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Otto Kroesen: Anmerkungen und Kommentare zu Sloterdijk: Der Kontinent ohne Eigenschaften

Die Veranstaltung von Respondeo am 8. November 2025

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk hat eine Reihe von Vorträgen über Europa und die Rolle Europas in der Welt aus historischer Perspektive gehalten: Peter Sloterdijk, Der Kontinent ohne Eigenschaften; Lesezeichen im Buch Europa, Suhrkamp 2024. Im September 2025 erschien dieses Buch in niederländischer Sprache, übersetzt von Mark Wildschut, der ebenfalls an der Diskussion von Respondeo teilnahm. Respondeo ist der Name der niederländischen Rosenstock-Huessy Verein. Otto Kroesen

Der niederländische Titel lautet „Het continent zonder eigenschappen” (Der Kontinent ohne Eigenschaften), Untertitel: „Bladwijzers in het boek Europa” (Lesezeichen im Buch Europa). Es ist bei Boom, Meppel, erschienen, 2025.

In Sloterdijks Buch nimmt das Werk von Rosenstock-Huessy einen großen Raum ein. Peter Sloterdijk hat sich schon öfter mit Rosenstock-Huessy beschäftigt. Er lehnt sich stark an ihn an, hält ihn für einen der größten Philosophen/Denker des 20. Jahrhunderts, übt aber gleichzeitig auch viel Kritik und relativiert vieles.

Die Vorbereitung des Studientags am 8. November 2025 umfasst zwei Teile: Eine Reihe von Diskussionspunkten wurde aus der niederländischen Übersetzung in etwas längeren Zitaten herausgearbeitet und jeweils mit Kommentaren versehen. Das Ergebnis finden Sie unten. Das haben wir am Vormittag des 8. November besprochen.

Am Nachmittag haben wir uns mit der Interpretation der Russischen Revolution durch Sloterdijk und Rosenstock-Huessy befasst. Dazu diente ein separater Text mit einer Reihe von Zitaten von Rosenstock-Huessy über die Rolle der Russischen Revolution in verschiedenen Perioden seines Wirkens. Laut Sloterdijk hat Rosenstock-Huessy eine zu leichtfertige Auffassung vom gewalttätigen Charakter der Russischen Revolution. Das ist der Grund, warum untersucht werden sollte, wie Rosenstock-Huessy die Russische Revolution tatsächlich gesehen und bewertet oder kritisiert hat.

Im Folgenden finden sich eine Reihe von Gesprächsthemen, die parallel zu einigen Kapiteln und Gedanken aus Sloterdijks Buch verlaufen.

1. Flucht, Nekrologe, Aprèsludes – erste Eröffnungsrede

Die kurze Zusammenfassung dieses Kapitels lautet: Europa entzieht sich seiner Verantwortung. Europa versucht, „niemand” zu sein. Mit leichter Ironie beschreibt Sloterdijk das durchschnittliche Selbstbewusstsein der Europäer:

„Der durchschnittliche Europäer von heute, der mit seinem nicht immer unberechtigten Groll gegen die oft undurchsichtigen, fast extraterrestrischen Vorgänge in Brüssel und Straßburg vor sich hin lebt, ohne die Prämissen seiner Existenz zu bedenken, ist die Inkarnation der Undankbarkeit – sofern sie bedeutet, in der Drift quasi-posthistorischer Befindlichkeiten zu treiben und nicht zu wissen, geschweige denn wissen zu wollen, aus welchen Quellen der gegenwärtige Modus vivendi hervorgegangen ist. Allzu oft ist der heutige Europäer der Endverbraucher eines Komforts, von dessen Entstehungsbedingungen er nicht mehr den geringsten Begriff hat. In seinem von Erinnerungslücken perforierten Dasein ist der Satz von Stephen Daedalus wirklich geworden: „Die Geschichte ist ein Albtraum, aus dem ich erwachen möchte” (S. 29).

2. Lateinisches Europa – der Kontinent, das Imperium und seine Übergänge – zweite Eröffnungsrede

In diesem Teil über Lateineuropa geht Sloterdijk nur sehr kurz auf das Mittelalter ein. Nach einigen Bemerkungen über die Anfänge der Kirche (zum Beispiel Ambrosius, der dem Kaiser den Zugang zur Eucharistie verweigert) geht er zur translatio imperii im 15.Jahrhundert über. Mit diesem Begriff ist gemeint, dass Europa eigentlich versucht hat, das Imperium der Römer wiederherzustellen. Natürlich sollte dies nicht so heidnisch gewalttätig geschehen wie bei den Römern, aber die Einheit des Römischen Reiches war verloren gegangen und sollte wiederhergestellt werden.

Eigentlich lässt Sloterdijk die europäische Geschichte also erst im 15.Jahrhundert beginnen! Das ist nur insofern richtig, als der Westen ab dem 15.Jahrhundert versuchte, die antiken Stadtstaaten auf seine eigene Realität zu übertragen. Das heißt: Die antiken Stadtstaaten fungierten in der europäischen Geschichte als Vorbild für die Nationalstaaten. Dem ging jedoch die Zeit der Städte und Zünfte voraus: also das Mittelalter. Diese haben Europa von den Stämmen gelöst. Die Gründung von Zünften und Städten war eine Bewegung von unten, unterstützt von den Bettelorden, die als Sozialarbeiter fungierten. Sie sorgten für eine Zivilgesellschaft, d. h. für die gegenseitige Verantwortung freier Bürger unabhängig von Stamm oder vom Staat. Es handelt sich um eine Bewegung von Bürgern an der Basis der Gesellschaft, die die Voraussetzung für eine demokratische Regierungsführung ist. Sloterdijk schenkt diesem Aspekt kaum Beachtung. Dennoch ist diese Periode wichtig, weil hier die Zusammenarbeit zwischen Bürgern von unten Gestalt annimmt, unabhängig von Stammesloyalitäten einerseits und gleichzeitig unabhängig von staatlicher Kontrolle. In verschiedenen späteren Phasen der europäischen Geschichte hat dieses soziale Phänomen immer wieder neue Formen angenommen, in Parlamenten, Vereinen, politischen Parteien, Gewerkschaften, der freien Presse und so weiter und so fort. Länder, die an diesem Aspekt der westlichen Geschichte nicht teilgenommen haben, haben oft noch immer große Schwierigkeiten, eine Zivilgesellschaft ins Leben zu rufen. Infolgedessen es zu einem Zuviel an Staatskontrolle und patrimonialen und clientelistischen Verhältnissen kommt.

