Rosenstock-Huessy: Zeitgeit, Mythos, Krieg (1956)
Seit 1789 spielen Zeitungen die Rolle des Heiligen Geistes. Sie spiegeln ja die öffentliche Meinung, und vor ihr hat sich Talleyrand so gut wie Roosevelt gebeugt. Der Zeitgeist wurde vergöttert. Die Namen Zeitung, “Die Zeit”, ’’Der Monat”, ‘Die Neuesten Nachrichten’ und die Formen der Zeitschrift wurden maßgebend. Schillers und Goethes “Horen” gaben den Stunden, dem Zeitgeiste den griechischen Jahreszeitennamen, um ihm seine Würde zu sichern. “Modern sei der Poet, modern vom Scheitel bis zur Sohle”, riefen Arno Holz und Johannes Schlaf aus.
Aber seit den Weltlkriegen hat die Neuigkeit und die letzte Nachricht so oft von Bomben und Bränden, Tod und Verderben berichtet, daß der Zeitgeist es schwer hat, sich als Gott zu behaupten. Dafür ist ein neues Wort auf den Plan getreten. Das Wort Mythos ist heut gang und gäbe. Sogar die Bibel, diese Vorkämpferin gegen alle Mythen, soll “entmythologisiert” werden. Damit ist aber gemeint, daß den antiken Mythen, welche die Bibel bekämpfte und überwandt, heut keine Kraft mehr innewohne; die “Auferstehung” und das leere Grab zum Beispiel standen gegen die Auffindung der Leiche des Osiris und ihre, der Osirisleiche, liturgische Lebendigmachung. Da wir den Osiris weder beerdigen noch auferwecken, so ist also die Auferstehung als Waffe gegen die Auferweckung unnötig. Insofern ist der - irreführende - Ausdruck “Entmythologisierung” mit dem Sieg des modernen Zeitgeistes über die Reste antiken Heidentums verkoppelt.
Aber diese Schrift ist geschrieben, um zu warnen, daß aus dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts der Mythos im zwanzigsten geworden ist. Es ist heute überall da, wo 1830 der Zeitgeist vergötzt wurde, heut der Kotau vor dem”Mythos” im Schwange. Die Menschen bräuchten den Mythos, sagten Jean Guesde, Mussolini, Goebbels, Stalin, Freud und Jung, Prinzheim und Pius XII.
Der Kampf der Bibel gegen die Mythen droht durch die unglückliche Namenswahl Bultmanns zum Erliegen zu kommen. Denn die Laien beziehen sein Wort Entmythologisierung nicht auf Osiris und alle verwandten anderen heidnischen Kulte, denen das Neue Testament den Garaus gemacht hat, sondern auf die Bibel selber. Die Flut der modernen Mythen bricht heute, also in demselben Augenblick über uns herein, in dem das bisherige Heilmittel dagegen, die Bibel selber der Mythenbildung geziehen wird. Danach empfinde ich das Bedürfnis, den unentbehrlichen Vorgang der Mythenbildung in unseren eigenen Leben und im Leben der politischen Mächte zu bestimmen. deshalb wird der bloße “Zeitgeist“ des 19. Jahrhunderts zum Mythos im 20.? Was ist denn Mythos? Weshalb geht es nicht ohne ihn? Wie stößt er an seine Grenzen? Nur wenn wir die nationalen Mythen ernst nehmen, können wir die Überwindung dieser Mythen als die Aufgabe der Politik begreifen.
Dies sind also unsere Thesen:
- Der naive Gebrauch des Wortes “Zeitgeist” ist nicht länger statthaft. Zeitgeist wird durch Mythos verdrängt. Aber aus dem Zusammenhang von Zeitgeist und Mythos folgt, daß wir ohne Mythos so wenig leben, wie wir je ohne Zeitgeist gelebt haben. Während aber dem Zeitgeist naiv gehuldigt wurde, sind die, Mythen lebensgefährlich. Der Mythos ist die ständige Kinderkrankheit jeder mehr als einer Zeit und das heißt, mehr als einem Zeitgeist ausgelieferten Gruppe.
Zu diesen Thesen gehört die Einsicht, daß der neue Tatbestand der Mythosbildung in der Gegenwart nicht mehr’ viel mit römischer oder germanischer oder griechischer Mythologie zu schaffen zu haben braucht. Unsere heutigen Mythen ergeben sich aus unserer eigenen Lebensnot und Lebensweise. Weshalb kommt es zum Mythos? Diese Frage soll nichts anderes besagen als die Frage: was ist ein Mythos? Aber die Frage „was” könnte nur mit einer Definition beantwortet werden. Definitionen eignen sich für Naturdinge und Mathematik. In der menschlichen Gesellschaft hingegen ist jede Definition willkürlich. Nur unsere eigenen Erfahrungen zwingen uns zu dem Zugeständnis, es seien Haß und Liebe, Demokratie und Diktatur wirklich. Daher muß der von Vorgängen reden, der hofft, seine Hörer oder Leser seinen eigenen Vorstellungen nachgehen zu machen.
