Mitteilungen 2026-08
Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft e.V.
„Die Sinne des Menschen widersprechen einander. Auge, Ohr, Nase, Tastsinn versetzen uns in vier einander entgegengesetzte Systeme. Wer hört, durch den strömen die Schallwellen hindurch. Er ist inmitten der Wellen die ihn mitbewegen. Musik wird deshalb fortreißend oder hinreißend genannt. Denn wir möchten mitsingen, möchten den Takt schlagen, aufspringen, tanzen, marschieren. Wir wiegen uns im Wogen der Klänge hin und her. Wir finden uns durchs Ohr innerhalb der Welt vor. Der Schauende aber ist wie gebannt von dem Anblick, der sich ihm bietet. Er bleibt stehen. Betrachten kann nur der, der wie angenagelt verharrt. Standpunkt und Weltanschauung verdankt der moderne Mensch der Kraft des Auges. Sie legt beide still, das Objekt und seinen Betrachter. Denn es stellt sie einander so gegenüber, als bewegten sie sich nicht in harmonischem Reigen, sondern seien beide mit der überirdischen Kraft ausgestattet, aus dem Tanz der Horen auszuscheiden und in einem sogenannten „Sein“ zu beharren. Dies zeitlose Sein rechtfertigt jedes Verbrechen, jede luziferische Lehre. So ist es das Wappen der Sinne-losen Geister. Die Nase ist unserem Geschlechtsleben zugeordnet. Denn das Anziehende und das Abstoßende, Blühen oder Verwesung, wird von ihr wahrgenommen. Der Geruch verrät die Richtung auf mehr Leben oder mehr Tod. Den Politiker macht die Nase, denn er muß wittern, ob da etwas mulmig ist, oder ob etwas verheißungsvoll ist. Dem Spürsinn verdanken wir, die siegreiche Sache der Zukunft wittern zu können und ebenso den Untergang des Abendlandes. Dieses Riechenkönnen, ob nun ein schönes Weib oder eine glänzende Entdeckung uns anziehen und nach sich ziehen, ist vom Auge und Ohr himmelweit getrennt. Es verkörpert ein ganz anderes Zeitsystem oder Zeitmaß. … Was tut nun der Tastsinn? Er verkörpert wieder ein anderes System als Auge, Ohr und Nase. Er gleitet ja an Gegenständen dahin, die wie die feste Straße, wie ein Treppengeländer oder ein Korridor unseren Lauf lenken. Das Wort „Korridor“, Laufbahn, ist beredt. Verfolgen wir es in die Welt des Tastsinns hinein, dann erfahren wir, wie diesem Sinn eine besondere Kunstwelt eignet.” Eugen Rosenstock-Huessy, Der Widersinn der Sinne, 1963, SpdMG, p.86-109
Vorstand/board/bestuur: Dr. Jürgen Müller (Vorsitzender);
Sven Bergmann; Dr. Otto Kroesen; Jan Kroesen;
Antwortadresse: Jürgen Müller, Vermeerstraat 17, 5691 ED Son, Niederlande,
Tel: 0(031) 499 32 40 59
Mitteilungen Dezember 2025
Inhalt
- Einleitung - Jürgen Müller
- Nietzsche neu betrachtet - Jan Kroesen
- Gegen eine Heimat von Verirrten - Sven Bergmann
- Helmuth James von Moltke, neue Literatur - Sven Bergmann
- Die vier Evangelien, Kreuz und Schnittpunkt - Otto Kroesen
- Rosenstock-Huessy: Zeitgeist, Mythos, Krieg - Sven Bergmann
- Jahrestagung: Wir als Kreatur: Sinne, Seele, Sprache - Otto Kroesen
- Mitgliederversammlung 11.10.2026 - Jürgen Müller
- Tagungsort und Anmeldung - Sven Bergmann
- Adressenänderungen - Sven Bergmann
- Hinweis zum Postversand - Sven Bergmann
1. Einleitung
Liebe Mitglieder und Freunde,
nachdem wir uns im vorigen Jahr unter dem Thema: „Die Gesellschaft als Tochter - Seelische Wandlung oder technische Zerstörung?” mit dem Endtext: „Antiope oder die Binität” des zweiten Bandes der Soziologie befasst haben, wollen wir uns in diesem Jahr Rosenstock-Huessys Bild vom Menschen als spannungsreiche Schöpfung anschauen. Diesen Reichtum zu gestalten angesichts fortschreitender technischer Automatisierung von Texten, Modellen und Systemen (KI) ist eine Aufgabe der wir uns stellen wollen.
Die Jahrestagung findet vom 9.10 - 11.10.2026 in Essen im Haus am Turm statt. Dazu und zur Mitgliederversammlung (unten mehr) eine herzliche Einladung.
Jürgen Müller
2. Nietzsche neu betrachtet
Bei den Treffen von Respondeo in den Niederlanden wurde mehr als einmal über Nietzsche gesprochen. Leitfaden dieser Diskussionen war ein Text von Rosenstock-Huessy über Nietzsche mit dem Titel „Die Funktion Nietzsches in der Kirche“, übersetzt aus dem Englischen von Otto Kroesen. Dieser Beitrag greift das Thema wieder auf, wird jedoch von der Verwunderung darüber getragen, was Rosenstock oft betont, nämlich dass das Evangelium, das Christentum, von Zeitalter zu Zeitalter immer wieder neu übersetzt werden muss. Der Glaube wird in verschiedenen Epochen je nach den Situationen und Problemen, die sich in diesen Zeiten aufdrängen, interpretiert. Das Christentum muss immer wieder eine Antwort auf historisch-kulturelle Kontexte geben. Nietzsche war in dieser Geschichte jemand, der sich äußerst sorgfältig und wahrscheinlich sogar mit Liebe mit dem Christentum auseinandergesetzt und es schließlich abgelehnt hat. Rosenstock-Huessy hat es nicht weniger gründlich untersucht und es akzeptiert. Ein größerer Unterschied scheint nicht denkbar. Auch die Wege, auf denen beide das Christentum interpretierten – in Ablehnung und Akzeptanz –, sind und bleiben unterschiedlich, trotz der auch hier bestehenden Gemeinsamkeiten. Die Töne jedoch, die sie in ihrer Interpretation des Christentums anschlagen, stimmen oft überraschend überein. Eine pauschale Ablehnung Nietzsches als Gottesleugner ist zumindest oberflächlich und nimmt dem Christentum (bzw. den Kirchen) die Chance, die Übertragung des Christentums auf die heutige kulturhistorische Situation auf einem guten Weg zu finden. Wer zu lange auf dem geraden Weg bleibt, ist bereits vom Weg abgekommen, bevor er es merkt, schreibt Rosenstock-Huessy. Dazu gibt es viel zu sagen, aber auf jeden Fall dies: Das Christentum muss den Dissidenten, die es kritisieren und in einer neuen Sprache präsentieren, aufmerksam zuhören. Nietzsche war und ist ein Kritiker. Rosenstock greift in seiner Wiederbelebung des Christentums vieles auf, was Nietzsche in seinem Werk und Leben verarbeitet hat, gibt dem aber auch eine eigene Interpretation.
Den Glauben verlieren und bewahren.
Das ist die Frage, die sich durch diesen Beitrag zieht. Und vielleicht auch die Frage, wie man den Glauben bewahren kann. Die gesamte Philosophie Nietzsches untergräbt das christliche Denken und alle daraus hervorgegangenen Strömungen (man denke an Humanismus, Sozialismus, Liberalismus). Und alle Christentümlichkeiten1 die Nietzsche ins Visier nimmt, finden sich in erheblichem Maße auch bei Kierkegaard wieder (etwa ein halbes Jahrhundert vor Nietzsche). Der christliche Glaube sei von den Menschen zu sehr vereinfacht worden, so Kierkegaard. So wie Ingenieure und Techniker das Leben erleichtern, indem sie Maschinen entwickeln, die uns die Arbeit erleichtern oder gar abnehmen, so haben Theologen den Glauben vereinfacht. Hinter dem Schutzschild der göttlichen Gnade, so glauben wir, können wir Gott täuschen und so tun, als würden wir ein anständiges Leben führen. Das gesamte Christentum ist in dieser Hinsicht eine Maskerade, hinter der wir unsere Gaunereien verbergen. Sein Rezept: Den Preis des Christentums wieder in die Höhe treiben. Es muss wieder etwas kosten, wenn man sich als Christ bezeichnen will. Sowohl Kierkegaard als auch Nietzsche „spüren“ den Verfall des Christentums.
Rosenstock lässt in seinem Werk, genau wie Nietzsche, das Christentum stets mit einfließen. Es spielt sogar eine zentrale Rolle. Nicht immer im Vordergrund, aber sicherlich im Hintergrund. Ständig zeigt er die Wirkung, die es im Laufe der Geschichte als Ferment ausgeübt hat. Und nicht nur dort, sondern auch in der Beschreibung des Phänomens der Zeit. Beides hängt zusammen. Im Erspüren des Verfalls des Christentums (siehe oben) erhält die Bemerkung über die Gefahr, zu lange auf dem geraden Weg zu bleiben, ihre Wahrheit.2 Trotz aller Verfallsprozesse betont Rosenstock-Huessy immer wieder, dass wir in einer christlichen Zeitrechnung leben. Allerdings handelt es sich dabei um eine Zeitrechnung, die trotz aller auftretenden Auflösung (Nietzsche) das Zeichen einer Zukunftserwartung trägt, einer einst gegebenen Verheißung, die auf ihre Erfüllung wartet. Zwischen diesem Versprechen und seiner Erfüllung leben wir, ausgestreckt am Kreuz der Wirklichkeit, zwischen Zukunft und Vergangenheit, in einer inneren und einer äußeren Welt. Zwischen Leiden und Sehnsucht, Vergessenheit und Wahnsinn.
Wie bereits erwähnt, schätzt Rosenstock-Huessy Nietzsche sehr. Norman Fiering bestätigt dies in seinem Buch „Understanding Rosenstock-Huessy“. Dort befasst er sich mit der Frage, wodurch Veränderungen im Lauf der Geschichte zustande kommen. Sind es die unpersönlichen sozioökonomischen Kräfte, die den Lauf der Geschichte bestimmen, oder sind es bestimmte Männer oder Frauen in spezifischen Situationen, die dafür sorgen, dass die Dinge eine andere Wendung nehmen? Rosenstock-Huessy entscheidet sich für Letzteres, sogar – so könnte man sagen – wenn dies auf der Grundlage einer spirituellen Motivation geschieht. Vor dem Hintergrund des heutigen säkularen und wirtschaftlichen Klimas klingt das fast wie ein Anachronismus. Ein inspirierter Mensch bringt Opfer und geht Risiken ein, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. „Ob es nun Gottes Wille ist, der sich in historischen Umständen manifestiert, oder nicht (darüber können wir nur spekulieren) – wenn dem so ist, dann manifestiert sich dies ausschließlich in mutigem, bahnbrechendem individuellem menschlichem Handeln.“3 Man könnte hinzufügen: „Auch wenn das bedeutet, dass Opfer gebracht werden müssen und manchmal sogar das höchste Opfer, nämlich das eigene Leben.“ Diese Sätze von Norman Fiering lassen sich nicht nur auf Märtyrer anwenden, sondern auch auf Nietzsche. Man kann gute Argumente dafür anführen, dass auch er sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hat und dass er in dieser Hinsicht christlicher war, als er selbst zugeben wollte. „Jesus zeigte, wie ein Mensch das Recht erlangte, als Ebenbild Gottes bezeichnet zu werden […] Nietzsche zeigte, was geschah, wenn ein Mensch diese Meisterschaft nicht erlangte: Er zerfiel in Stücke“, so Rosenstock-Huessy.4 Ein Satz, der verdeutlicht, welchen Titanenkampf Nietzsche letztendlich führte.
Rosenstock-Huessy denkt und argumentiert (im Gegensatz zu dem, was Nietzsche will) aus einer christlichen Perspektive und macht keinen Hehl daraus, dass Gott für ihn eine Bedeutung für das praktische Leben hat. ……. „Für Rosenstock-Huessy ist der ‚menschliche Geist‘ schlichtweg der moderne Euphemismus für den altmodischen ‚Heiligen Geist‘ im religiösen Diskurs.“5 An mehreren Stellen, sowohl in der „Soziologie“ als auch in der „Sprache des Menschengeschlechts“, finden sich Bemerkungen, in denen das Christentum und sein Wert für die Geschichte und die Sprache zum Ausdruck kommen. Vielleicht interessiert sich Rosenstock-Huessy gerade deshalb so sehr für Nietzsche, weil dieser die Krise, die das Christentum bereits seit 2000 Jahren in sich trug, aufdeckte – und zwar gerade als Kind des Christentums. Und das konnte er vor allem deshalb tun, weil er ein Kind des Christentums war. Nietzsche, der sich ohne Umschweife als „Antichrist“ bezeichnete. Niemand wollte das sein – weder der Papst (Luther) noch der Kaiser, noch Putin und Trump –, aber Nietzsche schon.
Hat Nietzsche damit also zu einer solchen Wende in der Geschichte beigetragen? Diese Frage lässt sich sowohl mit „Ja“ als auch mit „Nein“ beantworten. Zunächst einmal schreibt Rosenstock selbst dazu, dass er immer das Gefühl gehabt habe, dass mit Nietzsche „etwas Endgültiges geschehen ist“. „Ein Stellvertreter (Avatar) des Heiligen fand hier sein Ende“. 6 Nietzsche war aus seiner Zeit herausgetreten. Nietzsche rechnet mit den 2500 Jahren vor ihm ab, und eine neue Epoche (Äon) beginnt. Darin liegt das „Ja“: Tatsächlich kam etwas, ein Zeitenwandel, zu seinem Ende. Das „Nein“ liegt darin, dass es nach seinem Tod noch eine Weile (vierzehn Jahre) dauerte, bis der Erste Weltkrieg ausbrach, und 40 Jahre, bis der Zweite Weltkrieg begann. Beide Kriege und ihre Folgen wurden von Nietzsche vorausgeahnt.7 Er „ahnte“, dass eine andere Zeit bevorstand. Eugen Rosenstock betrachtet diese Gewaltausbrüche als eine Revolution, in deren Mitte wir uns noch immer befinden. Es drängt sich die Frage auf: Wäre es anders gekommen, wenn das Christentum in jenen Jahren eine verkörperte existenzielle Kraft gewesen wäre? Und wie sieht es dann mit unserer Zeit aus?
Die Masken Nietzsches.
Zurück zur Beziehung zwischen Rosenstock-Huessy und Nietzsche: Man kann sagen, dass Rosenstock ein doppeltes Verhältnis zu Nietzsches Werk hatte. Einerseits war er, so Norman Fiering, vom Inhalt von Nietzsches Werk überhaupt nicht so beeindruckt. Andererseits hegte er tiefe Ehrfurcht vor der Art und Weise, wie Nietzsche sein Leben führte, denn für Rosenstock ist es gerade das existenzielle Engagement für das eigene Dasein, das den Ausschlag gibt. Gerade indem er die verschiedenen Phasen von Nietzsches Leben als „Zeiten“ bezeichnet, betont Rosenstock die Bruchlinien in dessen Leben. Und Bruchlinien tun oft weh.
Nietzsche erhielt schon in sehr jungen Jahren eine Anstellung an der Universität Basel, verließ diese jedoch wieder, während der „einzige universelle Ehrgeiz eines jeden Deutschen darin bestand, Professor werden zu wollen“.8 Rosenstock hat sich in diesen heftigen Wendungen wiedererkannt, angesichts der Bruchlinien in seinem eigenen Leben. Er hat vor allem untersucht, wie diese, aber auch andere Brüche im Leben Nietzsches zu dessen Werk geführt haben. Vielleicht sollte man eher sagen: zu der Sprache, die er in seinem Werk verwendet. Rosenstock spricht von den Masken Nietzsches und unterscheidet drei davon. Da war zunächst der „Professor Emeritus, der körperlich schwache und dekadente Nietzsche“. In den Biografien, die über Nietzsche geschrieben wurden, ist darüber viel zu lesen. Er litt unter starken Kopfschmerzen und Sehstörungen, die so schwerwiegend waren, dass er seine Professur in Basel aufgeben musste. Die zweite Maske (Phase, Periode) war das, was Rosenstock als den „brutalen Nazi-Nietzsche“ bezeichnet. Damit ist nichts übertrieben. Die Art und Weise, wie Nietzsche sich über die Sklavenmoral, den Antisemitismus und das Christentum geäußert hat, ist schlichtweg verwerflich und fragwürdig. In unserer antisemitisch sensiblen Zeit würde dies sofort Proteste hervorrufen. Über diese Passagen in Nietzsches Werk ist daher viel geschrieben worden. Umso bemerkenswerter ist die Beschreibung, die Rosenstock zu dem liefert, was er als Nietzsches zweite Maske bezeichnet:
„Indem er sich aus seiner eigenen Epoche des Fortschritts zurückzog, sah er das Ende dieser Ära der reinen Ausbeutung, des ‚letzten Menschen‘, voraus, und da er dies voraussah, musste er sich bis zu einem gewissen Grad mit der Generation gewalttätiger Zerstörer identifizieren, die diese dekadenten Jahrzehnte verwüsten würden. Er sah die Schrecken einer unbeschreiblichen Explosion voraus. Für ihn war diese unvermeidlich, gerade aufgrund der Tatsache, dass seine Zeitgenossen ihr gesamtes Hab und Gut in ihre eigene Zeit investiert hatten, aufgrund der Tatsache, dass das Tragische aus dem Leben verschwunden war. Niemand glaubte an ein Ende dieser Welt. Deshalb konnte diese Welt nicht überleben.“9
Mit anderen Worten: Weil Nietzsche über den Tellerrand hinausblickte und sich nicht nur auf die Zeit beschränkte, in der er lebte, konnte er solche Schrecken beschreiben und dabei für eine Zeit schreiben, die nach ihm unweigerlich kommen würde. Wenn wir diese Beschreibungen nur aus der Perspektive unserer eigenen Zeit, aus unserer eigenen Normativität herauslesen, übersehen wir Nietzsches Genie, das die damals noch bevorstehende Zeit vorausahnte. Er erkannte, dass der Schrecken auch von jemandem verwirklicht werden musste. Es klingt wie: „Wehe dem Menschen, der die Falle stellt.“10
Die dritte Maske, die Nietzsche trägt (oder sollte man sagen: die er ist), ist die des Zarathustra. Nietzsche übt in seinem Werk ständig Kritik an der europäischen Kultur und insbesondere an der deutschen Kultur, doch hier, in seinem Buch „Zarathustra“, ist er nicht nur Kritiker, sondern zugleich auch „Gesetzgeber“. In diesem Werk hat er auch etwas zu der Zeit zu sagen, die nach der Katastrophe kommt. Um sich dieser Zukunft anzunähern, kehrt Nietzsche in diesem Buch in eine Zeit vor Christus zurück und legt dem persischen Propheten Zarathustra seine Worte in den Mund. Er gibt damit vor, ein vorchristliches Vokabular anzuschlagen. Man kann sich fragen, ob das möglich ist. Ein jeder Kritiker muss hier doch Fragen stellen: Kann ein Mensch so sehr unzeitgemäß11 werden, dass er sich selbst außerhalb der Zeit verorten kann? Nein, natürlich nicht, aber es ist, als würde Nietzsche einen Versuch in diese Richtung wagen. Bemerkenswert ist, dass Gott im „Zarathustra“ eigentlich nirgendwo abwesend ist. Er wird jedoch nie wieder griechisch, könnte man sagen. Himmel, mythische Orte, Heilige – sie alle kommen im „Zarathustra“ vor, aber immer als etwas, das nicht mehr existiert. Das Buch beginnt sogar damit. Als Zarathustra den Berg hinuntergeht, begegnet er einem Greis. Dieser warnt Zarathustra. „Geht nicht zu den Menschen und bleibt im Wald. Besser noch, geht zu den Tieren.“ [..] „Und was tut der Heilige im Wald?“, fragte Zarathustra. „Ich komponiere Lieder und singe sie. Und wenn ich Lieder komponiere, dann lache ich, dann weine ich und dann knurre ich: So preise ich Gott.“ Zarathustra hörte ihm zu, grüßte den Heiligen nach einigem Gespräch und sagte: „Aber ich will mich schnell auf den Weg machen, damit ich Ihnen nichts wegnehme!“ Und so trennten sie sich, der Greis und der Mann, lachend wie zwei Kinder lachen.
Als Zarathustra jedoch wieder allein war, sprach er so zu seinem Herzen: „Wäre es denn doch möglich! Dieser alte Heilige hat in seinem Wald noch nicht gehört, dass Gott tot ist!“ Was Zarathustra dem Einsiedler nicht nehmen will (seinen Glauben), lässt er auf diese Weise seinem Leser doch noch wissen.
