Logo Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft Unterwegs zu einer planetarischen Solidarität Menü

Sven Bergmann: Helmuth James von Moltke, der Widerstand und die deutsche Zukunft

(Rez. v. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, 2026)

Maßstäbe existentieller Verantwortung

Das Bild des Widerstands gegen die illegitime deutsche Regierung von 1933 bis 1945 zeigt sich bis in die Gegenwart als vermintes Gelände. Jederzeit können Sprengsätze detonieren, etwa über die Rolle der Kommunisten, den Gebrauch antisemitischer Stereotype, außenpolitische Rücksichtnahmen oder Stauffenbergs Heldentat für das „Heilige Deutschland“.1 BRD wie DDR haben sich lange gewunden, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in allen Facetten zu würdigen. Zwar ist es nie zu einer Dolchstoßlegende wie nach dem Ersten Weltkriegs gekommen, aber die „Volksempfänger“ der Hitlerlegende, eine „ganze kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere“ habe ihn beseitigen wollen, hallte vernehmbar nach.2 „Viele Widerstandskämpfer fühlten sich deshalb ebenso wie deren überlebenden Nachkommen um die Rechtfertigung und damit um den Sinn ihrer Tat betrogen und von der Gesellschaft der Nachkriegszeit unverstanden.“3 Wie erbittert um das Erbe des Widerstandes bis in die jüngste Gegenwart gestritten wird, zu denken ist hier an die Diskussion um die monarchischen Steigbügelhalter der Machtergreifung oder die Symbolik des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonskirche, fächert die Journalistin Ruth Hoffmann breit dokumentiert aus.4 Ihrer Feststellung, daß es lange gedauert hat, bis aus „Landesverrätern“ Helden geworden sind, trifft ins Mark.5 Und, daß „die Überwindung ideologischer Grenzen“ charakteristisch für die Freiheitskämpfer gegen die Tyrannei war, wird sich eine unbefangene Betrachtung wohl kaum entziehen können.6 Aber noch in den 80er Jahren mußte der Historiker Peter Steinbach mit seinem Rücktritt drohen, um die Berliner Dauerausstellung zum Widerstand vor politischer Instrumentalisierung zu schützen.7 Der Deutsche Bundestag konnte sich erst 1998 zu einem Gesetz entschließen, das die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile durchsetzte. Es bedarf nur geringer Phantasie, daß das Ringen um das Erbe des Widerstands gerade in einer neue Phase eintritt. Ein Land, das nicht nur verteidigungsbereit sein will, sondern bis 2029 „kriegstüchtig“ zu sein propagiert, wird sicher Vergangenheit und Zukunft neu gewichten oder wie Max Weber orakelte:
Aber irgendwann wechselt die Farbe: die Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, der Weg verliert sich in der Dämmerung. Das Licht der großen Kulturprobleme ist weiter gezogen.8

Vor diesem Hintergrund kommt der Biographie eines der führenden Köpfe des Widerstands und eines Gegners des Dritten Reiches schon vor 1933 besondere Bedeutung zu. Volker Ullrich, promovierter Historiker und ausgewiesener Kenner der deutschen Zeitgeschichte mit politischem Gespür hat schon vor zwanzig Jahren eine Übersicht zum Kreisauer Kreis vorgelegt. Jetzt widmet er sich, nach einer zweibändigen Hitlerbiographie, ausführlich dem Vermächtnis des keineswegs „einaltrigen“ Spiritus Rector der Gruppe: Helmuth James von Moltke.9