Der Mythos bildet sich heute immer da, wo wir vor der Zeit längere Zeitvorstellungen erben sollen oder erben müssen. Um das Gewicht dieser Behauptung zu erhöhen, fügen wir hinzu: Jede einzige geschichtliche Überlieferung wird mythisch, sobald und solange die, denen sie überliefert wird, vor der Zeit leben. An dieser Stelle muß ein Wort über den Ortsmythos gesagt werden. Denn die Theorie der letzten Jahrhunderte hat ja Orten und Räumen naiv die Vorherrschaft zugeschrieben und daher übersehen, daß jeder Ort zu seiner Zeit und- jedes Land zu seiner Epoche und jedes Haus zu seiner Stunde Gestalt gewinnt. So sei hier nur kurz den Leser, der sich um die Raummythen sorgt, gesagt, daß freilich jeder Teilraum so mythisch uns einschließt wie der Zeitgeist. Das kann nicht anders sein, weil jeder festgehaltene Platz im Weltenraum eine zurückgelegte Zeit verkörpert. Räume sind Zeiträume. Denn jeder Raum ist ahgegangener, in der Zeit abgeschrittener Raum. So nur bildet er sich! Das Elternhaus ist oft nur eine Stagenwohnung. Aber wir haben es nach allen Seiten unzählige Haie ausgeschritten. Nur dadurch ist es unser Elternhaus. Der Prozeß dieses Ausschreitens entscheidet, daß wir den Ausschnitt Elternhaus aus dem Weltall vollziehen. Das Landesgebiet, die Reichsgrenzen, die Chinesische Mauer, die Dorfmark sind im Grenzbegang ergriffene Räume. Die Vergangenheit verkörpert sich in unserem Gedächtnis mittels solcher zurückgelegter Strecken, abgegangene Grenzen, ausgeschrittener Gebiete.
Solchen Räumen wächst mythische Gewalt zu, und zwar desto mehr, je öfter dieser Raum abgeschritten, je seltener er überschritten wird. Wir dürfen also unser Augenmerk weiter auf die Zeit richten, sie wird von Zeitgeist und Mythos isoliert und die Zeiträume und Räume folgen jeweils automatisch.
Dem, der „vor der Zeit” hört, verwandelt sich jeder Bericht in Mythos. Dieser Satz ist denen unverständlich, die von der Zeit nur die abstrakten Vorstellungen der Kantianer oder Physiker haben. Die Abstraktion Zeit steht ja im Singular und abstrahiert von den Zeitlängen Stunde, Tag, Jahr, Generation, Jahrhundert ebenso wie von den Qualitäten Zukunft oder Vergangenheit oder Vorvergangenheit = Plus quam Perfectum oder Imperfectum {= werdende Zeit). Abstrakte Zeit ist kindische Zeit. Physiker oder Mathematiker als solche sind im Hinblick auf die Geschichte Kinder. Dümmer als Einstein oder Descartes ist nicht leicht jemand im Hinblick auf die wirkliche Zeit gewesen. Denn es war ihr Beruf, die Zeit vor der Zeit zu betrachten.
Damit lernen wir etwas erstes über die Eigenart der Zeit im Vergleich zu den Dingen. Wer von den vielen einzelnen Stühlen abstrahiert, weil er Stuhl definieren soll, der hat alle möglichen Stühle im Sinn. Die Abstraktion kommt also hinterher, nachdem die grobe Erfahrung des Sitzens auf verschiedenen Stühlen gemacht worden ist. Die abstrahierende Definition läßt das von den Stühlen weg, was zwar am einzelnen Stuhl erfahren wurde, aber als zufällig nachträglich wegbleiben kann: Auf Lederstühlen habe ich zwar mal gesessen. Aber deshalb ist der abstrakte Stuhl nicht notwendigerweise aus Leder.
Mit den Zeitsinn steht es genau umgekehrt. Von der Zeit redet der Physiker großspurig im Singular abstrakt daher, nicht nachdem, sondern bevor er sie erfahren hat. Wir müssen unausgesetzt vor der Zeit uns über die Zeit Gedanken machen. Das liegt daran, daß jedes Zeitmaß seine besondere Qualität hat. Ein Tag besteht nicht aus 24 Stunden. Das behauptet nur der Physiker. Ein Monat oder eine Woche setzen sich mit nichten aus Tagen zusammen, denn Montag, Samstag, Sonntag haben im Rhythmus der ganzen Woche ihre unvergleichliche Qualität.
Ein kleines Kind weiß zwar schon, was ein Tag ist, aber erst in der Schule erfährt es den Sinn einer Woche. Erst nach dem ganzen ersten Schuljahr und nach den Ferien lernt es, was ein Jahr ist. Sogar Studenten aber wissen selten, was zehn Jahre sind. Ein Menschenalter aber, gar ein Jahrhundert, sind ihnen völlig märchenhafte Vorstellungen.
Trotzdem erzählen wir ihnen von Jahrhunderten. Wir reden von Luther und von Thomas von Aquino und von den Aposteln und den Pyramiden und neuerdings von hunderttausend oder fünfhundert Millionen Jahren. Die Theologen wissen sogar über das Jenseits und die Ewigkeit Bescheid. All das erzeugt in denen die diese unerfahrenen Zeitlängen in sich aufnehmen, Mythen.
Wenn ich meinen Studenten also eine wissenschaftliche Geschichtsvorlesung halte, so nehmen sie ihrerseits diese für mich sauer erarbeiteten “wissenschaftlichen” Tatsachen rein mythisch entgegen, soweit sie moderne Proletarier sind. Proletarier nämlich ist jeder Mensch, für den ein Jahr menschlicher Solidarität die längste von ihm gemeisterte Zeiterfahrung bildet.
Bürger wäre der, dem ein ganzes Menschenalter der Solidarität als Maß seiner Entscheidungen zu handen ist. Adlig sind Menschen die vier oder fünf Generationen auf ihr Handeln einwirken lassen. Ein moderner Betriebsmensch muß sich oft auf neue Arbeitsgruppen einlassen, er wird ja immerfort woanders hingestellt, daß ihm auch die Politik ein Ereignis jedes Tages wird. So mißdeutet er alle Entscheidungen, die auf Jahrhunderte die Zukunft festlegen, als bloße Tagesereignisse, mit denen er sie verwechselt. In dieser Perspektive schrumpft der zweite Weltlkrieg zu dem Telegrammwechsel von Hitler und Chamberlain am 24. August 1939 zusammen. Das heißt, der Kriegsausbruch wird zum Mythos.
