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Rosenstock-Huessy: Wie lange noch Weltgeschichte? (1958)

I. Was darf Weltgeschichte heißen?

Die Welt, wie wir sie heut bewohnen, ist von vier Menschenarten uns zubereitet worden. Die Kreuzfahrer haben die ganze bis dahin schon miteinander verkehrende Welt neu in Verbindung gebracht. Entdecker haben die unbekannten Welten entdeckt von den Normannen, die Grünland und Weinland um das Jahr 1000 betraten, zu Magalhaes (1480 - 1521), der mit seiner Erdumseglung die ptolemäische Weltkarte vernichtete, zu den Forschern, die neue Planeten, die Elektrizität, den Bau des Atoms erforscht haben, zu den Erfindern, mit deren Hilfe heut zehnmal so viele Menschen auf der Erde leben können als vor 2000 Jahren.

Kreuzfahrer, Entdecker, Forscher, Erfinder haben also die Märtyrer, Väter, Mönche und frommen Könige des ersten Jahrtausends durch neue Wege in die Welt ergänzt. Nur langsam ist es ihnen selber deutlich geworden, da sie eine neue Menschenart seien. Christoph Columbus hielt sich noch ein wenig für einen Kreuzfahrer. Magalhaes nannte die Straße im Süden von Amerika die Straße „de todos Santos”, die Straße aller Heiligen; da wo wir heute auf die Karte setzen: Magalhaes-Straße.

Weltläufig zu werden haben sich also die einzelnen und noch viel mehr die Völker gescheut. Es hat dazu ungeheuerer Umwälzungen im Gehirn bedurft. Was Hegel nur von 1789 bemerkt hat, da sich da buchstäblich die Welt auf den Kopf gestellt habe, ist schon von den Zeitgenossen Heinrichs IV. und Gregors VII. festgestellt worden. Wenn wir uns einbilden zu wissen, was weltlicher Staat sei, eine weltliche Literatur („das gilt uns weltlich”, sagt ein Meistersinger), was der Weltverkehr sei und seine Mittel, dann ist uns das weniger eingebildet als eingebrannt und eingeätzt worden. Der Prozeß, in dem das geschehen ist, wäre deutlicher, wenn nicht das Wort dafür „Weltgeschichte” aus der Eitelkeit der Geschichtetreibenden heraus ganz über Gebühr hinaus auf alles und jedes je auf der Erde Passiertes angewendet würde. Es ist meine These, daß es eine Weltgeschichte nur von 998 bis 1945, oder (sagen wir das aus Höflichkeit für den Leser) bis 1960 hat geben können. Der Leser selber wird nämlich dazu beitragen können, daß dieses Kapitel der Geschichte, das echte Weltgeschichte gewesen ist, schleunigst abgeschlossen werde. Trägt er nicht dazu bei, so muß ja diese Welt in einen dritten Weltkrieg hineinschlittern. Und tut sie das, dann Gute Nacht mit aller Geschichte: Jonathan Edwards, Präsident von Princeton (gest. 1758), hat in seiner „Economy of Salvation” den Untergang der Welt durch Feuer als unvermeidlich angesehen. Er hat nur logisch die Konsequenzen aus einer bloßen Weltgeschichte gezogen, Konsequenzen, die in unseren Tagen von niemandem bezweifelt werden. Es ist daher sehr hoffnungsvoll, festzustellen, daß es einmal keine Weltgeschichte gegeben hat. Denn was angefangen hat, das kann auch aufhören.

Die Weltgeschichte fängt erst da an, wo irgendwer vom Ganzen der Welt her Politik treibt. Das läßt sich aber ziemlich genau bestimmen. Vor dem Jahre Tausend hat niemand solche Absichten verfolgt. Vor 1192 gab es zum Beispiel in Rom kein Archiv, in dem auch nur die Namen aller Bistümer der Kirche verzeichnet gewesen wären. Die Kirche wollte nämlich vom Raum der Welt absichtlich so wenig wie möglich wissen. Den Raum der Welt ließ sie den Geistern der Welt und dem Kaiser, der sie in Schach halten sollte. Ebensowenig kümmerte sich die alte Kirche um die Heidenzeit und die Geschichten der Heiden der Vorwelt. Und die Heiden selber sonderten ihre eigene Geschichte geradezu eifersüchtig von allen fremden Völkergeschichten ab.

Die Weltgeschichte entstand, als der Abt Odilo von Cluny das Fest Allerseelen einrichtete, wovon meine Europäischen Revolutionen das Nötige berichtet haben. Denn damals wurden alle Seelen von Adam bis zur Gegenwart an einem einzigen Tage umworben. Die Zeit erwarb also eine unendliche Tiefe, und ein einziger liebender Blick durchdrang sie auf einmal. Diese Tiefe hat es vor dem Jahre 1000 nicht gegeben, und es ist das unsterbliche Verdienst Oswald Spenglers, durch seinen Namen des faustischen Jahrtausends diese Epoche gegen alles je vorher Dagewesene abzusetzen. Vor ihm hatten Houston Stewart Chamberlain und vor allem Rudolf Sohm den Einschnitt zwischen erstem und zweitem Jahrtausend erkannt. Bevor ich Spengler kannte, nämlich 1916 und 1917, habe ich dieselbe Einteilung den „Europäischen Revolutionen” zugrunde gelegt.

Wie sah die Welt vor dieser Tiefe aus? Das Gerede wird ja so lange die große Epoche zerschwatzen, als nicht das, was vorher gefehlt hat, allen deutlich geworden ist. Daher gebe ich zwei Beispiele für das „vorsintflutliche”, das noch nicht weltgeschichtliche Denken, das eine aus dem vierten, das andere aus dem 19. Jahrhundert.

Im Jahre 355 hatte der fromme Bischof von Poitiers in Gallien noch nichts über das Konzil von Nicaea gehrt. Nun hatte dies Konzil den Trinitarischen Glauben im Jahre 325 durch die Erfindung eines neuen Terminus Homoousios der gesamten Kirche aus dem Munde vieler Hunderte von Bischöfen verkündet. Dreißig Jahre waren verstrichen, ohne daß dies grundlegende Ereignis Hilarius von Poitiers bekannt wurde. Das Bekanntwerden war also ganz offenbar nicht ein Anliegen in der Konstruktion der politischen Verfassung des vierten Jahrhunderts. Das Mittel blieb dem Zufall überlassen, und so wurden die Teile der Welt einander nicht mit-geteilt.

Das zweite Beispiel von 1815 bestätigt einen solchen Weltzustand vielleicht zum allerletzten Male. Die Brüder Chappe hatten seit 1803 eine Reihe optischer Telegraphen errichtet, einen auch zwischen Paris, Turin und Mailand. Als nun Mailand 1815 unter die Habsburger kam, beschloß Metternich, die Telegraphenlinien abzureißen. Die Bankiers von Mailand baten ihn um Audienz und legten dar, wie vorteilhaft für ihre Geschäfte die rasche Mitteilung der politischen Ereignisse sei. Daraufhin der Fürst: „Die politischen Nachrichten können gar nicht langsam genug verbreitet werden.”

Die Welt hatte also keine Synchronisation. Heut haben sogar Rußland, Amerika und China bereits ein gut Stück gemeinsame, „gleichzeitige” Zeit. Welt-werdung im faustischen Sinne ist aber genau dies, daß die auseinanderliegenden Fragmente der Erdteile ein gemeinsames Raumganzes auch im Sinne der Bewohner werden. Die Weltgeschichte von 998 bis 1950 oder bis 2000 ist dieser Prozeß. Es gibt also nicht eine Geschichte der Welt durch alle Zeiten, und es hat sie nicht geben können, weil die Weltteile in ganz verschiedenen Aeonen verstrickt waren. Das Einheitlich-werden der Zeit für die gesamte Erde ist der primäre und ich meine einzige Vorgang, auf den das Wort „Weltgeschichte” angewendet werden kann. Nun ist die Notwendigkeit zu dieser Weltwerdung, zu dieser Mitteilung einer und der gleichen Zeit an alle Teile der Erde, als Notwende-Akt zuerst den Männern aufgegangen, die für die Kirchengeschichte verantwortlich waren. Um der Kirche willen haben sie Welt vergleichzeitigt. Die heiligen Kaiser, die revolutionären Päpste und Kardinale und Doktoren und Konzilien der Kirche sind zuerst gezwungen worden, zur Rettung der Kirche die Raumwelt zu einen. Die Unwissenheit des Hilarius von Poitiers im Jahre 355, genau diese Unwissenheit, hat das römische Papsttum seit 1059 erfolgreich bekämpft. Die erste Weltrevolution haben die Päpste gemacht, indem sie dem römischen Stuhl die Kuria Romana angliederten; Kurie hieß das Haus des heidnischen Rom, in dem der Senat tagte. Aber seit 1059 gibt es die römische Kurie für die Weltregierung des Bischofs von Rom.