Von Moltke ist in Deutschland ein Name. Man kann an einem Namen wachsen, sich an ihm aufrichten und ihn weitertragen. Man kann aber auch an einem Namen verzweifeln oder zerbrechen. Bis zum I. Weltkrieg sprach man wie von Donnerhall von den beiden Generälen Moltke: Dem älteren, dem genialen und hochgebildeten Strategen der preußischen Reichseinigungskriege, dem „großen Schweiger“, der zu seiner Zeit berühmter als Bismarck selbst war.10 Und vom jüngeren, dem Sohn seines Bruders, der der in ihn projizierten Erwartungshaltung im Ersten Weltkrieg nicht standzuhalten vermochte.11 Im Widerstand gegen das Naziregime lernte die Welt dann einen weiteren Moltke kennen, den Großneffen des preußischen Generalfeldmarschalls, der selbst keine Kinder hatte. Der damals jüngste Moltke, Helmuth James wuchs auf dem Gut Kreisau südlich von Breslau auf, das sein Großonkel 1867, nach dem Sieg über die Habsburger bei Königgrätz erwerben konnte. Helmuth James von Moltke (1907 bis 1944) trug neben dem Vornamen seines Großonkels noch den Namen seines südafrikanischen Großvaters. Schon der Generalfeldmarschall hatte die Engländerin Mary Burt zur Frau genommen. Die Frau seines Neffen, Dorothy, die Mutter von Helmuth James war die Tochter von Sir James Innes und seiner Frau Jessie. Sir James war einer der angesehensten Juristen Südafrikas, mit Stationen als Justizminister und Chief Justice des Landes und dezidiert liberalen Ansichten. Schon im Namen des „jüngsten“ Moltke manifestieren sich also zwei gewichtige Traditionen. Für den Autor ist Moltke schon in der Einleitung, der „beste Kopf des deutschen Widerstands gegen Hitler“.12

Nicht unterschätzen sollte man seinen weltoffenen Horizont, der ihn schon habituell von vielen anderen Widerständlern unterscheidet. Sicher wird er sich mit seinem introvertierten Großonkel beschäftigt haben oder wird ihn sein Großvater mütterlicherseits angeregt haben. Schließlich wählte Helmuth James das Jurastudium in Deutschland und machte zugleich in Großbritannien seinen Abschluß als Barrister. In der Verwaltung und Modernisierung des schlesischen Gutes hat er fast unmenschliches geleistet, auch wenn er sich in Not auf seine Verwandten und Zuschüsse in harter Währung verlassen konnte. Gleichzeitig verschaffte ihm seine polyglotte Ausbildung beste Voraussetzungen für diplomatische Missionen und Kontakte zwischen den Fronten, auch wenn sich mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die paradoxe Situation eines Anwalts für internationales Recht in einer Zeit internationaler Rechtlosigkeit ergab. Im Januar 1944 war Helmuth James von Moltke nach einer Denunziation in seinem Büro verhaftet worden. Doch bis zum 20. Juli durften er und seine Familie auf Entlassung aus der Untersuchungshaft hoffen.

Nach der Pionierarbeit des Theologen Günter Brakelmann und der unvollendeten Arbeit Jochen Köhlers schöpft der als Journalist bekannt gewordene Volker Ullrich aus einer Fülle inzwischen zugänglicher Briefwechsel und persönlicher Dokumente die Lebensgeschichte dieses Moltke auf rund 350 Seiten. Außerdem sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Studien zu Moltkes Frau Freya und der weit verzweigten Familie erschienen. Ullrich gelingt es eindrucksvoll, die persönlichen Zeugnisse zu einem funkelnden Portrait zu arrangieren, das weit über Moltke und den engeren Kreisauer Kreis hinausgeht und damit auch dem über viele Jahre gespannten konspirativen Vertrauensnetz gerecht wird. Gerade in den spannungsgeladenen Momenten auf Leben und Tod, läßt Ullrich angemessene Zitate sprechen, ohne Moltke zu einem einsamen Helden zu verklären. Lakonisch heißt es etwa zur großen Kriegswende im Herbst 1941, Moltke habe den befreundeten expressionistischen Maler Karl Schmidt-Rottluff beauftragt, das Gut Kreisau und die umgebende Landschaft für die Nachwelt zu dokumentieren. Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 erscheint ihm schon von Beginn an als „Dance macabre“. Deutlich räumt Ullrich mit der Legende der allzu verkopften Kreisauer aus. Schon früh bemühten sie sich um Verbündete im Militär, stießen aber bei allen ranghohen Generälen auf Ablehnung. Für die, die sich überhaupt einer Diskussion stellten, war es zu Handeln entweder zu früh oder zu spät.13 Dagegen sprachen die Kreisauer fern von taktischen Überlegungen grundlegende Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte an:
Als Einzige unter den deutschen Widerstandsgruppen hatten die Kreisauer ein Konzept erarbeitet, das in kompromissloser Abkehr vom nationalen Machtstaat und seinen Exzessen eine grundlegende Neuordnung anstrebte.14