Durch die Verwendung des Begriffs „Masken“ für diese Phasen in Nietzsches Leben wird der Eindruck erweckt, dass sich hinter dieser Maske die persönliche Realität Nietzsches (oder eines jeden anderen) verbirgt. Damit wird Nietzsche jedoch auf einen Schauspieler reduziert, der streng zwischen seinem gesellschaftlichen Handeln und der Rolle, die er auf der Bühne spielt, unterscheidet. Es ist jedoch fraglich, ob man eine solche Trennung strikt annehmen kann. Die Maske, die man trägt, ist meist auch die Person, die man ist. Es gibt sozusagen keine bessere Maske als die des eigenen Selbst. Die Maske ist also auch Gestaltung, ein Spiel, in dem ein Mensch sich selbst spielt. Rosenstock-Huessy charakterisiert Nietzsche anhand der drei soeben skizzierten Masken. Eine davon hat eindeutig mit der gesellschaftlichen Funktion eines Professors zu tun: seine jungen Jahre. Die beiden anderen, die Rosenstock-Huessy erwähnt, sind dem Werk Nietzsches entnommen: der Nazi-Nietzsche und Zarathustra. Diese entsprechen grob gesagt der Einteilung von Rosenstock-Huessy in die drei Phasen der Jugend, des Erwachsenwerdens, in der man die Tücken der Arbeit und der gesellschaftlichen Verantwortung kennenlernt, und schließlich die des Senioren, der in der Lage ist und darin seine Berufung sieht, jungen Menschen beizubringen, wie man sich in den Bereichen Politik, Gesellschaft und Arbeit verhält. Die Maske hat jedoch sowohl einen Vordergrund als auch einen Hintergrund. Jede Maske verbirgt auch mehr, als sie zeigt. Nietzsche konnte es nicht ertragen, dass seine tiefsten Sorgen von oberflächlich lebenden Menschen zu Karikaturen verzerrt würden. Seine wahren Absichten konnten oft nicht zum Ausdruck gebracht werden, ohne Vorurteile und Unverständnis hervorzurufen. Zudem ermöglichten es ihm die verschiedenen Masken, seine Kritik mit außerordentlicher Schärfe und Intensität vorzubringen und seine Botschaft zu vermitteln. Dabei scheute er weder Übertreibungen noch Provokationen, die dazu beitrugen, seine Zeitgenossen, seine Leser, aber sicherlich auch das Christentum wachzurütteln. Zu diesem Ziel trägt auch sein aphoristischer Schreibstil bei. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist auch der Zarathustra in einem Stil verfasst, der nur von Menschen durchschaut werden kann, die sich wirklich damit auseinandersetzen wollen. 12
Die Sprache, in der der „Zarathustra“ verfasst ist, ist wunderschön. Schon allein deshalb ist es ein Vergnügen, Nietzsche zu lesen. Die Sprache, derer er sich bedient, ist oft verführerisch, scharfsinnig, poetisch, dann wieder furchtbar realistisch und manchmal auch grausam. Im gesamten „Zarathustra“ spielt er mit Klängen, Bildern, Gefühlen, Instinkten und Sehnsüchten, übt Kritik, vermittelt seinen Anhängern Erkenntnisse, warnt sie aber immer wieder davor, ihm zu glauben oder ihm zu folgen. Es geht darum, dass jeder seine eigenen Werte schafft und findet.13
Rosenstock dazu:
„Er (Nietzsche) schöpfte aus den Formen des menschlichen Sprechens. Dies wurde nie ausreichend untersucht (begründet), weil die Kirchenväter die Vielfalt menschlicher Sprachstile nie ernst genommen haben. […] Nietzsche offenbarte mir die Tatsache, dass er die Tasten berührt hatte, auf denen unsere Seele sprechen kann. Sein Wahnsinn kam zum Vorschein, als er auf jeder dieser Tastaturen meisterhaft gespielt hatte und keine Reaktion erhielt.“14
Damit erkennt Rosenstock an, dass Nietzsche bereits jene Register der Sprache nutzte, die er selbst später in seinem eigenen Werk (u.a. die Sprache der Seele) analysierte. Register wie Kritik, Prophezeiung, neue Gesetzgebung und Selbstoffenbarung. Zuerst kommt das Leben, dann die indikative Ausarbeitung und Analyse desselben. Nichts kann als bewiesen gelten, es sei denn, es wurde zuvor gelebt. Dieses verkörperte Sprechen ist genau das, worauf Rosenstock-Huessy abzielt und was er auch bei Nietzsche wiederfand. In dieser neuen Sprache war Nietzsche „unzeitgemäß“, so wie auch Eugen Rosenstock selbst erfahren hat, nicht in die Zeit zu passen, in der er lebte, unzeitgemäß zu sein. Ein solches verkörpertes Sprechen spürt Rosenstock-Huessy in seinem Werk immer wieder auf.
Der Tod Gottes – Der Narr.
Nietzsche war entsetzt über das, was er „den Tod Gottes“ nannte. Mit dieser Feststellung markiert er den Endpunkt einer 2500-jährigen kulturellen Entwicklung, die sich größtenteils unter dem schützenden Dach des Christentums vollzogen hat. Während dieses gesamten Zeitraums hat nach Nietzsches Einschätzung die Spannkraft dieser Kultur im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen kontinuierlich nachgelassen. Nietzsche misst dem deshalb so große Bedeutung bei, weil das Christentum nicht „nur“ Religion, sondern vor allem auch Moral war. Das Christentum hat den Menschen beigebracht, wie sie leben sollen, welche Regeln sie als Leitfaden für ihr Leben nutzen sollen und wen sie um Rat fragen können. Die mittelalterliche Kirche hat disziplinierend in das Leben der europäischen Menschen eingegriffen. Nicht nur eine „Lebenskultur“, sondern auch die Rechtskultur hat sich unter dem Schutz der Kirche an zahlreichen Universitäten im christlichen Europa entwickelt. Dort wurde als erstes Theologie gelehrt, da sie den Klerus bei der Beratung der Gläubigen unterstützen sollte. Das Europa der Päpste und Kaiser.
Nietzsche sah voraus, dass mit dem Tod Gottes auch das gesamte System der Lebensregeln, der Trost, den die Kirche bieten konnte, die geltende Moral und das Recht zugrunde gehen würden. Wir sehen heute, zweihundert Jahre nach Nietzsche, wie sich dies um uns herum in den Vereinigten Staaten und in Europa abspielt. Demokratie und Recht stehen überall unter Druck und werden im aktuellen (geo-)politischen Klima beschädigt und untergraben. Als würden Nietzsches Vorhersagen gerade Wirklichkeit werden. Übrigens glaubte zu Nietzsches Zeiten noch niemand wirklich an solche Phänomene. Jetzt, achtzig Jahre nach den Weltkriegen, ist das Christentum von einer das Leben regelnden Institution mehr oder weniger zu einem Randphänomen der Gesellschaft geworden. Nietzsche hat sicherlich dazu beigetragen.15 Und man muss vielleicht auch hinzufügen, dass das Christentum darauf nicht vorbereitet war, weil es zu billig und zu bequem geworden war.
Als Nietzsche den Tod Gottes verkündete, ließ er dies durch einen Narren, einen Verrückten, zum Ausdruck bringen, der auf dem Marktplatz inmitten der Händler, die schon lange nicht mehr an Gott glaubten, eine Laterne anzündete und rief: „Gott ist tot“. Die Menschen (Händler, Kunden) auf dem Markt lachen und verspotten diesen Mann. Es berührt uns kaum noch (wenn wir uns in dieses Spiel hineinversetzen), dass jemand so etwas ruft: Gott ist tot. Auch die meisten Menschen auf dem Marktplatz, auf dem sich Nietzsches Narr aufhält, bleiben davon unbeeindruckt. „Der verrückte Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.“ Die Händler sind dennoch ein wenig beeindruckt davon. Wenn jemand spricht und es aus tiefstem Herzen kommt, dann gehen von seinen Worten Kraft und Einfluss aus. Sie wirken verstörend. Wie weit seine Worte reichen, zeigt sich in Sätzen wie: „Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“ Drastische Aussagen, die besagen, dass das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, zu Ende ist.16 Das bedeutet nichts mehr und nichts weniger, als dass Europa seine Orientierung, sein Ziel und seine Richtung verloren hat.
Paul van Tongeren schreibt in seinem Kommentar zu diesem berühmten Text, dass der Tod Gottes und die zurückbleibende Leere ein Ereignis sind, das sich nicht begreifen lässt. Nicht in seiner Tiefe, Höhe und in seinem Ausmaß.17 „Gott ist tot“ bedeutet: Es gibt keinen Sinn mehr. Was bleibt, ist Nihilismus. Keiner der Kaufleute und keiner von uns erlebt das so, wie Nietzsche es erlebt hat. Wenn der gute Gott nicht mehr existiert, sind wir letztendlich dem Bösen ausgeliefert. Es ist nur die Frage, ob wir das ertragen können. Solche Fragen werden nur selten gestellt. Nicht einmal nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und den Gulag-Lagern in Russland. Dieser verkündete Niedergang der Kultur vollzieht sich jedoch nicht von heute auf morgen. Er mag zwar Aufschwünge kennen, doch der bereits in Gang gesetzte Zerfallsprozess schreitet unaufhaltsam voran. Man findet den Schatten Gottes noch immer in der Welt um sich herum, aber auch dieser wird verschwinden. Die säkularisierte Gegenwart zeugt davon. Die leeren Kirchengebäude sind die „Grabsteine Gottes“.18 ……. Und niemand macht sich darüber große Sorgen, so Paul van Tongeren.19 Es ist zu viel, um es zu begreifen, und der gesamte Prozess verläuft so langsam, dass wir, beschäftigt mit den alltäglichen Sorgen, eigentlich nichts Beunruhigendes daran bemerken. Das zu Ende gehende Zeitalter verliert nur langsam seinen Einfluss.
Nietzsche (in den Worten des Narren) ist jedoch von einer existenziellen Angst erfasst, die die Umstehenden des Narren auf dem Marktplatz nicht teilen. Auf diese Weise gewinnt der Nihilismus unter uns die Oberhand. Die Assoziation mit den aktuellen politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen, in denen mächtige CEOs über globale Konzerne Machtspiele treiben, Lügen und/oder Halbwahrheiten verbreiten und lokal auf nationalistische Gefühle eingehen – womit Politiker notgedrungen rechnen müssen, um keinen Stimmenverlust an populistische Führer zu erleiden –, liegt auf der Hand. Diese wiederum unterhalten oft enge Verbindungen zu großen globalen Technologieunternehmen. Der gesamte Macht- und Produktionsapparat scheint vom Gift des Nihilismus durchdrungen zu sein, das den Tod Gottes in der Gesellschaft hinterlässt. Man kann sich fragen, wozu und wem das gut sein soll. 20
Der Wille zur Wahrheit, der Drang zum Nihilismus.21
Wo liegt nun die Triebkraft für all diese Überlegungen Nietzsches? Sie liegt genau im Wahrheitsbegriff des Christentums. Der christliche Anspruch auf Wahrheit und ein wahrhaftiges Leben, in dem man sich ehrlich zu sich selbst, zur Welt und zu Gott bekennen muss, bildet die Grundlage für seine Kritik am Christentum. Der Anspruch auf Wahrheit – oder, wie Nietzsche es formuliert, der Wille zur Wahrheit – verlangt, dass man ständig kritisch hinterfragt, ob das, was man als Wahrheit ansieht, auch wirklich die Wahrheit ist. Und dann kommt man früher oder später zu der Erkenntnis, dass die Wahrheit – sei es nun Gott oder der Teufel – ein von Menschen geschaffenes Konstrukt ist. Die Maskerade, die sie ins Leben gerufen haben, hat sich im Christentum fortgesetzt, das einen allmächtigen Gott im Himmel schuf, der über einen Plan verfügte, in dem letztendlich alles, einschließlich des Bösen und des Leidens, zu einem guten Ende kommen würde. Das tatsächliche Leben im Jenseits wird dadurch geleugnet.
Diese Verleugnung und Unterdrückung führt zur Versklavung, zur Unterwerfung unserer Impulse, unserer Instinkte und unserer Sehnsüchte. Wenn Nietzsche vom Nihilismus spricht, dann beginnt dies bei Platon und Sokrates. Das Christentum trägt ihn weiter in die Welt und durch die Zeiten, indem es ihn für allgemein gültig erklärt. Nietzsche zeigt, dass ein solch großer Plan (Gottes ewiger Ratschluss), eine solch große Allgemeingültigkeit nicht existiert. Damit stehen wir plötzlich unter freiem Himmel inmitten von Chaos und Vergänglichkeit. Der heilige Schirm, unter dem wir Schutz finden konnten, ist damit endgültig verschwunden. Um die Unwahrheit des Christentums aufzudecken, bedient sich Nietzsche gerade der christlichen Wahrheitsvorstellung. Eigentlich ist das noch zu schwach ausgedrückt. Er war dem Christentum so nahe gekommen, war seiner Wahrheit so sehr nahe gewesen, dass es zu seinem Antrieb wurde, das Christentum zu kritisieren. „Ich habe mich zu nahe am Christentum aufgehalten“, oder Worte ähnlicher Bedeutung, schreibt Nietzsche an einer Stelle. Als ob er als Christ, der alles hinterfragt, gar nicht anders könnte, als darauf hinzuweisen, dass das Christentum nicht die Wahrheit verkündet.
Es ist eine Entlarvung, die sich im Denken Nietzsches vollzieht, aber nicht nur dort. Er hat sie in seiner Einsamkeit auch am eigenen Leib erfahren. Für Menschen, die die Schrecken zweier Weltkriege, den Holocaust und die Millionen Opfer Stalins erlebt haben, an die man sich noch immer erinnert, ist sie zu einer praktischen Realität geworden. Das geht noch einen Schritt weiter. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese von Staaten legitimierten Massaker auf keine Weise mit dem Gott (dem Gottesbild) des Christentums in Einklang zu bringen sind. Was ist eine Gottheit wert, die sich nicht darum kümmert, dass wir Menschen nur Sterbliche sind? Letzteres ist ein griechischer Seufzer in Bezug auf die olympischen Götter. Der heutige säkulare Diskurs, in dem Gott tatsächlich tot ist – man könnte eigentlich auch sagen: der heutige nihilistische Diskurs –, die anhaltende Skepsis gegenüber dem Christentum lässt sich zu einem großen Teil darauf zurückführen. Es ist ironisch, dass dieser griechische Seufzer am Anfang der Säkularisierung steht, in der wir uns befinden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele ihren Glauben aufgrund eines griechischen Gottesbildes verloren haben. Nietzsche hat die Sprache geprägt, mit der man dem Christentum und dem gesamten 2000-jährigen Zeitalter, für das es steht, abschwören kann.
Den großen Plan, die große Allgemeinheit einer göttlichen Vorsehung, gibt es nicht. Die Ordnungen, in denen Europa jahrhundertelang gelebt hat, haben damit kein Ziel, keinen letztendlichen Sinn und keine tragende Grundlage.
Die Rolle des Gottes des Christentums als Garant für die Realität der Existenz und deren letztendliche Sinnhaftigkeit hat ausgedient. Aber es war eben ein Gottesglaube, an dem sich niemand stören kann, würde Kierkegaard anmerken.22 Die „Aufwertung“ des Christentums, von der zu Beginn die Rede war, besteht gerade darin, den Ärger über das Christentum ernst zu nehmen, wie Nietzsche es auf seine Weise getan hat. Den Glauben zu nutzen, um sich ewige Seligkeit zu verschaffen, ist ein Christentum, das nichts mehr zu sagen hat. Nietzsche, der „Nazi-Nietzsche“,23 so Rosenstock, scheut kein Mittel, um seine Verachtung für diesen Glauben zum Ausdruck zu bringen.
Nietzsche ist zu seiner Zeit davon überzeugt, dass er eine Geschichte beschreibt, die noch kommen muss. „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommen wird, was gar nicht anders kommen kann: den Aufstieg des Nihilismus. Diese Geschichte lässt sich bereits jetzt erzählen: Denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werk. Diese Zukunft spricht bereits aus hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt sich überall an; alle Ohren sind bereits auf die Musik der Zukunft gespitzt. Unsere gesamte europäische Kultur steuert schon seit langer Zeit mit einer quälenden Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunimmt, auf so etwas wie eine Katastrophe zu: unruhig, gewaltsam, in rasendem Tempo: wie ein Strom, der seinem Endpunkt entgegenstrebt, der nicht mehr nachdenkt, der Angst hat, nachzudenken.“24 Der Nihilismus (nicht mehr nachdenken wollen), den Paul van Tongeren immer wieder betont, über den sich niemand Gedanken macht, der aber dennoch eine Bedrohung darstellt. 25
Der Seiltänzer und seine Seele.
Nietzsche hat sich große Mühe gegeben, einen Ausweg aus dem Nihilismus zu finden. Seine Theorie vom Übermenschen ist als ein Versuch in dieser Richtung zu verstehen. Dort, wo die Wertvorstellungen seiner Zeit zerfallen und ihre Bedeutung verlieren, wird der Mensch selbst zu demjenigen, der neue Werte schaffen muss. Dazu muss ein neuer Menschentyp entstehen. Bereits zu Beginn des „Zarathustra“ schreibt Nietzsche darüber. Der Mensch, so sagt er, sei ein Übergang. Zarathustra, der zu Beginn des gleichnamigen Buches vom Berg zum Volk hinabgestiegen ist, spricht auf dem Markt zu den Menschen, während er auf einen Seiltänzer wartet, der seine Künste vorführen wird. Dieser Seiltänzer bildet hier ein Hintergrundmotiv, das durch die gesamte Erzählung hindurch eine Rolle spielt und dadurch zugleich in den Mittelpunkt rückt.
Zarathustra spricht: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist ein Wesen, das überwunden werden muss. Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden?“ Und eine Seite weiter: „Der Mensch ist ein Seil, gespannt zwischen Tier und Übermenschen, ein Seil über einem Abgrund.“ […] Ich liebe jene, die nicht zuerst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: Sondern die sich für die Erde opfern, damit die Erde einst dem Übermenschen gehören werde. Zarathustras Traum ist es, dass der Mensch vergeht und der Übermensch kommt. Der Mensch muss die Leidenschaft (Lust) für die Zukunft kennenlernen.26 Sogar das Opfer kehrt im Zusammenhang mit dem Herannahen der Zukunft in gewisser Weise zurück.27 Dieser Sinn für die Zukunft, aber auch das „die Erde kennenlernen“ und das Opfer sind alle drei im gesamten Zarathustra präsent. Immer wieder klingt darin an, dass die Menschen ihr Vertrauen nicht mehr in überirdische Regionen projizieren sollen. Diejenigen, die das sagen, sind Giftmischer, die mit ihren Gedanken noch in einer Zeit verweilen, die eigentlich längst vorbei ist. Nietzsche, Zarathustra will nach einer fernen Zukunft greifen. Das Schaffen neuer Werte ist etwas, das ihn mit großer Sehnsucht erfüllt. Dieses Schaffen erfordert jedoch große Verantwortung und großen Einsatz. Zarathustra möchte, dass die Menschen lernen selbst zu denken und zu gestalten. Und auch er selbst muss noch lernen, was er seinen Schülern (den freien Geistern) vor Augen führt. Erst wenn diese Lehren in neuen „Menschen“ verkörpert sind, in „Menschen“, die über den Menschen hinausgehen, in Menschen jenseits des Menschen, in Übermenschen, erst dann beginnt die Zeit nach dem Nihilismus. In den Beschreibungen des Übermenschen geht es Nietzsche also um den Menschen. Um eine Transformation des Menschen.28 Solche Nietzsche’schen Tendenzen erinnern doch stark an den Menschen des dritten Jahrtausends bei Rosenstock-Huessy. Im Übergang vom zweiten zum dritten Jahrtausend geht es nicht mehr um die Frage, wie die Welt funktioniert, sondern um die Frage, wofür man als Mensch steht.
Nietzsche ist daher nicht nur jemand, der mit dem Hammer philosophiert, sondern jemand, der konstruktiv sein kann. Viktor Kal zeigt dies in seinem neuesten Buch „Der Augenblick“ deutlich. Die Seele des Menschen Zarathustra kann einen Reichtum erfahren, für den sie keine Worte findet. Trotz der Entzauberung, die der Tod Gottes mit sich bringt, bleibt Nietzsche nicht beim Tod Gottes stehen, sondern versucht, die Seele erneut mit einer verlockenden Perspektive auf die Zukunft zu verzaubern. Diese Zukunft, verkörpert in der Figur des Zarathustra, wird von Rosenstock-Huessy als der Regierende der dritten Lebensphase gedeutet, als der Gesetzgeber, den Nietzsche auf die Bühne führt. Nietzsche ist daher vor allem ein religiöser Denker.29 Er (oder besser gesagt, seine Seele) kennt Sehnsucht, Lust und Reichtum, die zwar noch nicht in der Welt vorhanden sind, von denen seine Seele jedoch bereits überfließt. Um ein Beispiel zu nennen: Das gesamte Kapitel über „Die schenkende Tugend“ in „Also sprach Zarathustra“ ist eine Lobeshymne auf die Fülle dieser Seele, wenn sie sozusagen bereits in dieser Zukunft verweilt.30 Wenn Zarathustra zu seiner eigenen Seele spricht und ihr vorhält, dass er sie „von der kleinen Scham und der hinterhältigen Tugend“ befreit habe und darüber hinaus, dass er seine Seele von „dem quälenden, das man ‚Sünde‘ nennt“ gereinigt habe, dann entsteht Raum für die Wahrnehmung „eines offenen Himmels“. „O meine Seele, ich habe dir die Freiheit über geschaffene und ungeschaffene Dinge zurückgegeben: Und wer kennt wie du die Wollust der Zukunft?“31
Die Seele sehnt sich nach einem Reichtum, der ihr in der Zukunft zuteilwerden wird. So lautet zumindest die Erwartung. Diese Sehnsucht ist die ganze Fülle der Seele des Übermenschen, der kommen wird. In dieser Fülle kann sich eine Flut von Tränen über das Leid, dessen Zeuge sie war (oder ist), ausweinen. Und wenn die Seele das nicht will, nun, dann muss man eben singen. So singen, dass das tosende Meer still wird, um dem Verlangen der Seele zu lauschen. Es ist ein Zauber, der sich in einer Welt vollzieht, die Nietzsche - in seinem Werk - entzaubert hat. In einer entzauberten Welt hat die Seele noch Möglichkeiten. Wenn der Nihilismus überwunden wird, können sich Möglichkeiten eröffnen, die ungeahnt sind.
Wille zur Macht
In dieser Wendung muss die Wirkungsweise des Willens zur Macht erwähnt werden, von dem Nietzsche spricht. Oft wird angenommen, dass nur noch der Wille zur Macht übrigbleibt, um sich in einer Welt zu behaupten, in der es keine letzte Grundlage mehr gibt. Wenn es keine Güte mehr gibt, wie soll ich mich dann behaupten? Der Krieg aller gegen alle liegt dann direkt vor der Tür. Obwohl der Wille zur Macht auch in dieser (oberflächlichen) Form existiert, ist es nicht gerechtfertigt, diesen Willen ausschließlich so zu verstehen.
Der Wille zur Macht, so Viktor Kal, ist ein Wille, dem die seltsame Eigenschaft innewohnt, dass er keine wirkliche Kontrolle über das hat, wonach er sich sehnt. Es ist ein Wille, der auf „den richtigen Moment“ warten muss. Er muss auf den richtigen „Augenblick“ warten. Der Wille zur Macht muss warten, bis sich ein Augenblick bietet, in dem man den Lauf der Ereignisse wenden kann die dazu beiträgt, dass die Freude und der Überfluss der Zukunft Einzug halten. Den Moment, in dem dies geschieht, hat der Wille zur Macht jedoch nicht unter Kontrolle. Das wird gegeben, es geschieht wie ein Blitz, der plötzlich da ist und auch schon wieder verschwunden ist. Zunächst einmal gibt es also das Warten, die Passivität. Erst danach kommt es zur Aktivität. Allerdings zu einer Aktivität, die aus einer ganz eigenen, individuellen Ursprünglichkeit entspringt, mit der sich ein Mensch von beherrschenden und knechtenden Strukturen befreien kann.
Das ist allerdings etwas ganz anderes als der Wille zur Macht, wie er von den Nazis vertreten und praktiziert wurde. Dort war der „Wille zur Macht“ das „Recht des Stärkeren“, das einen Freibrief zur Vernichtung Schwächerer und minderwertiger Rassen gab. Macht, die zupackt und sich ohne Fragen das aneignet, worauf es abzielt.