„Wenn Karl Kraus das Österreich seiner Zeit als die „Versuchsstation des Weltuntergangs” bezeichnen konnte, wäre ganz Russland in der Zeit von Peter dem Großen bis Putin als ein Experiment der Flucht aus der Unregierbarkeit in die Despotie zu deuten.” (S. 54)

„Und obschon in den früheren Translationen des Reiches Elemente willkürlicher Aneignung nie gefehlt hatten, erbrachte erst der Nationalsozialismus an der Macht den Beweis, dass zu allem entschlossene Annexionisten imstande sind, eine ganze Antike zu entstellen.” (S. 55)

Diese beiden Sätze hätten Sloterdijk nicht aus der Feder kommen können, hätte er den Unterschied zwischen der Antike und dem modernen Experiment der Nationalstaaten erkannt. Denn: Warum war Russland unter Peter dem Großen unregierbar? Das ist die eine Frage. Die andere Frage: Hat der Nationalsozialismus die Antike entstellt oder sie gerade richtig verstanden? Die Antwort auf beide Fragen liegt genau in der Tatsache der Zivilgesellschaft, der freiwilligen Zusammenarbeit und der gegenseitigen Verantwortung freier Bürger, die ihr zugrunde liegt. Wenn Menschen auf der Basisebene keine Verantwortung füreinander tragen und nicht zur Zusammenarbeit fähig sind oder das Vertrauen dafür nicht haben, hat die Despotie kein Gegengewicht (Russland) oder wird das Gegengewicht zur Despotie ausgeschaltet (der Nationalsozialismus). Die Antike einstellen? – Das Römische Reich kannte nie eine Zivilgesellschaft, sondern entweder Stämme und Familienoberhäupter (den Senat) oder einen Kaiser als Sohn der Götter (das „Reich” seit Octavian). Vetternwirtschaft, Patrimonialismus und Klientelismus waren daher im Römischen Reich an der Tagesordnung.

3. Vorlesung 1: Europa als Lerngemeinschaft

Lernen ist das erste Lesezeichen (S. 67), das Sloterdijk in seinem Buch Europa setzt. Die Wurzeln liegen in der Renaissance: Petrarca wurde als erster namhafter Literat in Europa berühmt.

„Weder in China noch in Indien sind Organismen der Könnenskultur entstanden, die sich mit der permanenten Revolution des kritischen Geistes in Europa vergleichen ließen.” (S. 72)

Sloterdijk legt dabei den Schwerpunkt eher auf die Studierenden als auf die Lehrenden: Solange es Studierende gab, konnte es eine Kultur des Intellekts und des Lernens geben. Das ist richtig, schon allein deshalb, weil an der ersten Universität, der Universität Bologna, an der Rechtswissenschaften gelehrt wurde, die Studierenden die Lehrenden bezahlten. Die Frage ist jedoch: Wer waren diese Studenten? Sie kamen nicht aus dem Nichts. Es handelte sich vor allem um die neuen freien Bürger, die aus den Zünften und Städten hervorgegangen waren. Universitas bedeutet dasselbe wie corpus, Körper. Es war eine Zunft von Studenten, die die Lehrer bezahlte. Auch hier ist es wieder wichtig, die Zivilgesellschaft des Mittelalters im Hintergrund zu sehen.

Ein zweiter Impuls ging von der Reformation aus. Es war die Reformation, die das Gewissen formen wollte, nicht nur das der reichen Oberschicht, sondern von oben bis unten. Auch einfache Menschen sollten das Glaubensbekenntnis verstehen und die Schrift lesen können, die beispielsweise deswegen ins Deutsche übersetzt worden war. Dazu war Bildung notwendig.

Es reicht also nicht aus, sich wie Sloterdijk allein auf den positiven Rückkopplungsmechanismus zu verlassen (S. 75). Der positive Rückkopplungsmechanismus bedeutet, dass es einfacher ist, einen einmal eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Das ist nur die halbe Wahrheit, denn jeder weitere Schritt auf einem einmal eingeschlagenen Weg erfordert erneut enorme Anstrengungen. Die Bildung, die die Reformationszeit hervorbrachte, ist in Verbindung zu bringen mit den deutschen (lutherischen) und den englischen/niederländischen (calvinistischen) revolutionären Umwälzungen. Diese sind zwar ohne das Phänomen einer Zivilgesellschaft undenkbar, aber sie sind auch ein bedeutender Schritt weiter in dieser Entwicklung. Nichts geht von selbst.