Viele Deutsche behandeln heute die Jahre seit 1943 als das deutsche Wirtschaftswunder, die Jahre 1945 - 1943 als das deutsche Unglück, die Jahre 1933 - 1945 als die Zeit Hitlers. All das ist Mythologie.
Die Zeit von 1914 - 1945 ist eine einzige. Die beiden Weltkriege sind, ein einziger. Die industrielle Revolution hatte aber uns Menschen so sehr zu Zeitproleten gemacht, daß ein so epochales Ereignis, wie der Weltkrieg von zwei Generationen erfahren werden muß, um es eben dadurch zu entmythologisieren. Wo nämlich zwei Generationen sich einander vertrauend öffnen, da gelingt es, über die erfahrene Zeit eines einzelnen menschlichen Daseins hinauszudringen. Epochen erleben nie Individuen. Individuen sind unfähig, epochale Erfahrungen zu machen. Denn nur wer sich mit anderer Zeiten Genossen zusammentut, kann Zeiten, die über sein bewußtes Dasein hinausreichen, ”erfahren”. Der gemeine Mann, der sich auf nichts einlassen will, was über seine eigene Lebenserfahrung hinausliegt, ist geschichtsunfähig. Physiker oder Ernst Häckel sind geschichtsunfähig. Denn im Experiment und in der sinnlichen Erfahrung werden die zur Epochenbildung benötigten Zeitlängen absichtlich zugedeckt und unzugänglich gemacht. Nur dem, der seiner Väter gern gedenkt, erschließt sich die Vergangenheit. Nur dem, der vom Ende der Welt her in die eigene Zeit zurückdenkt, erschließt sich die Zukunft. Propheten, die vom Ende her das Heute beurteilen, werden heute mit Vorhersagern verwechselt, die aus Heute das Morgen herleiten. Und dankbare Erben, die stolz sind auf ihre Kraft, in der Vorzeit sich selber wiederzukennen, werden mit Adelsstölzen und Ahnenprotzen verwechselt, die sich aus der Vergangenheit herleiten.
Ich urspringe als Prophet und als Schöpfer, wenn ich Anfang und Ende in meiner eigenen Zeiterfahrung erlebe. Dazu muß ich ganz jung und ganz alt sein können, urneu und uralt. Wer aber nur aus dem Zeitgeist existiert, ist bloß jung. Diese jungenhafte Jugend ist unfähig, Zeit zu erfahren. Daher war die Jugendbewegung mythisch. Ohne die Erfahrung, daß der Unterschied zwischen jung und alt zweiten Ranges sei, ja, daß diese Unterscheidung zur Erfahrung längerer Zeitstücke unfähig mache, leben die Menschen mythisch. Denn sie verkürzen die Zeiten unter ihr Maß.
Die einzelne Generation und das Individuum ist also geschichtsunfähig. Es gibt so viel Geschichte, als sich die Generationen gläubig in die Hände arbeiten. Die jungen Franzosen, die 1929 sagten: la guerre ce sont nos peres, entsprachen den Jugendbewegten in Deutschland, die sich in ihr Jugendland einschanzten. Mythos hielt den Jugendbewegten in Deutschland, den jungen Söhnen in Frankreich seine Binde vor die Augen. Mythos erlaubte ihnen, den eigenen Zeitgeist herauszulösen aus der Folge der Generationen, in deren Zusammenhang Geschichte sich bildet.
Um nun dem Leser, der fast immer aus der abstrakten Zeit der Physiker seine Vorstellung entlehnt, die unvermeidliche Mythoszeit jedes reinenZeitgeistes überwindbar zu machen, biete ich ihm zwei Wege an; der eine ist der seiner eigenen Erfahrung. Der andere ist der der Soldaten der beiden Weltkriege. Unglaublich mag es ihm klingen, es ist aber trotzdem wahr, daß von Parmenides bis Heidegger die Philosophen nie von der erfahrenen Zeit gehandelt haben, sondern immer nur von einer abstrakten. Und es ist ebenso unglaublich aber wahr, daß die Einheit der beiden Weltkriege dem sofort einleuchtet, der den bloßen Zeitgeist als reinen Mythos zu durchschauen vermag. Es sind dies freilich zwei so unbegangene Wege, daß ich ausdrücklich betone, es müsse hier der Leser den Schüler, Studenten, Zeitungsleser und Naturwissenschaftler in.sich mit dem Menschen vertauschen, der noch fähig ist Erfahrungen selber zu machen.
Wie erfahren wir Zeiten und Räume?
Der Augenblick ist die einzige unmittelbare Zeiteinheit, die uns begegnet. Alle größeren Zeiteinheiten sind soziale Schöpfungen. Der Gesamtraum ist die unmittelbarste Raumerfahrung. Alle Unterteile des einen Raumes sind soziale, geschichtliche Einschränkungen. All und Augenblick sind also die roheste empirische Wahrnehmung des allein gelassenen, im panischen Schrecken seines Alleinseins dem Raum und der Zeit ausgelieferten Individuums. Das Individuum beruhigt sich erst dann, wenn ihm ein Raum innerhalb der menschlichen Welt einfängt, der ihn aus dem Universum herausnimmt und in dem er zu Hause sein darf, und wenn ihm statt des Sturzbaches von blossen Augenblicken die Stunden, Tage, Jahre den tröstlichen Zusammenhang der flüchtigen Augenblicke zusichern.