Ein Mensch, der von einem solchen Augenblick überrumpelt wird (wie es auch bei einer Verliebtheit geschehen kann), erlangt ein ungeahntes Gefühl von Freiheit. Aber damit beginnt auch etwas Ungeahntes: Ernsthaftigkeit. Ernst, betont Viktor Kal, ist zusammen mit einer höchstpersönlichen Verantwortung ein Kernbegriff bei Nietzsche. Der Reichtum der Seele, die lieber gibt als nimmt, erlangt diesen Reichtum nicht durch eigenes Handeln, sondern vor allem durch das Warten und durch Wachsamkeit, damit der Augenblick nicht an einem vorbeigeht. Noch einmal: Es geht nicht um etwas, über das man die Kontrolle hat, sondern um das Warten auf den richtigen Augenblick. Mit dieser Interpretation bringt Viktor Kal eine wichtige Nuance in unser Denken über den (Willen zur) Macht ein. Macht ist zwar in erster Linie eine „Erfahrung von Macht“. Das geht einher mit einem Gefühl der Macht,32 einer körperlichen Erfahrung des Könnens, sich zu etwas fähig zu fühlen. Man könnte sagen, dass unsere Zeit davon bereits genug zu bieten hat. Der Moment der Eingebung darf jedoch nicht unmittelbar zum Handeln führen. Es geht darum, Abstand zu wahren. Das ist auch eine Form des Respekts vor sich selbst. Man muss sich dem, was einen überfällt, mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit begegnen. Man könnte sagen, dass der bisher (von Weber und Nietzsche) entzauberte Mensch erneut von Möglichkeiten verzaubert wird, die sich als Eingebung, als Inspiration oder auch als Sehnsucht darbieten, dabei aber gleichzeitig Abstand wahrt, um zu prüfen, ob das, was sich darbietet, auch tatsächlich verwirklicht werden kann bzw. muss.
Diese Besonnenheit, diese ernsthafte Besonnenheit, die Viktor Kal bei Nietzsche in der Neuerfindung der Religion entdeckt, ist das Kennzeichen dessen, was Nietzsche als „Wille zur Macht“ bezeichnet. In diesem Sinne gilt: „Gott hat seine beste Zeit noch vor sich“.33 Das klingt hoffnungsvoll für Menschen, denen Religiosität wichtig ist, aber es ist eine Religion ohne den gängigen christlichen Gott,34 ohne christlichen Himmel und/oder christliche Moral. Es ist eine Religion, in der man sich nicht mehr hinter einem Kollektiv, hinter einem Dogma oder hinter politischer Korrektheit oder bürgerlichem Anstand verstecken kann – Dinge, die sowohl Kierkegaard als auch Nietzsche verabscheuten. Darin kommt der Einfluss Nietzsches deutlich zum Tragen. Nietzsche vertritt die Auffassung, dass Menschen zu einer individuell souveränen Sichtweise und Haltung gelangen müssen, sowohl in Bezug auf die Welt als auch auf die Moral. Eine solche Lebenseinstellung bzw. Religion ist dringend notwendig, um Demagogen die Stirn zu bieten, so Viktor Kal in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche. Es handelt sich somit um eine zutiefst persönliche religiöse Haltung, die keine endgültige, letzte Antwort auf tiefe Lebensfragen gibt, sondern eine Antwort, die weiß, was sie nicht beherrscht. Sie zeichnet sich durch eine grundsätzliche Offenheit aus. Religion ist genau das: keine Kontrolle zu haben, sondern sich nach etwas zu sehnen, das man nicht kontrolliert herbeiführen kann, das man nicht in seinen Terminkalender eintragen kann, dem man sich aber dennoch zu vertrauen wagt. Eine Ahnung oder Sehnsucht nach ungeahnten Reichtümern. Als solche eine Offenheit, die sich nicht von einer Vergangenheit einengen lässt, die sie legitimieren könnte. Sich dem anzuvertrauen, was sich einem offenbart. Erfordert das nicht glauben? Und, so könnte man weiter fragen, wo hat Nietzsche das anders gelernt als in dem Glauben, den die Kirche jahrhundertelang bewahrt hat? Auch wenn Glaube bei Nietzsche niemals eine Rückkehr zum Glauben an den Himmel oben und einen transzendenten Gott, der darin thront, sowie an einen göttlichen Plan mit den dazugehörigen Vorschriften bedeuten darf, so vollzieht er hier doch eine Bewegung, die Glauben voraussetzt.
Was bei Nietzsche als „Zufall“ bezeichnet wird und als „Erkenntnis, die wie ein Blitz“ auftaucht, auf die der Mensch mit Respekt und Ernsthaftigkeit reagieren kann, weckt Assoziationen mit dem Imperativ und/oder dem Optativ bei Rosenstock-Huessy, wodurch ein Mensch aus den bestehenden Bahnen herausgeschleudert wird. Auch er ruft zu einem authentisch verkörperten Dasein auf, in dem sich die Menschen neue Fähigkeiten aneignen müssen, mit denen sie der Zukunft begegnen und sie für sich gewinnen können. Künstler wissen, wie das funktioniert. Kunstwerke entstehen nicht durch Gesetzmäßigkeiten, und doch folgt der Künstler der Notwendigkeit des Gestaltens. Doch in dieser Notwendigkeit wirkt zugleich eine Kreativität, die sich eher in ihnen vollzieht, als dass sie Protokollen und Gesetzmäßigkeiten folgen. Natürlich geht es um Wissen und Können, aber Meisterschaft bedeutet, dass diese zur Künstlerschaft erhoben werden. Notwendigkeit und „freier Wille“ vereinen sich dann im Künstler. 35 Daraus lässt sich ablesen, dass dem Entstehen (bzw. der Möglichkeit des Entstehens) eines Kunstwerks eine Geschichte vorausgeht, die vom Künstler verkörpert wird. Eine Geschichte, in der Kraft gesammelt und von früheren Generationen geerbt wird. „In einem bestimmten Menschen können diese Kräfte zu einer Art Ernte reifen. Hier handelt es sich um ein Geschehen, das sich an der betreffenden Person vollzieht.“36 Auch in diesem Zitat schwingt der passive Moment mit.
Ein solches Engagement ist wichtig, da dieses Jahrhundert dazu zu werden droht, einem Jahrhundert des Faschismus. Faschisten nutzen den Nihilismus aus, indem sie auf eine glorreiche Vergangenheit verweisen, die wiederhergestellt werden muss (was faktisch bereits Nihilismus ist), und/oder indem sie Versprechen abgeben, die den Volkswillen repräsentieren. Wo man Begriffe wie „der Wille des Volkes“ hört, muss man befürchten, dass damit nicht „das gesamte Volk“ gemeint ist, sondern jene, die sich von den Bildern und Versprechungen der Demagogen ansprechen und verführen lassen. Auch sie tun dies mit Ernsthaftigkeit und unter Berufung auf Verantwortung. Doch in einigen Punkten unterscheiden sie sich von Nietzsche/Zarathustra. Letzterer will keine Anhänger, die aus den Einsichten, mit denen er seine Anhänger in Berührung bringt, ein politisches oder moralisches Programm machen. Und in diesem Sinne will er schon gar nicht, dass seine Anhänger ihre eigene Individualität und ihren eigenen Willen (zur Macht), ihre eigene Souveränität aufgeben und damit ihre Einzigartigkeit verleugnen, um sich dem Willen des großen Führers anzupassen. Sie müssen selbst etwas aus dem machen, was ihnen in Ernsthaftigkeit und Verantwortung gereicht wurde. Als souveräne Individuen.
Es wirkt wie ein etwas dürftiges Anliegen. Das souveräne Individuum, das sich zwar leidenschaftlich nach dem sehnt, was als Wahrheit zu ihm gelangt. Wahrheit ist dann vor allem das, was gut für den Menschen ist und sich gegen den Einsatz politischer Macht wendet, gegen ein Kapital, das Politik kauft und korrumpiert, gegen die Datenindustrie – kurz gesagt, gegen alles, was Nihilismus in sich trägt. So wahr dies auch sein mag, gilt doch stets – ganz gleich, wie sehr man sich eine erträumte Zukunft auch erhoffen mag –, dass immer eine Distanz bestehen bleibt. Der Einzelne muss unabhängig bleiben und darf sich nicht einfach in eine blinde Entwicklung hineinreißen lassen, aus der es kein Entkommen mehr gibt.
Aber wenn dieser Glaube an das Menschliche, wenn die Metaphysik in die menschliche Seele eingedrungen ist und diese von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit erfüllt ist, ist dann dieses souveräne Individuum, das sich nicht mehr von der Vergangenheit beeinflussen lässt und sich nicht hinter ihr versteckt, in der Lage, dafür einzustehen und einen Schritt weiter zu gehen? Denn es scheint die Frage zu sein, wenn Viktor Kal mit seiner Bemerkung Recht hat, dass unser Jahrhundert das Jahrhundert des Faschismus werden wird. Denn vom Menschlichen hat der Faschismus keine Ahnung. Diese Aufgabe müsste einem transformierten Subjekt überlassen werden. Dem Übermenschen also, wie Nietzsche sagt, der zu tragen weiß, dass er selbst auch eine Interpretation ist, jemand, der das Metaphysische verloren hat. Nach dem Nietzsche von Viktor Kal müsste dies der souveräne Mensch sein, der sich leidenschaftlich nach Gerechtigkeit sehnt und es wagt, sich jenem Augenblick hinzugeben, in dem sich – in Freiheit – die Möglichkeit bietet, einen Wandel herbeizuführen. Das erfordert, um es noch einmal zu sagen, Achtsamkeit, Wachsamkeit, geistige Wachsamkeit.
So gut das auch klingen mag, es ist höchst fraglich, ob das ausreicht, um einem faschistisch geprägten Jahrhundert ein Gegengewicht zu bieten. Rosenstock-Huessy würde darauf mit einem entschiedenen „Nein“ antworten.
Zeitphilosophie.
Wir haben bereits festgestellt, dass Rosenstock die Art und Weise, wie Nietzsche die Gliederung der Zeit berücksichtigt, sehr schätzt. In seinem Leben hat Nietzsche verkörpert, dass ein Mensch – unter Androhung einer Abtreibung seiner Persönlichkeit, also einer Abtreibung seiner ganz eigenen Möglichkeiten – nicht in nur einer Zeit weiterleben kann. Menschwerdung erfordert Mehrzeitigkeit. Ein Menschenleben weist Bruchlinien in der Zeit auf, wie wir sie in „Das Kreuz der Wirklichkeit“ bei Eugen Rosenstock-Huessy vorfinden. Dabei ist vor allem an die Dreiteilung der Zeit in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit zu denken, die von einer Innenwelt und einer Außenwelt durchzogen wird. Vor allem aber diese gegliederte Auffassung von Zeit, in der die Zukunft nicht nur Vorrang vor der Vergangenheit genießt, sondern auch ausschlaggebend ist für den Sinn, den wir in der Vergangenheit, in uns selbst und in der Welt entdecken können. Jede Generation muss daher ihre eigene Geschichte immer wieder neu schreiben und interpretieren.
Auch Viktor Kal beschreibt diesen Sinn für die Geschichte. Geschichte, Erinnerung (Platon) reicht über die bloße Prägung durch Tradition und Gemeinschaft hinaus.37 Die Erzählung vom Willen zur Macht hat alles mit seiner Zeitphilosophie zu tun, die große Ähnlichkeiten mit der von Rosenstock-Huessy aufweist. Die Kategorie des „Augenblicks“, auf den man warten muss, auf den man „achtsam“ sein muss, hat alles mit dieser Ordnung der Zeit zu tun. Die „richtige Zeit“ des „Augenblicks“, ja mehr noch, der Augenblick selbst, ist Teil der Abfolge von Zukunft – Vergangenheit – Gegenwart. Ausdrücklich wird hinzugefügt: in dieser Reihenfolge.38 Nietzsche will damit eine Lösung für eine Vergangenheit anbieten, die ein Konglomerat aus Bruchstücken und Zufällen ist. Man hat nie darum gebeten, darin zu landen.39 Die Ordnung, in die ein Mensch mit seiner Geburt geraten ist (Vergangenheit), wird nicht von selbst zu einer sinnvollen Ordnung. Nietzsche ruft den Menschen dazu auf, „aus dieser sogenannten Ordnung auszubrechen und außergewöhnlich zu sein“. In diesen Worten scheint eine gewisse Heroik zu liegen. Dabei geht es nicht darum, sich mit der Vergangenheit und einer dadurch determinierten Gegenwart zu versöhnen, sondern um eine Befreiung vom Zufall und damit auch um eine Befreiung von der Vergangenheit. Ist dies erreicht, ist der Mensch frei. Diese Befreiung tritt erst ein, „wenn es dem schöpferischen Willen gelingt, ‚die Zukunft und das Fernste‘ als ‚Ursache des Heute‘ auftreten zu lassen“.40 Hier geht es nicht darum, ein gezieltes Projekt zu entwickeln, sondern um Schöpfung. Ein Prozess, der Raum schafft, damit etwas geschehen kann. Das ist genau jenes Geschehen, in dem das Warten und eine anhaltende Achtsamkeit auf das Entstehen eines Augenblicks bestehen, in dem sich eine neue Motivation zeigt. Das durchbricht eine blinde Fortsetzung der Vergangenheit, bietet ihr ein Gegengewicht und öffnet für die Zukunft.
Zum Abschluss.
Unabhängig davon, über welche Themen sie auch schrieben, spielt das Christentum bei beiden im Hintergrund wie im Vordergrund eine große Rolle. Sie waren noch eine Weile Zeitgenossen. Eugen Rosenstock wurde im Jahr 1888 geboren, und Nietzsche starb im Jahr 1900. Sowohl Nietzsche als auch Rosenstock-Huessy wurden tief geprägt von dem Elend und der tiefen Verzweiflung, die sich in diesen Kriegen breitmachten und von denen wir uns in Europa bis heute nicht erholt haben. Nietzsche ahnte es kommen, konnte es aber nicht abwenden. Rosenstock versuchte, dies zu verarbeiten und darüber hinaus eine Übersetzung zu liefern, die sich auf die gesellschaftlichen und menschlichen Beziehungen konzentriert. Vielleicht ist jeder, der sich mit Nietzsche beschäftigt, damit beschäftigt, diese Schrecken des vergangenen Jahrhunderts zu verarbeiten, auch wenn dies nicht unmittelbar im Vordergrund steht. Europa verlor sein Christentum, und dies scheint in der Nachkriegszeit zunehmend zu einer Säkularisierung des geistigen Klimas geführt zu haben.41 Ohne Gott müssen wir es nun selbst schaffen und offenbar auf unseren eigenen Willen zur Macht vertrauen. Paul van Tongeren zeigt, dass dies nicht ohne die Aufarbeitung des Nihilismus möglich ist, der im Tod Gottes gipfelte. Wie finden wir einen neuen Weg, uns zu orientieren? Nihilismus, ein Übel, das niemandem zu schaden scheint?!?
Dass es auch einen konstruktiven Nietzsche gibt, wie Viktor Kal ihn beschreibt, gibt Anlass zur Hoffnung. Er zeigt, dass der „Wille zur Macht“, eines von Nietzsches geliebten Kindern, keineswegs bedeutet, dass wir dem Nihilismus der Machtkonzentration, der Geopolitik und der bürgerlichen Anständigkeit ausgeliefert sind. Noch hoffnungsvoller ist es, dass er aufzeigt, dass Nietzsches Zeitverständnis „gliedert“ ist. Dass sich unser Leben nicht nur biologisch und/oder evolutionär entwickelt, sondern durch einschneidende Lebenserfahrungen hindurch, sowohl die schönen als auch die weniger schönen. Gerade an diesen Bruchlinien, auf die wir achten müssen, ist Erneuerung (ein großes Verlangen) möglich. Darin stimmt Nietzsche teilweise mit Eugen Rosenstock überein. Trotz des Schmerzes und der Möglichkeiten, die diese mit sich bringen, will Nietzsche weiterleben und tanzen. Und das tut er mit großer Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Eugen Rosenstock hat schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg solche Bruchlinien viel methodischer beschrieben, nicht nur in individuellen Lebensläufen, sondern gerade auch in kollektiven Zusammenhängen. Während Nietzsche doch in hohem Maße auf das souveräne Individuum setzt und die Frage, wie es mit der Gesellschaft weitergehen soll, mehr oder weniger beiseite lässt, zeigt Rosenstock, dass gerade dieses Individuum von dem geprägt ist, was kollektiv bereits gelebt und gestorben, erkämpft und errungen wurde. Das individuelle Leben ist bereits durch die Geschichte geprägt, doch diese historisch-kulturelle Prägung wird zudem von der Herausforderung der Zukunft durchkreuzt. In dieser Sichtweise zeigt er, dass Nietzsches Glaube an den souveränen Menschen (Übermensch) zwar durchaus zum Erwerb neuer Qualitäten beiträgt, aber, wenn es dabei bleibt, auch zu kurz greift.
Was dieser Beitrag in all dem darlegen wollte, ist, dass Eugen Rosenstock-Huessys Interesse an Nietzsche keineswegs zufällig war und auch über die bloße Art und Weise hinausging, wie Nietzsche sein Leben gelebt hat.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass:
- Das Leben der Verarbeitung und dem Ausdruck desselben vorausgeht.
- Rosenstock in Nietzsche den Willen zu einem authentischen, bewussten und verkörperten Dasein erkannt hat.
- Rosenstock hat in Nietzsche auch seine eigene Unzeitgemäßheit wiedererkannt. Auch Rosenstock fand und findet mit der Aufarbeitung seiner Kriegserfahrungen in seinem Versuch, einen neuen Weg in eine andere Zukunft zu bahnen, keinen Anklang. Nicht bei seinen Zeitgenossen, aber auch (noch) nicht in unserer Zeit.
- Die Zeit kein einziger fortlaufender Strom ist, sondern Gliederung und Bruchlinien aufweist, wodurch das menschliche Leben in andere Bahnen gerät.
- Leben auch bedeutet, unter diesem Leben zu leiden. Für Nietzsche bedeutet dies die Herausforderung, dies mit Ernst und Verantwortung zu überwinden. Ein Streben, das vor allem eine individuelle Ausprägung kennt. Rosenstock-Huessy kann dem bis zu einem gewissen Grad zustimmen, betont jedoch viel stärker das Individuum als Schnittstelle zwischen Kollektivität und persönlicher Erfahrung einerseits und als Schnittstelle zur Zukunft andererseits, die die persönliche Erfahrung zu neuen Antworten herausfordert.
- Darüber hinaus – und das ist von viel grundlegenderer Natur – für Eugen Rosenstock das „Du“ die erste Person ist, und nicht das „Ich“, wie kreativ dieses auch sein mag.
Mit Letzterem erhält die oft implizite Frage Nietzsches, ob man den Menschen für fähig halten darf, das Böse zu ertragen, eine ganz andere Antwort. Beide sagen „Nein“! Nietzsche entwickelt einen neuen Menschen auf dem Weg zum Übermenschen, Rosenstock-Huessy gibt der Menschheit den Raum und die Einsichten, sich das, was das Christentum schon seit Jahrhunderten gelehrt hat, erneut zu eigen zu machen, um in eine neue Zukunft gehen zu können. Es ist nur die Frage, ob sich die Menschheit diesen Freiraum auch selbst gewähren möchte.
Jan Kroesen
3. Gegen eine Heimat von Verirrten
Eugen Rosenstock-Huessy und der deutsche Widerstand
Die reichen Millionäre des ach so glänzenden Wirtschaftswunders konfrontierte Eugen Rosenstock-Huessy mit dem Vorwurf, daß sie „geradezu alles aufbieten, um den Märtyrern unter Hitler, von Stauffenberg bis Schlabrendorff, die Ehren noch nachträglich abzuschneiden“.42 Auch sein Vertrauen in die erneuernde Kraft der Kirchen hielt sich in Grenzen:
Blutzeugen, auch Laien standen in der alten Kirche über den Bischöfen. Auch Hitlers Blutzeugen Hans Häften, Delp, Moltke, Hofacker ragen über die Theologen aller Konfessionen empor. Es zeugt von dem völligen Tode der etablierten Landeskirchen, daß es weder eine Hans-von-Häften-, noch eine Helmuth-von-Moltke-Kirche oder Schule im evangelischen Lande gibt. Dietrich Bonhoeffer haben die Pfaffen sein politisches Martyrium vergeben, weil er Pfarrer und Theologe vorher gewesen war, und sie sich hinter diese, seine fachliche Vorgeschichte verkriechen können. Die sogenannten Kirchen stehen unter der Devise: „Bonn zahlt alles“. Christus aber lebt nur da, wo Unbezahlbares geschieht, geschehen ist und geschehen wird.43
Mit wachem Blick verfolgte er nicht erst seit seinem Göttinger Gastsemester 1950 die Gründung der neuen Bundesrepublik und kannte viele derer nur zu gut, die erneut um Amt und Würden rangen. Als seine Freunde Georg Müller, Ernst Michel und Kurt Ballerstedt ihn zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen suchten, knüpfte er dies an die Bedingung, die deutsche Regierung möge Helmuth James von Moltke und Dietrich Bonhoeffer als Leitsterne der deutschen Verfassung anerkennen.44 Abgesehen von einigen Vortragsreisen oder Gastsemestern ist es nicht zu einer Rückwanderung gekommen. Seine Frau Margrit, mit der er seit 1914 verheiratet war und die am 4. September 1959 starb, war strikt gegen eine Rückkehr. Und so verfolgte Eugen Rosenstock-Huessy den Lauf der Dinge aus seiner Heimat Four Wells in Vermont, im Kreis seiner elf Enkel und, nach einem Jahr der Trauer, zusammen mit seiner neuen Lebensgefährtin Freya von Moltke, der Witwe Helmuth James von Moltkes.45 Bei einem seiner Deutschlandbesuche hatte er den Verfassungsrichter Gerhard Leibholz und dessen Frau Sabine Bonhoeffer-Leibholz, die Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer kennengelernt, mit der er über viele Jahre korrespondierte.46 Eugen Rosenstock-Huessy hatte in der Weimarer Republik früh die Gefahren gesehen, die seit 1918 aus dem „Ludendorff“ und der „Hindenburg“ drohten und 1933 konsequent Deutschland verlassen.47 Was im „Tausendjährigen Reich“ verbrochen wurde, konnte ihn wenig überraschen: „Prasselnd verzehrte die Feuersbrunst Reichstag, Reich und Europa.“48 Zu den Breslauer Studenten des Juristen zählten später führende Widerständler des „Kreisauer Kreises“, etwa Helmuth James Graf von Moltke, Carl-Dietrich von Trotha, Peter Graf Yorck von Wartenburg oder Horst von Einsiedel.49 Walter Hammer honorierte Eugen Rosenstock anlässlich seines 70. Geburtstages zum „Erzvater des Kreisauer Kreises“.50 Die spannungsreiche Parallele, aber doch klare Alternative zum „Kronjuristen des Dritten Reichs“, Carl Schmitt drängt sich auf.51
Eugen Rosenstock-Huessy kannte die Schicksale der Widerständler und ihrer Familien aus unmittelbarer persönlicher Anschauung und auch sonst die Herausforderung der neuen alten Bürokratie in Deutschland. Wie kaum ein anderer wies er auf die Bedeutung der Anerkennung des Widerstands für die Existenz Deutschlands und der deutschen Sprache hin. Die Widerständler waren Blutzeugen, Märtyrer, die vor der Welt Zeugnis für ein anderes Deutschland abgelegt hatten.