4. Vorlesung 2: Out of Revolution

Dieses Buch (Out of Revolution 1938) enthält die Biografie des westlichen Menschen. Laut Rosenstock-Huessy lassen sich mindestens sechs revolutionäre Perioden in der westlichen Geschichte unterscheiden, von der Papstrevolution (Papst gegen Kaiser im Investiturstreit) bis zur Russischen Revolution. Immer wieder haben die westlichen Gesellschaften die Errungenschaften einer früheren Revolution durch eine nächste Revolution weiterentwickelt. Das hat nicht nur mit der Gesellschaftsordnung zu tun, sondern auch mit der Rechtsordnung, der Sprache und dem Menschentyp, der so entstanden ist. Das rechtfertigt das Wort Biografie oder besser „Autobiografie”, denn hier geht es um die Entstehung des westlichen Menschen. Sechs Revolutionen: der Kampf zwischen Papst und Kaiser im Mittelalter, die darauf folgende italienische Stadtrevolution, die deutsche Reformation, die englische Parlamentsrevolution, die Französische Revolution, die Russische Revolution. Diese Revolutionen münden in die Weltkriege. Deshalb stellt Rosenstock-Huessy auch die Frage: Wie konnten die Weltkriege geschehen und wie soll das Leben danach weitergehen?

Revolutionen sind gewalttätige Zeiten. Verschiedene Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, und das ist immer dann der Fall, wenn eine Gesellschaft zu lange auf dem bestehenden Kurs geblieben ist. Dann heißt es zu irgendeinen Moment: sich beugen oder brechen. Sloterdijk hebt vor allem die Russische Revolution und die damit verbundene Gewalt und die Millionen von Toten hervor. Seiner Meinung nach geht Rosenstock-Huessy an dieser Gewalttätigkeit vorbei und hat darüberhinaus meist eine falsche historische Einschätzung. So schreibt Rosenstock-Huessy noch 1938, dass er Hitler ehrliche pazifistische Absichten unterstellte (S. 120). Das muss sich auf Rosenstock-Huessys Urteil über Hitler und seine Anhänger beziehen, dass sie Indianer spielen und nicht den Mut haben werden, wirklich einen Weltkrieg auszulösen. Sloterdijk ist also in diesem Urteil nicht ganz ehrlich, denn es geht nicht um „ehrliche” pazifistische Absichten. Anhand einiger längerer Zitate möchte ich gerne die inhaltliche Beschreibung Sloterdijks in Bezug auf die europäischen Revolutionen, die Rosenstock-Huessy beschreibt, darlegen.

„Rosenstock-Huessys methodischen Schwächen verraten sich reichlich in seinen Fehlurteilen; deren Kehrseite bildet eine Fülle glanzvollen Einsichten. Die verwundbare Stelle des Autors liegt im axiomatischen Bereich: Seine Überzeugung, die menschlichen Geschichte im ganzen, die europäische Geschichte des letzten Jahrtausend im besonderen, könne nur aus der Bewegung der Leidenschaften, der Bekenntnisse, der Inspirationen begriffen werden, bringt ihm die Verlegenheit ein, die Unterscheidung der Begeisterungen vollziehen zu müssen, ohne Kriterien vorweisen zu können. Mit einigen Revolutionshistorikern und Medientheoretikern jüngeren Datums teilt Rosenstock-Huessy das Scheitern angesichts der Aufgabe, noble Enthusiasten und Eruptionen von Massenwahn zu unterscheiden.

Rosenstock-Huessy entschied sich dafür, den Geist der Revolution nicht erst dort zu beobachten, wo er – wie bei seinen Auftritten nach 1789 – von den Akteuren selbst schon wirksam theatralisiert und theoretisiert worden war. Der kaum zu erwartende große Coup des Autors artikulierte sich in der These, wonach vom Hochmittelalter der Wind der geistig-politischer Umwälzungen durch die wirkmächtigen Nationen wehte – in Italien beginnend, über Deutschland und England und Frankreich hinweg, um zuletzt auch in Russland für die Umschaffung der Verhältnisse zu sorgen. Für ihn ist die Kette der Revolutionen eine quasi sakramentale Realität, ja eine notwendige Sequenz von Vorstößen zu verallgemeinerter Freiheit bei den Völkern der Alten Welt. Alle Europäer sind ihre Erben, wenn sie es auch in der Regel eher auf passive Weise sind; sie leben zunächst ohne Einsicht in die historischen Quellen aktueller Zustände. Jedes Individuum dieser Längen- und Breitengrade sollte endlich verstehen, dass es, wenn es behauptet, frei zu sein und unveräußerliche Rechte zu besitzen, dies nur tun könne, weil es, wie alle seine Mitbürger, am Brunnen der Revolution getauft sei. Freilich stellt die große Mehrheit der Europäer bloßer Taufschein-Revolutionäre dar – das gilt für 1938 wie für 2024. Sie existieren ohne angemessene Besinnung auf das, was sie den Kämpfen und Leiden früherer Generationen verdanken.

Wir alle, statuiert der Autor, weisen als Europäer denselben pedigree of revlutions in unseren mentalen Geburtsurkunden auf, wir sind wie Cousins und Cousinen mit den Erben der Revolutionen in anderen Ländern verwandt. Zwar macht jedes Volk nur eine Revolution; es wird durch deren Ergebnisse dauerhaft geprägt, „jede spätere Revolution wird aber angesteckt aus dem Lande der alten Revolution”. Die späteren Revolutionen werfen ihr Licht auf die vergangenen Umbrüche zurück. (S. 121,122)