Der Mensch atmet auf, dem Du mehr Zeit verschaffst. Und er atmet auf, wenn er Heimat findet. Dies Aufatmen verdanken wir alle niemals uns selber, sondern den Gemeinschaften mit anderen, in die wir eintreten. Die Grenzwerte All und Augenblick sind theoretisch mindestens einzelnen Individuen empirisch zugänglich. Hingegen alle echten Raumunterteilungen und Zeitüberbrückungen sind reine Geschenke der Gemeinschaft. Daher ist es gut begründet, daß nackte Individuen weder Räume noch Zeiten erfahren können. Kein Individuum wüßte, was seine Heimat oder was sein Jahrhundert seien. Wir können freilich uns mythisch gegen die Ländergrenzen und gegen die Zeitmaße verhalten. Das geschieht, sobald wir die kleiner als das All = Räume wie das Universum , die größer als der Augenblick = Zeiten wie einen Moment behandeln. Jeder Idealismus tut das; denn der Idealismus geht von der abstrakten Zeit und dem abstrakten Raum aus. Die Idealisten beginnen alle mit dem mathematischen Gedankengebäude, in dem es lauter bloße Schemen gibt: Punkte, Gerade, Flächen, Würfel und ähnliche mangelhafte und ausgedachte Abstraktionen. Zu Gottes Geschöpfen gehören weder Punkte noch Gerade noch Flächen und gehört ebenso wenig “die” Zeit. Vielmehr ist unser Verstand außerstande, die göttliche, in jedem Staubkorn unvergleichliche Schöpfung anders als abstrakt zu erfassen. Die Mathematiker erniedrigen das lebendige Schöpfungswesen zur meßbaren Natur. Ich habe nie verstanden, daß Menschen sich brüsten, mit ihrer abstrakten geraden, eindimensionalen Linie etwas’ besseres zu produzieren als es die echten und eben deshalb gebrochenen und unwiederholbaren Linien der Wirklichkeit sind. Nun gar der mathematische Punkt! Was ist er doch für eine leere, hinter der wirklichen Welt herhinkende Behauptung. Die Wahrheit ist: Unser Gehirn arbeitet schlechter und nicht besser als Gott. Es setzt Gerüste um Gottes Haus. Aber seit wann sind Gerüste besser als der Bau selber? Was schon von den Urteilen der Geometrie gilt, ist auch viel wahrer, weil viel folgenreicher für unsere Beurteilung der Zeit. Welche Anmaßung ist es, von der Zeit im Singular zu reden. Wer sich einbildet, von der Zeit als einer geraden Linie, als Objekt des Denkens usw. denken zu können, spottet seiner selbst, er weiß nur nicht wie. Denn während ich von dem Stuhl, auf dem ich gesessen habe, deshalb zu abstrahieren vermag, weil ich auch stehen oder liegen und das heißt ohne Stuhl existieren kann, sind mir die wirklichen Zeiten unvermeidlich auch zu der Zeit umgetan, während der ich über sie gescheut räsonniere. Die Fülle der Zeiten: Diese Stunde, dieses Jahr, dieses Jahrhundert, dies Weltalter umfluten mich, also viele Zeiten auf einmal!
In ihnen allen vibriert jener 15. September 1956, an dem ich räsonniere . Und der ganze 15. 9. 1956 in der vollen Anzahl seiner Zeitebenen ist mir aufgetragen als schwere Last. Ich muß dies Zeitdatum nach allen seinen Zeitlängen -verteidigen,, durchhalten, aushalten, vertreten, verkörpern. Mit Hilfe dieser Akte mache ich viel wichtigere Aussagen, über die Zeit als mit meinen außerdem von mir vollzogenen Abstraktionen. Ja, die Taten sind so wichtig, daß meine Abstraktionen ins leere fallen, wenn sie nicht von diesen meinen eigenen Akten an diesem Tage zur,Verteidigung oder zur Vernichtung unserer Zeitrechnung geradezu ihren Ausgang nehmen.
Deshalb ist die abstrakte Aussage des Herrn Professors Rickert oder Heidegger über die Zeit und die Geschichte weniger interessant als Herrn Heideggers Entscheidung gegen den Kommunismus und für den Nazismus. Denn die Akte solcher Entscheidung bleiben in die wirkliche Fülle der Zeiten eingetaucht. Daher sind sie ernster als des Professors Gedankenspiele über “die Zeit”. Die Gedanken über die Zeit sind ohne Folgen; die Tat, die aus den Zeiten stammt und in die Zeiten geht, ist es nicht. Der Gedanke, der auf seine nächste Quelle zur Information verzichtet, ist ein kompromittierter Gedanke und eben dadurch wertlos. Wertlos ist alles, was mit geteilter Seele gedacht wird. Das Gewicht jeder Wahrheit bemißt sich nach dem Grade der Ganzheit ihres Vertreters. Wer nur mit dem Kopf denkt, ist ein bloßer Schulmeister. Wer auch mit den Geschlechtsorganen, dem Herzen und dem Magen denkt, der denkt gewichtiger oder um die Idealisten zu zitieren: wesentlicher. Sein ganzes’Wesen ist eben von diesem Gedanken durchdrungen. Gerade daran hängt der Wert aller Gedanken über Zeiten und Räume. Über die Zeit und den Raum mögen die unwirklichen Geometer des Punkts und der geraden Linie sich streiten. Sie sind ja sogar noch stolz darauf, unbeteiligt zu sein.