Wenn ein Tag wie ein Leuchtturm herausgehoben wird, rücken alle anderen in den Lichtkegel dieses Tages. So ist es mit dem 20. Juli 1944. Alles, was vorher geschah in stiller Opposition, in zähem Widerstand, im Behaupten der Menschlichkeit, wäre im Dunkel geblieben, wenn nicht dieser Tag unter einem gewaltigen Knall aufgebrochen und zu einer Fackel geworden wäre, die ihren Schein auf alles wirft, was vorher und nachher geschah. Darum ist es so wichtig, daß wir heute dieses 20. Juli 1944 gedenken. Die 5000 besten Deutschen, die wegen dieses Tages fielen und heute an allen Ecken und Enden in Deutschland so bitter fehlen, sie wären unersetzlich, wenn ihrer nicht gedacht würde.52
„Raufkumpan“ von Margret Boveri
Im Sommer 1956 ist Eugen Rosenstock-Huessy auf Einladung der Bundesregierung in Deutschland, besucht Freunde in Tübingen, Heidelberg, Bonn oder Frankfurt und nimmt an Tagungen verschiedener Akademien teil.53 In Berlin kommt es zur Wiederbegegnung mit Freya von Moltke. In Berlin Wannsee tritt er vor der Evangelischen Akademie auf und lernt dort Margret Boveri kennen.54 Im gleichen Jahr erscheinen deren erste zwei Bände „Der Verrat im 20. Jahrhundert“ als Rowohlt Taschenbuch, die die Autorin mit einer Widmung in die Vereinigten Staaten schickt.55 Umgehend beginnen Margrit und Eugen mit der Lektüre, mit „Herzenswut“ wie Eugen später an Boveri schreibt.56 Schließlich hatte Boveri auch die Aktivitäten Rosenstock-Huessy im Rahmen „Der Kreisauer“ beschrieben:
Hervorgegangen ist sie aus den Arbeiter- und Studentenlager Löwenberg in Schlesien, das vorbildlich werden sollte für die regional aufgebauten freiwilligen Arbeitslager in ganz Deutschland. Eugen Rosenstock-Huessy als Lehrender und drei junge Freunde, von Einsiedel, von Trotha und von Moltke waren die Initiatoren und dieses Zusammenwirken einer älteren und einer jüngeren Generation, im Gegensatz zur „Einaltrigkeit“ der Jugendbewegung und der späteren Hitlerjugend, gehörte zu den wichtigen Grundlagen des Versuchs.57
Am 21. September geht eine ausführliche Kritik auf die Reise, an die sich ein Gedankenaustausch bis Ende des Jahres anschließt. Daß hier grundlegende Gedanken entwickelt sind, ergibt sich aus der kurz darauf erfolgenden Veröffentlichung in der Zeitschrift „Die Gegenwart“ sowie 1958 durch Aufnahme in den Sammelband „Das Geheimnis der Universität“. 58 In diesem Brief entwickelt Eugen Rosenstock-Huessy seine Maßstäbe zur Trennung von Spreu und Weizen und zur Einordnung des 20. Juli in die Weltgeschichte. Nicht als ein kleines Rädchen im mechanischen Getriebe der ewig rollenden Zeit, sondern als elementares Ereignis, an dem sich alle künftige Geschichte neu ausrichte.
Ohne Kreisau wäre der Morgenthauplan durchgeführt worden, ohne Kreisau hätte ich nie wieder Deutschland betreten können. Ohne die positive Haltung zu Helmuth Moltke oder Bonhoeffer von deutscher Seite wären weder die Moltkes noch Leibholzens jetzt in Deutschland. Daher waren diese Verräter in actu 1944 bereits Träger der künftigen deutschen auswärtigen Beziehungen.59
Von hier aus erhebt er Einspruch gegen Boveris Vermengung verschiedenster Formen des Verrats wie er in einem kurzen Vorspann bemerkt. Damit entgingen ihr die entscheidenden Maßstäbe, Recht von Unrecht zu scheiden:
In diesen Bänden wird als Verräter abgehandelt, wen ein Gericht als Verräter bezeichnet hat. So marschieren in bunter Reihe die auf, welche zu Gunsten Hitlers im Ausland Verrat begingen, wie die Rose von Tokio, Quisling, Knut Hamsun, hingegen in Deutschland gerade solche, die sich gegen Hitler gewendet haben.60
Aber die wirklichen Verräter, die Herren Hitler, Göring und Goebbels kämen in ihrem Konzept nicht unter. Auch sei Boveri entgangen, „daß gegen H. J. v. Moltke die Anklage des Hochverrats durch Hitlers Schergen selber fallen gelassen worden ist!“61 In einem anderem Zusammenhang bemerkt er, es sei eine irrige Annahme, daß die Zeit geradlinig sei: „Die tiefe Zeit ist nie einlinig oder einschichtig; sie ist immer gespalten und katastrophenträchtig.“62 Inzwischen komme er sich altmodisch vor, erstaunt in welchen Riesenschritten die Trennung von Glaube und Politik schon vorangeschritten sei.
Denn weil Hitlers innerdeutsche Legitimität auf seinem totalen Verrat aller außerdeutschen Beziehungen beruhte, und jede innerdeutsche angebliche „Regierungshandlung“ des Räuberhauptmanns und Wilddiebs auf dem Verrat einer außerdeutschen Grund-Religio basierte, so mußte das Martyrium seiner innerdeutschen Gegner die Solidarität mit der außerdeutschen Menschheit vollziehen. Die wird vollzogen, wenn wir ein Wort, das wir sprechen, auch gegen uns gelten lassen. Daher ist das Martyrium der Prüfstein, daß auf Erden der Logos noch uns Lehmpuppen begeistert.63
Für Magret Boveri geht die Verknüpfung von Religion und Politik, die Durchdringung unterschiedlicher Zeiten und Generationen zu weit. Auch findet sie die Ausführungen von Rosenstock-Huessy zu rigoros. Jedenfalls merkt sie an, seinen Ausführungen nicht ganz folgen zu können. Als ihr Kernanliegen bezeichnet sie, die „eisernen Vorhänge” zu zerreißen, mit denen „die Propagandamaschine” Schule, Hitlerjugend und Arbeitsdienst indoktriniert habe, bzw. denen Ideale eingeimpft worden waren, die „durch und durch verlogen” waren.64 Am Ende ihres Vorworts zur 3. Auflage des „Verrats“ geht Boveri ausdrücklich auf die Kritik Rosenstock-Huessys ein. Sie sehe sich nicht in der Lage, ihre Untersuchungen in den Bauplan einer Heilsgeschichte einzuordnen. Ihr Leistung sieht sie in der „Erforschung des Wißbaren“ und auf diesem Gebiet des Faktischen gebe es noch genug „Gefilde und Gestrüppe“ durchzuackern.65 Dabei verstand Rosenstock-Huessy seine Kritik keineswegs als theoretisch oder komplex. Die Wirksamkeit der Namen zeige sich ganz konkret und sei entscheidend für eine gemeinsame Zukunft:
Seit Jesus bedürfen sogar die Sprachen ihrer Wiederherstellung aus Mehr als Sprechen, aus Bezeugung, weil nämlich das Erschließen der Sprachen gegeneinander die neue Aufgabe unseres Weltalters ist. Die Namen jedes Volkes werden ja auch zu Namen seiner Nachbarn und Feinde. Namen sind die internationale Sprache. Wie Hitler, so muß Moltke und Bonhoeffer ein Wort aller Völker werden.66
An dieser Perspektive wird kaum zu zweifeln sein, daß Namen wie Stalin, Mao, Ghandi, Einstein, Kennedy, Luther King, Monroe, Thunberg, Mandela, Pele, Muhammed Ali, Hitchcock, Caesar oder Churchill im Guten oder Bösen rund um den Globus verstanden werden, egal in welcher Nationalsprache.
Die Ausführungen Margret Boveris bleiben trotz inzwischen erzielter Fortschritte der Forschung unverzichtbar. Denn so wie Eugen Rosenstock verfügte sie über direkte und indirekte persönliche Verbindungen in die führenden Kreise Deutschlands oder auch der Auslandspresse (Dorothy Thompson67) und damit über intimes, schriftlich nicht dokumentiertes Wissen. Außerdem verfügten beide über die Anschaulichkeit des Zeitgenossen, die jedem Nachgeborenen abgehen muß. „Ein merkwürdiges Zwielicht, in dem die Verschwörung gedieh. Keiner kann von den Nachgeborenen erwarten, daß sie sich in dieser Welt der verschränkten Fronten, der sich überkreuzenden Linien zu orientieren vermögen.“ 68 Natürlich liegen hier die Verzerrung durch Betroffenheit auf der einen Seite der Waagschale, auf der anderen Seite aber auch eine adäquatere Gewichtung der verschiedenen Ereignisse und Konstellationen. Rosenstock verfügte seit seiner Schulzeit am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin über beste Verbindungen zu tonangebenden Familien und hatte an der TU Darmstadt mit Viktor Bausch, Arnold Borsig, Eberhard von Brauchitsch „Prinzen der Industrie“ unterrichtet. Als Breslauer Universitätslehrer zählten von Moltke, von Einsiedel, von Trotha und von Wartenburg nicht nur zu seinen Studenten, sondern auch zu Mitkämpfern für die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft. Früchte dieses breiten Netzwerks waren einige seiner Nachkriegsvorträge vor Vertretern der Wirtschaft, der neuen Bundeswehr oder der Bonner Politik. Das diffizile und fragile Geflecht der verschiedenen Widerstandsgruppen und der dabei aufeinander treffenden Charaktere erschließt sich bei Margret Boveri weitaus anschaulicher als in den häufig statischen und „objektiven“ Übersichtsdarstellungen jüngster Art.
Kampf gegen die falsche Zeit
Eugen Rosenstock war den Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus eine Generation voraus. Schon 1920 hatte er ein „Lügenkaisertum“, einen Ver-Führer vorausgesehen, so wie Max Weber eine „Polarnacht“ von „eisiger Finsternis und Härte“ und Ernst Troeltsch die „Rache“ der Gegenrevolution erwartete. 1931 unterstrich er: „Der Nationalsozialismus hat seinen Geburtsschein von 1919.“69 Mit dieser Vorahnung widmete er einen große Teil der ihm zur Verfügung stehenden Energie, das Schlimmste zu verhindern und Brücken zu bauen, zwischen Arbeitern, Bauern und Studenten, zwischen evangelischer, katholischer und jüdischer Religion, zwischen Jung und Alt, zwischen Zivil und Militär, zwischen Liberalen, Konservativen und Sozialisten, Beamten und Gefängnisinsassen. 1933 gab er sich keinerlei Illusionen hin, legte seine Juraprofessur nieder und wanderte noch im selben Jahr aus. Es ist kein Zufall, daß dieser Ansatz eines gesellschaftlichen Ausgleichs viele der Gedanken des Kreisauer Kreises vorwegnimmt. Von seinen Breslauer Studenten und der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft war schon die Rede.
Eine weitere Initiative an der Eugen Rosenstock maßgeblich beteiligt war, war die überkonfessionelle Zeitschrift „Die Kreatur“ die in drei Jahrgängen von 1925 bis 1929 erschien und zu der er fünf Beiträge beisteuerte: „Lehrer oder Führer? Zur Polychronie des Menschen“, „Die Polychronie des Volks“, „Kirche und Arbeit. Eine Rede“, „Die Gefangenschaft des Volkes. Eine Rede“ sowie „Die rückwärts gelebte Zeit“. Mit den drei Herausgebern Viktor von Weizsächer, Martin Buber und Joseph Wittich war er eng befreundet. Er und Franz Rosenzweig hatten die Zeitschrift maßgeblich mit auf den Weg gebracht. Und die Beiträge fielen genau in die Zeit der Kontaktaufnahme zu den späteren Widerstandskämpfern. 1926 lernt er in Breslau von Trotha und von Einsiedel kennen und 1927 dann Helmuth James von Moltke. 1933 kommt es zu einem letzten Treffen mit Moltke und seiner Frau Freya in Berlin. Erst 1956 wird er Freya wiedersehen.
Schon im Titel bringt Eugen Rosenstock-Huessy die Führersehnsucht der jüngeren Generationen auf den Punkt.70 Und er unterscheidet genau die Jahrgänge, die in den Ersten Weltkrieg gepreßt worden sind und die Jahrgänge des neuen Jahrtausends, die den Krieg nur vom Hörensagen erfuhren. „Die Jahrgänge 1869 - 1899 der deutschen Mannschaft - ob daheim ob draußen, ob fechtend oder denkend - waren in einem Siegeswillen zu einem Leib zusammengeglüht und zusammengeschmolzen. Kein Sparta, kein Rom und kein Venedig hat eine ähnliche Hingabe erlebt. Die äußerste Kraft politischen, geführten Gemeinschaftslebens ist hier leibhaftig geworden.“71 Daraus ergab sich die Dezimierung der Kriegsjahrgänge und die „überstarke Besetzung“ der Jahrgänge 1900 bis 1914, die sich dann besonders extrem „einaltrig“ nach Führung sehnten.72
Die Nachkriegsjugend aber ist durch und durch politisiert. Sie kennt keine menschliche Beziehung ohne solche politische Phraseologie: Gruppe, Gemeinschaft, die Anrede mit Vor - und Zunamen, Fahrt, Bund sind an die Stelle der geheimen, scheuen, privaten und persönlichen Beziehungen getreten. Das Leben der Geschlechter, der Generationen ist entspannt und wird als naturhaftes Kräftespiel gewertet. Denn zahllose seelische Geheimnisse, Bedrängnisse, Süchte und Komplexe werden heut offen aussprechbar und ausgesprochen durch reine und unreine Geister. Unser Seelenleben gewinnt so eine Art gegenseitiger Durchschaubarkeit, einer früher undenkbaren Halböffentlichkeit. Innerhalb dieses unerhört vereinheitlichenden Kommunismus wird Beruf, Studium, Liebe, Freundschaft, alles politisiert, d.h. als ein typisches, zweckhaftes Gefüge von Kampf- und Spielregeln angesehen.73
Diese „Einaltrigkeit“ großer Teile der deutschen Gesellschaft führt Eugen Rosenstock dann auch in den anderen vier Artikeln näher aus:
Mehraltrig sein heißt keinem Alter ganz angehören, also nicht führen! Die Kraft zur Mehraltrigkeit geht eben gegen die zur Führerordnung geschaffene Natur des Menschen. Mehraltrigkeit ist nichts Ursprüngliches und nichts Politisches, weil sie Verzicht voraussetzt auf den Mythos, dem man „ursprünglich” angehört, und auf die Politik, die man nach diesen Interessen „eigentlich“ treiben müßte. Sie ist der Mode, dem Zeitgeist, dem Augenblick, dem Generationserlebnis, kurz allem, aus dem einaltrige Führung entsteht, entrückt.74
Vor dem Hintergrund der internationalen Arbeitsteilung ist es für ihn eine Illusion, an die traditionellen Gewißheiten von Berufsordnungen oder Persönlichkeitsbildung anknüpfen zu wollen. Die Arbeitswelt rollt 365 Tage und 24 Stunden über den einzelnen Menschen hinweg und reißt Arbeiter, Beamte oder Priester mit sich. Deshalb sei es unabdingbar, ein neues Maß zu finden und eine neue „seelische Heimat für das Arbeitstier Mensch“ zu schaffen.75
Man faßt die Menschen nicht mehr, kann sie auch nicht durch Vereine usw. mehr fassen, sie laufen weg, weil sie krank sind, ungläubig sind, an sich selbst ungläubig sind. Sie sind schon vorher ungläubig, nicht bloß in kirchlichen Dingen, ungläubig auch in den Instinkten des eigenen Lebens, beim Heiraten, Kinderkriegen, bei der Berufswahl. Mehr und mehr nimmt der Mensch diese Beziehungen ohne persönlichen Gewissenseinsatz, als bloß sachliche Vorfälle, an. Nun handelt es sich darum, diese merkwürdigen Beziehungen zwischen Arbeitswelt und geistiger Welt wiederherzustellen, damit die Kirche wieder ein Echo findet. Daher kommt es auch, daß der Begriff Arbeitsgemeinschaft so wichtig wird. Ganz unkirchlich, untheologisch muß der Arbeitsmensch seine Arbeit als Spiel vor seinem Schöpfer tun lernen. Es ist eine Entlastung des Theologischen notwendig, indem all die natürlichen Glaubenskräfte erst einmal gepflegt werden müssen. Dann kommt alles von selbst.76
Eugen Rosenstock-Huessy stand klar vor Augen, daß sich die tiefliegenden gesellschaftlichen Konflikte seiner Zeit nicht „ausdiskutieren” lassen. Die einzige Therapie sah er in der gemeinsamen Arbeit verschiedener Gruppen im Schweiße ihres Angesichts. Und sicher war die Initiative der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, trotz unvermeidlicher Widrigkeiten, ein Erfolg, aber eben auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Den Wiederabdruck des ersten Aufsatzes „Lehrer oder Führer“ 1964 versah er mit der Bemerkung:
Mein Ringen um die Stimmen, die dem Dasein einer Nation Ausdruck geben, und die in ihr laut werden müssen, soll sie Nation heißen dürfen, hat mit meiner Auswanderung nach USA geendet. Die gläubigen Leser dieses „Kreatur“-beitrags waren nicht zahlreich; die Besten aus ihnen fanden sich in der weitreichendsten Gruppe des Widerstandes gegen den einsprachigen, den monologisierenden Führer. Er hat die Nation vernichtet, so gut er konnte. Er hat geglaubt, den Kreisauer Kreis vernichten zu können. Die sichtbare Nation ist zerteilt wie die Leiche des Säuglings durch die falsche Mutter im Salomonischen Urteil. Den Kreisauer Kreis kann auch ein teppichbeißender Monologist nicht fressen.77
Inzwischen hat die Geschichte des Widerstandes selbst ihre Geschichte. Aus heutiger Sicht kann es nur erschrecken, zu lesen wie die Märtyrer gegen Hitler in der Nachkriegszeit behandelt wurden. Sie standen am Rande der Gesellschaft, sahen sich den absurdesten Vorwürfen des Verrats ausgesetzt und waren gegen die übergroße Mehrheit der Ewiggestrigen allein auf weiter Flur. Familien kämpften gegen die Windmühlen der Bürokratie. Sie waren Außenseiter im Dritten Reich und sie blieben es in der frühen Bundesrepublik. Erst allmählich wandelte sich das Bild und es wurde deutlich, wo die Vorbilder für eine bessere Zukunft zu finden waren. Trotzdem bleiben manche Einordnungen und Ratschläge aus der Gegenwart allzu wohlfeil:
Etwas mehr von der Großmut und Großzügigkeit der Menschen des 20. Juli würde in der heutigen politischen Kleinkariertheit guttun. Denn was hätten diese Leute, die heute in einer Demokratie über jene Menschen urteilen, die einen Menschenvernichter in einer monströsen Diktatur beseitigen wollten, wohl getan in dieser einen Nacht?78
Das Widerstandsparadox
Wie hätte Eugen Rosenstock-Huessy nach 75 Jahren den Umgang der Deutschen mit dem Widerstand gegen Hitler und seine Gläubigen betrachtet. Sicher hätte er auf das Paradox verwiesen, daß der Breite des Widerstands in geradezu vollkommener Verdrehung der Wirklichkeit gedacht wurde. Diejenigen Kreise, die sich zuallerletzt gegen die Nazis stellten, wurden zuerst gewürdigt und die Gruppen, die Hitler von Beginn an bekämpften, wurden erst nach mehr als zwei Generationen in das Gedenken an den 20. Juli einbezogen, mit Widerspruch bis in die jüngste Gegenwart. Bahnbrechend erschien in Ausarbeitung eines Vortages von 1947 zunächst im englischen Exil das Buch von Hans Rothfels, das 1949 in deutscher Übersetzung in einem kleinen Verlag vorlag: Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung. Scherpe Verlag, Krefeld 1949 (zuerst auf Englisch als: The German opposition to Hitler – An Appraisal (= The Humanist Library). Verlag Regnery, Hinsdale, Illinois 1948). Hans Rothfels, einer von wenigen deutschen Historikern, der schon bald nach dem Krieg aus seiner Emigration zurückkehrte, war der Pionier der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik. Seine konservative Grundhaltung erleichterte den Wiedereinstieg in die noch weitgehend vom nationalen Machtstaatsgedanken geprägte Zunft. Auf der anderen Seite spricht für ihn, daß mit Hans Mommsen und Heinrich August Winkler zwei seiner bekanntesten Schüler zur Sozialdemokratie tendierten. Bezeichnend ist, daß er sich das von Georg Elser geplante und durchgeführte, aber gescheiterte Attentat im Bürgerbräukeller nur als mit Hilfe der Gestapo lanciert vorstellen konnte.79 Wenn man von Erinnerungen beteiligter Personen absieht, erschien die erste wissenschaftliche „Biographie“ des Widerstands 1954 „Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung“, verfaßt von Gerhard Ritter. Auch dieser schrieb aus einer nationalkonservativen Perspektive.80
Daß die historische Erinnerung immer über vier Generationen vom Großvater bis zum Enkel spannt, hat der akademische Lehrer von Helmuth James von Moltke unermüdlich betont.81
Aber der grundlegende Unterschied zwischen mir und meinen Enkeln ist doch, daß der Kreisauer Kreis aus lauter Zeugen sich bildete, die viel jünger als ich waren. Sie hingegen, meine Enkel, finden die Namen dieser Männer bereits an Ort und Stelle, so als liegen sie „hinter“ ihnen. Alles kommt darauf an, daß sie sich nun auch hinter diese Männer ausdrücklich stellen. Erst dann nämlich sind sie jünger als ich. Nicht Verbformen oder Zahlenwerte unterscheiden die um 1800 und um 2000 Geborenen voneinander, aber die Namen unterscheiden sie, die unter den Keulenschlägen des Geschicks inzwischen am Horizont der Sprecher und Hörer aufgestiegen oder untergegangen sind. Denn nach diesen Namen hat sich der von 1800 und der von 2000 zu richten. Diese Umbildung der namentlichen Sternbilder, nach denen wir uns richten, - „ein jeder muß sich seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp sich nacharbeitet“ – leistet nun jene Lebensform, die in der angeblichen Natur der Sprache nicht vorzukommen brauchte.82
Wem die Ausführungen von Eugen Rosenstock-Huessy zu abgründig erscheinen, der sollte mindestens zur Kenntnis nehmen, daß kein geringerer als Max Weber ähnliche Überlegungen zur Abfolge der Generationen und die Zukunftsverantwortung anstellte:
Weil aber das Vaterland für uns nicht das Land der Väter, sondern der Nachfahren ist, und weil wir zu den Nachfahren mehr Zutrauen haben und haben müssen als zu der älteren Generation, weil wir endlich die entschlossene Absage an die dynastische Legitimität als ein Mittel schätzen, auch das Bürgertum endlich politisch auf eigene Füße zu stellen, deshalb fügen wir uns zwar loyal jeder Mehrheitsentscheidung durch Konstituante und Plebiszit, stehen aber unsererseits ohne Vorbehalt und Zweideutigkeit auf dem Boden der Republik.83
Inzwischen trennen uns mehr als drei Generationen von den Ereignissen rund um den 20. Juli 1944, der als Symbol für die ganze Bandbreite des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus steht. Vor dem Hintergrund, daß Gegner des Nationalsozialismus mit ihrer Enttarnung und Hinrichtung rechnen mußten und entsprechend konspirativ vorgehen mußten, ist es erstaunlich, wie detailliert wir inzwischen über alle Gruppen des Widerstands informiert sind. Es gab Widerstand von 1933 an und bis zum bitteren Ende, angefangen von Sozialisten und Kommunisten, Christen, Handwerkern, Studenten, Militärs, Konservativen und Liberalen, Einzelgängern und kleinen Gruppen. Tatsache ist aber auch, daß nur ein ganz geringer Teil der deutschen Gesellschaft am Mythos „ihres“ Führers rüttelte. Auch nach dem Untergang des tausendjährigen Reiches sahen sich viele Widerständler mit dem Vorwurf des Verrats konfrontiert, ganz nach Weisung Adolf Hitlers am Abend des Attentats, „eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, verbrecherisch-dummer Offiziere“ ein „Komplott geschmiedet“ habe. 84 Nach den Pionierarbeiten von Hans Rothfels und Gerhard Ritter verbreiterten sich die Perspektiven und in den 70er und 80er Jahren erschienen wichtige Arbeiten von Hans Mommsen, Karl Dietrich Bracher, Peter Steinbach oder Peter Hoffmann. Eine große Ausnahme für eine breit angelegte und kritische Darstellung des Widerstands hatte Klaus Harpprecht schon zum 25. Jahrestag des Attentats vorbereitet, die bezeichnenderweise aber nicht erscheinen durfte.85 Heute ist der Widerstand ein historisch besonders gut ausgeleuchtetes Kapitel der deutschen Geschichte. Wichtige Etappen markieren die Gedenktage, die beginnend mit vereinzelten Veranstaltungen zu einer festen Termin im Bundestag oder im Reichstag wurden.86
Eine Leerstelle in der Literatur über den 20. Juli 1944 bildet die Verknüpfung mit dem 20. Juli 1932 oder mit grundlegenden Strukturproblemen Deutschland zwischen dem Reich und den Einzelstaaten sowie Industrie und Agrarwirtschaft wie sie Max Weber elementar herausgearbeitet hatte:
Deutschland ist aber keine ökonomische Einheit, Deutschland ist zusammengeschweißt aus zwei von einander wesentlich verschiedenen wirtschaftlichen Gebieten, von denen das eine nach Westen, das andere nach Osten blickt, das eine längst „Industriestaat“ ist, das andere bisher „Agrarstaat“ blieb; und das fundamentale Problem unserer ganzen nationalen Wirtschaftspolitik liegt in dem unausgeglichenen Verhältnis dieser beiden, ungefähr an der Elbe und untern Weser sich voneinander scheidenden Hälften, welche politisch zusammengehören, ökonomisch aber auseinanderstreben.87
Auch für einen solchen historischen Bogen finden sich Anknüpfungspunkte bei Eugen Rosenstock-Huessy, man denke nur an seine beiden späten, unter Pseudonym veröffentlichten Aufsätze in der katholischen Zeitschrift „Hochland“ seines Freundes Carl Muth. Es spricht Bände, daß sich beide Aufsätze den Konservativen widmen und sich der Autor des Pseudonyms „Julius Stahl“ bedient, eines konservativen preußischen Juristen und konvertierten Juden, den Carl Schmitt fast allein für alle Fehlentwicklungen der Staatslehre in Deutschland verantwortlich zu machen suchte. Am 29. April 1931 erschien „Das Dritte Reich und die Sturmvögel des Nationalsozialismus“.88 Im Jahr darauf „Judas Ischariot und die preußischen Konservativen.89 Zum Auftreten der politischen Diabolik“. Die Akteure in Berlin und Ostpreußen durften also gewarnt sein, welche Zukunft hier auf dem Spiel stand.