Die ausführliche Fortpflanzung dieser Weltorganisation von den Päpsten zu den Königen, zu den Ständen, zu den Bürgern, zu den Proletariern kann nicht in einem Kapitel gegeben werden. Auf 600 Seiten habe ich die Stimme aller dieser Revolutionen sich selber aussprechen lassen. Denn nach einem groen Worte Franz Rosenzweigs braucht man nicht über die Völker kluge Bemerkungen zu machen; sondern sie selber schreiben ihre Geschichte in jenen erhöhten Augenblicken unseres Geschlechts, in denen die Seele, aufs äußerste getrieben, sich selbst schlicht und wahrhaftig ausspricht. Die großen Worte, die unsere Welt auf den Kopf gestellt haben und dank derer nun heut diese ganze Welt nicht als seelenloser Feuerball sich dreht, sondern uns, ihren Bewohnern, als Ganzes dienstbar zu werden vermöchte diese großen Worte sind alle Revolutionsmanifeste, und sie umfassen den Diktatus Papae, die schmetternden Worte Gregors VII, die 95 Thesen Luthers, die Menschenrechte der französischen Revolution.

Sie umfassen aber auch die Deliberation de Statu Imperii des Papstes Innozenz III., die Great Remonstrance des englischen Parlaments und die bolschewistischen Funksprche an ALLE.

Bei solcher Verschiedenheit wird es den Lesern seltsam klingen, daß sie von mir in einen Topf geworfen werden. Aber nicht ich erfinde ihre Zusammengehörigkeit. Vielmehr entspricht jedes dieser Dokumente dem vorhergehenden und dem nachfolgenden. Wieder will ich nur ein Beispiel geben. Luther will die Seele eines Christenmenschen vor der Gefahr retten, ihr Gewissen zu verwunden und waffnet die Fürsten mit den Mitteln, durch welche diese Verwundung unterbleibe. Nun wohl, Papst Innozenz III. hatte 1202 die Macht, einen Kaiser des verwundeten Gewissens zu zeihen. 1517 war ein Papst selber dieser Sünde bloß und wurde von Luther bloßgestellt. Auch der erste Revolutionsruf war eine Antwort. Gregor VII. hat auf einen Übergriff geantwortet, als er im „Dictatus Papae” und in dem neuen „Jus poli”, einem Welthimmelsrecht, sich des gesamten Weltraums unterwand. Die Kaiser aus sächsischem Hause hatten den Heiligen Geist in Dienst genommen - die Taube des Geistes wurde mit dem Kaiser auf Hostienschüsseln gesetzt.

Der Apostel Paulus, der dem Papste Sylvester I. zur Zeit Kaiser Konstantins zusammen mit Petrus erschienen war, erschien zu der Zeit Papst Sylvesters II. nicht etwa dem Papste, sondern dem Kaiser, der diesen Papst ernannte. Kein Stück der Kirche, das ums Jahr 1000 nicht von weltlichen Männern vergeben wurde. Darauf griff Gregor zur Posaune: Weltkaiser sei nicht der sogenannte Kaiser aus deutschem Hause; Weltkaiser sei der Nachfolger des Petrus, weil er der stellvertretende Vorläufer des Weltenrichters Christi beim Jüngsten Gericht sei. Der Papst wurde da zum Richter der vorläufigen Welt.

Seitdem ist die Weltgeschichte immer wieder zum Weltgericht erklärt worden. Eben darin besteht der revolutionäre Charakter des zweiten Jahrtausends.

II. Die Zirkumvolution der Weltrevolutionen”

Zwischen 1517 und 1917 erhoben sich vier vorher unerhörte Regierungsweisen. Sie alle legten die Reproduktion der Ordnung in die Hände von Laien, von Weltleuten. Daher bestanden diese weltumwälzenden Vorgänge darauf, einer weltlichen Macht die Oberhoheit zu sichern. Weltliche Vernunft, weltlicher Geist, weltliche Meinung solle in ihnen entscheiden, denn sie wisse aus eigener Vollmacht, was gut und böse sei. Der Laie, die Gemeinen, das Individuum, die Arbeitskraft - also jedermann wird für diese vier Regierungsweisen sachverständig. Der Pfeil dieser geschichtlichen Formengeschichte weist so sehr in die Welt, daß die Kinder der Welt, die zuerst ganz schüchtern sich von den Priestern her Laien nannten, am Ende sich das Proletariat von Gottes Zorne unter uns nennen, nur um nicht das geringste Stäubchen von Nichtwelt, von Kirchenwesen auf ihrem Staatskleid sitzen zu lassen. Die Staatsgeheimnisse sind zu diesem Zwecke dem Publikum Schritt für Schritt offen gelegt worden. In Deutschen, Briten, Franzosen, Russen und Amerikanern lebt eine und dieselbe Leidenschaft: in ihren Staat soll der Papst nicht hineinregieren. Auf der anderen Seite haben sie kein gutes Wort für einander übrig. Briten haben den weltlichen Fürstenstaat durch die Enthauptung Karls I. gründlich aufs Haupt geschlagen. Franzosen haben die ganze englische Adelswirtschaft mit ihrem Systemmangel ausgerottet. Seit den Weltkriegen sind Amerikaner und Russen gezwungen, sich der Proletarierländer anzunehmen, welche von der Pariser Börse aus gesehen, nur als ein Kapitalproblem erschienen. Doppelte Gegnerschaft hat also diese Staatenwelt ausgefärst. In ihrem weltlichen Charakter stimmen sie alle einen Chorus gegen geistliche Herrschgewalt an. In ihrer Sonderrolle singen sie die wildesten Kampfarien gegeneinander: Lenin und Poincare scheinen verschiedenen Jahrtausenden anzugehören. Es wundert uns, da sie gleichzeitig 1917 - 1923 regiert haben sollen. So gegensätzliche und doch so einheitliche Gestalten liefern die beste vorhandene Material-Ordnung für die Materialien der Politik und entheben uns daher der Mühe, mit unseren eigenen abstrakten Definitionen aufzuwarten. Als Teile der Welt verstehen sich diese weltlichen Regierungen. Jede will ihre Ordnung als Miniaturausgabe oder vielleicht genauer als Vorentwurf der universalen Weltordnung verstanden wissen.

Da ein jeder von uns innerhalb einer dieser Vorentwürfe, eines Modells oder ihrer Nachahmungen ausgebildet wird, so ist er geneigt, die Welt für das Abbild seines in ihm eingeprägten Weltbildes zu halten. Er sei gewarnt. Andere Weltbilder sind seinen Nachbarn jenseits der Grenzen ebenso selbstverständlich wie ihm das seine. Jede sogenannte Weltanschauung ist ein Produkt. Es ergibt sich aus der Multiplikation der Einbildung eines Vorentwurfs in die Kinder dieser kleinen Welt hinein und der Projektion dieses in uns hineingeworfenen Bildes in das Universum hinaus.

Wenn sich z. B. ein Franzose oder Französling heut auf das Selbstbestimmungsrecht der Nationen beruft, dann hat er in Frankreich den Nationalstaat der Gleichheit vor dem Gesetz usw. vor Augen und sucht nun überall - in Kreta, Bolivia, Jemen -, ob der Tag des edlen Nationalstaats auch dort endlich komme. Denn das Weltgesetz: eine Nation = einen Staat erwartet er eben überall im Begriff sich durchzusetzen. Wo es fehlt, bedauert er die Rückschrittlichkeit, die Dummheit, die Bösartigkeit, die so gar nicht sich für die Weltordnung, wie sie nun einmal sein muß, einsetzen wollen.

Die „Welt” enthüllt sich mithin erst dann als die Vorstellung einer universalen Ordnung, nachdem ein Beispiel uns mit seiner Beispielhaftigkeit als Muster überwltigt hat. Es ist nicht nötig, da diese Weltordnung bereits überall mit Händen zu greifen ist. Es genügt, wenn unser Kopf sie begreift. Denn alsbald regen sich geschäftige Hände und gründen - zum Beispiel - die „Gesellschaft der Nationen”. Mithin hat jede Vorstellung von Welt Zwangscharakter. Sie zwingt uns, der Welt nachzuhelfen, und zwar genau in Richtung unserer Zwangsvorstellungen.