Von den Räumen, den Stätten der Lebendigen, von den Zeiten, den Epochen der Toten, kann kein Geometer etwas wissen, es sei denn, er vergäße seine Geometrie! Er hat ja ausdrücklich dadurch, daß er Geometer wurde, sich aus den Zeiten herausgerissen, und so brausen sie nun an ihm wie reiterlose Rosse vorbei. Als die europäischen Historiker der Geschichte das Maß so nehmen wollten als seien sie Geometer, vernichteten zwei Weltkriege Europa. Nur die Historiker selber haben noch nicht bemerkt, daß sie die Weltkriege verursacht haben. Deshalb haben sie wohl mit solchem unfruchtbaren Fanatismus die Kriegsschuld aller außer der des Historikers untersucht. Damit kommen wir zu dem zweiten Punkte, der die Gegenwart einzigartig macht: zu dem unmenschlichen Charakter des Weltkrieges in seinen beiden Hälften als Weltkrieg I und Weltkrieg II. Wer begreift, daß Mythos vergötzter Zeitgeist ist, dem öffnen sich die Augen dafür, daß die Mythen des ersten Weltkriegs und des z weiten Weltkriegs zusammen nötig wurden, um eine einzige Wahrheit hinter den beiden Mythen in die Welt zu bringen.
Der Aufdeckung dieser Beziehung von Mythos und Wahrheit wende ich mich nun zu. Es ist von 1914 bis 1945 der Krieg entartet. Was in Jahrtausenden feststand, daß aus Kriegen Frieden werde, wurde geleugnet. General Grants Formel aus einem Bürgerkriege in Amerika “unconditional surrender” wurde auf Kriege übertragen, die keine Bürgerkriege waren und die daher bei Anwendung dieser törichten Formel unbefriedbar wurden. Unconditional surrender war nämlich eine Waffenstillstandsformel, aber ohne Friedensinn.
Das sei zuerst klargestellt. Unter Bürgern herrscht Ein Recht. Bricht ein Bürgerkrieg aus, so hört das Recht nicht auf, den beiden Bürgerkriegsparteien als Dach vorzuschweben. 1865 also harrte die Union und das Recht der Union auf der kapitulierenden Sezessionisten Rückkehr in die vorhergehende Verfassung. In einem offenen Kriege aber gibt es/keine Rückkehr zurück in die vorige Ordnung, denn in ihm ist das Fehlen der gemeinsamen Verfassung die Ursache des Kriegesl! Die Kapitulation, die das Schiessen endet, ist nur ein Waffenstillstand. Nunmehr fordert der Weltkrieg selber unsre Behandlung. Denn es ist kein Zufall, daß er, weil ohne Friedensschluß der Krieg, in zwei Akte, in Weltkrieg I und in Weltkrieg II auseinandergeborsten ist, ja auseinanderbersten mußte! Dadurch ist der Krieg zu etwas Mythischem degradiert worden. Er ist dem bloßen Zeitgeist verfallen. Dies ist zum ersten Male in der Weltgeschichte 1918 und 1945 geschehen; als Waffenstillstand mit Friedensschluß verwechselt wurde, gelang es, gerade das Ereignis, dank dessen jeder Mythos überwunden wird, dem bloßen Zeitgeist preiszugeben!
Denn Kriege sind die Völkerarznei gegen jeden partikularen Mythos. Wir wollen hier nicht fragen, ob Kriege geradezu deshalb ausbrechen, um jeden Teilmythos zu bekämpfen. Aber wir wollen beweisen, daß jeder Krieg dem Zeitgeist gegenüber die Einbettung der Zeit in ihren Zusammenhang erzwingt. Dieser Beweis ist leicht. Aber er wird hier nüchtern, sozusagen mathematisch, angetreten. Alle Kriege, so behaupten wir, bezeugen einen längeren Atem als jeder Zeitgeist. Der Krieg erzwingt die Abdankung des protzenden Selbstbewußtseins aller bloßen Zeitgenossen. Denn der Krieg verlangt von denen, die den Krieg auf sich nehmen, eine Umwertung ihres Friedensbewußtseins. Das Friedensbewußtsein, das Bewußtsein des Bürgers im Frieden ist gerade der Zeitgeist. Im Kriege kommen wir damit nicht durch, sondern bei Kriegsausbruch verweht der bloße Zeitgeist oder der Krieg ist verloren. Denn der Krieg wird entschieden nach dem Maß der Aufopferungsfähigkeit des lebenden Kriegergeschlechts zu Gunsten der Einheit von Vorzeit und Zukunft.
Kriege heilen den Zeitgeist. Mythen sind ohne Kriege unheilbar. Dies wird den modernen Libellen oder Sozialisten oder Aufklärern oder Humanisten nicht einleuchten, insofern sie ja geneigt sind, den Krieg als überflüssig und sich selber als mythosfrei anzusehen. Wer nicht zugibt, selbst dem eigenen Zeitgeist verfallen zu können, kann den Kampf zwischen mythischem Frieden und herrischem Krieg nicht anerkennen. Er wird alles, was ihm mißfällt, also z.B. Mythen und Kriege, in einen Topf werfen. Wer aber den Aberglauben als den unweigerlichen Begleiter des Glaubens sieht, und wer weiß, daß niemand aus Wissen oder Unglauben je gelebt hat, sondern entweder aus Glauben oder aus Aberglauben, der wird es sich nicht so leicht machen.. Ich weiß, daß ich nicht der einzige bin, den die Geschichte seit 1905, seit dem Russisch-Japanischen Krieg, gezwungen hat, seine Vorurteile über Krieg und Frieden zu revidieren. ‘“Der Sinn des Krieges” - es ist nicht populär, an diesen Sinn zu glauben. Aber ohne den Sinn des Kriegs hat die menschliche Zeitrechnung keinen Sinn. So gestatte mir der freundwillige und eben deshalb geduldige Leser drei Hypothesen
- Der Kampf ist natürlich und geschieht von selbst; jeder Friedensschluß ist übernatür1ich, denn er muß ausdrücklich und kann nie “von selbst” geschlossen werden.
- Jeder solcher Friedensschluß nach einem Konflikt wiegt die Befriedeten in jene Sicherheit, die sie einlullt in einen zeitlosen Mythos. Und Mythos ist die Verherrlichung eines Teils der Zeit oder des Raumes als herrschten sie immer und ewig.