Sowohl für Eugen Rosenstock-Huessy wie für seine Studenten war als Zeichen des Widerstands der Einsatz des eigenen Lebens an sich entscheidend, nicht einmal die Tat des Tyrannenmords selbst. Deshalb geht an ihnen die Kritik vorbei, wie sie etwa den Offizieren gegenüber geäußert worden ist:
Sicher, er hat sich Hitler widersetzt, aber – und das gilt auch für die anderen revoltierenden Offiziere – nicht wegen der Massaker an den Juden oder wegen der Exekutionen von Kriegsgefangenen in Deutschland und in den besetzten Ländern im Osten. Die Verschwörung nahm erst Gestalt an, als die Möglichkeit eines militärischen Desasters – als Folge strategischer Fehler Hitlers – zur Gewißheit geworden war. Als ich vom Mißlingen der Verschwörung erfuhr, war ich weniger erstaunt darüber, dass es eine solche gegeben hatte, als darüber, daß diese ausgezeichneten Offiziere den elementaren Grundsatz jeder Machtübernahme – den schon jüngste Offizier meiner Dienststelle sich einprägen mußte – nicht beachtet hatten, nämlich die Notwendigkeit, sich zuallererst der Kommunikations- und Propagandaorgane zu bemächtigen.90
Sven Bergmann
4. Helmuth James von Moltke, der Widerstand und die deutsche Zukunft
(Rez. v. Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, 2026)
Maßstäbe existentieller Verantwortung
Das Bild des Widerstands gegen die illegitime deutsche Regierung von 1933 bis 1945 zeigt sich bis in die Gegenwart als vermintes Gelände. Jederzeit können Sprengsätze detonieren, etwa über die Rolle der Kommunisten, den Gebrauch antisemitischer Stereotype, außenpolitische Rücksichtnahmen oder Stauffenbergs Heldentat für das „Heilige Deutschland“.91 BRD wie DDR haben sich lange gewunden, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in allen Facetten zu würdigen. Zwar ist es nie zu einer Dolchstoßlegende wie nach dem Ersten Weltkriegs gekommen, aber die „Volksempfänger“ der Hitlerlegende, eine „ganze kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere“ habe ihn beseitigen wollen, hallte vernehmbar nach.92 „Viele Widerstandskämpfer fühlten sich deshalb ebenso wie deren überlebenden Nachkommen um die Rechtfertigung und damit um den Sinn ihrer Tat betrogen und von der Gesellschaft der Nachkriegszeit unverstanden.“93 Wie erbittert um das Erbe des Widerstandes bis in die jüngste Gegenwart gestritten wird, zu denken ist hier an die Diskussion um die monarchischen Steigbügelhalter der Machtergreifung oder die Symbolik des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonskirche, fächert die Journalistin Ruth Hoffmann breit dokumentiert aus.94 Ihrer Feststellung, daß es lange gedauert hat, bis aus „Landesverrätern“ Helden geworden sind, trifft ins Mark.95 Und, daß „die Überwindung ideologischer Grenzen“ charakteristisch für die Freiheitskämpfer gegen die Tyrannei war, wird sich eine unbefangene Betrachtung wohl kaum entziehen können.96 Aber noch in den 80er Jahren mußte der Historiker Peter Steinbach mit seinem Rücktritt drohen, um die Berliner Dauerausstellung zum Widerstand vor politischer Instrumentalisierung zu schützen.97 Der Deutsche Bundestag konnte sich erst 1998 zu einem Gesetz entschließen, das die Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile durchsetzte. Es bedarf nur geringer Phantasie, daß das Ringen um das Erbe des Widerstands gerade in einer neue Phase eintritt. Ein Land, das nicht nur verteidigungsbereit sein will, sondern bis 2029 „kriegstüchtig“ zu sein propagiert, wird sicher Vergangenheit und Zukunft neu gewichten oder wie Max Weber orakelte:
Aber irgendwann wechselt die Farbe: die Bedeutung der unreflektiert verwerteten Gesichtspunkte wird unsicher, der Weg verliert sich in der Dämmerung. Das Licht der großen Kulturprobleme ist weiter gezogen.98
Vor diesem Hintergrund kommt der Biographie eines der führenden Köpfe des Widerstands und eines Gegners des Dritten Reiches schon vor 1933 besondere Bedeutung zu. Volker Ullrich, promovierter Historiker und ausgewiesener Kenner der deutschen Zeitgeschichte mit politischem Gespür hat schon vor zwanzig Jahren eine Übersicht zum Kreisauer Kreis vorgelegt. Jetzt widmet er sich, nach einer zweibändigen Hitlerbiographie, ausführlich dem Vermächtnis des keineswegs „einaltrigen“ Spiritus Rector der Gruppe: Helmuth James von Moltke.99
Von Moltke ist in Deutschland ein Name. Man kann an einem Namen wachsen, sich an ihm aufrichten und ihn weitertragen. Man kann aber auch an einem Namen verzweifeln oder zerbrechen. Bis zum I. Weltkrieg sprach man wie von Donnerhall von den beiden Generälen Moltke: Dem älteren, dem genialen und hochgebildeten Strategen der preußischen Reichseinigungskriege, dem „großen Schweiger“, der zu seiner Zeit berühmter als Bismarck selbst war.100 Und vom jüngeren, dem Sohn seines Bruders, der der in ihn projizierten Erwartungshaltung im Ersten Weltkrieg nicht standzuhalten vermochte.101 Im Widerstand gegen das Naziregime lernte die Welt dann einen weiteren Moltke kennen, den Großneffen des preußischen Generalfeldmarschalls, der selbst keine Kinder hatte. Der damals jüngste Moltke, Helmuth James wuchs auf dem Gut Kreisau südlich von Breslau auf, das sein Großonkel 1867, nach dem Sieg über die Habsburger bei Königgrätz erwerben konnte. Helmuth James von Moltke (1907 bis 1944) trug neben dem Vornamen seines Großonkels noch den Namen seines südafrikanischen Großvaters. Schon der Generalfeldmarschall hatte die Engländerin Mary Burt zur Frau genommen. Die Frau seines Neffen, Dorothy, die Mutter von Helmuth James war die Tochter von Sir James Innes und seiner Frau Jessie. Sir James war einer der angesehensten Juristen Südafrikas, mit Stationen als Justizminister und Chief Justice des Landes und dezidiert liberalen Ansichten. Schon im Namen des „jüngsten“ Moltke manifestieren sich also zwei gewichtige Traditionen. Für den Autor ist Moltke schon in der Einleitung, der „beste Kopf des deutschen Widerstands gegen Hitler“.102
Nicht unterschätzen sollte man seinen weltoffenen Horizont, der ihn schon habituell von vielen anderen Widerständlern unterscheidet. Sicher wird er sich mit seinem introvertierten Großonkel beschäftigt haben oder wird ihn sein Großvater mütterlicherseits angeregt haben. Schließlich wählte Helmuth James das Jurastudium in Deutschland und machte zugleich in Großbritannien seinen Abschluß als Barrister. In der Verwaltung und Modernisierung des schlesischen Gutes hat er fast unmenschliches geleistet, auch wenn er sich in Not auf seine Verwandten und Zuschüsse in harter Währung verlassen konnte. Gleichzeitig verschaffte ihm seine polyglotte Ausbildung beste Voraussetzungen für diplomatische Missionen und Kontakte zwischen den Fronten, auch wenn sich mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs die paradoxe Situation eines Anwalts für internationales Recht in einer Zeit internationaler Rechtlosigkeit ergab. Im Januar 1944 war Helmuth James von Moltke nach einer Denunziation in seinem Büro verhaftet worden. Doch bis zum 20. Juli durften er und seine Familie auf Entlassung aus der Untersuchungshaft hoffen.
Nach der Pionierarbeit des Theologen Günter Brakelmann und der unvollendeten Arbeit Jochen Köhlers schöpft der als Journalist bekannt gewordene Volker Ullrich aus einer Fülle inzwischen zugänglicher Briefwechsel und persönlicher Dokumente die Lebensgeschichte dieses Moltke auf rund 350 Seiten. Außerdem sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Studien zu Moltkes Frau Freya und der weit verzweigten Familie erschienen. Ullrich gelingt es eindrucksvoll, die persönlichen Zeugnisse zu einem funkelnden Portrait zu arrangieren, das weit über Moltke und den engeren Kreisauer Kreis hinausgeht und damit auch dem über viele Jahre gespannten konspirativen Vertrauensnetz gerecht wird. Gerade in den spannungsgeladenen Momenten auf Leben und Tod, läßt Ullrich angemessene Zitate sprechen, ohne Moltke zu einem einsamen Helden zu verklären. Lakonisch heißt es etwa zur großen Kriegswende im Herbst 1941, Moltke habe den befreundeten expressionistischen Maler Karl Schmidt-Rottluff beauftragt, das Gut Kreisau und die umgebende Landschaft für die Nachwelt zu dokumentieren. Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 erscheint ihm schon von Beginn an als „Dance macabre“. Deutlich räumt Ullrich mit der Legende der allzu verkopften Kreisauer aus. Schon früh bemühten sie sich um Verbündete im Militär, stießen aber bei allen ranghohen Generälen auf Ablehnung. Für die, die sich überhaupt einer Diskussion stellten, war es zu Handeln entweder zu früh oder zu spät.103 Dagegen sprachen die Kreisauer fern von taktischen Überlegungen grundlegende Fehlentwicklungen der deutschen Geschichte an:
Als Einzige unter den deutschen Widerstandsgruppen hatten die Kreisauer ein Konzept erarbeitet, das in kompromissloser Abkehr vom nationalen Machtstaat und seinen Exzessen eine grundlegende Neuordnung anstrebte.104
In diesem Punkt unterschied sich der Kreisauer Kreis von den Widerstandsbewegungen, für die der Tyrannenmord im Zentrum der Arbeit stand.105
Vor dem Hintergrund, daß die Widerständler gegen die totalitäre Herrschaftsordnung des Dritten Reiches buchstäblich ihren Kopf riskierten (capitis deminutio) gleicht die Vielzahl der erhaltenen Quellen und Dokumente einem Wunder. Dabei sind es gerade diese persönlichen Dokumente, die dem Protest gegen den Nationalsozialismus auch nach fast einhundert Jahren die größte Überzeugungskraft verleihen. Ob das Tagebuch der Anne Frank, die Flugblätter der Weißen Rose, die Denkschriften des Kreises um Carl Goerdeler oder eben die Briefe Helmuth von Moltkes, die seine Frau Freya unter den Bienenstöcken des schlesischen Gutes Kreisau versteckte; alle diese authentischen Dokumente belegen den Mut, die Entschlossenheit und die Beharrlichkeit all derer, die keiner weiteren Belehrungen über den menschenverachtenden Geist des Führers und seiner Gefolgschaft bedurften.
Neben der weitverzweigten Familie und seiner Ehefrau Freya erwähnt Ullrich vor allem die Wiener Pädagogin Eugenie Schwarwald und den Rechtshistoriker und Soziologen Eugen Rosenstock als prägende Persönlichkeiten. Als Student in Breslau lernte Moltke Rosenstock in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre als Initiator der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft kennen, ein Versuch die starken sozialen, politischen, konfessionellen Spaltungen in und zwischen den Generationen durch gemeinsame körperliche Arbeit und geistigen Austausch abzubauen, versammelt an einem bestimmten Ort über mehr als nur ein Wochenende. Nicht wenige der Studenten und Dozenten der „Arbeitsfreizeiten“ fanden später zum Kreisauer Kreis, etwa Adolf Reichwein, Hans Peters, Viktor von Weizsäcker oder Eugen Gerstenmaier. Schon Margret Boveri hatte 1956 für die Lebensform des Kreises festgehalten:
Hervorgegangen ist sie aus den Arbeiter- und Studentenlager Löwenberg in Schlesien, das vorbildlich werden sollte für die regional aufgebauten freiwilligen Arbeitslager in ganz Deutschland. Eugen Rosenstock-Huessy als Lehrender und drei junge Freund, von Einsiedel, von Trotha und von Moltke waren die Initiatoren und dieses Zusammenwirken einer älteren und einer jüngeren Generation, im Gegensatz zur „Einaltrigkeit“ der Jugendbewegung und der späteren Hitlerjugend, gehörte zu den wichtigen Grundlagen des Versuchs.106
Und genau so verstand sich ja der „Kreisauer Kreis“, der sich selbst nie so etikettiert hatte: „Denn in ihm versammelten sich Menschen sehr unterschiedlicher sozialer Herkunft, politischer Überzeugungen und konfessioneller Bindungen: Großgrundbesitzer und Gewerkschafter, Konservative und Sozialdemokraten, Protestanten und Katholiken.“107 Als wichtigstes Kriterium für die künftige staatliche Ordnung in Deutschland hatte gerade Helmuth James von Moltke zuvorderst Gerechtigkeit genannt.108 „Für die Kreisauer kam es darauf an, einen dritten Weg zu finden zwischen dem Laissez-faire eines ungezügelten Kapitalismus und dem Zwangssystem eines planwirtschaftlichen Kollektivismus.“109
Ullrich versteht seine Biographie ausdrücklich als Korrektiv zu der christlichen Perspektive Günter Brakelmanns110. Er würdigt den Austausch der drei jungen Studenten zu ihrem Lehrer Eugen Rosenstock-Huessy, ohne auf dessen „diesseitiges“ Christentum des alltäglichen Handelns einzugehen, daß sich an seinen Früchten erkennen lassen müsse. Denn gerade dieser hatte sich unermüdlich mit den Konflikten und Problemlagen der deutschen Gesellschaft seit 1918 beschäftigt und die verschiedene Perspektiven der Generationen ins Gespräch gebracht. So hatte er in der interkonfessionellen Zeitschrift „Die Kreatur“ in fünf Beiträgen ausführlich Stellung bezogen:
Die Nachkriegsgeneration ist nun in der fatalen Lage einer doppelten Auflehnung. Einmal gegen die Revolution, die versagt hat, jämmerlich war; zum anderen aber ebenso gegen die Wilhelminer, die auch versagt haben, gerade weil sie nicht Revolution gemacht hätten! Durch diese doppelte Auflehnung bleibt nun der eigene Wille ohne Aufblick zu den Ahnen (Vorkriegsstadium) wie zu den Sternen (Zusammenbruch). Die dreifache Rolle, die wir alle immer und ewig zu spielen haben, als Erdenkloß, Adam, „Vorkriegsmensch”, als Seele, Revolutionär, Kind Gottes, als Evolutionär, Gerechter, Arbeiter, Gesetzesmann, ist von dieser Jugend nicht nur vorerst abgelehnt, das tut jede Jugend - sondern sie hat sich auch den Zugang zu den beiden anderen Rollen gewaltsam verbaut. Durch die Dezimierung der Jahrgänge 1869 bis 1899 und die überstarke Besetzung der Jahrgänge von 1900 bis 1914 gewinnt nun diese Lossagung der Jugend aus dem Mehraltrigen ins „Einaltrige” - noch übertrieben starke Wirkung.111
Auf diese erstaunliche Blaupause für die grundlegende Ausrichtung des Kreisauer Kreises geht Ullrich nur kurz ein. An anderer Stelle führte Rosenstock-Huessy aus, daß dann vor allem die Jahrgänge ab 1900 die Basis für die Nazis bildeten.112
Moltke war keineswegs typisch für „den Widerstand“. Wie wenige aus der alten Elite war er schon vor der Machtergreifung vom Verhängnis des Nationalsozialismus überzeugt. Deshalb spannte er von Beginn an unerschrocken und beharrlich sein Beziehungsgeflecht vertrauter Mitstreiter: „All das verlangte viel Mut, große innere Unabhängigkeit, ein sicheres Empfinden für Recht und Unrecht und einen verlässlichen moralischen Kompass.“113 Und er sprang immer wieder über seinen Schatten, mit einer trotz aller Gefahren entwaffnenden Offenheit. Das verbindet ihn mit Graf Stauffenberg und unterscheidet ihn von dem dritten Kopf des Widerstands, dem an der alten Ordnung hängenden Karl Goerdeler, der eine Denkschrift nach der anderen produzierte. Gegen diese Einaltrigkeit war Moltke in jeder Hinsicht mehraltrig und vielleicht gerade deshalb eignet er sich besonders als Vorbild kommender Generationen.
Mehraltrig sein heißt keinem Alter ganz angehören, also nicht führen! Die Kraft zur Mehraltrigkeit geht eben gegen die zur Führerordnung geschaffene Natur des Menschen. Mehraltrigkeit ist nichts Ursprüngliches und nichts Politisches, weil sie Verzicht voraussetzt auf den Mythos, dem man „ursprünglich” angehört, und auf die Politik, die man nach diesen Interessen „eigentlich“ treiben müßte, Sie ist der Mode, dem Zeitgeist, dem Augenblick, dem Generationserlebnis, kurz allem, aus dem einaltrige Führung entsteht, entrückt.114
Deshalb ist die lebendig erzählte, mit vielen Zwischentönen gespickte Biographie von Volker Ullrich so wertvoll. Dabei lag das grundlegende Dilemma des Widerstands nicht im Skrupel der Tat selbst, sondern eher in der Befürchtung, keinen Rückhalt in der mehrheitlich von Hitler ergriffenen Bevölkerung zu erfahren.