Es kann das nicht anders sein, weil die Welt ja in sich selber ohne Bewußtsein ist. Es gibt kein Weltgehirn. Die Bewohner der schon „entworfenen” Weltteile müssen also der Welt auf die Sprünge helfen. Deutsche, Briten, Franzosen, Weltmächte wie Amerika oder Rußland haben in die ganze Welt ihren Staat hineingesehen. Daher haben die Deutschen nach Albanien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Rußland, Mexiko, England, Belgien, Holland, Spanien, Finnland usw. Fürsten zu exportieren angeboten, die Engländer haben sogar in Ghana eines ihrer Commonwealth oder Dominions gegründet, die Franzosen haben Europa balkanisieren müssen und können sich plötzlich vor Vietnams und Algiers Nationalisten nicht retten, und schließlich die Weltmächte basieren plötzlich ihre U-Boote, Flugplätze und Sputniks auf die Welt als Ganzes; ob sie in Berlin, am Nordpol oder in Abessinien oder Afghanistan auftauchen, das ist für diese Weltmächte längst keine Frage des „Rechts der Nationen” mehr.

Diese wenigen Sätze warnen uns, die komplizierte Maschinerie zu vergessen, die hingestellt werden muß, um eine „Welt” mit Hilfe von Teilwelten vorwegzunehmen, damit sich hernach die ganze Welt nach dem Muster dieser Teilwelten ordnen lasse. Kompliziert mu diese Maschinerie bis ans Ende der Tage bleiben, denn keiner der Vorentwürfe ist wertlos gewesen. Vielmehr hat jeder einzige einen Keim der Wahrheit entdeckt, entworfen und ausführlich ausgeführt. Die Welt würde also nicht die wirkliche Welt sein, käme nur das Weltbild der Weltmächte, oder der Nation oder der Engländer zur Durchführung.

Welches sind also diese teilweisen Wahrheiten, diese Züge der Welt, die für immer zur Welt gehören müssen, auch wenn der deutsche Michel und John Bull und die schöne Marianne und Uncle Sam heut in einem Völkerbrei zu vergehen scheinen?

Nun, die Namen, unter denen wir sie hier eben nannten, zeigen bereits an, daß jedes Weltbild Kinder seiner Welt erzeugt. Die in einer besonderen Weltordnung begriffenen und von ihr her sich selber begreifenden Kinder Adams werden besonders geprägt. Sag mir, was Du Dir unter der Welt vorstellst, und ich sage Dir, wie das auf Dich selber zurückwirkt.

Wir buchen also einen weiteren Gewinn unserer polynomistischen Weltvorstellung: die Menschen einer bestimmten Weltanschauung, Weltvorstellung, Weltempirie werden selber am Ende entsprechend ausschauen.

Weshalb die Deutschen Deutsche, die Briten Briten, die Spanier Spanier seien, das müßte mit ihrer Manipulation der Welt und ihren Zwangsvorstellungen von der Welt zusammenhängen, ja es müßte ein und derselbe Prozeß sein.

So ist es auch. Ich habe etwa 2000 Druckseiten darauf verwendet, in den großen Völkern biologische Produkte ihrer eigenen aufrichtigen Zwangsvorstellungen von der Welt, wie sie sein soll, anzuerkennen.

Die Historiker haben bis heute nicht einmal meine - schon von Friedrich Schlegel vorgeschlagene - Frage verstanden. Wegen dieser Haltung will ich nur schrittweise den Leser an den Kern führen, dorthin, wo sich die Reproduktion einer Menschenart vollzieht, sozusagen in das Betriebsgeheimnis der Treibhäuser, die wir Staaten, Nationen, Mächte nennen.

Ich schlage vor, von außen nach innen zu gehen: ich will mit Schlagworten wie Kapitalismus, Kommunismus und dergleichen anfangen. Denn diese blassen Abstrakta sind ja das Gedankengerüst, auf dem wir täglich herumklettern. Ich will dann ähnliche Reihen daneben setzen, so daß jede dieser Reihen etwas eindringlicher klingt. Vielleicht hilft schon der Nachweis, da es mehrere solcher Reihen gibt und geben muß, um von dem Gerüst der Gedanken ins Innere der Erfahrung zu treten.

Die erste Reihe bieten uns, wie gesagt, die Kommunisten an. Die eine reaktionäre Masse, gegen die sie fechten, sind die bourgeoisen kolonialen Ausbeuter des Kapitalismus. Interessant ist für sie mithin die Wirtschaftsordnung, Uninteressant sind Religion, Kunst, Recht, Philosophie; denn sie verdunkeln und lähmen die klare Klassenkampfideologie. Nun erkennen die Marxisten an, daß der Kapitalismus selber seinerzeit als Befreier eingetreten sei, und zwar vom Feudalismus. Dann erkennen die Marxisten eine Urzeit an, in der es noch keine Klassen gab. Ich habe in den Stämmen die klassenlosen Kriegergesellschaften und in den Reichen die klassische Arbeitsteilung beschrieben, und wir haben erkannt, daß die Letzten als die Ersten in der Welt Lauf hervorschnellen: Die große Sünderin wird die erste Christin, das Überschwemmungsland wird der erste Ackerboden, die Fronarbeiter Pharaos werden das erste Gottesvolk, die zersplitterten Fruchtländer gebären den griechischen Geist. Die Letzten sollen die Ersten sein. Weil oder obwohl diese Dialektik die des Neuen Testamentes ist, so hat sie sich auch gegen Karl Marx durchgesetzt. Weder er noch Lenin glaubten, eine kommunistische Revolution könne in dem industriell rückstndigsten Lande, in Rußland, ausbrechen. Natürlich konnte sie nur da ausbrechen und ist sie gerade da ausgebrochen, wo es nicht genug Industrie und daher kaum ein Industrieproletariat gab. Dieses ist der Lauf der Welt immer gewesen. Nur wo die Zustände hoffnungslos verfahren sind, lassen sich die Völker zu den Scheusäligkeiten und Greueln einer Weltrevolution fortreißen. Dann kennt Not kein Gebot. Anderwärts gibt man sich um des lieben Friedens willen mit halben Maßregeln zufrieden. Deutsche, Österreicher und Italiener - trotz ihrer groen Not - sind nicht Kommunisten geworden, weil sie noch zuviel zu verlieren haben. Die einzigen Proletarier also, die wirklich nichts zu verlieren hatten als ihre Ketten, waren die Matrosen in Kronstadt; und die Soldaten aus ihrer Mitte waren bereits bis 1917, etwa acht Millionen, an der Front gegen Österreich-Ungarn und Deutschland gefallen oder gefangen. Doch wir schließen uns hier der Einfachheit halber zunächst der Sowjetsprache an und erkennen der Sowjetunion eine eigentümliche Wirtschaftsordnung zu, die von innen her gesehen sich auf dem Weg zum Kommunismus befinden soll.

Diese Wirtschaft soll am Ende grundsätzlich wenigstens ohne Arbeitslosigkeit, ohne Konkurrenz und ohne Profite funktionieren. Nach rückwärts entrollt sich dann für einen Nichtkommunisten ein Panorama von Wirtschaftsordnungen:

Mit dem Manorialismus sind wir etwa bei den Ottonen angelangt und unterscheiden ihn vom Feudalismus, weil dieser auf der Abschichtung der Burgmannschaft in Tausende neu ausgetaner Burgen von den großen Pfalzen sich aufbaute. Jede dieser Ökonomien hatte eine andere leitende Klasse, und jede schlug eine vorhergehende aus dem Felde; doch verschwand keine vollständig. Reste retteten sich in die nächste Ökonomie. So ist Deutschland bis heute von kameralistischen Ordnungen gespickt, trotzdem es in seiner kapitalistischen und sozialistischen Epoche sich befindet. Der Kolonialismus aber, in Frankreich, Spanien, Portugal, England, Holland reich entwickelt, fehlt in Deutschland fast ganz. Der Kapitalismus unterscheidet sich vom Kolonialismus dadurch, daß bei letzterem das Prinzip in den Kolonien entdeckt wird, das die Kapitalisten hernach bei sich zu Hause anwenden, nämlich daß die von den Märkten her erreichten Kunden, Konkurrenten, Rohstoffgebiete nicht zur politischen Verantwortung der Wirtschaft gehören sollen1. Fragte man nun einen patriotischen Deutschen oder „nationalistischen” Franzosen vor 1917 nach dieser Tabelle, so hätte er sie ebenso gut billigen oder ablehnen können, aber das entscheidende Merkmal war damals, daß man diese Liste nicht für sehr aufregend ansah. Denn andere Listen nahmen die Geister ein. Für diese anderen Listen erbitte, ich jetzt die Teilnahme. Ein Franzose war präokkupiert mit dem Siegeszug der Demokratien durch eine noch immer nicht jeder Nation ihren Platz in der Welt gönnende Welt. Statt wie die Sowjets von der Welt der Wirtschaft und der Wirtschaft der Welt auszugehen, begann er mit der Natur des Menschen und dem Menschen in der Natur.

