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Rosenstock-Huessy: Politik der Weltalter (1920)

Politik der Weltalter

Die Hölle der Politik

Mythos und Geschichte in Weltaltern
Begriff der Politik in Weltaltern. Die Russen als Vordergrund
Der Gang in Deutschland:
Nietzsche
Seine epochale Stellung Übermensch und Christentum
Richard Wagner Die Rolle der Kunst im 19. Jhd.
Das Übermenschentum der vierziger Jahre
Marx, Feuerbach Fontanes Schilderung Stirnen, Rohmer
Widmann
Romantik Gares – Bettina von Arnim – Bunsen
Fallmerayer – Novalis – Hölderlin.

Einleitung

(S.1) Eine Politik der Weltalter ist zunächst ein Widerspruch in sich selbst. Politik ist Kampf um Macht. Und wenn wir das Auf und Ab der Könige und Fürsten, der Stände und Klassen, der Länder und Städte betrachten, so erscheint es sinnlos, in diesem Kampfe mit unseren seelischen Kräften Partei zu ergreifen. Wo Willkür herrscht, wo die Gemeinheit triumphiert – und in der Politik herrscht die Willkür und es triumphiert die Gemeinheit – da scheinen wir uns zunächst an dem Ort des Seelentodes, den wir Hölle nennen, zu befinden.

Die Hölle aber hat keine Zeitrechnung, keine wirklichen Epochen, weil sie unverbesserlich und unabänderlich Hölle bleibt. Lohnt es die Weltalter nach Dynastien, Völkerbündnissen, Friedensschlüssen oder Kriegen, Revolutionen und Verfassungen zu rechnen, wo immer ein großes Einerlei des Machtkampfes sich in irgend eine dieser politischen Formen verkleidet?

Nur wenn es eine Erlösung aus dieser brutalen Hölle gibt, eine Überführung der Politik in den Bereich des Menschlichen durch die Mitwirkung seelischer Kräfte, würde es lohnen, einen Rhythmus in diesem Wogen unreiner Gewalten aufzustellen. Um Weltalter in der Politik zu unterscheiden, müsste also zunächst ein Standpunkt ausserhalb dieser Hölle von der Menschheit festgehalten werden. /

Das erste Mittel, einen solchen Standpunkt festzuhalten, ist längst angewendet worden: es ist der sogenannte Idealismus. Längst gibt es eine große Bewegung gegen die „böse“ Politik, gegen den Machiavellismus, wie man die Machtpolitik zu nennen beliebt. Alle Träume von der heiligen Allianz, vom Völkerbund, vom ewigen Frieden, von der Herrschaft der Legitimität und des Rechtsprinzips versuchen durch geistige Überlegungen das Reich des Guten politisch aufzubauen. Mit welchem Erfolg lehrt der Augenschein. Aber trotz aller Mißerfolge wäre diese Idealpolitik gut und schön, wenn sie auch nur die geringste Mühe darauf verwendete, die Kräfte, aus denen alle Politik ob böse oder gut gespeist werden muss, ein wenig näher zu betrachten. Wäre Politik ein Gedankending, eine Vernunftssache, so könnten diese mit Vorliebe bei den Angelsachsen gepflegten mehr oder minder salbungsvollen Ideale einer Rechts- und Verstandespolitik ja einfach an die Einsicht der Menschen mit sicherem Erfolg appellieren.