„Bei der Neufassung seines Buches über die europäischen Revolutionen von 1938 war Rosenstock-Huessy seiner forcierten heilsgeschichtlichen Deutung der russischen Revolution offenkundig schon etwas weniger sicher als in dem Entwurf von 1931. Dennoch vermochte er seine Leser weiter durch ungewöhnliche Thesen in Staunen zu versetzen. Er stellte die Diagnose, die revolutionären jungen Russen des späten 19. Jahrhunderts seien im Grunde „enttäuschte Europäer“ gewesen; sie hätten eingesehen dass ihnen der Westen immerzu in allem voraus sein würde, nur in einem nicht: der Bereitschaft in ihrem selbstlosen Kampf gegen das bestehende bis zum Äußersten zu gehen. Sie würden durch eine Eigenschaft an die Spitze gelangen, von der die Westmenschen bisher nur den Namen, nicht aber die Sache kannten: durch jener Radikalität, die sich zur Unerbittlichkeit zu steigern wusste. Rosenstock-Huessy ließ sich auch 1938 in seiner Ansicht nicht irren, die jungen Revolutionäre, die vom späten 19. Jahrhundert an die Ereignisse von 1917 vorbereiteten, seien, sogar als bekennenden Nihilisten, authentische Märtyrer eines anonymen Glaubens gewesen, Aktivisten der Selbstaufopferung, wie kaum Jesuiten und Trappisten zu ihren besten Zeiten es gewesen seien. Der Verzicht auf privates Glück übersetzte sich bei ihnen in beispielloser Begabungen zu politische Grausamkeit. Das Gehen über Leichen übersetzte sich bei ihnen zu einer spirituellen Disziplin heran. Aus Lenins Biografie ergibt sich in Rosenstock-Huessys Augen wie von selbst die Legende eines Märtyrers der Tat. Seiner Deutung zufolge fügte sich die Geschichte der Russischen Revolution vom fatal gescheiterten Dekabristenaufstand von 1825 bis zum Jahr 1938 in das Schema einer progressiven Teleologie: durch Niederlagen zum Sieg. Zu guter letzt mussten doch auch die unfreiesten der Europäer der Segnungen westeuropäischer Freiheitsgeschichte teilhaftig werden – sei es um den Preis einer noch tieferen Versklavung, die man zu rechtfertigen versuchte, indem man sie für provisorisch erklärte. Mit fragwürdiger Großzügigkeit versetzte sich der Interpret in Lenins Wahrnehmung der Lage ein: Was war Russland 1917 anderes als eine Leiche, die es zu elektrifizieren galt? Sobald der Geist weht, wo er will, ist ihm jedes Pseudonym willkommen, und wenn es pjatitelkja (Fünfjahresplan) heißt. Von den durch Trotzki nach 1922 ins Leben gerufenen Sklavenlagern und dem nach 1930 offiziell gegründeten Gulag hatte Rosenstock-Huessy nichts gehört oder nichts hören wollen. Und obschon er keiner jener Apologeten war, die bis in die 50er und 60er Jahre zu schweigen und zu lügen entschlossen waren – er konnte und wollte die Revolution in Russland für seine große Erzählung vom Gang des Geistes über die weltgeschichtliche Bühne nicht entbehren.” (S. 125,126)

Die Frage zu dem oben Gesagten: Ist diese Interpretation richtig? Rosenstock-Huessy wird oft eine progressive Teleologie vorgeworfen. Vorgeworfen! Alle Revolutionen haben großes Leid gebracht und oft ihre eigenen Kinder verschlungen. Das war nicht nur bei der Russischen Revolution der Fall, sondern wie viele Tote die französische Revolution gekostet hat, dennoch lebt unsere Zeit immer noch von den Errungenschaften dieser Revolution. Auch in Russland musste etwas geschehen. Aber es wäre nichts geschehen, so Rosenstock-Huessy und nicht nur er, wenn die armen Bauernjungen nicht durch den Ersten Weltkrieg als Soldaten an der Front entwurzelt worden wären. Ihre Unzufriedenheit konnte von den Bolschewiki mobilisiert werden.

Sloterdijk übersieht auch, wofür die russische Revolution steht. Der wissenschaftliche Sozialismus, wie er damals genannt wurde, war eigentlich nichts anderes als ein entfernter Ableger der Französischen Revolution. Die Französische Revolution hat die Wissenschaft zur Grundlage des Wirtschaftssystems und insbesondere der fabrikmäßigen Produktion gemacht. Es waren die Französische Revolution und die ihr vorausgehende Philosophie der Aufklärung, die eine Gesellschaftsordnung schaffen wollten, die rational, natürlich und wissenschaftlich war. Seit dem Französischen Revolution hing der Fortschritt vor allem von der individuellen Initiative wohlhabender Bürger ab. Das führte zu einem Wettbewerb zwischen kapitalkräftigen Unternehmen, zu einer Verschwendung von Energie und zur Externalisierung negativer Auswirkungen. Russland wurde zum Vorwerk der westlichen Industrie gemacht. Die russischen Intellektuellen wollten die organisatorischen Fähigkeiten des Westens ihrerseits für einen Gesamtplan nutzen, in dem die Bedürfnisse aller erfüllt wurden. Das war der „wissenschaftliche” Sozialismus. Ich möchte damit nur sagen: Das Planungsinstrument in den Händen der Obrigkeit, das durch die russische Revolution ins Leben gerufen ist, setzt die Linien fort, die die Aufklärung und die Französische Revolution erstmals zu Papier gebracht hat. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung für die rücksichtslose Gewalt der russischen Revolution. Das hatten sie von der Französischen Revolution abgeschaut, und auch hier setzten die Revolutionäre die Linien fort.

Hätte das alles nicht auf friedliche Weise geschehen können? Auch im Westen schlugen die sozialistischen Wellen hoch, aber hier konnte das demokratische System die Gegensätze auffangen und abmildern. Aber auch der Westen hat sich als Reaktion auf Russland verändert. Durch die staatliche Planung von oben war die russische Wirtschaft nicht anfällig für den Börsencrash von 1929. Das beeindruckte den Rest der Welt. Seit dem wird die Wirtschaftsplanung und das Eingreifen des Staates von allen Ländern kopiert. In Amerika führte dies beispielsweise zum New Deal. Die sozialen Bedingungen der Arbeiter wurden zur Aufgabe des Staates. Der Zweite Weltkrieg hat diesen Trend zur Staatswirtschaft noch verstärkt und zum heutigen Sozialstaat geführt. Das rechtfertigt zwar nicht die Gewalt der russischen Revolution, aber es ging dabei um etwas. Es ging um mehr und auch um etwas anderes als um den großen Entwicklungsprozess des Geistes, für den Rosenstock-Huessy die russische Revolution sozusagen für notwendig hielt.