Daraus enthüllte sich ihm das Ancien Regime als Unnatur und unmenschlich. Seine Weltbühne hatte also folgende Kulissen:

Einen Engländer hätte dies abstrakte Gerede von der Natur kalt gelassen. Ihn interessierte nicht die Natur, umso mehr aber das Recht. Legitim empfindet er sein birthright, seine Nativität, das eingeborene Herkommen jeder besonderen Gerechtsame, die endlose Mannigfalt des Gebrauchs. Und hinter sich hatte er uneingeborene Ordnungen. Das Recht sah er im Vordergrund der großen Arena des Welttheaters: Seine Liste also liest und las sich:

Periode Rechtsquelle
Gegenwart Parlamentarismus, Legitimität.
Letzte ägyptische Finsternis Römisches Recht der Fürsten und ihrer geheimen Räte
Vorletzte ägyptische Finsternis Kanonisches Recht
Vorvorletzte ägyptische Finsternis Normannen- und Eroberer-Recht

Den Deutschen mittlerweile hätte das Reden von der Natur und vom angeborenen Recht zwar vorübergehend ebenso interessiert wie die Arbeitslosen das „Kapital”. Aber ins Feuer wäre er erst gekommen durch seine Weltanschauungskämpfe. Als Religionspartei, als Reformpartei stand er seinen Mann. Auf Grund des Schriftprinzips, denn die durfte er auslegen, auf sie berief er sich, zuerst auf die Heilige Schrift, in späteren Jahrhunderten auf wenige heilige Schriften. Aber Schriften mußten es sein. Als ein französischer Arbeiterführer sagte: „Marx? Ce n’est qu’un livre”, da blieben seine deutschen Kollegen sprachlos. Der Satz stand nicht in ihrem Wörterbuch.

Ein Franzose und ein Deutscher werden beide einen Engländer kritisieren, aber der Franzose wegen Mangel an Ideen und der Deutsche wegen nicht erschöpfender Heranziehung aller schriftlichen Quellen. Es ist keinem nicht in deutschen Methoden Befangenen klar zu machen, weshalb eine erschöpfende Behandlung so viel höher steht als eine Behandlung, die weder den Brunnen noch uns erschöpft. Aber auch für mich steht sie am höchsten; so hab ich’s eben gelernt. Nur frage ich mich heut, woher das kommt, und es kommt von den Hörnern und Zähnen, welche äußere Antworten auf Religionsgesprächen haben mußten. Da soll man auch die letzten Reserven des Gegners vor ihm und besser als er studiert haben.

Denn nur so kann eine Religionspartei an der Autoritt von Papst und Konzilien vorbei an das Schriftprinzip gelangen. Der deutsche Geist der vollständigen Erschöpfung der Schrift blickt ja genau so auf seine Vergangenheit wie die Kommunisten auf den Kapitalismus. Er blickt mit Grauen auf die willkürliche Verwendung irgendwelcher loser Anspielungen, um die Gewalt des Nachfolger Petri, um die konstantinische Schenkung oder die Pseudoisidorischen Dekretalien oder den Pseudoareopagita in der päpstlichen Kanzlei auszubeuten. Daher ist es irrig, wenn unsere Schulbücher die Reformation nur damit erläutern, daß Luther vom Papst auf die Schrift zurückging. Der Papst hatte nie verfehlt, Schrifttexte zu zitieren. Aber sie waren oft gefälscht, und sie waren aus dem Zusammenhang gerissen. Deshalb muß der deutsche Quell seit 1517 sowohl rein wie erschöpfend fließen, und das gilt für deutsche Katholiken ebenso wie für deutsche Protestanten. „Rein” richtet sich gegen Fälschungen, „erschöpfend” gegen zwar echte aber aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Was besagen nun die vier Listen? Daß Kommunisten, Nationalisten, Engländer, Deutsche von vier verschiedenen Sprachen erfüllt sind; der eine redet technisch-ökonomisch, der andere natürlich, der dritte politisch und der vierte bibliothekarisch. Nimm dem Bolschewik sein Telephon von und nach Moskau, nimm dem Franzosen den Elan seiner eigenen Ideen, nimm dem Engländer seinen Tisch im Unterhaus und nimm dem Deutschen seine Bibliothek - so sind sie alle wie Fische aus dem Wasser.

Denn alle müssen in einer geistigen Flut schwimmen. Aber die Wasser dieser Fluten sind chemisch sehr verschieden, weil Techniker, Idealisten, Politiker und Professoren ihr Wasser anders salzen. Alle aber reden sie von der Welt. So anders jedes Wort klingt, so sitzt in allen europäischen Sprachen dies Wort Welt. Kommunismus, Nationalismus, Legitimismus und Protestantismus reden von Gott und der Welt so, daß sie ihren Gott anders, die Welt aber gleich benennen. Die Liste

ist nicht willkürlich. Vielmehr trifft sie den Kern jeder dieser vier Sprachzweige.

III. Die Inwärtseigen der Weltgeschichte

Weil dem so ist, erwächst die Frage von selbst, ob sie einem gemeinsamen Erblasser dies Juwel „Welt” verdanken. So ist es in der Tat. Nicht Russen oder Deutsche oder Spanier oder Polen haben die Welt zuerst aus ihrem Geist revolutioniert. Das hat die römische Kurie getan. Man kann sagen, im Kampf gegen die Prinzipien des Islam. Die Welt als Welt, als bloße Welt, die angeschaut, durchfahren, verstanden und revolutioniert werden kann, verdanken wir den Päpsten. Sie zuerst haben Welt für bloße Welt erklärt und haben Kaiser und Könige und alle Kirchen mit der einen Ausnahme von Rom für weltlich oder weltlich korrumpiert durchschaut. Sie hatten Recht. Westeuropa ist viel näher dem Islam des Mohammed gekommen, als wir zugeben. Unsere Schulbücher schmeicheln zwar Karl dem Großen so, als sei er kein Mohammed gewesen. Mag sein, aber von seinem Zeitgenossen Harun al Raschid hat sich Karl viel weniger unterscheiden wollen, als unsere Bücher zugeben. Ich habe schon erwähnt, daß Karl der Große das Schisma mit der griechisch-orthodoxen Kirche herbeiführte, indem er ohne Not den Zusatz des filioque ins Credo schrieb,, gegen den ehernen Protest des Papstes. 60 Jahre später ergab sich der Papst, und so wurde die Römische Kirche in die bloße fränkische Hälfte der Christenheit eingekäfigt. Durch 250 Jahre verstummte jede kaiserfreie oder königsfreie Autorität in den Kirchen. Sie waren bestenfalls ein Inwrtseigen innerhalb weltlicher Herrschaften. Das heißt, sie hießen noch Abteien, Bistümer, Erzbistümer, aber sie wurden nicht mehr respektiert in der Machtbilanz der Fürsten, als etwa die Sonderkonten in einer modernen Betriebsbilanz ein Eigenleben führen. Nun gilt jeder Stand, bevor er sich emanzipiert, als ein Inwärtseigen der höheren Mächte. Auch die Arbeitskräfte eines Betriebes, die Bürger einer Landstadt, der Adel am Hofe verfügen anfangs nur über ein Inwärtseigen,, weil sie nur als Sonderkonto in einer fremden Machtbilanz geführt werden. Was Marx den Kapitalisten vorhielt, war ja genau dies: Die Ware Arbeitskraft erschien in der Bilanz des Betriebes als Ware, d. h. sie wurde trotz religiöser und politischer Rechte in die Betriebsbilanz eingesetzt und bewertet, sie stand dort zu Buche, statt bei sich selber. Wenn wir daher die Abschaffung des Inwärtseigen der Kirchen jetzt besprechen, so wird das ein Modell für alle solche Abschaffungen liefern. Heute wie damals und wie inzwischen dringt immer wieder eine zunächst innen unter fremdem Schutz liegende Gruppe in die Außenwelt und wirft sich aus einem Sonderkonto in einer fremden Bilanz zum Urheber einer eigenen Bilanzierungsmethode auf.