Unglücklicher – oder glücklicher – Weise hat es aber die Politik mit ganz anderen Kräften zu tun, als mit denen des Verstandes. Furcht und Hoffnung, Hass und Liebe, Aussicht auf Gewinn, Scheu vor Verlust, harte Not und frecher Übermut, Verantwortungsgefühl und Leichtsinn sind die Triebe, aus denen alle Politik gespeist wird. Das sind keine Kräfte des Verstandes, es sind nicht im geringsten geistige Angelegenheiten; denen könnte man mit Ideen beikommen. Sondern es sind rein seelische Leidenschaften und Komplexe, die sich in der Politik entladen. Das ist ihr Unterschied von der Rechtsordnung. In der Politik „ist der Teufel los“, weil alle dämonischen Kräfte der Menschen in ihr entbunden werden. Wenn ich mich verheirate, so wird die Rechtsform der Eheschließung das abstrakteste, langweiligste und äußerlichste Faktum an diesem ganzen Vorgange sein. Da wo dieser Rechtsakt etwa die Hauptsache und Hauptsorge der Beteiligten wäre, würde es sich um eine recht fischblütige Angelegenheit handeln. Gerade so ist es aber in der Politik. Rechtsparagraphen sind da so wenig zu verachten wie beim Eheschluß, ob sich nun Staaten verbünden oder Parteien vertragen. Aber die Hauptsache ist das Recht nicht; dazu ist es zu blass und blutleer. Die Hauptsache sind die dämonischen Kräfte des Schicksals, die Völker und Staaten im Daseinskampfe durchwittern.

Mit keiner idealistischen Politik ist da zu helfen. Es ist eine pharisäische Ader in allen Pazifisten usw.; sie tragen stolz in ihrem Kopf das Bild des Ideals, wo der Löwe und das Lamm zusammenliegen. Vor ihnen rast der Hexenkessel der Politik nur um so hoffnungsloser, je pharisäischer sie ihm ihr Kopfbild entgegenhalten. Ist also die Realität und das Ideal hoffnungslos von einander geschieden? Muss man entweder ein blutleerer, pharisäischer, den Erdkräften entfremdeter Erblicker und Moralist sein oder aber ein zynischer in allen Wassern gewaschener Realpolitiker?

(S.2) Um Politik in Weltaltern zu fordern und zu fördern, muss eine Entscheidung vorhergegangen sein, durch die wir uns aus den Verstrickungen in das blinde Tierreich der Leidenschaften herauslösen. Das neunzehnte Jahrhundert unternimmt tatsächlich einen solchen Versuch. Das vorliegende Heft versucht die auf deutschem Boden in dieser Richtung wirkenden Kräfte sichtbar zu machen. Indessen hat ein solcher Versuch seine grossen Schwierigkeiten. Denn für das abgelaufene Jahrhundert sind es nicht die Deutschen, sondern die Russen, die allen übrigen Völkern mit diesem Kampf um die Erlösung der Politik vorangehen. Sie stehen im Vordergrund. Und so ist es kein Wunder, dass in der vorliegenden Reihe der Russe Kirijewski ein ganzes Heft füllt. Bei uns sind es hintergründige und in ihrer Zeit erfolglose Bemühungen, deren Weg wie eine unterirdische Wasserader verfolgt werden muß. Denn (S.3) die beiden grossen Richtungen des neunzehnten Jahrhunderts, die den deutschen Gedanken repräsentieren, Idealismus und Materialismus, sind beide nicht in der Lage, dem „Weltalter“ gerecht zu werden. Der Idealismus als die reine Geisteslehre, die er ist, sucht dem Geiste die Erhabenheit über die Zeit zu sichern; die leere Unsterblichkeit, die er predigt, pflegt dann bei den meisten seiner Vertreter, die überhaupt an die Politik herangelangen in platter Verherrlichung des Tageserfolges umzuschlagen. Verdanken wir doch diesem Denken die famose Trennung zwischen Politik und Moral, zwischen der absoluten „Innerlichkeit“ des Einzelnen und dem Machtautomaten des Staats.

Die Materialisten mit ihrem Überbetonen der Wirtschaftskräfte des täglichen Stoffwechsels verewigen umgekehrt die nur dem Alltag zugehörige „Entwicklung“, das ist die Gesetze der Trägheit und Schwerkraft,(S.4) zu Jahrtausende durchwirkenden Tendenzen und werden dadurch blind und ungerecht gegen den Sinn der lebenden Persönlichkeit, die sich zwischen Alltag und Jahrtausend behauptet.