Der Sinn der Revolutionen bei Rosenstock-Huessy liegt laut Sloterdijk übrigens nicht in verbesserten sozialen Leistungen, sondern in der allgemeinen Erhebung in den Adelsstand der Menschen, besser gesagt, der einfachen Menschen (S. 122).

„Die revolutionären Promotionen der conditio humana, wie der Autor sie resümiert, sind bis in die heutige Tage kaum zu Ende gedacht. Sie hoben alle Arten vom alten Adel auf, indem sie den Menschen per se als das Wesen bestimmten, dass nicht nicht adlig sein kann. Die Reformation machte durch die Schaffung dessen, was Rosenstock-Huessy „laity sanctified“, geheiligte Laizität nennt, aus jedem Menschen ein Wesen mit priesterlicher Kompetenz – jeder einzelne ist nun, seit der Glaube nicht mehr unter ein Kirchendach gebannt werden kann unmittelbar zum unendlichen – jeder einzelne ist nun, seit der Glaube nicht mehr unter ein Kirchendach gebannt werden kann, unmittelbar zum unendlichen. Die englische Revolution machte aus jedem Gentleman einen pair des Königs, die französische aus jedem Menschen von Talent und guten Willen ein Mitglied des neuen bürokratischen Adels mit Zügen adamitischer Popularität. Die verallgemeinernden Anredeformen „Herr”, „Sir”, „Monsieur”, „Madam” und „Madame” sollten deutlich machen, dass die Sinn revolutionärer Bewegungen letztlich nicht in besseren Sozialleistungen besteht, sondern in allgemeiner Nobilitierung.

Die modernen Massenkulturen, vor diesem Hintergrund wahrgenommen, folgen hingegen fast durchwegs regressiven Motiven, da sie die Menschen in ihrer vorreformatorischen, unrevolutionierten Gewöhnlichkeit ansprechen; sie appellieren an eine erbliche Vulgarität die keine Einschwörung auf den Dienst am Gemeinwohl kennen will und von der kulturtragenden Sorge um die Lebenschancen der Enkelkinder nichts weiß. Wo auch immer man Autokratien, Diktaturen und Populismen am Werk sieht, wird die Annahme gemacht und bestätigt, in politischen Dingen sei nur auf die niedrigen Regungen: Angst, Gier, und Rachsucht, Verlass. Russland hat sich durch sein Bekenntnis zur Niedrigkeit von Europa losgesagt, es ist ins Stadium der vorreformatorischen Unterwerfung zurückgekehrt. Das Erbe der Russischen Revolution für die übrige Welt besteht in der Demonstration, dass eine Politik der halben Wahrheit, auch wenn sie pravda heißt, in Lüge, Zynismus, Staatsterror und Massenalkoholismus endet.“ (S. 137,138)

Diese Aussage wird dem Konflikt, wie er zwischen Ost und West in der Ukraine ausgetragen wird, nicht gerecht. Denn Russland „kehrt nicht zurück“ zu einer vorreformatorischen Unterwerfung, sondern hat sich nie wirklich davon gelöst. Das Regime des Zaren war ein Regime der Unterwerfung, das Regime der Sowjetunion war es ebenfalls. Eine Zivilgesellschaft hatte in Russland noch nicht genügend Chancen. Die Menschen sind daran gewöhnt, dass der Staat entscheidet und man sich fügen muss. Höchstens wenn es wirklich nicht mehr geht, kommt es zu einem Ausbruch von Unzufriedenheit, der den Beginn eines anderen Kurses darstellt. In einem früheren Beitrag in die Berichten an die Mitglieder habe ich auf die Schwierigkeit für Russland hingewiesen, das westliche Erbe anzutreten: Intellektuelle Konstruktion und Lebendige Erfahrung, Ehrenberg und Rosenstock-Huessy über Dogma und Gesellschaft
in Russland und Westeuropa. Dabei geht es um Institutionen, aber ebenso um den Menschentyp, der tatsächlich die tragende Kraft dieser Institutionen bildet. Rechtsstaatlichkeit und Parlamentarismus haben keine Chance, wenn sie nicht von einer entwickelten Zivilgesellschaft getragen werden. Wenn es nicht genug Vertrauen und Zuverlässigkeit in der Zusammenarbeit zwischen den Bürgern an der Basis der Gesellschaft gibt, gibt es immer Gesetzeslücken und Umwege, durch die man sich gegenseitig bestechen, Abhängigkeitsverhältnisse schaffen und die Institutionen aushöhlen kann. Dieser Prozess endet immer in einem patrimonialen und klientelistischen Staat. „Endet immer in” ist nicht der richtige Ausdruck. Denn ein patrimonialen und klientelistischer Staat ist in der Weltgeschichte das normale. Es ist der Westen, der historisch gesehen und auch heute noch weitgehend die große Ausnahme darstellt. Allerdings ist auch im Westen der Menschentyp, auf dem dies basiert, einem Verschleiß unterworfen. Es ist von großer Bedeutung, sich den Hintergrund des enormen Unterschieds in der historischen „Autobiografie” des Konflikts in der Ukraine bewusst zu machen. Es handelt sich in der Tat um einen Konflikt zwischen dem alten russischen Despotismus und der offenen Gesellschaft des Westens. Die Ukraine liegt genau an der Grenze zwischen beiden Lebensweisen. Sie hat eine Geschichte, die in vielerlei Hinsicht der Polens ähnelt, eine Geschichte der zwar mühsamen Bildung einer Zivilgesellschaft und eines entsprechenden Rechtsstaats, aber dennoch anders als die Russlands. Die menschlichen Errungenschaften und Eigenschaften, die zu einer solchen Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit gehören, bilden die Grundlage für den Widerstand der Ukrainer gegen die starre und dysfunktionale „Knute” des zentralistischen Regimes Russlands. (Siehe auch mein Beitrag: Was bewegt die Ukrainer?)