- Kriege erzwingen den Zusammenhang eines bloßen Zeitabschnitts oder Raumabschnitts mit seinem Gegenstück, seinen Feinden oder seinen Nachbarn durch die Räume, seinem Vorzähler und seinem Nachfolger aus den Zeiten.
- Daher ist es berechtigt zu behaupten, daß Kriege entmythisieren. Es gibt dafür zwei grandiose Beispiele: Den trojanischen Krieg und die Kreuzzüge. Homers Epen entmythologisieren. Sie setzen die Götter herunter, und sie setzen die 501 griechischen Kolonien und Städte zusammen und setzen sie herauf. Seit Heraklit, seit Plato ist Homer für seine Ironische Behandlung der Götter getadelt worden. Aber ein Krieg, der aller Griechen Städte froh vereinte, mußte die im Einzeltempel der Einzelstadt verehrten Gottheiten notwendig heruntersetzen. Seit Homer herrscht in Griechenland das Epos statt des Kultes, der Humanismus statt der Religion, der Gebrauch des Logos als Vernunft statt seines Gebrauches in Gebet und Mythen.
Die Kreuzzüge aber erfanden die Päpste bewußt auf ihre homerische Wirkung hin. In Tausenden von Lokalkulten, Ortsheiligen, Feudalkapellen zersplittert lebte das Abendland in einem Raum von Legenden.
Der Kreuzzug hat das homerische Zeitalter des Abendlandes geschaffen. Dank der Kriege gegen den Islam wurde das Abendland fähig, die Mythen zugunsten der Scholastik, zu Gunsten eines befreiten Vernunftgebrauches aufzugeben. Es ist also wahr: Kriege entmythisieren. Gottfried von Bouillon verdrängt Siegfried so wie Hektor und Andromache etwa den Mythos von Perseus und Andromeda verdrängen konnten. Homer hat die Griechen, das Rolandslied die Europäer geschichtsfähig gemacht. Gerade dies läßt sich auf Weltkrieg I und II nicht ohne weiteres übertragen. Der Grund dafür muß uns zu schaffen machen.
Ich will den Leser nicht hinhalten, sondern gleich sagen, weshalb zum ersten Male in der Geschichte der Welt der Krieg seine Punktion der Lügenzerstörung nicht erfüllen konnte. Dieser Krieg ist nämlich nicht zufällig in zwei Kriege zerfallen. Nein, in diesem Zerspringen des die Mythenträger bisher gewaltsam zusammenzwingenden Reif des Krieges drückt sich die industrielle Revolution der Welt sehr klar aus. Diesen zunächst vielleicht nur geheimnisvoll oder willkürlich anmutenden Satz will ich nunmehr begründen.
Krieg.wäre unmöglich, wenn nicht ein einziger Soldat bereit wäre, sein Leben zu opfern. Dieses Opfer des Soldaten ist unmythisch. Der Soldat opfert ja gerade seinen Zeitgeist, das was ihm als Sinn seines friedlichen Lebens unter dem zivilen Zeitgeist vorschwebte. Ein Soldat verbindet die Geschichte des kriegsführenden Staates mit dessen Zukunft. Er ist der Kitt zwischen dem Frieden vor diesem Krieg und dem nächsten Krieg. Damit verlegt jeder Soldat - er mag das wissen und fühlen oder weder wissen noch fühlen, es macht das keinen Unterschied - das Schwergewicht aus der eigenen Generation heraus und betont statt dessen den Zusammenhang des Volkes durch mehrere Generationen. Der Tod, der ihm zugemutet wird, kann ihm nur angesonnen werden, falls es Sinn hat, daß einer Generation leben zum Verfugen und Verkitten mehrerer Generationen vor und nach ihm verbraucht werde. Die Gefallenen verbinden Vätererbe und bisherigen Frieden mit Sohnesstiftung einer Fortsetzung in die Zukunft.
Der bisherige Frieden ist dabei der Inbegriff der bisher bestehenden Rechtsordnung. Der erkämpfte neue Friedensschluß ändert diese Rechtsordnung im Hinblick auf die neuen im Kriege hervorgetretenen bis dahin unbefriedeten Kräfte. Wir dürfen also einen Schritt weitergehen. Der Soldat und seine Todesbereitschaft verbinden nicht blutleer und astronomisch “Vergangenheit” und Zukunft. Nein, sie bewähren die bisher schon verwirklichte Gerechtigkeit und sie stiften das für die neuen Kräfte notwendige veränderte Recht. Vatererbe und Jugendkraft werden im Kriege neu ausgesöhnt.
Dies aber ist nur dann der Vorgang von Frieden durch Krieg zum nächsten Frieden, wenn die Kriegsteilnehmer mit ihren Vätern und ihren Kindern zusammen mindestens drei Menschenalter verkörpern. Denn nur dann wird der Soldat zu dem Glied in der Kette der Geschlechter, der um der Zusammenschweißung der Zeiten willen sein Leben einsetzt. Ohne diese Leistung als Bindeglied kann es keine Vollsoldaten geben, sondern bestenfalls Söldner, Haudegen, Glücksritter und dergleichen.
In den letzten tausend Jahren blieb in dem ererbten Rechte und in der künftigen Volkskraft die ganze Zeit der Geschichte auch auf dem Schlachtfeld präsent.