Jeder dieser Fälle hat also neue Gewichte in die Wagschalen der Weltbilanz geworfen und alte Gewichte abgeschafft. Wer in der fremden Bilanz als Arbeitskraft figurierte oder als Belegschaft, wirft diese Eigenschaft eines „Inwärtseigen” ab. Die Proletarier werden Sowjets, die Kreatur des Königs von England Thomas a Becket wird zum Märtyrer der Kirchenfreiheit; Luther wird vom Augustinermönch in der Klosterzelle, wie er selber in seinem Testament sich ausdrückt, eine öffentliche Person. Die Ausdrücke für dies Heraustreten aus dem Innenraum einer fremden Bilanz in die Außenwelt wechseln.

Die Geistlichen der Fürstenhöfe kriegen ihren eigenen Hof; an der Spitze dieser öffentlichen Höfe steht seit 1060 die Curia Romana; der Bischof von Rom hat seitdem den Namen des Römischen Senatsgebäudes für seinen öffentlichen Lehnshof in Anspruch genommen. Schon die ersten Päpste, die so aus dem Kaiserhof nach außen in die Welt drängten, setzten sich die sogenannte doppelte Tiara auf - heut ist sie sogar eine dreifache -, als sie zuerst aus dem kaiserlichen Rom in die weite Welt hinausdrängten. Weshalb wohl? Den inneren Bruch, der auf jedem um seine Emanzipation ringenden Stande oder Einzelnen lastet, kann nur der aufheben, der sich von der Welt, in die er hinaus will, in seinem Kopfe eine Vorstellung bildet. Revolutionen werden aus dem Kopfe gemacht, weil sie nicht ohne ein neues Weltbild gemacht werden können.

Denn in den von den bisherigen Herren der Welt gelieferten Weltbildern war ja der Bischof von Rom oder der Proletarier nur innerhalb der bisherigen Herrschaften eingeordnet. Also muß das bisherige Weltbild zuerst verworfen werden, wenn ein inwärtseigenes Sonderkonto seine selbständige Zukunft entwirft. Deshalb heißen diese Vorgänge Revolutionen, weil das alte Weltbild buchstäblich umgewälzt werden muß. Denn sonst wird kein Raum für das neue Außenleben und Zutagetreten des im Innern und Dunkel von der Welt übersehenen Freiheitskämpfers. Eine neue Welt tut not. Dazu wird die Welt auf den Kopf gestellt. Der Papst, der sich die doppelte Tiara aufsetzte, erklärte sich zum Herrn beider Rechte, nämlich des Rechtes des Weltalls und der bisherigen Bischofsrechte, des iuris poli und des iuris fori. Polus ist das Himmelsgewölbe. Die Päpste, ohne Flugzeuge und Erdmonde, zielten weiter als die Bolschewiki. Diese schießen zwar Sputniks in das Weltall, aber seltsamerweise ist die Weltrevolution dieser Kommunisten recht bescheiden nur auf unser bißchen Erde ausgerichtet. Den Himmel überlassen sie den Engeln und den Spatzen.

Es ist doch vielleicht erwähnenswert, daß die Kommunisten bescheidener sind als andere Revolutionäre, denn der Bürgerschreck spiegelt sie uns als grausame Alles oder Nichts-Fanatiker vor. Der Sputnik aber zeigt, daß ihre Ideologie hinter ihren Taten zurückbleibt und zahmer ist als die Revolution der Päpste oder auch die der Franzosen und Engländer. Denn die Engländer sahen in ihrer Glorious Revolution von 1688 eine gütige Konjunktur, Konstellation und Influenz im Firmament jenes Himmels, den Issak Newton damals aus welthistorischem Eifer enträtselte. Die Franzosen aber fühlten sich als Vernunft der gesamten Natur: ihre Vermessung der Erde, ihre Maße und Gewichte zeigen den Ernst, mit der sie uns und unsere Nation in die Natur hinein ordneten. Geradeso haben die Päpste Gottes Willen endlich - wie einer ihrer Polus-Juristen schrieb - nach 5000 Jahren zur Herrschaft in der ganzen Welt zu verhelfen geglaubt.

Ausführlich ist dies Auf-den-Kopf-Stellen von mir anderwärts erzählt worden, da jeder Weltrevolutionär da seine Welt in seinen eigenen Worten uns vorstellen kann. Der Rahmen dieses Aufsatzes würde gesprengt werden, wenn die Nationen hier alle selber zu Worte kämen, und nun gar so ausführlich wie sie es verdienen. Im Rahmen meines Themas aber muß der Weltbegriff der Revolution dem Aberglauben entrissen werden, als handele es sich jedesmal um ein gestaltloses All, in das wilde Jakobiner, Ironsides, Protestanten, wie Wildwasser hineintosten. Die Geschichte verläuft anders. Ohne Klassenbewußtsein, so meinte Marx, könne das Proletariat niemals aufhören, seinen Warencharakter abzustreifen. Dieses Bewußtsein wird aber bei der Mehrzahl der Menschen im Arbeitsprozeß heut erst durch die Kommunistische Partei erzeugt. Denn nur sie hat ein Weltbild, das dem Proletarier auf den Leib zugeschnitten ist und in dem er zum Handhaben dieser Welt eingesetzt ist. Das Wort Manager, das heut zum Überdruß ertönt, kommt auch von Hand, manus, sowie Handhaben. Der Buchtitel „The Managerial Revolution” aus der Feder des Exkommunisten Burnham war der Versuch, die Weltrevolution der Handarbeit in eine milde Halbrevolution der „Managers”, der verwaltenden Hände, abzuschwächen. „Handhaft” aber verfährt jede erfolgreiche politische Beredsamkeit heut, solange die Regierenden hinter den Handarbeitern herlaufen. Denn das Weltbild dieses neuen Standes geht begreiflicherweise von ihrer Hände Arbeit aus. Das heißt nun beileibe nicht, daß dieses revolutionierende Weltbild nicht von der Arbeit aus auch alle anderen Weltprozesse einbezieht: Familie, Justiz, Kunst. Aber zuerst wird von einer Proletarierfamilie, einer Klassenjustiz und einer Revolutionskunst die Rede sein.

Da das Weltbild zwar alles enthält, aber ohne jede Rangordnung, so hat jede revolutionäre Klasse ihre eigene Rangordnung in die Welt hineinproklamiert.

Ist es nun eine List der Revolutionäre, durch das Geschrei von der „Welt” im Ganzen die Selbstsucht ihrer eigenen Revolutionsforderungen zu verbrämen? Meinte der französische Bourgeois nur sein Kapital, als er Natur, Welt, Vernunft, Freiheit rief? Log der Papst, als er das zum Kalifat entartete römische Kaisertum mit dem Recht des Himmelsgewölbes überwand? War Luther bloß aufs Heiraten aus, als er der Klosterzelle entsprang?

Das zweite Jahrtausend wird den Leser friedlos lassen, wenn er nicht den Revolutionären Glauben schenkt und gleichzeitig ihren naiven Hoffnungen sich verschließt.

Weltdinge werden erhofft, an Gott müssen wir glauben. Denn die Welt besteht aus Sichtbarkeiten. Gott aber ist unsichtbar. Die Revolutionäre aber stehen unter schwerem Druck. Im Innern einer älteren Weltordnung finden sie keinen Platz für sich; sie zermartern sich, wo denn in aller Welt ihre Inwärtseigenschaft auswärts zu verwenden sei. Und auf ihre Marter kommt die Antwort: Nur wenn Ihr die Welt verwandelt, werdet Ihr selber auch in der Außenwelt verwendbar werden. Die bisherige Weltordnung verwendet Euch eben nur in der untergeordneten Position, die Euch beschwert. Also muß es soviel Weltbilder geben, wie es große Hoffnungen gibt. Denn in eine polytheistische, poiy-nome, polyanimistische Welt kann nur von außen, von einem sic volo sic jubeo; stat pro ratione voluntas, eine Rangordnung eingeführt werden.

Eine Welt, aber viele Weltordnungen ist das Gesetz der Revolutionen. Man darf also nicht sagen: Eine Weltordnung ist undenkbar. Man muß im Gegenteil hervorheben: Viele Weltordnungen sind denkbar. Die Einheit der Welt bedeutet mitnichten, daß in ihr eine einzige Ordnung für das Denken erkennbar wäre. Schafft Gott die Welt, dann wird ihr seine Ordnung Schöpfungstag für Schöpfungstag eingeblasen. Schaffen aber wir Menschen die Welt, dann müssen wir uns genau so mehrzählig die Köpfe einschlagen, wie es Weltbilder und Inwärtseigen gibt.

Die Mehrzahl der Weltrevolutionen des zweiten Jahrtausends ist also unerläßlich gewesen, weil keine Revolution ein einziges Weltrecht proklamieren kann. Vor Gott haben wir Menschen eine gläubige Position. Aber in der Welt hat jeder eine andere Position, und jedermanns Hoffnungen in der Welt sind daher maßloser, als seine eigene Position rechtfertigt. Niemand braucht sich damit zufrieden zu geben, von eines anderen Position in der Welt her angesehen und eintaxiert zu werden.