5. Vorlesung 3: Die Prophezeiung von Spengler

Neben Rosenstock-Huessy widmet Sloterdijk auch Spengler viel Aufmerksamkeit. Manchmal schätzt er die pessimistische Botschaft und die melancholische Lebenseinstellung, die aus Spenglers Buch „Untergang des Abendlandes” von 1918 hervorgeht, mehr. Auch in diesem Kapitel spielt Rosenstock-Huessy eine große Rolle.

„Wenn der Erste Weltkrieg für das Aufkommen von Fragen nach dem Wesen, der Zukunft und dem Schicksal Europas zum Schlüsselereignis wurde, so vor allem aus einem Grund: schon bald nach seinem Ende im November 1918 verbreitete sich auf dem gesamten Kontinent die Empfindung, es seien letztlich nur Verlierer aus ihm hervorgegangen – den im Juni und September 1919 besiegelten Friedensverträgen von Versailles und Saint-Germain zum Trotz. Ihr Wortlaut kam einem Diktat der Siegermächte gleich; ihre Wirkungen flossen in die allgemeine Niedergeschlagenheit ein.” (S.141)

Zum Teil ist das wahr: Es gab eigentlich nur Verlierer. Aber das obige Zitat selbst zeigt bereits, dass auch in dieser Zeit der Nationalismus noch vorherrschte. Die Welt wurde in Gewinner und Verlierer aufgeteilt. Als Deutschland seine Reparationszahlungen nicht leisten konnte, marschierte Frankreich in das Ruhrgebiet ein, um die Zahlungen zu erzwingen, und das für eine Wirtschaft, die am Boden lag. Spengler gab den deutschen Nationalisten übrigens eine Entschuldigung für ihre Niederlage und eine Rechtfertigung für ihre Unzufriedenheit. Der Untergang des Abendlandes war ein unvermeidlicher Prozess im Aufblühen, Glanz und Niedergang der Nationen. Und die Deutschen, so auch Spengler, standen noch für ihre „Kultur”, während die Franzosen und Engländer sich in einem Stadium des Verfalls befanden, das mit dem Wort „Zivilisation” bezeichnet wurde. Diese Art von Ansichten kam bei den aufstrebenden Nazis gut an.

„Rosenstock-Huessys Schriften von 1931 und 1938 sind nur als Antworten auf das Gebot, die eigene „Zeit in Gedanken zu fassen” zu verstehen – gewiss nicht im Hegelschen Sinne, vielmehr so, dass die Diagnose des Zustands der Dinge als praktisches Wissen zur Inspiration und Orientierung in verwirrenden Situationen wirksam werden musste.” (p. 145)

Das ist ein treffendes Zitat! Was ist der Unterschied zwischen Rosenstock-Huessy und Hegel? Hegel unterwirft die Geschichte der Logik, der Selbstentfaltung des Begriffs. Bei Rosenstock-Huessy führt die Spannung zwischen Imperativ (Zukunft) und Narrativ (unsere Prägung durch die Vergangenheit) zum Verständnis dessen, was vor sich geht. Wenn wir wissen, woher wir kommen, und ein Verständnis dafür haben, wohin wir gehen müssen, beginnen wir zu verstehen, wo wir stehen. Bei Rosenstock-Huessy ist es also nicht die Logik, die das richtige Verständnis vermittelt, sondern diese existenzielle Spannung. Menschen können diese Spannung unterschiedlich wahrnehmen und somit auch unterschiedlich wahrnehmen, was gerade wirklich vor sich geht. Es ist wichtig, sich in einem gegenseitigen Dialog zu korrigieren und zu ergänzen. Das ist die „Methode” von Rosenstock-Huessy.

„Rosenstock-Huessys Ambition, Europa den Europäern neu zu erklären, und sein Prozedere des Rückgangs in die bisherige Revolutionen, die „uns “ zu dem geprägt haben, was wir sein können und sollen, hätten nicht zu der vorliegenden Gestalt gefunden, wäre ihm nicht ein Buch zuvorgekommen, das vom ersten Moment seines Erscheinens im Frühherbst 1918 an (bei dem renommierten Wiener Wissenschaftsverlag Brown Müller) im gesamten deutschen Sprachraum Furore gemacht hatte: Die Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler.” (S. 146)

Die Vision des Buches über Europa entstand laut Rosenstock-Huessy selbst in den Schützengräben von Verdun, wo er als Offizier in der Armee gedient hatte. Es wäre für ihn reizvoll und auch möglich gewesen, seine Vision in einem ebenso dicken Buch wie dem von Spengler niederzuschreiben. Nach eigenen Angaben hat er dies jedoch aufgeschoben, weil er es als vorrangig notwendig erachtete, eine neue Inspiration für die Nation zu finden, nachdem die tausendjährige Mission des Deutschen Reiches, ein Dach zu sein, unter dem die vielen Völker Europas zusammenleben konnten, vorbei war. So wurde er Herausgeber der ersten Unternehmenszeitung bei Daimler Benz, um daran zu arbeiten, dass Arbeiter und Manager/Geschäftsführung ihre Gegensätze überwinden und eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft übernehmen würden.