Diese Geistesgegenwart ging nun beiden Weltkriegen ab. Beide haben nur einen Waffenstillstand, und keinen Frieden gezeitigt. In Versailles ließen die Sieger nicht mit sich reden. Das aber gehört zum Friedenschließen. Ohne Gegenrede wird kapituliert, aber eben gerade nicht Frieden geschlossen. Der schöne Ausdruck ”schließen” zielt auf die zerbrochene Kette, die neu geschmiedet werden müßte. Nicht nur wurde weder 1919 noch 1945 Frieden geschlossen. Die beiden Kriege wurden von den Millionen Soldaten nicht in drei und mehr Menschenaltern geführt, sondern nur als Ereignisse der eigenen Zeit. Man vergaß das erste Mal die Zukunft, das heißt die neuen Kräfte der Wirtschaft. Und so lief der erste Krieg in russische Revolution von 1917 und in die Wirtschaftskrise von 1929 aus. Beides waren Folgen des ersten Weltkrieges und seiner Dislokationen. Das^zweite Mal aber vergaß man die Vergangenheit, und so lief der zweite Weltkrieg mit bloßer Gewalttat ohne Recht oder Gerechtigkeit aus. Korea ist ein gutes Beispiel.
Die französische Jugend, die grollte: La guerre ce sont nos peres, plauderte das Geheimnis aus, daß 1914 keine Zukunft in den Krieg trieb, sondern ein bloßer Abriß der Vergangenheit geschah. Hineintorkelnd in den Krieg - Bethmann-Hollweg und sein Vorgänger Bülow am 6 . August 1914: “Exzellenz, wie ist das denn passiert?” Bethmann, die Hände gen Himmel hebend: “Ja, wer das bloß wüßte…” verteidigten die kriegsführenden Parteien ihre Vergangenheit. “Kriegsziele” wurden nach 1916 künstlich erfunden. Keiner der beteiligten Staaten hätte 1914 wegen dieser hinterher aufgetriebenen Kriegsziele seine Völker aufbieten können! Ohne Zukunft, ohne Verheißung, als fin de siècle gingen 1914 die Lichter über Europa aus! Dadurch wurde der Krieg ein zweialtriges Unternehmen, das zwischen “Vätern und Söhnen” sich abspielte. Die Väter forderten und erhielten das Lebensopfer ihrer Söhne - der Langemarckkämpfer, der Blüte Englands usw. - die Söhne aber, - Rupert Brooke so .gut wie Walter Flex - waren reine Toren ohne Inhalt, ohne eigenen gefüllten Horizont. Der Vater Recht deckten sie mit ihren Leibern ohne doch selber dies Recht zu glauben. Der Romantitel Turgenjeffs “Vater und Söhne”, die deutsche Jugendbewegung, die Lehrer, von der Dialektik Hegels oder Marxens, alle mythisierten den Krieg, weil sie die Dreialtrigkeit der Kriege über Bord warfen. Beschränkt auf zwei Generationen hört der Soldat auf, sinnvoll die Zukunft mit der Vorzeit zu verbinden. Statt Brücke zwischen zwei Epochen, wird er Anhängsel der Vergangenheit.
Daß wir hiermit nichts erfinden, enthüllt der “zweite” Weltkrieg. Es war genau der selbe Zweifrontenkrieg Deutschlands am 4. August 1914 und am 4. August 1944. Alles wiederholte sich. Aber diesmal wurde der Volkssoldat nicht auf das Recht des letzten Friedens angesprochen, sondern einzig auf die Macht des Führers in die Zukunft. Recht und Gesetz verkörpern die Vergangenheit. Die Verfassung ist der Geschichtskristall eines Volkes. Über Recht, Gesetz, Verfassung hohnlachte die SS. Sie wollte die nackte Zukunft, mit ihrem Aufschwellen der Triebe und der Kräfte, beileibe nicht einen Brückenschlag aus altem Recht in neues Leben. So fiel der Soldat im zweiten Weltkrieg buchstäblich nackt, nämlich für eine unartikulierte Zukunft. Daß die Toten in diesem Gemetzel ohne Begräbnis blieben, Sartres “Les Morts sans Sepulture”, daß Regimentsstäbe tagelang den Erschießungen nackter Kinder, Weiber und Greise durch die SS zuschauten - das ist kein Zufall. “Die harten Lebensnotwendigkeiten des deutschen Volkes” erheischten das sogar in den Hirnen anständiger Offiziere: Der Krieg war zum Mythos geworden, weil er das alte Recht nicht in die Zukunft mitzunehmen versprach.
1914 - 1919 und 1940 bis 1945 sind die Kriegsteilnehmer nur halbe Soldaten gewesen. Die großartigen Leistungen beider Generationen verbanden die Zeitgeister nicht, sondern sie übertrieben 1914 die Rechte des neunzehnten Jahrhunderts und 1940 die Süchte des zwanzigsten. Das ist natürlich kein Zufall. Die Industrielle Revolution hatte die kriegsführenden Völker bereits entwurzelt. Die Gesetze beruhen auf Erblichkeit. In der Industrie aber haben weniger und weniger Familien, zuletzt nicht mal die Bauern, etwas zu erben. Die Berufe, die Lohnarbeit, die Ersparnisse, das Gold, die Fideikommisse und zuletzt die Bauernhöfe verfielen in der Inflation, der Rationalisierung, der Mechanisierung — m bloßen Augenblicksgeist der Konjunktur. Solche Menschheit hatte es auch nie gegeben. Bis 1800 lebten die Geschlechter langfristig und nur der Staat kurzfristig mit seinem Jahresbudget. 1914 war das ins Gegenteil verkehrt. Eine kurzfristige Gesellschaft hatte den Staat als die dauerhafteste Einrichtung, und diese Gesellschaft, die an die Stelle der Erbvölker getreten war, erwies sich als kriegsunfähig. Denn sie konnte ihren Kriegern nicht mehr die Vorkriegsrechte und den Nachkriegsfriedensschluß so ins Blut hinein mitteilen, daß diese friedensschlußfähig waren.