Wenn der Idealismus den Geist, der Materialismus den Leib zum automatischen Regulator des Lebens erheben möchte, so verliert in beiden Fällen das politische Leben den einzigen Maßstab, den es brauchen kann, den menschlichen, der gut und böse kennt, und den ein Entweder – Oder über allem geschehen als Richtspruch, den wir sprechen müssen, geschrieben steht. Erst wo dieser Spruch ertönt, halten wir auf der Ebene der Politik, die von der Seele ergriffen worden ist. Und nur diese Politik ist mehr als ein Hexensabbath, eine ewige Hölle, nur eine solche Politik kann den Erlösungsgang der Zeit in sich aufnehmen.

Der materielle Maßstab des leiblichen Reichseins – oder Herrschens bleibt unter dem Niveau dieses Gut und Böse: an sich ist nichts weder gut noch böse, das Denken macht es erst dazu. Der übliche idealistische Maßstab aber der Bewußtheitsgrade, der Stärke des theoretischen Selbstbewusstseins entwurzelt das politische Urteil aus seinen tieferen Gründen und schleudert uns in die luftigen Höhen der Abstraktion, wo der letzte Mensch sein „Was ist Liebe?”, „Was ist Glück?”, „Was ist Stern?” blinzelt.

Beiden Richtungen fehlt der Sinn für den Kampf, den die Seele der Menschheit gegen die beiden Gefahren, die ihr drohen: gegen die Tyrannei des Geistes wie des Leibes, gegen Idealismus und Materialismus, kämpft. Und weil der Eigenrang der Seele den deutschen Denkern des 19. Jahrhunderts vollständig verloren gegangen ist, fehlt ihnen das tiefere Gehör für den Rhythmus der Weltalter. Denn aller Rhythmus ist nur mit der Seele wahr- (S.5) nehmbar. Die Deutschen haben diese Verdrängung der Seele aus ihrem Geistesleben in der Reichsgründung von 1870 dann auch politisch bejaht. Erträglich wurde uns diese Entseelung durch die Nebenherrschaft der Musik, unter der wir während des ganzen neunzehnten Jahrhunderts bis fast zum Weltkriege uns befanden. Richard Wagner und Bismarck gehören daher, Richard Wagner als Seelenverführer und Bismarck als Geistesbezwinger, nebeneinander.

Aber dieser Abdrängung der Seele in die Musik hat sich ein Mann, ein Geist, eine Seele – ein einziger freilich – erfolgreich widersetzt; freilich hat ihn diese Überwindung sein Deutschsein gekostet. Er ist an diesem Kampf um die rhythmusbildende politische Gestaltungskraft der Seele aus einem rein musischen Menschen zum „guten“ Europäer geworden. Ihm wird es verdankt, dass wir heut wo wir sie brauchen, die Politik, die in weltalterlichem Rhythmus wirkt, vorgemacht finden: Friedrich Nietzsche hat in vielen Dingen geirrt; in dem entscheidenden Kampf gegen den Idealismus und Materialismus ist er Sieger. Und durch diese seelische Vertiefung des Lebens gewinnt das Leben wieder seinen Rhythmus. Und diese Hereinholung des Rhythmus aus der Musik, in die er sich zurückzuziehen drohte, ins Leben schuf er einen (S.6) neuen Maßstab für das diesseitige Leben, der sich in der europäischen Katastrophe bewährt. Friedrich Nietzsches Rückkehr aus der Kunst, und zwar aus der Seelenkunst im Vollsinn: der Musik, in die Welt ermöglicht eine heroische Wiedereroberung dieser Welt, an deren Anfang wir stehen.

Der Übermensch ist der Popanz, mit dem Nietzsche den Philister schreckt. Sein Kampf gegen das Christentum ist für Nietzsche das Mittel, um seinen Standpunkt verständlich zu machen. Es ist für den Kundigen klar, daß Nietzsche die vulkanischen Kräfte des Christentums nicht kennt, dass er es für eine Kirchen-, Schul- und Familienberuhigungssache hält, dass er im Christentum den lebendigen Funken des göttlichen Feuers nicht mehr wahrnimmt. Aber es ist das nicht seine, Nietzsches Schuld, sondern der germanisch-romanischen Völker, deren Lebensangst aus dem Christentum eine Milchsuppe mehr und mehr herauszudestillieren verstanden hatte und hat.