„Wer ein gutes Jahrzehnt nach Spengler den Anspruch erhob, den Europäern jener Zeit das historische wie das aktuelle Europa in Ausdrücken einer allgemeinen Revolutionstheorie neu zu erklären, wollte begreiflicherweise nicht von Alterserstarrung, Petrifizierung, Veräußerlichung und Vermassung reden. Die wahre und wirkliche Geschichte unserer Welt sei die Geschichte der Begeisterung von Menschen durch die evangelische Botschaft; sie implizierte unvermeidlich deren Übersetzungen in das Inkognito des säkularen Humanismus und damit in einer Vielzahl von politischen, moralischen, therapeutischen und ästhetischen Idiomen.” (S. 150)

Kann man das so sagen? Es sind solche Sätze von Sloterdijk, die mich an einen Geiger erinnern, der immer knapp daneben spielt. Man erkennt die Melodie, also ist etwas dran. Aber es ist nie ein reiner Ton, sondern der Klang kommt verzerrt rüber. Alter, Verhärtung, Versteinerung, Verflachung und Massifizierung – das waren Spenglers Begriffe. Stellt Rosenstock-Huessy dem die Begeisterung für die evangelische Botschaft gegenüber? Die Geschichte des Evangeliums, des Kreuzes und der Auferstehung Christi übersetzt Rosenstock-Huessy in das Spannungsfeld einer festgefahrenen Bewegung und eines neuen Imperativs. Er kritisiert die Optimisten nach dem Ersten Weltkrieg gerade dafür, dass sie nicht sehen und nicht sehen wollen, dass die Daseinsberechtigung der nationalen Identität Deutschlands vorbei ist. Die Antwort auf einen neuen Imperativ, nationale Interessen und gesellschaftliche Gegensätze zu überwinden, ist eine existenzielle Situation: Jeder Mensch spürt in seinem Herzen und seiner Seele den Schmerz der Niederlage und den Verlust der Ehre. Nur aus den Trümmern kann ein Neuanfang gemacht werden. Deshalb arbeitet er an gegenseitigem Verständnis in der Unternehmenssituation.

„(Dieser Impuls) überträgt sich in dem Moment, in dem der Leser begreift, dass die hier bezeichnete Kultur, die später als die „faustische“ bzw. als die des gotischen Katholizismus mit seinem Zwanghaft treibenden Motiv des Ausgesetztseins in den grenzenlosen, von vielfältigen Kräften durchpulsten Raum erläutert wird, keiner andere ist als jener, der er sich Nolens Volens selber zurechnen muss – nicht als nur Beobachter und Zeuge am Rande sondern als Schicksalspartner und Leidensgenosse.” (S. 153)

Wie Rosenstock-Huessy geht es auch Spengler um unsere eigene Geschichte. Diese Geschichte hat uns geprägt. Wir alle haben Anteil am faustischen Charakter unserer Kultur. Mit faustisch meint Goethe und in Anlehnung an ihn auch Spengler: Man sieht die Dinge im Zusammenhang und schaut nicht nur auf das, was vor Augen ist, sondern auch darüber hinaus. Man ist unzufrieden mit dem, was ist, und immer in Bewegung. Aber Spengler folgt einer biologischen Morphologie der Kultur. Das heißt: Jede Lebenseinstellung entsteht, blüht auf und stirbt auch wieder ab. Dann entsteht eine andere Kultur. Es gibt keine Verbindung zwischen diesen Kulturen. Was Spengler jedoch als faustisch ansieht, betrachtet Rosenstock-Huessy als christliche Lebenseinstellung, als Inspiration hinter Europa seit der päpstlichen Revolution. Eigentlich gab es diese Einstellung schon vorher, aber jetzt erhält sie auch politische Bedeutung für die Rechtsordnung. Diese perspektivische Sichtweise ist eine Folge der christlichen Kultur. Rosenstock-Huessy teilt zwar das biologische Verständnis von Kultur, vom ersten Anfang über Wachstum und Blüte bis hin zu Verfall und Erstarrung. Eine neue Kultur entsteht jedoch nicht aus dem Nichts, sondern wird innerhalb der alten geboren und geht auch wieder eine Verbindung mit dieser ein. Eine neue Kultur erbt die vorherige und erweckt auch die vorherige Kultur zu neuem Leben. Das macht die Krisen nicht weniger einschneidend, aber es verbirgt sich darin die Verheißung von etwas Neuem. Das ist kein „evangelischer Enthusiasmus”, denn das wäre zu oberflächlich. Epochen folgen einander durch Krisen hindurch, aber sie erben auch voneinander, und so gibt es Wachstum, Wachstum vom Menschen zum vollzähligen Menschenmenschen. Es ist diese christliche, perspektivische Sicht auf die Geschichte, die Spengler ablehnt. Er hat sein Buch so geschrieben, dass das Christentum darin nicht vorkommt. Die Zeit nach Christus bis Karl dem Großen beschreibt er als „arabische Kultur”. Mit anderen Worten: Er sieht zwar, dass es in dieser Zeit um die Einheit Gottes geht, aber das hat nichts mit dem Christentum zu tun. Jede Kultur steht für sich, ohne Verbindung zur vorherigen und zur nächsten.