In diesem Punkt unterschied sich der Kreisauer Kreis von den Widerstandsbewegungen, für die der Tyrannenmord im Zentrum der Arbeit stand.15

Vor dem Hintergrund, daß die Widerständler gegen die totalitäre Herrschaftsordnung des Dritten Reiches buchstäblich ihren Kopf riskierten (capitis deminutio) gleicht die Vielzahl der erhaltenen Quellen und Dokumente einem Wunder. Dabei sind es gerade diese persönlichen Dokumente, die dem Protest gegen den Nationalsozialismus auch nach fast einhundert Jahren die größte Überzeugungskraft verleihen. Ob das Tagebuch der Anne Frank, die Flugblätter der Weißen Rose, die Denkschriften des Kreises um Carl Goerdeler oder eben die Briefe Helmuth von Moltkes, die seine Frau Freya unter den Bienenstöcken des schlesischen Gutes Kreisau versteckte; alle diese authentischen Dokumente belegen den Mut, die Entschlossenheit und die Beharrlichkeit all derer, die keiner weiteren Belehrungen über den menschenverachtenden Geist des Führers und seiner Gefolgschaft bedurften.

Neben der weitverzweigten Familie und seiner Ehefrau Freya erwähnt Ullrich vor allem die Wiener Pädagogin Eugenie Schwarwald und den Rechtshistoriker und Soziologen Eugen Rosenstock als prägende Persönlichkeiten. Als Student in Breslau lernte Moltke Rosenstock in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre als Initiator der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft kennen, ein Versuch die starken sozialen, politischen, konfessionellen Spaltungen in und zwischen den Generationen durch gemeinsame körperliche Arbeit und geistigen Austausch abzubauen, versammelt an einem bestimmten Ort über mehr als nur ein Wochenende. Nicht wenige der Studenten und Dozenten der „Arbeitsfreizeiten“ fanden später zum Kreisauer Kreis, etwa Adolf Reichwein, Hans Peters, Viktor von Weizsäcker oder Eugen Gerstenmaier. Schon Margret Boveri hatte 1956 für die Lebensform des Kreises festgehalten:
Hervorgegangen ist sie aus den Arbeiter- und Studentenlager Löwenberg in Schlesien, das vorbildlich werden sollte für die regional aufgebauten freiwilligen Arbeitslager in ganz Deutschland. Eugen Rosenstock-Huessy als Lehrender und drei junge Freund, von Einsiedel, von Trotha und von Moltke waren die Initiatoren und dieses Zusammenwirken einer älteren und einer jüngeren Generation, im Gegensatz zur „Einaltrigkeit“ der Jugendbewegung und der späteren Hitlerjugend, gehörte zu den wichtigen Grundlagen des Versuchs.16

Und genau so verstand sich ja der „Kreisauer Kreis“, der sich selbst nie so etikettiert hatte: „Denn in ihm versammelten sich Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft, politischer Überzeugungen und konfessioneller Bindungen: Großgrundbesitzer und Gewerkschafter, Konservative und Sozialdemokraten, Protestanten und Katholiken.“17 Als wichtigstes Kriterium für die künftige staatliche Ordnung in Deutschland hatte gerade Helmuth James von Moltke zuvorderst Gerechtigkeit genannt.18 „Für die Kreisauer kam es darauf an, einen dritten Weg zu finden zwischen dem Laissez-faire eines ungezügelten Kapitalismus und dem Zwangssystem eines planwirtschaftlichen Kollektivismus.“19