Die Sätze, mit denen Nietzsche die europäische Katastrophe, den Erstarrungstod seiner Umwelt und seinen Glauben an eine beseelte Politik verkündet, behalten daher, trotz seiner Stellung als Antichrist ihre maßgebende Bedeutung. Sie sind keine willkürlichen Einfälle, sondern haben den (S.7) Rang von Gesetzesverkündigungen.

Das war aber nur dadurch möglich, dass der „Übermensch“ keine Erfindung des Einsiedlers von Sils Maria darstellt, sondern in den dreißiger und vierziger Jahren wirklich gelebt worden ist. Es wird viel zu wenig beachtet, dass in jenen Jahrzehnten, in denen Karl Marx, Bismarck und Richard Wagner jung waren, der Typus des Übermenschen in zahllosen bizarren und unreinen Formen aufgetreten und die Wendung zur Politik genommen hatte. Es ist leicht, heut über jene Erscheinungen zu spotten, so wie es etwa Fontane in seinem ergötzlichen Rückblick schon getan hat: „Wirklich, der um die Wende der 30er und 40er Jahre spukende geistige Hochmuth kannte keine Grenzen, und in meinem damaligen nächsten Umgangskreise befanden sich zahlreiche Personen, die sich daran gewöhnt hatten, als Machiavelli oder Cesare Borgia, als Luther oder Hus, als Cromwell oder sogar als Ziska vorgestellt zu werden. … Religionsgründerei war Lieblingsbeschäftigung. Christus ward als Schlafkamerad oder als älterer College behandelt. Am häufigsten waren selbstverständlich die jungen Goethes und Napoleons.“

(S.8) Aber weder Bismarck noch Richard Wagner noch Karl Marx oder Lasalle sind ohne diese Nährboden zu begreifen, ohne diese Erwartung des Ungeheuren, ohne das Gefühl, dass die Welt an einer Zeitenwende stehe und durch das Genie der spekulativen Vernunft, so wie einst durch Christus, nun aber politisch geordnet werden müsse. So konnte der 23.jährige Marx von dem älteren Moses Hess am 2.September 1841 einem Freunde also brieflich vorgestellt werden: „Du kannst Dich nicht darauf gefasst machen, den größten, vielleicht den einzigen, jetzt lebenden Philosophen kennen zu lernen… Dr.Marx, so heisst mein Abgott, ist noch ein ganz junger Mann, der der mittelalterlichen Religion und Politik den letzten Stoß versetzen wird; dank Dir Rousseau, Voltaire, Holbach, Lessing, Heine und Hegel in einer Person vereinigt; ich sage vereinigt, nicht zusammengeschmiert – so hast Du Dr.Marx.

Viele jener Übermenschen sind verschollen, nicht wenige zu Unrecht, wie Geibels (S.9) Freund Röse oder Friedrich Rohmer, das Haupt eines merkwürdigen Kreises in Zürich.

Die Revolution von 1848 hat diese ganze Welt ins Mark getroffen. Denn die Politik verschloss sich plötzlich ihrem triumphierenden Einmarsch, den sie als sicher vorausgesetzt hatten. Nur der Künstler vermochte die „Reaktion“ in seiner eigenen Welt zu überleben. In Richard Wagners Gesamtkunstwerk, in seinem Bayreuth ist jener Titanengeist Gestalt geworden. Wenn wir aber die Probleme betrachten, um die herum dieser große Hexenmeister sein Werk gestaltet, so ist es wieder der große Kampf von Übermensch und Christentum, den er zu gestalten sucht: Im Ring der Nibelungen und im Parzival. Dass die Nibelungensage auch sonst Mittel ist, die politische Frage des Volks, der Herrschaft und der Macht geistig zu bewältigen, zeigt die Tatsache, dass alle Dichter fast jener Zeit dem Stoffe ihren Tribut entrichtet haben: ich erinnere nur an Geibel und Hebbel.