Das Herumhantieren mit dem Schlagwort „Welt” führt so lange nicht weiter, wie wir nicht innerhalb dieser Welt eine Mehrzahl von räumlichen Ordnungen als denkbar anerkennen. Den Kaiser oder den Proletarier oder das Privateigentum oder die weltliche Obrigkeit kann ich abwechselnd als Weltprinzipien anerkennen, und je nach dem unterteilt sich die uns allen gemeinsame Welt in eine Reihe von Architekturen. Der Zuschnitt der Räume, aus denen die Welt bestehen soll, fordert jedesmal die wirkliche Entscheidung, und sie muß parteiisch ausfallen. Denn die Räume sind Parten, Teile, und ein Thronsaal, ein Dom, ein Fabrikraum und ein Landgut oder ein Büro sind ewig von verschiedenem Zuschnitt. Ich weiß wohl, daß man heut die Büros wie Kuhställe einrichtet und die Landgüter wie Fabriken. Aber das ist ebenso wahnsinnig, wie wenn man die Arbeiter auf ihr Recht auf Privateigentum verwies oder den heimatlosen Unternehmer des 18. Jahrhunderts auf seine Handels-„Vorrechte”.

Jeder Grundriß des Hauses der Welt geht von einem Gemach darin als dem Normalraum aus. Ich habe 1914 gezeigt, wie Pfalz, Hof, Kammer, Sprechzimmer (= Parlament), Kabinett, Präsidium nacheinander für die Normalfigur des Raumes erklärt worden sind, in dem regiert werden müsse. Wie der Herr, so ‘s Gescherr. Dem Kaiserpalast in Aachen mit seiner Kapelle entsprach ein Weltbild, in dem die Päpste des Kaisers Kapläne waren und daher von ihm ein- und abgesetzt wurden und der Kriegszug des Kaisers die Ausbreitung des Kreuzes unter den Heiden herbeiführen sollte.

Dem Hof, der Kuria des Papstes, entsprach eine Welt, in der die Könige von Sizilien, England, Spanien, Polen ihre Krone vom Papste zu Lehen tragen sollten; womöglich sollte sogar der Kaiser dem Papste den Steigbügel halten.

Der Kammer der Fürsten entsprach eine Welt von Kammerherren, Chamberlains und geheimen Räten und Privy Councils und Bundesräten und einer Welt von zivilen und militärischen Bediensteten, die „in camera” die Regierungsgeschäfte erledigten und die Untertanen einsperrten oder freiließen, wie die berühmte Star Chamber in England.

Dem Sprechzimmer aber, in dem the House of Commons zu finden ist, entsprach und entspricht eine Welt, in der all gentlemen pack to sea, in der Britannia die Wellen regiert, weil jedes Mitglied des Parlaments und der parlamentarischen Familien Kirche und Staat durch die weite Welt bemannen und regieren. Seit Sprechzimmer die Norm des Raums wurde, aus dem regiert wurde, und seit das Parlament die Kirchenämter vergab, seitdem haben Indien und China, Australien und Britisch Kolumbien, Jamaica und Kapstadt wie normale Räume der Welt vor dem englischen Blick gelegen. Auch die Kolonien in Nordamerika glaubte das englische Sprechzimmer regieren zu können. Nur weil sich diese Kolonien unbegreiflicherweise zu vereinigen wagten, hörte das Schachbrett der Kolonien sich auszubilden auf.

Die bürgerliche Regierungsform sah als Normalfall die städtische Gesellschaft in ihren Salons, Wohn- und Speisezimmern. In den Bädekern des 19. Jahrhunderts fehlten die Arbeiterquartiere auf den Städtekarten. Die „Nation” im Jargon der französischen Revolution hatte ihren Normalraum so gut wie die Fürsten ihre Kammer, der Papst seine Kurie und der Kaiser seine Pfalz. Aber die meisten Leser sind jenem Gesetz verfallen, das Lasalle von Hegel zitiert, und sehen in die Nationalen Demokratien das „Parlament” als Urgebilde oder Normalform hinein. Das ist ein Irrtum, der aus der Verschmelzung englischer und französischer Ideologie sich herleitet. Gewiß hat die französische Verfassung eine Chambre des Députés. Aber schon, daß sie im Palais Bourbon tagt, mag stutzig machen. Denn das wäre zu stillos, wenn die Seele der französischen Revolution sich in einen Königspalast verkleidete. Das Genie der Nation hat ja aber gerade darin bestanden, sich den Staat und seine Regierungskrisen Untertan zu machen. Ein Pariser Salon, die Börse, die Privatwohnung, die Ateliers der Künstler - das sind die Souveräne der Nation, und das Parlament kann nichts gegen den Grundsatz: Je m’en fous. Foutez moi la paix, „A la Campagne”. Das Dasein des Bürgers ist in der räumlichen Vorstellung seiner Privatwohnung ausgedrückt. In seiner Privatwohnung konkurriert jeder Bürger mit den Privatgemächern jedes Kaiserschlosses oder des Vatikans. Die Gleichheit vor dem Gesetz findet in dieser Gleichheit der privaten Sphäre ihren weltlichen Ausdruck. Der Bruch zwischen Bürger und Proletariat ist so einschneidend, weil sich der Arbeiter in seinen Mietskasernen machtlos fühlt. Seine Freiheit erlebt er durchaus nicht als Schlafgänger oder Untermieter: seine Freiheit erlebt er im Betriebe. Der 17. Juni 1953 und die Posener Unruhen konnten nur von Betriebsbelegschaften gewagt werden.

Weil und solange die Arbeiter die Welt in Betriebe unterteilt sehen, sind sie von den in Privatwohnungen hausenden Bürgern verschieden. Soweit sie es auf ihr eigenes Häuschen abgesehen haben, hört zwischen ihnen und dem Prokuristen der Deutschen Bank der Unterschied auf.

Die geradezu ungeheuerliche Wohnungsnot in der Sowjetunion dient dem Regime. Denn niemand bringt es bei diesem Untermieterelend fertig, in seiner Wohnung den Einstieg zur Freiheit zu erträumen. Die zweckmäßigen Fabrikräume müssen im Weltbild des aus dem Lande in die Industrie strömenden Russen noch lange als die Raumnorm gelten, von der aus sich auch die Erdteile als Werkstätten und Betriebe darstellen. Der Westen stellt dem Betrieb das team entgegen. Präsident Eisenhower hat sein Kabinett als team organisiert. Man kann es auch umdrehen und sagen, es sei das Ideal, alle Arbeitsgruppen nach dem Muster eines entschlußfrohen Kabinetts zu reorganisieren. Team und Kabinett sind nämlich darin gleich, da sie die Arbeitsverfugung und Arbeitsgliederung verkrpern, durch die unsere Industrie allein zustande kommt.

Zwar nur in aller Kürze ist doch vielleicht die Unterteilung des Weltganzen in die Modellräume

anschaulich geworden. In jeder Ordnung war und ist ein Inwärtseigentum eingebunden, das stillschweigend mit vorausgesetzt wurde: Die Kapellengeistlichen in der Kaiserpfalz waren seit Karl dem Großen stillschweigend das Sonderkonto für die Einmischung des Kaisers in die Kirche. Die Hofämter der geistlichen Fürsten wurden so sehr stillschweigend vorausgesetzt, daß der Bischof von Bamberg von den gleichen vier Hofbeamten

bedient wurde wie der Kaiser selber. Die Theorie vom Fürstenstaate, das heißt von der Kammerregierung der weltlichen Fürsten, schwieg sich über ihre Vorbesprechungen mit dem Parlament, mit den Ständen des Fürstentums oder Königreiches aus. Stillschweigend würden sie, so vertraute man, funktionieren. Als sie herausbrachen und die vertraulichen Vorbesprechungen ins Volk und in die offene Welt hinausposaunten, da wurde daraus die englische Revolution.