Ullrich versteht seine Biographie ausdrücklich als Korrektiv zu der christlichen Perspektive Günter Brakelmanns20. Er würdigt den Austausch der drei jungen Studenten zu ihrem Lehrer Eugen Rosenstock-Huessy, ohne auf dessen „diesseitiges“ Christentum des alltäglichen Handelns einzugehen, daß sich an seinen Früchten erkennen lassen müsse. Denn gerade dieser hatte sich unermüdlich mit den Konflikten und Problemlagen der deutschen Gesellschaft seit 1918 beschäftigt und die verschiedene Perspektiven der Generationen ins Gespräch gebracht. So hatte er in der interkonfessionellen Zeitschrift „Die Kreatur“ in fünf Beiträgen ausführlich Stellung bezogen:

Die Nachkriegsgeneration ist nun in der fatalen Lage einer doppelten Auflehnung. Einmal gegen die Revolution, die versagt hat, jämmerlich war; zum anderen aber ebenso gegen die Wilhelminer, die auch versagt haben, gerade weil sie nicht Revolution gemacht hätten! Durch diese doppelte Auflehnung bleibt nun der eigene Wille ohne Aufblick zu den Ahnen (Vorkriegsstadium) wie zu den Sternen (Zusammenbruch). Die dreifache Rolle, die wir alle immer und ewig zu spielen haben, als Erdenkloß, Adam, „Vorkriegsmensch”, als Seele, Revolutionär, Kind Gottes, als Evolutionär, Gerechter, Arbeiter, Gesetzesmann, ist von dieser Jugend nicht nur vorerst abgelehnt, das tut jede Jugend - sondern sie hat sich auch den Zugang zu den beiden anderen Rollen gewaltsam verbaut. Durch die Dezimierung der Jahrgänge 1869 bis 1899 und die überstarke Besetzung der Jahrgänge von 1900 bis 1914 gewinnt nun diese Lossagung der Jugend aus dem Mehraltrigen ins „Einaltrige” - noch übertrieben starke Wirkung.21

Auf diese erstaunliche Blaupause für die grundlegende Ausrichtung des Kreisauer Kreises geht Ullrich nur kurz ein. An anderer Stelle führte Rosenstock-Huessy aus, daß dann vor allem die Jahrgänge ab 1900 die Basis für die Nazis bildeten.22

Moltke war keineswegs typisch für „den Widerstand“. Wie wenige aus der alten Elite war er schon vor der Machtergreifung vom Verhängnis des Nationalsozialismus überzeugt. Deshalb spannte er von Beginn an unerschrocken und beharrlich sein Beziehungsgeflecht vertrauter Mitstreiter: „All das verlangte viel Mut, große innere Unabhängigkeit, ein sicheres Empfinden für Recht und Unrecht und einen verlässlichen moralischen Kompass.“23 Und er sprang immer wieder über seinen Schatten, mit einer trotz aller Gefahren entwaffnenden Offenheit. Das verbindet ihn mit Graf Stauffenberg und unterscheidet ihn von dem dritten Kopf des Widerstands, dem an der alten Ordnung hängenden Karl Goerdeler, der eine Denkschrift nach der anderen produzierte. Gegen diese Einaltrigkeit war Moltke in jeder Hinsicht mehraltrig und vielleicht gerade deshalb eignet er sich besonders als Vorbild kommender Generationen.
Mehraltrig sein heißt keinem Alter ganz angehören, also nicht führen! Die Kraft zur Mehraltrigkeit geht eben gegen die zur Führerordnung geschaffene Natur des Menschen. Mehraltrigkeit ist nichts Ursprüngliches und nichts Politisches, weil sie Verzicht voraussetzt auf den Mythos, dem man „ursprünglich” angehört, und auf die Politik, die man nach diesen Interessen „eigentlich“ treiben müßte, Sie ist der Mode, dem Zeitgeist, dem Augenblick, dem Generationserlebnis, kurz allem, aus dem einaltrige Führung entsteht, entrückt.24

Deshalb ist die lebendig erzählte, mit vielen Zwischentönen gespickte Biographie von Volker Ullrich so wertvoll. Dabei lag das grundlegende Dilemma des Widerstands nicht im Skrupel der Tat selbst, sondern eher in der Befürchtung, keinen Rückhalt in der mehrheitlich von Hitler ergriffenen Bevölkerung zu erfahren.