Mit den politischen Kulturen haben auch die Köpfe des Widerstandes ihre Bedeutung gewechselt. Drehte sich das Interesse in der Nachkriegszeit vor allem um die politischen Neuordnungskonzeptionen Karl Goerdelers, des vorgesehenen Kanzlers einer Nach-Hitler-Regierung, so rückten in den 80er Jahren vor allem der Kreisauer Kreis und die europäischen Verständigung in den Vordergrund, während nach der Jahrtausendwende ein neues Interesse an Stefan George, dem Heiligen Deutschland und dann auch Graf Stauffenberg erwachte, mit einem Gipfelpunkt in dem von Tom Cruise gespielten Helden einer Hollywood-Produktion. In den vergangenen Jahrzehnten ist die historische Forschung immer mehr in die Details eingestiegen, um die wechselseitige Beeinflussung der verschiedenen Strömungen und Kreise zu beschreiben. Es dürfte eine reizvolle Überlegung sein, in einer Doppelbiographie von Moltkes und von Stauffenbergs die Persönlichkeitsprofile der beiden Köpfe des Widerstands herauszuarbeiten, des Militärs und des Zivilisten, des George-Schülers und des Rosenstock-Schülers, des Diplomaten und des Strategen, des Mannes der Tat und des Moralisten.115 Anders als Goedeler zielten beide auf einen wirklichen politischen Neuanfang:
Vergessen wird gern, dass es Stauffenberg selbst war, der Julius Leber als Innenminister des künftigen Deutschlands vorgeschlagen hatte und ihn unter seinen teils skeptischen Mitverschwörern durchsetzen wollte.116
Und für Moltke hatte Klaus Harpprecht schon zum 25. Gedenktag des Attentats festgehalten:
„Bei ihm kann noch immer in die Lehre gehen, wer zu geistiger Unabhängigkeit entschlossen ist. Hier ist es die Radikalität der Gedankenführung, die drei Jahrzehnten standgehalten hat. Man wünschte sich, ihre Modernität würde begriffen. Moltkes Schriften nachzulesen wäre nützlicher, als die Biergesänge einer verblichenen „Internationale“ ins Land zu röhren.”117
Schon Margret Boveri hatte in Moltke und Stauffenberg die „entgegengesetzten Pole“ einer „Skala der Differenzen“ gesehen.118
Was die Spaltung zwischen sozialen, politischen Interessensgruppen, Generationen sowie von verschiedenen Lebensanschauungen und Verhaltensformen betrifft, so hat „unsere“ Gesellschaft gegenüber Weimar inzwischen stark aufgeholt. Leider stehen die aktuellen politischen Verantwortungsträger der Problematik vollkommen verständnislos gegenüber. Mehr Demokratietheorieförderung wird keine Demokratie retten und in Beton gegossene Millionen in Halle an der Saale oder wo auch sonst sind nicht geeignet der wechselseitigen Sprach- und Gehörlosigkeit entgegen zu wirken. Es bestätigt sich die Einschätzung des Pioniers der Widerstandsforschung, Hans Rothfels:
Auch von solchem Angriff her bestätigt sich, daß es bei dem Thema des Widerstandes um keinen abgetanen, sondern einen sehr aktuellen Gegenstand und zugleich um Maßstabsfragen sittlichen wie politischen Handelns geht, die aus den Bedingungen unserer Epoche mit ihren weltanschaulichen Fronten über nationale Grenzen hin eine neue Aktualität gewonnen haben.119
Sven Bergmann
5. Die vier Evangelien, Kreuz und Schnittpunkt
Einleitung
Wie soll man die Evangelien lesen, wenn man mit Rosenstock-Huessy die Überzeugung teilt, dass die Verfasser sich gegenseitig kannten und aufeinander reagieren? Diese Frage beschäftigt mich als eine nicht nur sehr spannende, sondern auch sehr wichtige Frage. Darum geht es in diesem Beitrag. Die Evangelien, so stellt Rosenstock-Huessy fest, sind die ersten Schriften der Antike, die miteinander im Dialog stehen, in einem respektvollen Gespräch miteinander. Sie wollen sich nicht gegenseitig ersetzen – das war früher in der Antike die übliche Vorgehensweise. Jede philosophische Schule lehrte nur ihre eigene Wahrheit. Das Gleiche galt für jeden religiösen Kult. Die Evangelien hingegen lehnen einander nicht ab. Sie sagen zueinander nicht „nein, denn“, sondern stattdessen „ja, aber“. Das führt zwar, wie jeder echte Dialog, zu Reibungen um die Wahrheiten. Aber gerade darin ergänzen sie sich und – das ist die spezifische Erkenntnis von Rosenstock-Huessy: So verwirklichen sie das Kreuz der Wirklichkeit. Das Kreuz der Wirklichkeit bedeutet nämlich, dass Wahrheiten, die nicht ohne Weiteres zueinander passen, dennoch eine Übereinstimmung finden, allerdings um den Preis liebevoller Selbstverleugnung. Die Wahrheiten, die nicht zusammenpassen, müssen rechtzeitig Platz für ihre Gegenstimme machen. Sie richten keinen Schaden an, weil sie Unrecht haben, sondern weil sie zu lange an ihrem eigenen Recht festhalten. Timing bedeutet Abstimmung, zu wissen, wann man rechtzeitig aufhören muss. Das gelingt nur, wenn man von einer höheren Wahrheit zur Ordnung gerufen wird. Das ist die Wahrheit des Kreuzes: Man macht den Gerechten zum Opfer, wenn man zu lange auf seinem Standpunkt beharrt.
Jedes der vier Evangelien konzentriert sich auf einen der vier Kulturströme der Antike, doch diese vier Kulturströme repräsentieren jeweils auch einen der vier Pole des Kreuzes der Wirklichkeit, das uns bekannt und vertraut ist als: Erbe der Vergangenheit, Auftrag der Zukunft, innerer Dialog, wirksames Handeln nach außen. Das ist immer eine unangenehme Spannung. Diese vier Pole der Wirklichkeit reiben aneinander und müssen dennoch eine gewisse Abstimmung finden. Sie müssen aus ihren Fugen gehoben werden, um Platz für die anderen Pole zu schaffen. Das ist nur möglich, wenn sie sich selbst überwinden und innehalten können, aus ihren Fugen gehoben durch den Geist Christi. Wenn die Evangelien also jeweils einen Schwerpunkt auf einen der vier Pole des Kreuzes der Wirklichkeit legen, ist es zugleich ihre Absicht, diesen einen Pol, auf den sie sich richten, auf einen oder mehrere der anderen Pole zu übertragen und so zum Zentrum des Kreuzes der Wirklichkeit zurückzuführen, aus dem sie alle entspringen.
Warum die Reihenfolge so wichtig ist
Wer nun diesen inneren Dialog, den die Evangelien darstellen, verstehen und auf sich wirken lassen will, kommt nicht um die Frage nach der Entstehungsreihenfolge der Evangelien herum, denn man möchte wissen: Wer reagiert hier auf wen? Wer hat wem über die Schulter geschaut? Wer hat es für nötig gehalten, etwas, das bereits gesagt worden war, noch einmal anders zu formulieren? Man möchte auch wissen: Warum hat dieser Evangelist es für nötig gehalten, dies zu tun? Warum war es für seine Situation, seine Zielgruppe oder seine historische Epoche notwendig, das Gesagte anders auszudrücken und zu formulieren? Woran lässt sich erkennen, dass eine Modulation stattfindet, sodass das zuvor Gesagte geradezu in einer anderen Tonart erklingt?
Es mag wie Haarspalterei erscheinen, solche Fragen zu stellen. Deshalb möchte ich das gerne anhand eines Beispiels verdeutlichen. Dazu nehmen wir Markus, denn bei Markus stoßen wir gleich auf die wichtige Frage, ob er nun das erste der drei synoptischen Evangelien ist oder das letzte. Markus enthält weder Geburtsgeschichten noch Auferstehungsgeschichten. Ist er mit ihnen vertraut und hat er sie dennoch weggelassen? Oder ist sein Evangelium nur ein erster Versuch, und haben Matthäus und Lukas ihn verbessert? Schauen wir mal.
Anfang und Ende des Markus-Evangeliums
Markus beginnt direkt mit dem Satz: „Dies ist der Anfang (oder die Herrschaft, arché auf Griechisch) des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ Er fährt auch direkt mit Johannes dem Täufer fort und mit den Worten „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Freude“ bei der Taufe Jesu (Markus 1,10). Er beendet sein Evangelium mit den Frauen, die „von Furcht und Schrecken ergriffen“ vom leeren Grab davonlaufen. Sie waren so erschrocken, dass sie niemandem etwas davon erzählten (Markus 16,8). Danach folgt zwar noch ein Bericht über die Erscheinungen Jesu, doch handelt es sich dabei um eine kurze Zusammenfassung – möglicherweise von Markus selbst verfasst – dessen, was bei Matthäus und Lukas zu lesen ist. Die Hälfte der überlieferten Handschriften endet mit den Frauen, die, von Furcht und Schrecken ergriffen, davonlaufen.
Der Anfang des Markus-Evangeliums betont also die Sohnschaft Christi. Eine Lehre Christi fehlt, abgesehen von dem Aufruf, dass die Jünger ihm nachfolgen sollen. Immer wieder verstehen die Jünger bei Markus nicht, was Jesus meint, und eigentlich liegt das daran, dass sie noch nicht bereit sind, ihm nachzufolgen. Auch die Frauen am leeren Grab begreifen eigentlich noch nicht, was vor sich geht. Oder besser gesagt: Sie begreifen es zwar, sie verstehen, dass sie nun auch Jesus nachfolgen und die Angst vor Tod und Verfolgung ablegen müssen, aber sie fliehen davor.
Man kann den Anfang und das Ende des Evangeliums sowie das gesamte dazwischenliegende Evangelium nur aus der Perspektive der verfolgten Gemeinde in Rom richtig verstehen. Dann fügen sich alle Puzzleteile zusammen. Nirgendwo mehr als in Rom stellt sich die Frage, ob der Kaiser wirklich der Herrscher ist oder nicht. In Rom ist es ein revolutionärer Akt, gleich zu Beginn seiner Schrift zu behaupten, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist – und somit nicht der Kaiser, der sich ja auch von allen als Sohn Gottes bezeichnen lässt. Oft wurde übersehen, dass der Kaiserkult im Römischen Reich unmittelbar in dem Moment beginnt, als Octavian nach der Ermordung Caesars im Jahr 44 v. Chr. die Macht übernimmt. Zudem wurde es im Kaiserreich immer üblicher, einen Adoptivsohn auf den Thron zu setzen. Da Markus während der Verfolgungen unter Nero in Rom schreibt, wird das Weglassen der Geburtsgeschichten somit verständlich. Adoption hat Vorrang vor Abstammung. Zudem erfolgt die Adoption eines Nachfolgers zum Sohn genau in der Formel, mit der Jesus angesprochen wird, als er aus dem Wasser der Taufe heraufsteigt. Da reißt der Himmel auf (!) und der Geist senkt sich in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und es ertönen die Worte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Bei Lukas und Markus wird Jesus direkt in der zweiten Person angesprochen – so taten es auch die römischen Kaiser mit ihren Adoptivsöhnen. Zum Vergleich: Matthäus erzählt das Geschehen in der dritten Person: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude“, Matthäus 3,17.
Dann das Ende des Markus-Evangeliums: Es ist ein bemerkenswertes Ende, und vielleicht findet er das selbst auch. Vielleicht ist das der Grund, warum es noch ein zweites Ende gibt, aber dennoch möchte er diese Worte noch einen Moment nachklingen lassen: „Sie gingen hinaus und flohen vom Grab weg, denn sie waren von Furcht und Schrecken erfasst. Sie waren so sehr erschrocken, dass sie niemandem etwas sagten“ (Markus 16,8). So endet das Evangelium mit einem Cliffhanger. Die Frage wird dem Leser damit gestellt: Und jetzt bist du dran! Diese Frage stand in Rom während der Verfolgungen unter Nero sicherlich auf der Tagesordnung: Traust du dich, für die Wahrheit einzustehen und zum christlichen Glauben zu bekennen, oder sagst du: „Mein Name ist Hase?“
Es gibt noch weitere Hinweise, die in diese Richtung weisen. Ich möchte noch einen Punkt anführen: Nur Markus berichtet das Gleichnis vom Samen, der bis zur Ernte heranwächst: „26 Und er sprach: ‚Das Reich Gottes gleicht einem Menschen, der Samen auf die Erde sät: 27 Er schläft und steht wieder auf, Tag für Tag, während der Samen keimt und wächst, auch wenn er nicht weiß, wie. 28 Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst die Halme, dann die Ähren und schließlich das reife Korn in den Ähren. 29 Sobald das Korn es zulässt, schlägt er die Sichel an, denn es ist Zeit für die Ernte‘“ (Markus 4,26–29). Auch das deckt sich mit den Erfahrungen in Rom. Jüngerschaft bedeutet Nachfolge, und das bedeutet Verfolgung. Selbst die Lehre Jesu umfasst nur diese eine Tatsache der Nachfolge und der unmittelbar bevorstehenden Verfolgung, wie in diesem Gleichnis.
Ständig herrschen bei den Jüngern Angst und Unverständnis darüber, was auf dem Spiel steht. Sie begreifen das Geheimnis des Messiasseins Jesu und auch das ihrer eigenen Jüngerschaft einfach nicht. Vor allem Petrus liegt immer wieder daneben. Ein Grund, den manche anführen, ist, dass Petrus Markus den Auftrag gegeben hat, es so aufzuschreiben, insbesondere was sein eigenes Versagen betrifft. Markus könnte aber auch noch eine andere Überlegung gehabt haben: Die Nachfolger Jesu können sich auf diese Weise in den Jüngern/Aposteln wiedererkennen. Sie stehen vor demselben Dilemma. Sie müssen dieselbe Prüfung bestehen. Es war für niemanden leicht. Das ist ermutigend.
Diese Erkenntnisse passen gut zu Rosenstock-Huessys Sichtweise auf Markus. Auch ihm zufolge ist Markus ein Schüler des Petrus und hat in Rom seine Version des Evangeliums verfasst. Im Markusevangelium geht es darum, die Reichskultur zu überwinden, in der die Sterne die Macht ausüben und der Kaiser der Vollstrecker dieser göttlichen Mächte ist. Das ist das Weltbild Ägyptens, das vom Römischen Reich übernommen wurde, nachdem der Senat beiseitegeschoben worden war.
Auch wenn man sich darüber einig ist, dass das Markus-Evangelium in Rom verfasst und auf die römische Situation zugeschnitten wurde, gibt es unter den Bibelwissenschaftlern noch eine weitere Diskussion darüber, ob Matthäus und Lukas nun nach 70 oder vor 70, nach Markus oder vor Markus geschrieben wurden. Dabei spielt das Jahr 70 mit der Zerstörung des Tempels eine wichtige Rolle. Nach Ansicht vieler wurde auch das Markus-Evangelium kurz nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 verfasst. In den Evangelien kündigt Jesus diese Zerstörung an, und – so lautet die Argumentation – das könne man sich nur im Nachhinein ausgedacht haben. Es gibt jedoch auch andere Argumente. Wer Markus als einen ersten Versuch betrachtet, der recht unvollkommen und schlampig geschrieben ist, und die poetischen Parallelstellen bei Matthäus sowie die schönen griechischen Sätze bei Lukas mehr schätzt und daher der Meinung ist, dass Markus einer Überarbeitung bedarf, hat ebenfalls Gründe, die Werke von Matthäus und Lukas nach Markus einzuordnen.
Auch vor dem Jahre 70 gab es bedeutende Krisen
Ich selbst sehe neben einer Vielzahl weniger wichtiger Argumente zwei wesentliche Gründe, diese Ansicht, dass Markus ein erster Versuch sei, nicht zu teilen. Die Evangelien sind schließlich kein Produkt von Schreibtischarbeit, sondern sind aus Krisen heraus entstanden. Die Evangelien geben eine Antwort auf eine Krisensituation. Sie sind wegweisend. Denn das Kreuz und die Auferstehung Christi sind ja selbst die Antwort auf eine Krise. Oft wird der neue christliche Glaube implizit dem Intellekt zugeschrieben, als wäre er eine Erfindung des Verstandes. Oder er wird einer vom Himmel herabfallenden Offenbarung zugeschrieben, die ebenso am Gefühl der Krise vorbeigeht. In beiden Fällen betritt ein neuer Glaube die Bühne, und dieser muss sich dann erst noch ein wenig herauskristallisieren, so wie sich Gedanken herauskristallisieren. So soll das Markus-Evangelium nach Ansicht vieler geschrieben worden sein, weil die erste Generation der Christen im Sterben lag. Das Matthäus-Evangelium soll dann später, um das Jahr 80, verfasst worden sein und das Werk eines jüdisch-christlichen Rabbiners sein, der dem Markus-Evangelium eine stärker jüdisch geprägte Auslegung und Ergänzung gibt. Und schließlich soll Lukas nach Matthäus seine Version verfasst haben, um den paulinischen Gemeinden, die inzwischen in der Mehrheit waren, eine passende Version des Evangeliums an die Hand zu geben. Das wird weder den tatsächlichen Ereignissen noch der Erfahrungsdimension der Offenbarung Christi gerecht. Offenbarung findet immer in Krisen statt. Es muss ein Weg bahnen, wo kein Weg ist. Eine Tür wird geöffnet. Es geschieht etwas, und erst danach wird nachgedacht. Das ist es, was geschieht.
Was ist los? Zwar hatte das Gesetz des Mose zum Ziel, Gerechtigkeit zu schaffen, doch in den Händen der Pharisäer und Schriftgelehrten ist das Gesetz erstarrt, und jegliche Inspiration ist daraus verschwunden. Mit Christus wird ein unmöglicher Weg gebahnt, nämlich Gerechtigkeit und Güte auf Kosten und unter Aufopferung des eigenen Lebens und Besitzes zu verwirklichen. Wer den Tod als Ergebnis seines Einsatzes für das Recht akzeptiert, ist frei. Diese Freiheit ist die Auferstehung. Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, so steht es bei Johannes. Vor allem bei Johannes und dort am stärksten ist das Kreuz auch die Auferstehung selbst. Jesus Christus und die Märtyrer, die ihm folgten, haben die Welt neu geschaffen. Das ist keine intellektuelle Beschäftigung. Es ist die Hingabe an einen Tod, der zugleich Hingabe an ein überzeitliches Leben ist. Das ewige Leben (aionios, so Johannes) lässt sich am besten mit „überzeitliches Leben“ übersetzen. Man überwindet seine eigene Lebenszeit und überschreitet sie, indem man für eine Zeit nach der eigenen Lebenszeit lebt. Das ist das wahre Leben und der wahre Weg. Etwas darüber aufzuschreiben, das anschließend studiert werden kann, ist sogar verdächtig. Denn siehe, wie die Bibelwissenschaftler und Schriftgelehrten unserer Tage daraus ihrerseits hinter ihrem Schreibtisch und ihrem Laptop wieder ein intellektuelles Studienobjekt machen. Aus dieser Position heraus rekonstruieren sie auch das Wirken der Evangelisten, von denen angenommen wird, dass sie genau wie sie selbst seien. Sie basteln Texte zusammen.
Der zweite wichtige Grund, warum Matthäus und Lukas nicht nach Markus eingeordnet werden dürfen, liegt in der Tatsache, dass schon vor dem Jahr 70 Krise und Verfolgung zum Alltag der Gläubigen gehörten. Warum sollte erst dann das Bedürfnis bestehen, etwas aufzuschreiben, wenn die erste Generation christlicher Gläubiger im Sterben liegt? Matthäus und die anderen Apostel sahen sich nach der Ermordung des Stephanus damit konfrontiert, dass die kleine christliche Gemeinde verfolgt, ermordet und zerstreut wurde. Hätten diese nicht ein Bedürfnis nach dem geschriebenen Wort gehabt, das ihnen Rückhalt gab? Schließlich hatte sich bis dahin etwa zehn Jahre lang in Jerusalem eine neue Erfahrung in Sprache herauskristallisiert. Nun waren nur noch die Apostel in Jerusalem. Gab es zu diesem Zeitpunkt nicht den Bedarf an einer prägnanten Sammlung von Predigten und Lehren? Die verfolgten Gläubigen brauchten dies selbst, um ihre Motivation in einer bedrängten Lage aufrechtzuerhalten, und sie brauchten es auch, um gegenüber misstrauischen Außenstehenden Rechenschaft über den neuen Weg, die neue Wahrheit und das neue Leben abzulegen. Aus dieser Notwendigkeit und Krise ist Matthäus hervorgegangen. Mit anderen Worten: Da Rosenstock-Huessy selbst historische Krisen stets als Geburtsort einer neuen Inspiration und eines neuen Auswegs betrachtet, betrachtet er auch die Entstehungszeit der Evangelien auf diese Weise. Und wer so hinschaut, kommt nicht umhin zu erkennen, dass das Evangelium von Matthäus unbestreitbar das erste ist.
Matthäus erfüllt nämlich die erste Aufgabe, mit der die Jünger Christi konfrontiert werden: sich gegenüber dem erstarrten jüdischen Legalismus zu verantworten und dazu Stellung zu beziehen. Dem erstarrten Legalismus stellt Matthäus die Thora der Bergpredigt und den Weg des Sohnes Davids zum Kreuz gegenüber, wo er sich als Sohn Gottes offenbart. Für Matthäus hat das nichts mit einer Zwei-Naturen-Lehre zu tun, sondern mit Autorität und Status: Christus herrscht über die Völker, sitzend zur Rechten des Vaters. Nicht nur für Johannes, sondern auch für Matthäus sind „der Herr“ und der Vater eins.
Auch das Lukas-Evangelium war schon lange vor dem Jahr 90 gefragt, dem Jahr, von dem viele annehmen, dass Lukas um diese Zeit geschrieben haben muss. Auch hier geht es um mehr als eine intellektuelle Entwicklung. Wie ist die Lage? Paulus fand großen Anklang bei den griechischsprachigen Proselyten, den „Judengenossen“, Menschen, die sich zum Glauben der Propheten Israels hingezogen fühlten, weil dieser eine moralische Alternative zum unmoralischen Sumpf des Römischen Reiches mit seinem gewalttätigen Zynismus bot. Den griechischen Städten war ihre politische Autonomie entzogen worden. Gerade die besten Menschen, die durch moralische Verantwortung etwas hätten bewirken können, standen dadurch außerhalb des Geschehens. Allerdings standen sie auch innerhalb der jüdischen Synagoge abseits. Aufgrund der Speisegesetze und der Beschneidung blieben sie Außenseiter. Das griechische Wort „ecclesia“, Volksversammlung, ist nicht zufällig das Wort, das auch für die „Parlamente“ der griechischen Städte verwendet wurde. Indem sie der jüdischen Inspiration folgten, wie sie im Weg Christi Gestalt annahm, konnten jene aus der Führungsschicht, die es gut meinten, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Sie nahmen die vielen Armen in ihren Häusern auf und versorgten sie mit Mahlzeiten als Mitglieder der Hausgemeinden, die von Paulus und seinen Mitarbeitern gegründet worden waren. So bildeten sie eine alternative politische Einheit im Römischen Reich. Sie mussten nicht wie die Gemeinden in Palästina vom jüdischen Legalismus befreit werden, denn daran hatten sie nie teilgenommen. Sie wurden für die jüdische Inspiration in den jüdisch-christlichen Gemeinden gewonnen, die diese durch praktische Sozialarbeit verkörperten. Doch gerade der jüdische Legalismus war auch ein anhaltendes Problem, das sie weiterhin verfolgte, so wie er auch Paulus verfolgte. Eigentlich waren sie doch keine echten Juden, auch wenn sie sich am Leben der Synagoge orientierten. Sind sie nur eine Randerscheinung als alternative, halbjüdische Bewegung, oder stellen sie eine ernstzunehmende Alternative dar? Paulus widersetzt sich, insbesondere im Brief an die Galater (Galater 2: 11-14), dem legalistischen Judentum, auch wenn Petrus und andere noch Kompromisse damit eingehen, und er tritt für eine neue Gemeinschaft als den Weg Christi unter der Führung des Heiligen Geistes, als Leib Christi, ein. Es ist wichtig, dass sie ihren Status als Menschen zweiter Klasse überwinden. Das ist die Herausforderung, vor der Lukas steht. Im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte stellt er die Entstehung der vielen christlichen Gemeinschaften aus den Völkern als einen logischen und selbstverständlichen Weg dar. Schon lange vor dem Jahr 70 waren diese christlichen Gemeinschaften – übrigens mit vielen jüdischen Mitgliedern – gegenüber den spezifisch jüdisch-christlichen Gemeinden bei weitem in der Überzahl. Doch wollten sich diese christlichen Gemeinschaften auch unter dem Druck und der bevorstehenden Verfolgung durch Rom – Paulus sieht diese bereits früh auf sich zukommen – behaupten können, dann mussten sie Anerkennung finden.