„Naturgemäß hatte auch Spenglers Schrift ein starkes de fabula narratur für sich – das verkannte Rosenstock-Huessy, wenn er dem Autor später vorwarf, seine Art von Geschichtsschreibung habe keinen Bezug zu den lebendigen Gedächtnissen der Menschen, ja, er schreibe nur für Leute, die ihrer Erinnerungen müde seien.” (S. 150)

Sloterdijk verweist hier auf Out of Revolution, S. 698, (können wir hier die Übersetzung von Eckart Wilkens gebrauchen? Diese ist nicht in meinem Besitz) Niederländische Übersetzung S. 659. Es ist lehrreich, den Text dieses Absatzes daneben zu stellen: „Oswald Spengler ist das deutlichste Beispiel für einen Schriftsteller der „Geschichte ohne Erinnerung”. In seinem Werk Der Untergang des Abendlandes präsentiert er eine Weltgeschichte, ohne auch nur ein Wort oder einen Ausdruck zu erwähnen , die von den Menschen verwendet wurden, die zur Zeit dieser Ereignisse lebten. Kein „Dieu le veult”, kein „Rights of Man”, kein „To thy Tents, Israël”, kein „These are the times to try men’s souls”. Er betrachtet die Welt der Menschen, als hätten diese Menschen kein Gedächtnis. Er schreibt für diejenigen, die verzweifeln, jemals ein Gedächtnis und eine Tradition zu bekommen, für die Kinder, die niemals erwachsen werden wollen. – Warum ist er dann so populär geworden? Seine Leser haben ihre eigenen Erinnerungen satt, es sind Menschen, die vom Weltkrieg erschüttert sind und nur allzu bereit sind, sich von ihrer eigenen Überlieferung und ihren Erinnerungen zu trennen!”

Versteht Sloterdijk Rosenstock-Huessy hier richtig? Rosenstock-Huessy will damit sagen, dass die Menschen, die in einer bestimmten Zeit leben, zu einem bestimmten Zeitpunkt auch selbst zum Ausdruck bringen, was sie bewegt. Das gilt nicht für alle ihre Äußerungen. Aber es gilt für eine Reihe prägnanter Aussagen, die direkt aus dem Herzen kommen. In seinem eigenen Werk widmet er gerade solchen Äußerungen seine Aufmerksamkeit. Denn hier verrät die Sprache eine andere Sichtweise und eine andere Erfahrung der Ereignisse. Solche Erfahrungen und Sichtweisen prägen eine Epoche, sie leiten eine neue Zeit ein.

„In der oft beeindruckende empirische Plausibilität, zudem in der elitären Schärfe von Spenglers Beobachtungen gründet Theodor W. Adorno 1949 getroffenes Urteil, der Autor des Untergangs habe in seiner Zeit „kaum einen Gegner gefunden, der ihm gewachsen gewesen wäre“ …“(S. 161)

In einer Sammlung von Buchbesprechungen, ich glaube aus dem Jahr 1935, über Spenglers Buch wurde die Besprechung von Rosenstock-Huessy nicht aufgenommen. Sie war zu kritisch. Rosenstock-Huessy hat darin behauptet, dass Spenglers Buch „Der Untergang des Abendlandes“ eigentlich den Titel „Der Selbstmord Europas“ tragen hätte müssen. Das ist genau das, was passiert ist. Der Erste Weltkrieg war kein unabwendbares Schicksal, das über uns hereinbrach, weil eine Kultur zu Ende ging. Die europäischen Mächte haben es selbst getan, bereitwillig und gerne. Spenglers Buch gibt ihnen zu einfach ein gutes Gewissen: Wir konnten nichts dagegen tun.

„Man liest Spengler nur noch mit Gewinn, wenn man vorhat, sich über die Risiken des Declinismus aufzuklären, gleich ob er in heroischer oder defaitistische Tonart spricht. Als Politikberater gehörte Spengler zu seiner Zeit ins Lager Nationalkonservativen Falken; für ein Gebilde wie die europäische Union hätte er keinen Rat, weil es sich völlig außerhalb seiner Begriffswelt, auch jenseits seiner Träume und Interessen ansiedelt.” (S.169,170)

Die Nationalsozialisten in Deutschland haben sich Spenglers Werk zunutze gemacht. Er lieferte ihnen die Ideologie, die sie brauchten. Er lieferte die Selbstrechtfertigung und die düstere Perspektive und das Nibelungengefühl, dass wir im Kampf aller gegen alle mitkämpfen, obwohl alles dem Untergang geweiht ist. Man kann sich fragen, warum dieser Spengler bei Sloterdijk dann doch so viel unverdiente Aufmerksamkeit erhält. Rosenstock-Huessy wird als zu enthusiastischer Vordenker angesehen, Spengler als kühler Analytiker, der die voreiligen Urteile von Rosenstock-Huessy korrigieren muss. Merkwürdig!

6. Vorlesung 4: Ehrlich zu sich selbst sein

Selbstbekenntnisse sind aus der Beichtpraxis hervorgegangen, haben sich davon gelöst und bilden dauerhaft die Reflexion oder das Gewissen. Europa kann ehrlich zu sich selbst sein, und das ist seine Stärke. Sloterdijk verweist auf Augustinus, mit dem dies begonnen hat. Über Augustinus schreibt Spengler den schönen Satz: „Augustinus prägte die Geste des Geständnisses jenseits der frühchristlichen Übungen von Beichte und Buße neu, indem er die Suchbewegung seines Lebens insgesamt unter das Vorzeichen der Irre stellte.” (S. 185)

In den späteren Kapiteln befasst sich Sloterdijk mit der Eroberung der Welt durch den Westen, dem Kolonialismus, der Kritik daran und doch auch in gewisser Weise mit der Nachfolge dieses Europas, auch durch die anderen Völker. Darauf gehe ich hier nicht näher ein. Rosenstock-Huessy spielt hier nur indirekt eine Rolle.

Im Nachmittagsprogramm vom 8. November stand Rosenstock-Huessys Sicht auf die Russische Revolution im Mittelpunkt, und als zweites wichtiges Thema die Frage, was an Europa auch für den Rest der Welt wichtig ist. Rosenstock-Huessys Antwort auf diese Frage lautet: der Menschentyp, die menschlichen Eigenschaften, für die Europa steht und die in der europäischen Geschichte erworben wurden. Also nicht in erster Linie die Technik, nicht die Institutionen, sondern die Ausstattung des Menschen, die Eigenschaften, die dieser Mensch mitbringt.

Ursprünglich veröffentlicht auf Niederländisch