Mit den politischen Kulturen haben auch die Köpfe des Widerstandes ihre Bedeutung gewechselt. Drehte sich das Interesse in der Nachkriegszeit vor allem um die politischen Neuordnungskonzeptionen Karl Goerdelers, des vorgesehenen Kanzlers einer Nach-Hitler-Regierung, so rückten in den 80er Jahren vor allem der Kreisauer Kreis und die europäischen Verständigung in den Vordergrund, während nach der Jahrtausendwende ein neues Interesse an Stefan George, dem Heiligen Deutschland und dann auch Graf Stauffenberg erwachte, mit einem Gipfelpunkt in dem von Tom Cruise gespielten Helden einer Hollywood-Produktion. In den vergangenen Jahrzehnten ist die historische Forschung immer mehr in die Details eingestiegen, um die wechselseitige Beeinflussung der verschiedenen Strömungen und Kreise zu beschreiben. Es dürfte eine reizvolle Überlegung sein, in einer Doppelbiographie von Moltkes und von Stauffenbergs die Persönlichkeitsprofile der beiden Köpfe des Widerstands herauszuarbeiten, des Militärs und des Zivilisten, des George-Schülers und des Rosenstock-Schülers, des Diplomaten und des Strategen, des Mannes der Tat und des Moralisten.25 Anders als Goedeler zielten beide auf einen wirklichen politischen Neuanfang:

Vergessen wird gern, dass es Stauffenberg selbst war, der Julius Leber als Innenminister des künftigen Deutschlands vorgeschlagen hatte und ihn unter seinen teils skeptischen Mitverschwörern durchsetzen wollte.26

Und für Moltke hatte Klaus Harpprecht schon zum 25. Gedenktag des Attentats festgehalten:
„Bei ihm kann noch immer in die Lehre gehen, wer zu geistiger Unabhängigkeit entschlossen ist. Hier ist es die Radikalität der Gedankenführung, die drei Jahrzehnten standgehalten hat. Man wünschte sich, ihre Modernität würde begriffen. Moltkes Schriften nachzulesen wäre nützlicher, als die Biergesänge einer verblichenen „Internationale“ ins Land zu röhren.”27
Schon Margret Boveri hatte in Moltke und Stauffenberg die „entgegengesetzten Pole“ einer „Skala der Differenzen“ gesehen.28

Was die Spaltung zwischen sozialen, politischen Interessensgruppen, Generationen sowie von verschiedenen Lebensanschauungen und Verhaltensformen betrifft, so hat „unsere“ Gesellschaft gegenüber Weimar inzwischen stark aufgeholt. Leider stehen die aktuellen politischen Verantwortungsträger der Problematik vollkommen verständnislos gegenüber. Mehr Demokratietheorieförderung wird keine Demokratie retten und in Beton gegossene Millionen in Halle an der Saale oder wo auch sonst sind nicht geeignet der wechselseitigen Sprach- und Gehörlosigkeit entgegen zu wirken. Es bestätigt sich die Einschätzung des Pioniers der Widerstandsforschung, Hans Rothfels:

Auch von solchem Angriff her bestätigt sich, daß es bei dem Thema des Widerstandes um keinen abgetanen, sondern einen sehr aktuellen Gegenstand und zugleich um Maßstabsfragen sittlichen wie politischen Handelns geht, die aus den Bedingungen unserer Epoche mit ihren weltanschaulichen Fronten über nationale Grenzen hin eine neue Aktualität gewonnen haben.29

Sven Bergmann

aus dem Mitteilungen 2026-08

  1. 2026 versuchte der Großneffe Dietrich von Bonhoeffers vor Beginn der zentralen Gedenkstunde den Kranz der AfD zum 82. Jahrestag des 20. Juli zu entfernen. ↩

  2. Hier der Wortlaut zitiert nach den Schlüsseldokumenten der Bayerischen Staatsbibliothek: www.1000dokumente.de. Das Zitat im Buch ist ungenau: vgl.: Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026, S.282. ↩

  3. Peter Steinbach, Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der 20. Juli 1944, in: Der 20. Juli 1944. Reden zu einem Tag der deutschen Geschichte, hrsg.v. Informationszentrum Berlin, Berlin: Wissenschaftlicher Autoren-Verlag 1984, S.62. ↩