Gegengewicht zum jüdischen Legalismus
So wie Paulus selbst gegenüber Petrus und Barnabas hart und kompromisslos Widerstand leistet, wenn diese dem legalistischen Judentum der vielen Pharisäer und Priester nachgeben, die sich den christlichen Gemeinden in Palästina angeschlossen haben, so hat er zweifellos auch Lukas dazu angeregt, eine Bearbeitung des Matthäusevangeliums zu verfassen. Die Spannungen in der jungen Kirche zwischen dem paulinischen Kurs und dem Kurs des „konservativen“ Jerusalem hatten stark zugenommen. Lukas und Paulus wollten, dass die Christen aus den Völkern vollwertig mitwirkten. Nach der Ermordung von Jakobus, einem der zwei Söhne des Zebedäus, durch Herodes (Apostelgeschichte 12:2), und dem Weggang von Petrus aus Jerusalem, hat Jakobus, der Bruder von Jesus, die Leitung der Gemeinde in Jerusalem übernommen. In der Auseinandersetzung, die folgte, gab er den Ausschlag und sagt gemäß Apostelgeschichte 15,23: „Denn in fast jeder Stadt wird das Gesetz des Mose seit Menschengedenken verkündet und an jedem Sabbat in den Synagogen vorgelesen.“ Zwar nutzt er diese Erkenntnis, um die Gemeinde in Jerusalem davon zu überzeugen, den Kurs von Paulus und Barnabas zu billigen und von den Gläubigen aus den Völkern keine Beschneidung zu verlangen sowie die Speisevorschriften außer Kraft zu setzen, doch eigentlich sagt er damit auch: Es wird ohnehin nie zum Mainstream werden! Also lasst es einfach zu. Paulus und Lukas müssen daher mit dem Lukas-Evangelium und der Apostelgeschichte geradezu die Opposition suchen, um eine solche doch recht engstirnige Sichtweise aufzubrechen. Lukas ist mit Paulus nach Rom gereist, und zweifellos wird er seine Fassung des Evangeliums und der Apostelgeschichte mitgenommen haben.
Hierin liegt die existenzielle Not, aus der das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte hervorgegangen sind. Damit erfüllen sie die folgende Aufgabe, mit der die jungen christlichen Gemeinden konfrontiert sind, nämlich die Inspiration Israels auf die Situation und die Problematik der wohlhabenden Führer der neuen christlichen Gemeinden zu übertragen. Für sie ist der christliche Weg als alternative Ekklesia inmitten des moralischen Verfalls des Römischen Reiches attraktiv geworden. Er ermöglicht es, an Veränderungen zu arbeiten, ohne in Aufruhr zu geraten.
Die Evangelien rufen einander auf
In Rom, in jenen wenigen Jahren, in denen Paulus sich dort frei bewegen konnte und Petrus sich ihm anschloss oder vielleicht schon dort war, hat Markus ein Evangelium verfasst, das drei Dinge zugleich vollbringt:
- Er überbrückt in seinem Evangelium die Gegensätze zwischen Lukas und Matthäus. Damit macht er Lukas und Matthäus nicht zu sich gegenseitig ausschließenden Evangelien, sondern lediglich zu unterschiedlichen Versionen desselben Evangeliums.
- Er lässt in seinem Evangelium die Stimme des Petrus mitschwingen. Wir wissen nicht, wie wörtlich wir es nehmen sollen, dass Petrus Markus als Sekretär hatte. Wie selbstständig hat Markus gearbeitet? Aber es gibt viele Texte und kurze Einwürfe, die die Anwesenheit eines Augenzeugen verraten.
- Markus antwortet mit seinem Evangelium auf eine neue Not, die existenzielle Not der verfolgten christlichen Gemeinde in Rom, die – genau wie Christus in der Wüste – von den Engeln vor den wilden Tieren beschützt werden muss und die dazu neigt, wie die Frauen am Grab vor Schreck davonzulaufen, weil sie entdeckt hat, dass ihre Hingabe an Verfolgung und Tod das wahre Leben ist, die Auferstehung selbst. Dies ist die Stunde der Wahrheit.
In „Die Frucht der Lippen“ stellt Rosenstock-Huessy fest, dass die Evangelien nicht nur vier nebeneinander stehende Sichtweisen liefern. Mehr noch: Sie rufen einander auf. Denn sie reagieren auf die „Unzulänglichkeiten“ der anderen. Das Wort „Unzulänglichkeiten“ muss in Anführungszeichen stehen, denn vielleicht sollte ich besser von Einseitigkeiten sprechen, und auch das ist noch nicht das richtige Wort. Sie bewegen sich sozusagen jeweils in einer anderen Problematik, wodurch sie an einer anderen Front im Kreuz der Wirklichkeit Antwort geben müssen.
- Matthäus setzt sich für den verworfenen Gerechten gegenüber dem zu einer „Wir“-Gruppe erstarrten jüdischen Legalismus ein. Er wendet sich gegen das Stammesartige in Israel, so Rosenstock-Huessy.
- Lukas destilliert den Geist aus dem jüdischen Legalismus und dem damit verbundenen Tempeldienst. Zacharias im Tempel kann nicht mehr sprechen. So lautet der vielsagende Anfang des Lukas-Evangeliums. Der Geist Israels wird nun auf die neue Realität des gefährlichen Weges übertragen, dem die von Paulus gegründeten christlichen Gemeinden im zerfallenden Römischen Reich folgen. Lukas und die Apostelgeschichte müssen als miteinander verbunden gelesen werden. So dosiert Lukas den Geist Israels im Leben der Völker wie ein Arzt seine Medikamente.
- Markus überbrückt die Gegensätze zwischen Matthäus und Lukas, indem er der aus Christen und Juden bestehenden christlichen Gemeinde in Rom Rückhalt in den Verfolgungen unter Nero und später bietet. Der Reichsideologie des Sohnes der Sternenmächte steht der Glaube an den gefolterten Christus als Adoptivsohn des Gottes gegenüber, der über den Sternen erhaben ist und der die Dämonie des versteinerten Römischen Reiches durch die Gemeinde vertreibt, die nun ein Ersatz-Tempel ist, erbaut aus lebendigen Bausteinen. Markus wendet sich im Namen des leidenden Christus gegen die Reichsideologie.
- Johannes macht diese Erfahrungen zu einer allgemein gültigen Erkenntnis. Er verfasst ein Gedicht über Jesus Christus als das Wort vom Anfang, ein Wort, das bis zum Ende der Zeiten verkündet wird und mehr Geschichten umfasst, als alle Bücher fassen können. Jede menschliche Geschichte ist darin enthalten. So Rosenstock-Huessy. Aber auf Johannes werde ich hier nicht weiter eingehen. Das kommt noch.
So rufen sich die Evangelien gegenseitig auf. Der sich wandelnde historische Kontext macht eine Übersetzung des früheren Evangeliums hin zu einem neuen Pol des Kreuzes der Wirklichkeit unausweichlich.
Nur eine Meinung? Oder durch Textanalyse gestützt?
Aber findet sich dafür auch eine Grundlage in den Texten? Können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass Markus nach Matthäus und sogar nach Lukas kommt, oder blieb das eine Frage willkürlich kursierender Interpretationen? Was sagt die neutestamentliche Wissenschaft dazu? Ich fand, dass ich mich einmal gründlich damit befassen musste, so gut es einem nicht-professionellen Neutestamentler eben möglich ist. Das ergibt eine ganze Reihe von Seiten, und deshalb gebe ich in diesem Rundbrief nur eine erste Einführung mit Verweisen auf die verschiedenen Kapitel auf Deutsch, Niederländisch und Englisch auf meiner eigenen Website.
Der Leser findet dort die folgenden 8 Kapitel:
- Die vier Evangelien am Kreuzpunkt der Geschichte
- Basil Christopher Butler über die Priorität des Matthäus-Evangeliums
- Austin Farrer über die Überflüssigkeit einer „Q“-Quelle für Matthäus und Lukas
- Michael Goulders Sicht auf Lukas
- William R. Farmer: Markus nach Lukas
- Ein Evangelium aus zwei
- John A.T. Robinson über die Datierung der Evangelien – alle vor 70
- Die Botschaft des Markus – für wen und warum?
Eigentlich ist das letzte Kapitel das wichtigste, das zentralste und das längste – fünfundzwanzig A4-Seiten. Das Obige ist mehr oder weniger eine Zusammenfassung davon. Es befasst sich mit der Frage, was die Botschaft des Markus ist. Auch diejenigen, die zwar bereit sind zuzugeben, dass Markus schon nur auf der Grundlage einer Textanalyse aus späterer Zeit stammen könnte – und dass dies sogar wahrscheinlich ist –, sind oft der Meinung, dass dies aus inhaltlichen Gründen nicht plausibel ist: ein kurzes Evangelium, das Weglassen wichtiger Passagen, Umgangssprache, schlampiger Stil. Die Beiträge, die diesem längeren Text von 25 A4-Seiten vorausgehen – meist nicht mehr als 10 A4-Seiten –, befassen sich jedoch gerade mit der Textanalyse. Die Frage lautet dort: Welche Gründe gibt es, Markus später oder eben früher einzuordnen? Und wurde Lukas dann wiederum noch früher als Markus geschrieben oder erst später, nach Markus? Sind vielleicht alle vier Evangelien bereits vor dem Jahr 70 verfasst worden, wie Robinson behauptet?
Ich werde den Inhalt kurz skizzieren:
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Die vier Evangelien am Kreuzpunkt der Geschichte
Ein kurzer einleitender Teil als Einführung in das Gesamtwerk. -
Basil Christopher Butler über die Priorität des Matthäus-Evangeliums
Bereits 1951 hat Butler ein Buch über die Priorität des Matthäus-Evangeliums verfasst. Seiner Ansicht nach wurde das Matthäus-Evangelium früher verfasst als das Markus- und das Lukas-Evangelium, und er begründet dies anhand einer vergleichenden Textanalyse dieser Evangelien. Es ist für den Leser auch eine Einführung in eine bestimmte Art der Argumentation, wie sie unter Neutestamentlern üblich ist. Es geht nämlich nie um einen schlüssigen und unwiderlegbaren Beweis, sondern um ein Netzwerk von Bedeutungen und eine Anhäufung von Hinweisen. -
Austin Farrer über die Überflüssigkeit einer Quelle „Q“ für Matthäus und Lukas
Farrer ist dadurch bekannt geworden, dass er zwar weiterhin Markus als erstes Evangelium betrachtet, aber dennoch der Ansicht ist, dass Lukas eine Bearbeitung von Matthäus ist. Lukas hatte also Markus und Matthäus zur Verfügung, aber keine separate Quelle, aus der Matthäus und Lukas gemeinsam geschöpft hätten, insbesondere was die Worte Jesu betrifft. -
Michael Goulders Sichtweise auf Lukas
Goulder knüpft an Farrer an und hat dessen Ansatz weiterentwickelt. Er hält also an der Priorität des Markus fest und hat vor allem die Beziehung zwischen Matthäus und Lukas erforscht. Seine These lautet zudem, dass die Evangelien von Anfang an für die liturgischen Versammlungen der Gemeinde verwendet wurden. Lukas und Matthäus müssten parallel zu den jüdischen Lesereihen gelesen werden. -
William R. Farmer: Markus nach Lukas
Farmers Buch aus dem Jahr 1964 hat viele beeindruckt. Auch die Rosenstock-Huessy-Gesellschaft widmete ihm 1965 eine Tagung für einen ausgewählten Kreis. Laut Farmer hat Markus aus zwei Quellen geschöpft, Matthäus und Lukas, und es lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen, dass dies tatsächlich der Fall ist. Der Leser muss dabei berücksichtigen, dass ein unwiderlegbarer logischer Beweis nicht erbracht werden kann. Es handelt sich immer um ein Geflecht und eine Anhäufung von Argumenten und Hinweisen. Farmer hat in den 1970er- und 1980er-Jahren mit einem Team und einem weltumspannenden Netzwerk von Neutestamentlern zahlreiche Konferenzen zur sogenannten synoptischen Frage veranstaltet. Alle verschiedenen Hypothesen und Theorien über die Entstehung der Evangelien und ihren Zusammenhang wurden bei diesen Konferenzen beleuchtet, wobei Farmer und sein Team stets auch ihre eigenen Forschungsergebnisse in die Diskussion einbrachten. Dies hat die Selbstverständlichkeit, mit der Markus eine Zeit lang als erstes Evangelium angesehen wurde, erheblich untergraben. Viele Theologen und auch Neutestamentler, die sich weniger intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt haben, tragen diese alten Selbstverständlichkeiten übrigens nach wie vor in ihrem geistlichen Gepäck mit sich (und schlimmer noch, in ihren Predigten). -
Ein Evangelium aus zwei
Das Team um Farmer hat 2002 ein Buch darüber veröffentlicht, inwiefern Markus auf Matthäus und Lukas zurückgegriffen hat. Das Buch liefert eine sehr detaillierte Analyse, Text für Text, und versucht auf dieser Grundlage zu rekonstruieren, was Markus mit den Texten von Lukas und Matthäus gemacht hat und in welchem Verhältnis dies zu anderen Interpretationen steht. Der Titel des Buches lautet „One Gospel from Two“ und es umfasst natürlich mehr, als sich kurz zusammenfassen lässt. Ein wichtiges Argument, das sie anführen, ist das des „Marcan Overlay“. Damit meinen sie, dass Markus mit einem Netzwerk aus Wörtern, Ausdrücken und Akzenten arbeitet, das nur bei Markus zu finden ist. Unter anderem darauf stützen sie ihre These, dass Markus das dritte Evangelium ist, wie es auch Farmer tut. Denn hätten Matthäus und Lukas Markus verwendet, wäre zu erwarten, dass sich etwas von diesem Netzwerk typischer Markus-Ausdrücke auch in diesen Evangelien wiederfindet. Quod non. -
John A.T. Robinson über die Datierung der Evangelien: alle vor 70
Robinson hatte bereits vor, einen Kommentar zum Johannesevangelium zu verfassen, in dem er darlegen wollte, dass das Johannesevangelium seinen Ursprung vor dem Jahr 70 hat. Es sei verfasst worden von … Johannes, dem Bruder des Jakobus, den Söhnen des Zebedäus. Laut Robinson ist es möglich, dass Johannes sein Evangelium erst am Ende seines Lebens vollendet hat, doch seine Überlieferung ist die eines Augenzeugen. Um diese Sichtweise zu untermauern, hat er jedoch auch ein Buch über die Datierung aller neutestamentlichen Schriften verfasst. Darin argumentiert und belegt er, dass alle Evangelien ihren Ursprung vor dem Jahr 70 haben, noch vor dem Fall Jerusalems. -
Die Botschaft des Markus – für wen und warum?
In diesem Abschnitt füge ich die in den Abschnitten 1 bis 7 dargelegten Analysen zu einem Ganzen zusammen. Sie tragen dazu bei, eine historisch-theologische Sicht auf Markus zu vermitteln, eigentlich aber auf alle drei synoptischen Evangelien. Darauf muss ich jedoch nicht näher eingehen, da der vorliegende Text selbst bereits eine Zusammenfassung davon liefert. Ich hielt es jedoch für notwendig, auch auf die Textanalyse einzugehen, um zu prüfen, wie weit man damit kommt, wenn man wie ein Detektiv nach Spuren des historischen Geschehens sucht. Apropos „Detektiv“: Es ist bezeichnend, dass gerade die englischen Neutestamentler mit dieser Art von akribischer Forschung begonnen haben und dabei stets die Vorreiterrolle übernommen haben.
Fortsetzung
Auf das Johannesevangelium bin ich noch nicht ausreichend eingegangen. Ich hoffe, dies bei einer anderen Gelegenheit nachholen zu können. Auch gibt es mehr über die Darstellung des Matthäus durch Lukas und über die Darstellung beider durch Markus zu sagen, als ich hier tun konnte. Eine nächste Aufgabe besteht darin, diese Erkenntnisse auch in einen engeren Zusammenhang mit Rosenstock-Huessys Sichtweise auf die vier Kulturströmungen der Antike zu bringen. Er sieht die Evangelien nämlich am Schnittpunkt dieser vier Strömungen: der Reichskultur, der Stammeskultur, Israels und Griechenlands. Fortsetzung folgt also.
Otto Kroesen
6. Zeitgeist, Mythos, Krieg
Die Beiträge dieser Mitteilungen kreisen jeweils in ganz eigener Art um einen bestimmten Mythos, sei es den Mythos des Führers, die Bibel als Vorkämpferin gegen alle Mythen oder Nietzsche und den Mythos vom Willen zur Macht. Darüber hinaus erweisen Mythen in der öffentlichen Meinung und noch viel stärker in den abgekapselten Sphären begrenzter Gruppen ihre verführerische Magie. Kriege scheinen wieder allgegenwärtig, nah und fern, heiß und kalt, auf der Erde, auf dem Meer, im Weltraum oder in digitalen Netzen. Kriege sind ohne Mythen nicht denkbar. Die Schwelle zum Krieg, die Überwindung zum Fluch der bösen Tat fällt schwer ohne einen beflügelnden Mythos. Eugen Rosenstock-Huessy hat sich in seinem Gesamtwerk an verschiedensten Mythen abgearbeitet. Exemplarisch sei auf einen Text von 1956 verwiesen, der im Umfeld der Schrift Deutschland – Frankreich entstanden ist.
Hier seien nur drei Zitate angeführt:
- „Wer nur mit dem Kopf denkt, ist ein bloßer Schulmeister.“
- „Ritterlich, d.h. beendbar durch Friedensschluß ist nur der Krieg, dessen Soldaten nie vergessen, daß der Gegner von heute, gestern und morgen ihr Bruder war und sein wird.“
- „Bürger wäre der, dem ein ganzes Menschenalter der Solidarität als Maß seiner Entscheidungen zu handen ist. Adlig sind Menschen die vier oder fünf Generationen auf ihr Handeln einwirken lassen Ein moderner Betriebsmensch muß sich oft auf neue Arbeitsgruppen einlassen, er wird ja immerfort woanders hingestellt, daß ihm auch die Politik ein Ereignis jedes Tages wird. So mißdeutet er alle Entscheidungen, die auf Jahrhunderte die Zukunft festlegen, als bloße Tagesereignisse, mit denen er sie verwechselt.“
Rosenstock-Huessy: Zeitgeist, Mythos, Krieg
Sven Bergmann
7. Jahrestagung: Wir als Kreatur: Sinne, Seele, Sprache
Dies ist das Thema der Herbstkonferenz, basierend auf dem Text „Die Widersinn der Sinne“120. Unsere Sinne ermöglichen uns nicht automatisch verlässliche Beobachtungen. Sie zerren uns in vier verschiedene Richtungen und entzweien uns dadurch, nein ent-vieren. Nase, Augen, Ohren und Tastsinn ziehen uns in unterschiedliche Richtungen. Nase und Geruchssinn nehmen Blüte und Verfall wahr; das Auge lebt im Augenblick und korrespondiert mit dem Denken. Das Ohr leitet den gehörten Klang vor allem an das Herz weiter; unsere Gliedmaßen sind die Erinnerung an unseren Tastsinn. Geruch: Zukunft – Auge: das Sichtbare im Augenblick – Ohr: innere Harmonie – Gliedmaßen: die Erinnerung an unsere Vergangenheit.
Diese vier bilden einen „Widersinn“: Verwirrung und Chaos. Betrachten wir beispielsweise den Studenten: Er versteckt seine Gliedmaßen noch immer gern unter dem Tisch bei seinen Eltern, wenn er mit der Wäsche nach Hause kommt. Sein Auge und sein Denken führen ihn zur nächsten Prüfung. Mit seinem Geruchssinn nimmt er den Duft einer schönen Frau wahr. Er lauscht seinen Freunden im Studentenverein. Er rollt von einer Rolle in die andere.
Oder der alte Mann: Er bewegt sich wie immer, steif, aber standhaft; sein Blick lässt ihn angesichts der neuesten Nachrichten den Kopf schütteln, sein Geruchssinn funktioniert nicht mehr richtig, und wenn er doch einmal funktioniert, erhascht er einen Hauch von dem, was er nicht riechen kann, und er lauscht einer Gemeinschaft, die es nicht mehr gibt.
Es ist schwer, dem eigenen Leben zu ordnen, und genau darum geht es bei der Herbstversammlung der Gesellschaft.
Der Text, der als Ausgangspunkt dient, findet sich in „Die Sprache des Menschengeslechts“ im ersten Teil mit dem Titel „Wer spricht?“ Dass der Text dort richtig platziert ist, belegt Rosenstock-Huessys Lösungsvorschlag um Verwirrung, Chaos und ein verdorbenes Dasein hinter sich zu lassen: „Das Geheimnis meines Mundes wird mir erst darin kund, dass mich selber mein Wort verbindet“ (92). Der Frieden zwischen den Sinnen entsteht dadurch, dass ich bei jedem Schritt entscheide, welchem Sinn ich Priorität einräume. „Nur wer dem eigenen Worte gehorcht, spricht“ (93).
Der von Rosenstock-Huessy vorgelegte Text gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil behandelt die Pluralität unserer Sinne. Der zweite Teil befasst sich mit der Gefahr, ohne Körper zu sprechen, genauer gesagt ohne Verkörperung. Dieser zweite Teil erörtert zunächst die vier Evangelisten, die Beispiele für Verkörperung in ihrer Ausdrucksweise sind. Rosenstock-Huessy stellt einen Zusammenhang her zwischen der stehenden Haltung des Matthäus, der knienden Haltung des Markus, der sitzenden Haltung des Lukas und der liegenden Haltung des Johannes. Dies leitet nahtlos zum zweiten Teil über, der sich mit der naturalistischen Sprachkonzeption auseinandersetzt. Die Philosophie hat Sprache stets als natürliche Gegebenheit, als Teil der menschlichen Natur betrachtet. Diese Zeit ist vorbei, muss vorbei sein. Und so schließt Rosenstock-Huessy mit einer Skizze der sich entwickelnden Sprachphilosophie seiner selbst, Ebners, Rosenzweigs und Bubers. Buber macht noch immer viele Zugeständnisse an die naturalistische Sprachauffassung.
Der Text schließt mit der Feststellung, dass es mindestens weitere fünfzig Jahre dauern wird, bis die grammatikalische Grammatik, die ihren Ausgangspunkt in der Verkörperung und Bindung durch das Wort selbst hat, das cartesianische Denken endgültig hinter sich lassen kann. Er spricht sogar von den „Eierschalen“ des cartesianischen Denkens – von dessen Überresten –die sich auch noch in seinem eigenen Denken finden. In diesem Zusammenhang werde ich stets an die gängige Unterscheidung zwischen Zukunft und Vergangenheit, Innen und Außen erinnert. Wenn diese Begriffe verwendet werden, glauben wir, das Kreuz der Wirklichkeit erfasst zu haben. Doch es ist cartesianische Sprache.
Rückblickend: Wir leben nicht fünfzig Jahre später, sondern vierundsechzig Jahre nach der Abfassung dieses Textes (1962). Wie ist es möglich, dass so wenig von diesem verkörperten Denken in den alltäglichen gesellschaftlichen Blutlauf eingegangen ist?
Können wir der Verwirrung und den alternativen Fakten, die wissenschaftlich belegte Fakten zu bloßen Meinungen degradieren, mit dem Vorschlag von Rosenstock-Huessy zu der verkörperten Sprache begegnen? Führt es zu mehr Konflikten, wenn jeder zu dem steht, was er persönlich spricht? Ist das die Alternative?
Es gibt auch Fragen an den Text selbst, insbesondere an seine zusammengesetzten Teile. Ist es zwangsläufig, dass Rosenstock-Huessy sich den vier Evangelisten zuwendet, um die Verwirrung der verschiedenen Sinne zu überwinden? Handelt es sich etwa lediglich um eine zufällige Assoziation in seinem Denken, weil er sich gleichzeitig mit genau diesem Thema beschäftigt?
