den Sternen“ erhörte. Vgl. Michael Peppard, 2011. The Son of God in the Roman World, Divine Sonship in its Social and Political Context, University Press, S. 63. ↩
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Rosenstock-Huessy, Soziologie 1956, S. 76–77. ↩