Unter die Dichter ist denn auch ein Mann gegangen, aus dessen Werk wir hier eine Probe bringen: Adolf Widmann.

(S.10) Hervorgegangen aus dem Rohmerschen Geniekreis, dem er in einem autobiographischen Roman Tannhäuser 1850 ein heut noch lesenswertes Denkmal gesetzt hat, war Widmann vor dem Jahre 1848 als geistvoller Publizist in preußischem Dienst den Ausschweifungen der kirchlichen wie der gesellschaftlichen Spekulation geistvoll entgegengetreten. Das Jahr 1848 wurde für ihn zu einem ebenso einschneidenden Erlebnis, wie für uns heute Lebende der 9.November 1918. Seine Beichte über Monarchie und Republik wirkt, als wäre sie von einem heute Lebenden verfasst. Der Vergleich der eigenen Zeit mit der römischen Kaiserzeit blitzt auch bei ihm auf, ein Vergleich, der ja durch die Epigonen Nietzsches, vor allem Spengler, heut in aller Munde ist. Sie ist dem Buche „Die Gesetze der sozialen Bewegung” entnommen, das er 851 herausgab und das als sein politisch-philosophisches Testament betrachtet werden kann. Bewusst nimmt er mit ihm von der Politik Abschied. Er hat noch bis 1878 gelebt, in den unwirklichen Welten des poetischen Schaffens und freimaurerischen Wirkens sich beschäftigend.

Er hat die Frage: Übermensch – Christentum zu Gunsten des Christentums gelöst. Dennoch rückt ihn das an Nietzsche heran, dass die konkrete persönliche Gestalt, durch die er selbst hindurchgegangen ist, der Übermensch ist, während das Christentum – ganz wie für Nietzsche – nicht Fleisch und Blut, sondern eben ein -tum, eine (S.11) mehr oder minder gestaltlose Erscheinung ist.

Anders stehen die Männer der ersten Jahrhunderthälfte zu diesem Ringen zwischen christlicher und heroischer Politik. Nicht der Übermensch wird hier praktisch gelebt, sondern der Christ. Die Form aber, in der das Christentum damals Fleisch und Blut noch hat, ist überwiegend die des katholisch-kirchlichen Menschen. Hingegen ist die Gestalt des Übermenschen noch verhüllt in die allgemeine Vorstellung, mit der sich die Seele auseinandersetzen muß: die Revolution: Statt des Ringens des Übermenschen mit dem Christentum, wie wir es bei Nietzsche und Widmann sehen, treffen wir daher auf ein Ringen der Christen mit der Revolution. Der öffentlichste Charakter, der am Allgemeingültigkeit diese Synthese verkörpert, ist entschieden Görres gewesen. In der Jugend Jacobiner, in der napoleonischen Zeit ganz im Fahrwasser der Zeitphilosophie, dringt er unter den Erschütterungen der Befreiungskriege zu einer tieferen Erfassung der Politik durch. Vier Jahre nach dem Wiener Kongress erscheint sein „Teutschland und die Revolution“. Das Buch schließt mit dem Virgilvers: „Discite iustitiam moniti et non tennere divos.” Als das Buch erscheint ist Bunsen, der spätere (S.12) Freund Wilhelms IV. als Anfänger in Rom. Bunsen hat dies Leitmotiv von Görres prophetischer Politik noch ein Menschenalter später aufgenommen und ohne eigentliche Vertiefung in drei Bänden seines „Gott in der Geschichte“ dargestellt: Sein Buch beginnt mit eben diesem Virgilvers, mit dem Görres schließt. Görres fasst die Revolution gleichsam als chiliastischer Sporn auf, damit eine neue Kirche, ein neuer Staat, eine neue Kunst, wie sie schon einmal gewesen, wiederkommen können. Auch er erlebt durch die Karlsbader Beschlüsse ein Abbrechen des geraden Weges. 1821 erscheint sein „Europa und die Revolution”. Dieser Titel bedeutet, dass er seinen Standpunkt nun innerhalb der Kirche genommen hat. Die katholische Kirche bildete in jenen Jahren bekanntlich ein ähnliches Abstellgeleise, wie es nach 1848 die Künste, vor allem die Musik dem politisch enttäuschten Volksgeist boten.