Seitdem wird von jedem Parlamentarier stillschweigend vorausgesetzt, daß er einen häuslichen Rückhalt habe, ein Zuhause in seiner Heimat. In den Bürgern kommt dieser Rückhalt in ihrem Haushalt zu Worte: seine Privatwohnung macht ihn allen älteren Würdenträgern ebenbürtig. Aber auch die Bürger schwiegen sich über etwas aus. Woher kam ihr Einkommen? Was zahlte für ihre Privatwohnung? Die Quelle ihres Einkommens, aus Kapital oder aus Arbeit, wurde verschwiegen. Der Arbeiter aber sagt: Geheimnis muß laut werden. Mein Arbeitsplatz entscheidet. Ich ordne nach Betrieben. Diese wiederholte Durchführung der Revolutionsprozesse zeigt, wie jedesmal das, was das vorige Mal stillschweigend für garantiert angesehen wurde, hervorbricht und laut zu Worte kommt. Eine Unterlassung jedesmal wett gemacht werden, und die Revolution macht sie wett, indem sie jedes Mal das im Stillschweigen Gefangene zu einer machtvollen Proklamation seiner selber befreit. Der Papst proklamiert seinen Alleinbesitz des Heiligen Geistes, die Fürsten proklamieren ihre Pflicht zu reformieren, die Stände proklamieren ihren public spirit, die Bürger proklamieren ihre privaten Überzeugungen, die Arbeiter proklamieren ihre massiven Vorurteile.

Die umwälzenden Revolutionen haben so ihrerseits einen Kreis umwandert. Und so mag ihre Reihe Zirkumvolution heißen. Die Zirkumvolution erweist jede einzelne Total- oder Weltrevolution als Prozeß eines Zyklus; die Umwälzung ist weder willkürlich noch sinnlos, sie ist Glied einer Umwälzung. Die Zirkumvolution hat, wie ich anderwärts gezeigt habe, alle männlichen Funktionen im politischen Verbande emanzipiert, ohne doch eine einzige von ihnen berflüssig zu machen. Deshalb lassen die Bürger noch heut in einem Palais eine Kammer tagen, die Sowjets tarnen sich als Demokratie, die Päpste nennen sich die wahren Kaiser.

Das Geheimnis zwischen jeder einzelnen Revolution und der Zirkumvolution aller Revolutionen ist also dieses: Wenn ein bestimmtes Glied stimmhaft wird und die Welt zur Rechenschaft zieht, muß es doch den anderen Gliedern ihre Stimme lassen. Auch sie zählen alsdann immer noch. Auch die Sowjets brauchen einen obersten Kriegsherrn, ob sie für ihn nun den Kaiser, den Zaren, Stalin, Iwan den Schrecklichen oder Alexander Newsky propagandistisch heraufbeschwören. Freilich erlaubt die Sowjetideologie dies Amt eines Generalissimus nur für den Notfall des Krieges, den es ja eines Tages in der klassenlosen Gesellschaft nicht mehr geben wird. Aber vorgesehen für diesen Fall ist der Oberbefehl doch, ob auch Schukow abgesetzt und Tuchatschewsky umgebracht werden, wenn sie im Frieden solch ein Amt für notwendig halten. Ein ähnlicher Grenzfall für die Papstrevolution waren die weltlichen Völker. Im Dictatus Papae gegen den Kaiser kommt Volkes Stimme nicht vor. Ecclesia nihil dicitur nisi clerici, hie es 1200 2. Trotzdem hat sich im äußersten Notfall auch das Papsttum seinen Gegenpol, das Volk, aufzwingen lassen: Das Schisma entspricht für die Kirche dem Weltkrieg für Rußland. Und das Schisma haben Konzilien überwinden müssen. Ein Konzil aber gibt den Geistern der Nationen eine Vertretung in den Personen ihrer Lehrer. Und so hat die Weltkirche des Himmelsgewölbes den erdgeteilten Nationen eine bescheidene Ecke in ihrer Weltordnung einräumen müssen. Die Ecke der Nation auf den Konzilien war so notgedrungen wie der militärische Oberbefehl bei den Sowjets. Aber unumgänglich war und bleibt er. Die deutsche Reformation hat genau diese unscheinbare Ecke, die Rolle der Nation auf einem Konzil, zum Bollwerk der Freiheit erhoben. Die Religionspartei der Protestanten ist genau dies gewesen, die eine Hälfte der sonst auf einem Konzil vereinten Fürsten und Doktoren deutscher Nation.

Jede Weltrevolution hat sich mit der Koexistenz aller anderen abgefunden. Und wenn heut die Koexistenz von Kommunisten und Kapitalisten empfohlen wird, so ist sie genau so unmöglich und genau so unabdingbar wie die Koexistenz von Protestanten und Katholiken. Jedesmal ist der Friede, der einen neuen Revolutionär anerkennt, ein Friede, der höher ist als alle Vernunft. Und jedesmal hat er geschlossen werden müssen. Diese Koexistenz von Rußland und Frankreich, von Lenin und Poincare ist ebenso merkwürdig wie die von Friedrich dem Großen und Pitt, von Franz von Assisi und Kaiser Friedrich II., von Gustav Adolf und St. Francis von Sales. Sie bezeugt den Unterschied zwischen der Welt des zweiten Jahrtausends und den Antiken. Denn Plato und Polybius haben in der Antike den Kreislauf der Verfassungen vor Augen gehabt, in dem die Politik von Monarchie zu Aristokratie zu Demokratie zu Diktatur abrollte. Das Rad des Verhängnisses schien ihnen unaufhaltsam sich umzuwälzen. Mithin wußte auch die Antike von Umwälzungen nur zu gut, aber von Weltrevolutionen konnte sie nichts wissen: Die einzelne Politik Athens, Spartas, Korinths lief nämlich in sich kreisförmig gefangen. So ist es nicht seit Kaiser Otto III. oder Gregor VII. Das Verfahren ist anders. Ein Glied wird umgewälzt, wird revolutioniert, weil eine bedrängte Gruppe ein neues Raummodell für die gesamte Welt zur Norm erhebt. Die Päpste oder die Fürsten oder die Bolschewiki verfassen sich in dies Raummodell hinein: Die Kurie, die Residenz, der Kreml werden Vorwegnahmen einer geistgeborenen Weltordnung. Der Beitrag dieser Revolution ist so imponierend, da sich die anderen Welträume allmählich, widerwillig genug, ihr einpassen. Aber sie passen sich nur ein. Und da, wo die Einpassung sich am schädlichsten auswirkt, bricht die nächste Revolution aus, und wieder stellt sie ein Raummodell auf, und wieder macht dies Raummodell Eindruck und erzwingt nach Empörung, Angst, Geschrei Beachtung.

Daraus vollzieht sich das Wunder der Zirkumvolution. Statt eines blinden Kreislaufs der Verfassungen in der Antike ertragen sich im zweiten Jahrtausend die Sprossen der Weltrevolutionen gegenseitig und gleichzeitig. Der französische Schriftsteller, der englische gentleman, der italienische Franziskaner, der deutsche Professor sind zum Leben der „Welt” alle unentbehrlich; die Charaktere der Nationen sind aufeinander bezogen. Sie stützen, sie ergänzen einander. Der Weltraum jeder Revolution als Frühbeet und Pflanzungsstätte bestimmter Menschenart hat in die ganze Welt seine Eigenart exportiert. Und diese Eigenart enthüllt sich nicht als Willkür, Zufall und blindes Ungefähr, sondern als der ehrwürdige Versuch einer Völkerfamilie. In meinen Publikationen mag sich der Leser die Materialien ansehen, in denen sich die Züge dieser Familie spiegeln. Aber auch ohne sie weiß er selber den Deutschen vom Italiener, den Franzosen vom Engländer, den Österreicher vom Russen wohl zu unterscheiden. Holländer, Schweizer, Amerikaner, Spanier, Polen, Ungarn sind uns ohne weiteres erkennbar. Die liberale Freude an der Individualität hat sich an den Unterschieden nicht gestoßen. Unsere Welt wird recht eng. Jede Sonderart hat sich daher zu rechtfertigen, oder sie wird unbarmherzig eingeebnet werden. Die Amerikanisierung und Bolschewisierung sind solche scheußlichen Vorgänge des Abflachens und Abplattens aller scharfen Profile.

Dem entgegen muß die menschliche Bestimmung der Nationen gerettet werden. Die Weltrevolutionen und ihr Friede übersteigen die Logik gewiß. Aber ihre Früchte dürfen nicht anders gedeutet werden als die zur Erfüllung unserer Bestimmung notwendigen Menschenarten. Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Jüngling und Mann werden in sechs riesigen revolutionären Brunnenstuben reproduziert. Italien, Rußland, England sind also keine geographischen Begriffe. Es war ein Weheruf, als Deutschland „nur ein geographischer Begriff” hieß. Es wird ein Weheruf sein, wenn von Europa nur die Landkarte zu berichten weiß. Vielmehr hat z. B. die apenninische Halbinsel gerade umgekehrt ihren Namen „Italien” erst durch Dante empfangen. In der Antike hieß ja die Lombardei Gallien. Umgekehrt wurden vor Dante die Südteile beim Namen Italien nicht mitgehört. Die Teile Europas sind nicht als geographische Begriffe benannt worden, sondern sie sind zu Modellräumen der Welt revolutionär proklamiert worden. Von jedem einzigen Teile gilt, daß er in einem „Marathon”, einem Fackellauf, zeitweise die Fackel des Geistes allen anderen vorausgetragen hat.