Ritterlich, d.h. beendbar durch Friedensschluß ist nur der Krieg, dessen Soldaten nie vergessen, daß der Gegner von heute, gestern und morgen ihr Bruder war und sein wird. Nirgends ist die alte Gebetsformel mehr erleuchtend als im Kriege: Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar. Denn im Kriege ist von dem dreieinigenden Gotte seine Gegenwart umstritten. Um so heller müßte seine Vergangenheit und Zukunft uns leuchten! Die Kurzatmigkeit der Industriemenschheit hat gerade dies zerstört.
Die Soldaten blieben im Mythos dort Hindenburgs, hier Hitlers stehen. Aber Gott läßt.seiner nicht spotten. Krieg bleibt Krieg.Und Krieg ist Gotteskur unserer Zeitgeistmythen. Daher kam das Stückwerk der beiden getrennten Weltkriege in dieser doppelten Gestalt in die Welt. Es kommt nicht auf die Zeitgeister an; denn jeder Krieg ruft uns in den Generationenzusammenhang des Menschengeschlechts hinein! Kriege sind “phylogenetisch” stammesgeschichtlich. Wenn Individuen sich in ihr bloßes Zeitgeistbewußtsein verstecken, sich bloß darauf verlassen, daß sie modern, zukunftsträchtig oder daß sie treu und konservativ sind, werden sie verwandlungsunfähig. Denn wir Menschen sind die Epochenbinder, die Zeitenübersetzer, die Verteidiger des alten Rechts und der Neuen Zeit in Einem! Sind wir es nicht, dann reißt Gott die Geduld mit uns, und er geht über uns zur Tagesordnung über. Der Selbstmörder Hitler kniete vor seinem Geist; so ist bei ihm über den Sinn und das Recht der Dublette “Zweiter Weltkrieg” nichts zu erfahren. Hindenburg dachte 1934 über die Abdankung Wilhelms II. nach. In seinem Innern brandete keine Woge. Zukunft. So ist bei ihm über den Sinn und die Zukunft des Ersten Weltkriegs nichts zu lernen.
Die Weltkriege überwältigten also einen zum Abgott erhobenen Zeitgeist. Zusammen haben sie den wirklichen Geschichtsträger neu eingesetzt, den die Moderne, der Kapitalismus und der Sozialismus nicht mehr anerkannten: das in mindestens drei Generationen zur Geschichtsbildung nötige Volk. Die zwei Weltkriege sind ein und derselbe Einzige Krieg. Alle die netten Perioden der Weimarer Republik, Hitlers, des deutschen Wirtschaftswunders, des ersten Weltkrieges sind Spielzeug für Individualisten. Ereignet hat sich ein einziges Ereignis, das Ende des vor den großen Kontinenten einherziehenden Europas.
Dies Europa hat es seit Karls des Großen Europäischem Reich, seinem Regnum Europae gegeben. Je schneller die Europäer begreifen daß die Franzosen und Deutschen sich nicht mehr auf den Eisernen Karl und sein Europa berufen dürfen, je schneller sie die Toten die Toten begraben lassen, desto schneller erkennen sie den Sinn des Krieges an. Er ist ein Gottesurteil, sobald die einzelne Generation sich ihren Zeitgeiststar von ihm stechen läßt. Er schlägt aber die mit dem Zauberfluch des Mythos, die einen Krieg statt als Heiler der Mythen, als Epische Bewährung, auf dem Niveau des Räuber- und Indianerspielens der Leute halten möchten.
Da, wo die Gefahr der Mythcnbildung nicht mehr dräut, kann auf Krieg verzichtet werden! Wir müssen also, Gelehrte und Ungelehrte, uns von unseren eigenen Mythen reinigen, ehe die Kriege uns den Mythos ohnehin amputieren. Jeder Beruf hat seinen Mythos, der zum nächsten Kriege drängt. Heut sind die Historiker der Nationen, -die Physiker der Materie~~und die Theologen der Entmythisierung alle unerfahren in ihrer eigenen Heimsuchung durch Mythen. Offenbar wird z.B. Bultmann nicht angefochten von dem Verdacht, daß ihn sein eigener Mythos von der höheren Kritik verblendet. Die Bibelkritiker aber und die Homerphilologen waren die ärgsten Mythenfabrikanten der Neuzeit. Denn sie glaubten sich selber durch eine geheime Kraft X, ihre Modernität, ihren Zeitgeist, von keinem Mythos befangen. Aber der Zeitgeist ist der Mythos! Und Bultmann ist ein reiner mythengläubiger Anbeter seiner Wissenschaft. Nicht aus der Begegnung, sondern aus der Bibelkritik sollen sich ihm die Zeiten erschließen. Nie werden sie sich so erschließen. Wer von seiner eigenen Klugheit ausgeht, dem versagt sich die Geschichte: Er verfällt dem Zeitgeist! Die Theologen Barth und Bultmann haben den Träger der Geschichte verkannt. Das Individuum, das einzelne Menschenalter ist geschichtsunfähig. Wir können als die bloß heut lebenden Eintagsfliegen Geschichte überhaupt nicht wahrnehmen oder erfahren. Die verpflichtenden Namen hingegen, die uns zu Deutschen, Amerikanern, Zulukaffern machen, die Eigennamen und die Völkernamen, mit denen wir angesprochen werden, die erinnern uns an den drei-Generationen-Takt-schritt der Geschichte, in den Gott uns - immer dann einführt, wenn er uns aus unserem Zeitgeist herausführt.
Vom unmythischen, über-mythischen Namen, in vielen Kriegen wirklich erhaltenen und im Mythos der Hitlerzeit beinah verwirkten Namen sei nun die Rede, damit der Eine Einheitliche Weltkrieg seine mythenüberwindende Kraft an Deutschen und Franzosen bewähre und so die Toten nicht umsonst gefallen seien.