Zwischen Widmann und Görres bringen wir eine Probe aus Fallmerayers Schriften. Dieser bayrische Protestant hat durch seine gründliche Beschäftigung mit der griechischen Kirche ein feineres Gefühl für die Kräfte der Revolution und Religion sich erworben. Ihm wird die einzig lesbare Schilderung der berühmten Mönchsrepublik auf dem (S.13) Berge Athos verdankt. Er führte lange Jahre eine gefürchtete publizistische Feder. Eine Neuausgabe seiner Essays zeigt, dass man ihn heute wieder zu schätzen weiss. Seine Auffassung von der Religion als das Gefäß, in dem das politische Leben überwintert, ist noch heute nicht ausgeschöpft. Hiermit gewinnt die Politik jenen Auslauf, jenen Umweg, den sie braucht, um nicht im Alltag zu ertrinken, dem sie doch wieder verbunden bleiben muß.

Wenn wir nun in die Anfänge jener Erschütterung zurückdenken, wo zuerst statt des Kampfes zwischen Kirche und Staat sich der Kampf zwischen Christ und Übermensch, zwischen Christentum und Revolution eröffnet, so liegt es nahe, die Lichtgestalt des Novalis herbeizuführen, dessen Schrift: „Die Christenheit oder Europa” heut mannigfach neu aufgelegt worden ist. Der Herausgeber, der selbst in Gedanken an Novalis eine eigene Schrift unter dem Titel „Europa und die Christenheit” 1919 hat erscheinen lassen, ist dadurch wohl vor dem Verdacht geschützt, die Persönlichkeit dieser blauen Blume der Romantik zu unterschätzen. Dennoch ist in einem Heft, das den seelischen Mächten der Politik nachspüren will, für Novalis kein Platz. Er lässt auch die echte Empörungskraft der Revolution in sich nicht hinein. Er kennt auch die Hölle der bis dahin unter der scheinbaren Herrschaft des Christentums und der chaotisch wogenden Politik nicht, die oberhalb der Welt des Rechts in dauerndem (S.14) Kampf der Herrschenden sich entfaltet und die Goethes Gerichtsrat in der Natürlichen Tochter mit dem für den Rechtsgelehrten bezeichnenden Worten also umschreibt:

In abgeschlossenen Kreisen lenken wir
Gesetzlich streng, das in der Mittelhöhe
Des Lebens wiederkehrend Schwebende.
Was droben sich in ungemeinen Räumen
Gewaltig seltsam, hin und her bewegt,
Belebt und tötet, ohne Rat und Urteil,
Das wird nach andrem Maß, nach andrer Zahl
Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.

Hier ist die Dämonie der Politik deutlich ausgesprochen. Um die Erlösung von dieser Dämonie geht der Kampf jener Politik in Weltaltern, den die prophetischen Politiker des neunzehnten Jahrhunderts einleiten möchten.