  4. Daß das traditionsreiche Infanterieregiment (Graf) 9 unter Ernst Busch in Berlin-Lichterfelde die Leibstandarte Adolf Hitler unter Sepp Dietrich (seit 1930 Reichstagsabgeordneter der NSDAP) ausgebildet hat, scheint die Forschung nie besonders interessiert zu haben. Die Fahne der Leibstandarte zierte ein Dietrich; die kamen überall rein, vielleicht auch 27.2.1933 in den Reichstag, vom Kronprinzenpalais aus? Der „bayerische Wrangel“ jedenfalls wurde am 17.3. vom Führer zum „persönlichen Begleiter“ ernannt. Für welche Leistung? ↩

  5. Ruth Hoffmann, Das deutsche Alibi. Mythos „Stauffenberg-Attentat“ – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird, Goldmann 2024, S.385. ↩

  6. Ebda., S.395. ↩

  7. Ebda., S.288. ↩

  8. Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis <1904>, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg.v. Johannes Winckelmann, 6.Aufl., Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 1985, S.214. ↩

  9. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026. Zum Hinweis auf die Einaltrigkeit, vgl.: Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. ↩

  10. Darauf hat Franz Herre in seiner Biographie verwiesen: Moltke. Der Mann und sein Jahrhundert, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1984. ↩

  11. Stammtafeln der Familien von Schnitzler, Deichmann und von Moltke bei: Frauke Geyken, Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911-2010, 2., durchges. Aufl., München: Beck 2011, S.238-241. ↩

  12. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026, S.7. ↩

  13. Ebda., S.213. ↩

  14. Ebda., S.209. ↩

  15. Ebda., S.192. ↩

  16. Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. ↩

  17. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.169. ↩

  18. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.193. ↩

  19. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.203. ↩

  20. Dagegen formuliert der Sohn, Helmuth Caspar Graf von Moltke: „Ich habe natürlich immer gesehen, wie wichtig der Glaube für meine Eltern war. Ganz zentral in den schwierigen Monaten.“, in: Tim Pröse, Wir Kinder des 20. Juli. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte, München: Wilhelm Heyne Verlag 2024, S.240. ↩

  21. Eugen Rosenstock, Die rückwärts gelebte Zeit. Unsere Erfahrungen von 1918 bis 1928, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.113. ↩

  22. Die fünf Beiträge zu „Die Kreatur“ sind: Eugen Rosenstock, Lehrer oder Führer? Zur Polychronie des Menschen, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.1 (1926/1927), S.52-68; ders., Die Polychronie des Volks, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.4 (1926/1927), S.409-425; ders., Kirche und Arbeit. Eine Rede, in: Die Kreatur, 2. Jg. H.2 (1927/1928), S.158-180; ders., Die Gefangenschaft des Volkes. Eine Rede, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.61-85; ders., Die rückwärts gelebte Zeit. Unsere Erfahrungen von 1918 bis 1928, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.101-117. ↩

  23. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.7f. ↩

  24. Eugen Rosenstock, Die Polychronie des Volks, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.4 (1926/1927), S.413. ↩

  25. Anzuknüpfen wäre dabei an D. Melnikow, Der „Kreisauer Kreis“ und die Gruppe Stauffenberg, in: 20. Juli 1944. Die deutsche Opposition gegen Hitler im Urteil der ausländischen Geschichtsschreibung. Eine Anthologie, hrsg.v. Hans-Adolf Jacobsen, Bonn: Presse und Informationsamt der Bundesregierung 1969, S.197-214. ↩

  26. Tim Pröse, Wir Kinder des 20. Juli. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte, München: Wilhelm Heyne Verlag 2024, S.217. ↩

  27. Rainer Volk, „Ein ziemlich starkes Stück“. Klaus Harpprechts ungedruckter Essay zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944, in: VfZ 72, H.3 (2024), S.635. ↩

  28. Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.149. ↩

  29. Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, rev. Neuaufl., Frankfurt a.M.; Hamburg: Fischer Bücherei 1960. S.26. ↩