Der väterliche Staat, die mütterliche Kirche, der männliche Commonwealth, der weibliche Charme, die Halbwüchsigkeit treuloser Taktik, sie alle sind zu ewigen Stationen ausgebildet worden, auf denen ihre Eigenart reproduziert wird. Die Reproduktion des menschlichen Kapitals ist mithin das, was dank der Zirkumvolution zustande kommt. Der tote Verstand wagt es, von Menschenmaterial zu reden, und bringt sich damit selbst - als bloßes Material - aufs Schafott oder in die Gaskammern. Die teilnehmende Vernunft erkennt in den Arten der Menschen das Kapital an, das Pfund, mit dem wir wuchern sollen. Und siehe da, wenn sie sich darauf besinnt und um sich blickt, so entdeckt sie, daß die Revolutionen von der des Papstes bis zu der der Sowjets zwar ihre Absicht auf die Räume der Welt gerichtet haben. Aber unabsichtlich haben sie dabei eine menschliche Art kapitalisiert. Die Zwecke der Revolutionäre und die Bestimmung, der sie dienen, fallen nicht zusammen. Wir wollen; aber was wir tun, geht weit über unseren Willen hinaus. Die Weltrevolutionen des zweiten Jahrtausends sind die Proben aufs Exempel. Keine von ihnen hat gesiegt. Die Herrscher haben dem Papst nicht die Steigbügel gehalten. Das Papsttum ist nicht in der Hölle verschwunden. Die Sowjets werden von 600 Millionen Chinesen bedrängt; die französische Revolution hat ihren Ausfuhrartikel einer Welt aus Nationalstaaten sichtlich erschöpft. Aber Menschenart, unentbehrliche Eigenart haben sie uns allen mitgeteilt. Deshalb haben Ihre Stimmen wahren und zeugerischen Klang trotz ihrer geographischen Schranken.

Wer daher fragt, ob es denn nun immer so weiter gehen soll mit den Weltrevolutionen, dem kann eine klare und bestimmte Antwort erteilt werden. Die Zirkumvolution der Weltrevolutionen ist ein Vorgang, der 1050 begann und der heut zu Ende geht, weil sich heut Welträume und Menschenart voneinander lösen. Sechsmal hat die Vorstellung eines Modellraumes der ganzen Welt zu den Opfern begeistert, die nötig waren, den besten Bewohner des Weltalls in jenem vorbildlichen Nationalraum zu erzeugen. Dies geheime Zusammenspiel zwischen Weltbild und Musterraum des jeweiligen Trägers der Weltrevolution, also zwischen offenem Zweck und geheimer Bestimmung hat sich erschöpft. Die Natur der Welt wird von nun an noch oft umgedeutet werden, aber die Deutungen werden zu schnell aufeinander folgen, um noch menschliche Stammbäume festzulegen. Welt und Mensch treten auseinander weil sich Menschen nicht mehr auf die ewigen Wendungen und Wandlungen des Weltbildes einlassen können, ohne zu Grund zu gehen. Es wird fortan tödlich sein, die menschliche Art mit irgendeiner Natur der Dinge gleichzusetzen. Ein Vergleich kann helfen: Die Theologen haben die Hexen verbrannt, weil sie in die Welt Engel, Dämonen, Geister hineinlasen. Den Theologen mußte das Handwerk gelegt werden. Darum wurde die Welt für Welt erklärt, der Zeit verfallen und geistlos. Heut reden Philosophen uns Menschen immer noch in die Welt hinein, die Thomisten stellen uns unter Naturrecht, die Marxisten unter Naturgesetze. Ihnen muß das Handwerk gelegt werden, denn der Mensch ist nicht geistlos, und deshalb ist er nicht der Zeit verfallen.

Soweit den Philosophen das Schlagwort von der Natur der Menschen entwunden wird, so weit endet die Zirkumvolution aus den Weltrevolutionen. Denn diese hatten es auf die Natur der Dinge abgesehen und riefen ganze Völker ins Gefecht für jeweils eine bestimmte Ordnung der Natur der Welt.

Dies Buch z. B. und unzählige Künstler und Samariter rufen heute die Völker aus der Welt heraus in die Zeiten der Gesellschaft. Was schiert uns die Natur, wenn wir doch nicht mehr wissen, wann wir irgendetwas vollziehen müssen! Die in dieser Welt täglich gemeuchelte Zeit, die Sklaverei der Arbeitszeit, bedroht das reine Zeitwesen: ihn, den nur die Stunde berufen, sie, die nur die Generation segnen kann. Die Männer, denen ein Bürokrat den Paß verweigert, die Frauen, deren Bräutigam in irgendeinem Lager Zwangsarbeit leistet, fragen nicht nach Frankreich oder Amerika oder Indien oder katholisch oder Shinto. Sie gehen ihrer kostbaren Lebenszeit verlustig, dank irgendeiner Welt- und Staatsphilosophie, die ihnen ihre Zeiten stiehlt, so als sei ein Raum auch für ihre Lebensdaten der Souverän.

Die Kirche hat gegen diese revolutionierenden Raumsouveräne protestiert, und sie tut es auch heute. Aber die Weltkirche hat selber den Raum modelliert und die Seelen inquisitioniert, und daher ist Roms Stimme etwas heiser, wenn sie den Menschen aus dem Raum der Welt freizuhalten behauptet. Immerhin ist Kirche noch da. Jede Revolution hat sich an der christlichen Zeitrechnung vergriffen, keine hat sie überwältigt. Die Kirche hat also in uns allen die wirkliche Mannigfalt der Welt gegen jedes Weltsystem gerettet. In jeder Nation und in jedem Jahrhundert haben Spuren des Ewigen Lebens dem Geist der Zeit widerstanden. Es ist das Wunder unserer Weltgeschichte, da sie jünger geblieben ist als die Kirchengeschichte. Auch in Sowjetrußland bezeugen die Kirchen ein vor die Weltrevolution eingesprengtes göttliches Walten, das für Bolschewiki und Nichtbolschewiki gegolten habe und unterhalb dessen auch ihre Weltrevolution ein Ereignis im Gang der Ereignisse bleiben muß. Ein Beispiel für diese Kraft, die Vollzahl der Zeiten wachzuhalten, steht hier statt unzähliger, damit der Leser zu glauben anfange, was ihm seine Geschichtsbücher zu glauben verbieten, da er auf ewig von den Zeiten vor Christi Geburt geschieden leben darf. 1870 erschien das Leben des großartigen Christen Frederick W. Robertson, 1816 - 1853. Darin schrieb A. J. ROSS (S. 311): „He was at one philosopher, poet, priest and prophet.” Auch die Sowjetunion kann an dieser Vollzahl unserer Aeonik nicht rütteln. Denn gegenüber dem Rädchen im Produktionsprozeß, dem Manager, dem Kommissar, dem Tovarik werden nicht aufhören, so wenig wie Sommer und Winter, Tag und Nacht, Philosoph und Poet, Priester und Prophet und alle die Vorstufen, die zu ihrer Erzeugung führen. Aber schreckliche Kämpfe stehen bevor, um ihnen im technischen Kalender der Welt die fruchtbaren Zeiten einzuräumen, denen die Welten aller politischen Weltsysteme hilflos gegenüberstehen und die sie daher täglich achtlos vernichten.

Die Weltvokabularien

Deutsch Englisch Französisch Russisch 3
kultiviert countrified civilise „engineered”
Staat Commonwealth nation Sowjet
jeder Christ every man chacun „everybody”
Obrigkeit Gemeine intellectuels Sowjets
Katheder pulpit tribune Dialektik
Fürst gentleman citoyen towarik
hoch old nouveau funktionell
hohe Gesinnung public spirit esprit Qualität
der gemeine Mann the poor les illetrees das Lumpenproletariat
Protestant Whig liberal Die Partei
Magister - Meister minister ecrivain  
Doktor member individu  
Billigkeit common sense bon sens  
Pflicht right idee Funktion
Geist world nature Gesellschaft
Reformation revolution revolutionnaire revolutionieren

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  1. Näheres in „Die europäischen Revolutionen” S. 308 ff., 403 ff. 

  2. Rosenstock-Wittig, Das Alter der Kirche II, 1928, S. 603. 

  3. Nur annähernde Übersetzungen möglich.