Sollen wir eine Gestalt finden, die ihnen allen noch vorausschreitet, so werden wir uns die Lehre zu nütze machen dürfen, die schon unsere bisherige Reihe uns an die Hand gibt. Hinter Kriegen und Revolutionen ist der Erscheinungsort für die Erschütterten, die nun den Mut haben, Kräfte der Seele hineinzuverströmen in das öffentliche Leben des Volks. Wie Nietzsche nach 1870, Widmann nach 1848, Görres nach 1815 sich finden, so (S.15) wird die Urform ihrer Frage wohl in einem Geiste sich ankündigen, der unter dem allerdings gereinigsten Einfluß der französischen Revolution sein geistiges Leben ausbildet und trotzdem ganz in der vornapoleonischen Epoche beschlossen bleibt. Dieser Geist ist Friedrich Hölderlin. Er, der mit Diotima auf seliger Insel den einzigartigen Kreis des Lebensjenseits des in der Mittelhöhe des Lebens Wiederkehrend Schwebenden erlebt hatte, hat von diesem Eiland aus die Aufgabe geschaut und bestimmt: Die Erlösung des Volkslebens durch die Kräfte der Seele, durch Opfer und Erneuerung der Herzen. Wir sagen: von diesem Eiland aus, das heisst alles tönt bei ihm in einigem Abstand, in einer etwas entfernten und schwierigen Sprache, aber gerade dadurch ganz rein und unverziert, gerade dadurch so, dass wir seine Worte uns leichter zu Herzen gehen lassen als die zeitlich Näherstehenden. Es bleibt bei ihm eben das Erfassen der neuen Position, die neue Grundlegung des Verhältnisses zwischen göttlicher Seele, menschliche Satzung und Volksordnung noch ohne jede Mischung mit den Tagesfragen, die bei ihrer Durchsetzung hineinspielen. Diotimas Tod, Hölderlins Wahnsinn sind die heiligen Siegel unter diesen neuen Anfang, den die Liebe für alle menschlichen Ordnungen zu legen vermag, den ganz einfachen und schlichten Anfang, um den es sich im Grunde bei der prophetischen Verkündigung einer Weltalterswende in der Politik, und einer weltalterlichen Behandlung der Politik allein handeln kann.

(S.16) Neues Unterscheidungsgefühl für Weltepochen, für Vergangenheit und Zukunft, Nietzsche betreibt Weltalterspolitik, Politik in Weltaltern. Das steht hinter seiner Leidenschaft für ein Leben „in grossem Stil“, die er so gern äußert.

Das Auftreten Friedrich Nietzsches bedeutet einen ersten Datierungspunkt in der öffentlichen Geisteswende der Deutschen. Man merkt es jeder Schrift an, ob sie vor oder nach Nietzsche verfasst ist, ob der Verfasser durch die Erschütterung, die Nietzsche dem festen Sprachgerüst des Schuldeutsch bereitet, hindurchgegangen ist, oder nicht. Indem Nietzsches Stil, Nietzsches Wort diese umstürzende und geistesgeschichtlich tief einätzende epochemachende Wirkung übt, wird dieser Meister der Sprache und des Geistes zu einem Mann von politischer Bedeutung: Er bereitet die Menschen vor auf ein neues Weltalter, nach dem das Sprachgerüst der Schule in einer Katastrophe zusammengebrochen ist. Nietzsche hat diese seine politische Bedeutung klar erkannt: Er fühlte sich als Sturmvogel, als Möwe, die in einer stumpfen, in einer Sackgasse verlorenen Welt die Witterung für das Leben sich bewahrt habe: so wird er zum politischen Seher. Er sieht sich an der Grenze des Kirchenchristentums, sein letzter Spross, zugleich der erste Geist – nicht der erste Bürger – einer erneuerten Welt. Zweitausend Jahre blickt er zurück, und sie erscheinen ihm – von 400 vor Christi bis 1850 als eine grosse Decadence und Verwirrung des Menschengeschlechts.


Vom Manuskript in Maschinenschrift gebracht von Lise van der Molen, Winsum. 18.10.1984. Mit dem Titelblatt zählt das Manuskript 22 Seiten. Es folgen 3 Seiten ungenummert nach der 1. Seite. Nach der Seite 16 kommen noch 2 nicht-nummerierte Seiten. Ich vermute das Datum als das Jahr 1920. Auf jeden Fall nach 919, s.s.13. Es sieht so aus , als wäre es ein Aufsatz für eine Reihe „Weltalter“, das 4. Oder 5. Heft, das von Eugen Rosenstock selbst herausgegeben wurde. Siehe wiederum s.13.

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