Gibt es in unserer Zeit Denker (warum nenne ich sie „Denker“? – Das ist im soeben vorgestellten Ansatz sicherlich völlig unangebracht), die die Notwendigkeit des verkörperten und sinnlichen Sprechens erkennen? Gibt es unterirdische Strömungen, die wir nicht bemerken, die aber ihren Weg an die Oberfläche suchen?
All diese Fragen werden uns beschäftigen auf der Tagung der Rosenstock-Huessy Gesellschaft.
Otto Kroesen
8.
Einladung zur ordentlichen Mitgliederversammlung
am 11. Oktober 2026, 10:45 Uhr
Haus am Turm, Essen
TOP 1: Begrüßung der Mitglieder, Feststellung der Beschlussfähigkeit
und Festlegung der Protokollführung
TOP 2: Genehmigung des Protokolls der Mitgliederversammlung
vom 19. Oktober 2025 in Essen im Haus am Turm
TOP 3: Anträge zur Änderung/Erweiterung der Tagesordnung
TOP 4: Bericht und Ausblick des 1. Vorsitzenden mit Aussprache
TOP 5: Kassenbericht für das Geschäftsjahr 2025
TOP 6: Berichte der Kassenprüfer
TOP 7: Entlastung des Vorstands für das Geschäftsjahr 2025
TOP 8: Berichte von Respondeo, vom Eugen Rosenstock-Huessy Fund
und der Society und von Projekten einzelner Mitglieder
TOP 9: Verschiedenes
Jürgen Müller
9. Tagungsort und Anmeldung
Die Jahrestagung findet vom 9. bis 11. Oktober 2026 statt im
Haus am Turm, am Turm 7, 45239 Essen-Werden, Tel. 0201-404067
Beginn ist am 9. Oktober 2026 um 18 Uhr mit dem Abendessen.
Kosten
Die Kosten betragen € 160 bei Unterbringung im Doppelzimmer, € 200 bei Unterbringung im Einzelzimmer, für Bettwäsche wird € 8 berechnet. Die Anzahl der Einzelzimmer mit Bad/WC ist begrenzt. Interessenten, die die Tagungskosten nicht in voller Höhe aufbringen können, mögen sich bitte an Sven Bergmann wenden.
Anmeldung
bitte an Sven Bergmann, Tel. 0(049) 163 9661806;
Sven Bergmann
10. Adressenänderungen
Bitte senden sie eine eventuelle Adressenänderung schriftlich oder per E-mail an Sven Bergmann, er führt die Adressenliste. Alle Mitglieder und Korrespondenten, die diesen Brief mit gewöhnlicher Post bekommen, möchten wir bitten, uns soweit vorhanden, ihre Email-Adresse mitzuteilen.
Sven Bergmann
11. Hinweis zum Postversand
Der Rundbrief der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft wird als Postsendung nur an Mitglieder verschickt. Nicht-Mitglieder erhalten den Rundbrief gegen Erstattung der Druck- und Versandkosten in Höhe von € 20 p.a. Der Versand per e-Mail bleibt unberührt.
Sven Bergmann
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Dieser Begriff stammt ebenfalls von Kierkegaard. ↩
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Wer nur pflichtbewusst seine Kirchensteuer zahlt, den Glauben für den Bürger rational und akzeptabel gestaltet und alle mit dem Glauben verbundenen Risiken weganalysiert, kann getrost immer denselben Weg einschlagen und ein anständiges Leben führen. ↩
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Norman Fiering, Understanding Rosenstock-Huessy, Wipf & Stock, Eugene, Oregon, eBook Kap. 4 ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Friedrich Nietzsche’s Function in the Church and the Crisis of Theology and Philosophy, bl. 22. ↩
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Idem ↩
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Hölderlin und Nietzsche ↩
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Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts Bd. I, Seite 89. ↩
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Norman Fiering, Understanding Rosenstock-Huessy, Wipf & Stock, Eugene, Oregon, eBook Kap. 4 ↩
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Rosenstock-Huessy, De functie van Friedrich Nietzsche in de kerk en de crisis van theologie en filosofie, vert. J.O. Kroesen bl. 24 ↩
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Mattheus 18:7. ↩
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Nietzsche fühlte sich von seinen Zeitgenossen missverstanden. Damit passte er nicht in seine eigene Zeit. Das kommt auch in seinem Buch ‘Unzeitgemässe Betrachtungen’ zum Ausdruck. ↩
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George Allen Morgan, What Nietzsche means, Cambridge – Massachusetts, Harvard University Press, 1943, bl. 55. ↩
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In diesen Beschreibungen zeigt sich Nietzsche auch als Antichrist. Im Gegensatz zu Jesus will er keine Anhänger. Das ist nicht mehr zeitgemäß ↩
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Siehe Rosenstock-Huessy: Hölderlin und Nietzsche. ↩
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Hans Boutellier beschreibt, dass es in den 1960er Jahren so aussah, als hätte jemand beschlossen, ein säkulares Leben zu führen und sich vom christlichen Glauben abzuwenden. Nietzsche hatte diesen Wandel im Lebensgefühl jedoch bereits gründlich analysiert. Hans Boutellier, Het seculiere experiment, over westerse waarden in radicale tijden, Uitg.: Boom bestuurskunde (2) ↩
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Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, München, Wilhelm Goldmann Verlag, Aphorismus 125. ↩
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Paul van Tongeren, Het Europese Nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, ISNB 978 94 6004 098 6 Uitg. Vantilt, bl. 115, 116 e.v. ↩
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Idem ↩
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Idem ↩
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Roxanne van Iperen, Eigen planeet eerst, waarom onze democratie geen antwoord heeft op het grootste vraagstuk van deze tijd, S. 49 e.v., S. 57 u.w.. ↩
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Paul van Tongeren, Het Europese nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, S. 99 e.v. ↩
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Kierkegaard, Wijsgerige Kruimels & Het begrip angst, Vigilius Haufniensis, Ambo / Baarn, bl. 73 e.v. ↩
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Rosenstock-Huessy, De functie van Friedrich Nietzsche in de kerk, vertaald door Otto Kroesen, bl. 25. Zie ook: https://www.respondeo.nl/assets/downloads/rosenstock_De_functie_van_Friedrich_Nietzsche_in_de_kerk.pdf https://www.rosenstock-huessy.com/text-erh-nietzsches-function-1942/ ↩
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Geciteerd naar Paul v Tongeren, Het Europese Nihilisme, bl. 29, afkomstig uit: Der Wille zur Macht, Vorrede ↩
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Der Untertitel von Paul van Tongerens Publikation „Der europäische Nihilismus“. ↩
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Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, wereldbibliotheek Amsterdam, III14. ↩
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Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, Uitg. Prometheus, eBook, 2025 ISBN 978 90 446 5553 7, Siehe Kapitel V hoofdstuk V over de verspilling, (Die Spende). ↩
-
Paul van Tongeren, Het Europese Nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, ISNB 978 94 6004 098 6 Uitg. Vantilt, bl. 84, 85. ↩
-
Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, Uitg. Prometheus, eBook, 2025, ISBN 978 90 446 5553 7, Inleiding. ↩
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Haben nicht auch die alten Dogmatiker von einem Vorgeschmack auf das ewige Leben gesprochen? ↩
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Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, Wereldbibliotheek Amsterdam, III14, S. 233. ↩
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Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, EBook, hoofdstuk I. ↩
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Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, EBook, Inleiding. ↩
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Hier handelt es sich um die Frage nach dem Gottesbild. Meist bezieht sich die Kritik am altchristlichen Gott im Himmel auf gängige Vorstellungen des Christentums von einem Gott im Himmel, dessen Aufgabe es ist, Sünden zu vergeben. Ein Gott, der Richtlinien gegeben hat, nach denen wir leben sollten. Und zwar im moralischen Sinne eine gute Lebensweise, die Gott wohlgefällig ist. Jedes Bild aus jeder Epoche kann als legitimes Bild betrachtet werden, das eine Antwort einer bestimmten Zeit auf bestimmte Probleme darstellt und aus tiefen Überzeugungen entstanden ist, die in den Herzen der Menschen gereift sind. Als solches kann jedes Bild als reine Wiedergabe des christlichen Glaubens akzeptiert und respektiert werden, der in jedem Zeithorizont seine eigene Ausprägung gefunden hat. Es darf jedoch niemals vergessen werden, dass alle damit verbundenen Errungenschaften wiederum auf die Probleme und Herausforderungen übertragen werden, die sich in einer bestimmten Epoche stellen, und welche Elemente der Vergangenheit darin noch immer zum Klingen gebracht werden. In einer solchen Übersetzung schaffen Zukunft und Vergangenheit eine neue Gegenwart. ↩
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Friedrich Nietzsche, Voorbij goed en kwaad, voorspel voor een filosofie van de toekomst, Uitg. Boom, ISBN 978 90 2445 674 8 / NUR 730, Blz 159 ↩
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A.J. Plaisier, De mens in het geding, een kritische vergelijking tussen Pascal en Nietzsche. Uitg. Boekencentrum, 1996, ISBN 90 239 0338 2, Blz. 217. ↩
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Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, eBook, Hst X, par. (3) de Griekse Nietzsche. ↩
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Idem, Hst VI, recapitulatie. ↩
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Auch wenn Rosenstock der genannten Gliederung der Zeit zustimmen kann, würde er sich der Auffassung nicht anschließen, dass die Vergangenheit lediglich eine Ansammlung von Zufällen sei. ↩
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Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, S. 80: Die Zukunft und das Fernste sind für euch die Ursache eurer Gegenwart: In eurem Freund müsst ihr den Übermenschen als eure Ursache lieben. ↩
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Siehe dazu auch Hans Boutellier, Het seculiere experiment,(Das säkulare Experiment), S.39 e.v. Hans Boutellier, Het seculiere experiment, over westerse waarden in radicale tijden, Uitg.: Boom bestuurskunde (2) ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Die Namen Gottes, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 1. Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.153. ↩
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Ebda., S.152. Inzwischen hat sich diese Bilanz immerhin aufgehellt. ↩
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Lisa van der Molen, een raamvertelling waarin wij participeren, in: Eugen Rosenstock-Huessy zum hundertsten Geburtstag, hrsg.v. Bas Leenman, Lise van der Molen und Eckart Wilkens (= Jahrbuch der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft; stimmstein 3), Mössingen-Talheim: Talheimer Verlag 1990, S.127. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Die Götter des Landes und der Götze Raum, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 1. Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.191. ↩
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Gerhard Leibholz stammte aus einer jüdischen Familie und war von Hans von Dohnanyi getauft und konfirmiert worden. Der umfangreiche Briefwechsel ist inzwischen im Literaturarchiv Marbach zugänglich, aber bisher noch nicht erschlossen. ↩
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Eugens Lebensfreund Franz Rosenzweig führte die Persiflage der beiden Namen gelegentlich an. Hinzuzufügen wären noch diverse „Helfferiche“. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, „Der Verrat im 20. Jahrhundert“, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.67. ↩
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Zum „Dreierbund“ Trothas, Einsiedels und von Ballerstedts vgl.: Rudolf Hermeier, Kurt Ballerstedt. Worte des Gedenkens, in: Mitteilungen der Eugen Rosenstock-Huessy-Gesellschaft, 27. Folge (1978), S.1-17. Vgl.: Michael Balfour; Julian Frisby; Freya von Moltke, Helmuth James von Moltke. 1907-1945, Berlin: Karl H. Henssel Verlag 1984, S.35. ↩
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Andreas Schreck, Eugen-Rosenstock-Huessy und Kreisauer Kreis – zur Vorgeschichte der „Erzvaterschaft“, in: Die Suche nach einem menschlichen Recht. Helmuth James von Moltke 1907-2007 (= Mitteilungsblätter 2007, Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft) (= Stimmstein 12), Körle: Argo Books 2007, S.27-42; vgl.: Hans Thieme, Eugen Rosenstock-Huessy (1888-1973), in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung, 106. Bd. (1989), S.6. ↩
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Die Betrachtung der Lebenswege von Eugen Rosenstock-Huessy und Carl Schmitt zeigt verblüffende Parallelen bei fundamental entgegenstehender Beurteilung der Zeitläufe, bei der das gemeinsame Geburtsjahr 1888 nur eine Äußerlichkeit bildet. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Sprache und Geschichte, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.87. ↩
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Vgl.: Gottfried Hofmann, Eugen Rosenstock-Huessy. Versuch einer Chronik seines Lebens, korrigierte und ergänzte Fassung, Münster: Agenda Verlag 2014. ↩
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Eine gemeinsame Freundin beider Frauen aus Berliner Vorkriegszeit ist Dorothy Thompson, die am 1. Oktober 1957 Gast in Four Wells ist. ↩
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Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. Die Bedeutung dieses Werks zeigt sich daran, daß noch nach zwanzig Jahren eine einbändige Gesamtausgabe erscheint, mit einem Geleitwort von Bundespräsident Gustav W. Heinemann und einer Einleitung von Hellmut Becker. ↩
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Eugen Rosenstock an Margret Boveri, 1.10.1956. Boveris Biographin verweist auf die Distanz zwischen dem Emigranten und der in Deutschland verbliebenen Konservativen: Heike B. Görtemaker, Ein deutsches Leben. Die Geschichte der Margret Boveri, München: C.H. Beck 2005, S.284. ↩
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Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. ↩
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„Der Verrat im 20. Jahrhundert“, in: Die Gegenwart, 11.Jg., Nr.22 (1956, 3.Nov.), S.697-700; Eugen Rosenstock-Huessy, „Der Verrat im 20. Jahrhundert“, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.64-69; Eugen Rosenstock-Huessy, Aberglaube, Religion, Häresie. Der Verrat im 20. Jahrhundert (= Mitteilungsblätter 2004, Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft; stimmstein 9), Körle: Argo Books 2004. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, „Der Verrat im 20. Jahrhundert“, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.68. ↩
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Ebda., S.64. ↩
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Ebda., S.64. ↩
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Brief an Maria Ehrenberg, 12.6.1947, in: Eugen Rosenstock-Huessy, Wissenschaft, Aberglaube, Erziehung und Die drei Stockwerke der Universität, hrsg.v. Michael Gormann-Thelen, Andreas Möckel, Lise van der Molen und Eckart Wilkens (= Jahrbuch der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft, stimmstein 5), Mössigen-Talheim: Talheimer Verlag 2000, S.54. ↩
-
Eugen Rosenstock-Huessy, „Der Verrat im 20. Jahrhundert“, S.69. ↩
-
Margret Boveri an Freya von Moltke, 5.10.1956. ↩
-
Margret Boveri, Für und gegen die Nation – das sichtbare Geschehen (= Der Verrat im 20. Jahrhundert; Bd.1), 3.Aufl., Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1956, S.4. ↩
-
Eugen Rosenstock-Huessy, „Der Verrat im 20. Jahrhundert“, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.69. ↩
-
Vgl.: Dorothy Thompson, Das Ende der Demokratie. Reportagen aus Deutschland 1931-1932, Wien: DVB Verlag 2025; dies., Der Anfang der Diktatur. Reportagen aus Deutschland 1933-1934, Wien: DVB Verlag 2026; dies., „Ich traf Hitler!“, Wien: DVB Verlag 2023. ↩
-
Rainer Volk, „Ein ziemlich starkes Stück“. Klaus Harpprechts ungedruckter Essay zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944, in: VfZ 72, H.3 (2024), S.631. ↩
-
Eugen Rosenstock, (psnym: L. Stahl), Das Dritte Reich und die Sturmvögel des Nationalsozialismus, in: Hochland 28. Jg. (Juni 1931), S.193-211. Wiederabdruck: Eugen Rosenstock-Huessy, Das Dritte Reich und die Sturmvögel des Nationalsozialismus, in: Tumult No.20, hrsg.v. Frank Böckelmann, Dietmar Kamper, Walter Seitter, Wien: Verlag Turia & Kant 1995 S.16. ↩
-
Statt vieler: Ludolf Herbst, Hitlers Charisma. Die Erfindung eines deutschen Messias, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2010. ↩
-
Eugen Rosenstock, Lehrer oder Führer? Zur Polychronie des Menschen, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.1 (1926/1927), S.67. ↩
-
Eugen Rosenstock, Die rückwärts gelebte Zeit. Unsere Erfahrungen von 1918 bis 1928, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.113. ↩
-
Eugen Rosenstock, Lehrer oder Führer? Zur Polychronie des Menschen, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.1 (1926/1927), S.53. ↩
-
Eugen Rosenstock, Die Polychronie des Volks, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.4 (1926/1927), S.412. ↩
-
Ebda., S.180. ↩
-
Eugen Rosenstock, Kirche und Arbeit. Eine Rede, in: Die Kreatur, 2. Jg. H.2 (1927/1928), S.180. ↩
-
Eugen Rosenstock-Huessy, Lehrer oder Führer, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 2. Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1964, S.175ff. ↩
-
Tim Pröse, Wir Kinder des 20. Juli. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte, München: Wilhelm Heyne Verlag 2024, S.216. Pröse bringt die verschiedenen Generationsperspektiven auf den Widerstand in einem Werk eindrucksvoll zur Sprache. ↩
-
Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, rev. Neuaufl., Frankfurt a.M.; Hamburg: Fischer Bücherei 1960, S.58. ↩
-
Gerhard Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, 4. Auflage, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984; vgl.: Sabine Gillmann, Hans Mommsen (Hrsg.): Politische Schriften und Briefe Carl Friedrich Goerdelers. K.G. Saur., München 2003. ↩
-
Eugen Rosenstock-Huessy, Das Geheimnis der Universität, in: ders., Das Geheimnis der Universität. Wider den Verfall von Zeitsinn und Sprachkraft. Aufsätze und Reden aus den Jahren 1950 bis 1957, hrsg.v. Georg Müller, Stuttgart: W.Kohlhammer Verlag 1958, S.29. ↩
-
Eugen Rosenstock-Huessy, „Es regnet“ oder Die Sprache steht auf dem Kopf, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 1.Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.62. ↩
-
Max Weber, Deutschlands künftige Staatsform <1919>, in: Max Weber, Zur Neuordnung Deutschlands. Schriften und Reden 1918-1920, hrsg. von Wolfgang J. Mommsen (= MWG I/16), Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 1988, S.107. Allein dieses Zitat zeigt die Absurdität, Max Weber nach 1918 in Distanz zur Demokratie zu sehen. Ausdrücklich bekennt er sich außerdem zur Gleichheit der Stimmen und lehnt jegliche Form einer qualitativen Gewichtung ab. ↩
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Zitiert bei: Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026, S.282. ↩
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Rainer Volk, „Ein ziemlich starkes Stück“. Klaus Harpprechts ungedruckter Essay zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944, in: VfZ 72, H.3 (2024), S.591-637. ↩
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Der 20. Juli 1944. Reden zu einem Tag der deutschen Geschichte, hrsg.v. Informationszentrum Berlin, Berlin: Wissenschaftlicher Autoren-Verlag 1984. ↩
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Max Weber, Diskussionsbeitrag, in: Die Verhandlungen des achten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten am 10. und 11. Juni 1897 zu Leipzig, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1897, S.111. ↩
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Eugen Rosenstock (psnym: L. Stahl), Das Dritte Reich und die Sturmvögel des Nationalsozialismus, in: Hochland 28. Jg. (Juni 1931), S.193-211. Der Aufsatz hat eine Welle von Fehldeutungen ausgelöst: Der junge Georg Picht hat aus dem mündlich in seinem Elternhaus vorgetragenen Aufsatz Sympathie für den Nationalsozialismus herauslesen wollen und damit den Mahner zum Propagandisten gestempelt: Georg Picht, Die Macht des Denkens, in: Erinnerung an Martin Heidegger, hrsg.v. Günther Neske, Pfullingen: Verlag Günther Neske 1977, S.197-205; dieses Fehlurteil hat Rüdiger Safranski in seiner Heidegger Biographie ungeprüft übernommen: ders., Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit München: Hanser Verlag 1994, S.271. ↩
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Eugen Rosenstock, Judas Ischariot und die preußischen Konservativen. Zum Auftreten der politischen Diabolik, in: Hochland 29. Jg. (April 1932), S.1-16. Beide Aufsätze abgedruckt in: Eugen Moritz Friedrich Rosenstock-Huessy (1888-1973), Tumult No.20, hrsg.v. Frank Böckelmann, Dietmar Kamper, Walter Seitter, Wien: Verlag Turia & Kant 1995. ↩
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Raymond Klibansky, Erinnerung an ein Jahrhundert. Gespräche mit Georges Leroux, Frankfurt a.M.; Leipzig: Insel Verlag 2001, S.71ff. ↩
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2026 versuchte der Großneffe Dietrich von Bonhoeffers vor Beginn der zentralen Gedenkstunde den Kranz der AfD zum 82. Jahrestag des 20. Juli zu entfernen. ↩
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Hier der Wortlaut zitiert nach den Schlüsseldokumenten der Bayerischen Staatsbibliothek: www.1000dokumente.de. Das Zitat im Buch ist ungenau: vgl.: Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026, S.282. ↩
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Peter Steinbach, Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der 20. Juli 1944, in: Der 20. Juli 1944. Reden zu einem Tag der deutschen Geschichte, hrsg.v. Informationszentrum Berlin, Berlin: Wissenschaftlicher Autoren-Verlag 1984, S.62. ↩
-
Daß das traditionsreiche Infanterieregiment (Graf) 9 unter Ernst Busch in Berlin-Lichterfelde die Leibstandarte Adolf Hitler unter Sepp Dietrich (seit 1930 Reichstagsabgeordneter der NSDAP) ausgebildet hat, scheint die Forschung nie besonders interessiert zu haben. Die Fahne der Leibstandarte zierte ein Dietrich; die kamen überall rein, vielleicht auch 27.2.1933 in den Reichstag, vom Kronprinzenpalais aus? Der „bayerische Wrangel“ jedenfalls wurde am 17.3. vom Führer zum „persönlichen Begleiter“ ernannt. Für welche Leistung? ↩
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Ruth Hoffmann, Das deutsche Alibi. Mythos „Stauffenberg-Attentat“ – wie der 20. Juli 1944 verklärt und politisch instrumentalisiert wird, Goldmann 2024, S.385. ↩
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Ebda., S.395. ↩
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Ebda., S.288. ↩
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Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis <1904>, in: ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hrsg.v. Johannes Winckelmann, 6.Aufl., Tübingen: J.C.B.Mohr(Paul Siebeck) 1985, S.214. ↩
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Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026. Zum Hinweis auf die Einaltrigkeit, vgl.: Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. ↩
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Darauf hat Franz Herre in seiner Biographie verwiesen: Moltke. Der Mann und sein Jahrhundert, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1984. ↩
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Stammtafeln der Familien von Schnitzler, Deichmann und von Moltke bei: Frauke Geyken, Freya von Moltke. Ein Jahrhundertleben 1911-2010, 2., durchges. Aufl., München: Beck 2011, S.238-241. ↩
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Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke oder: Wie man den Mut zum Widerstand findet, München: C.H. Beck 2026, S.7. ↩
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Ebda., S.213. ↩
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Ebda., S.209. ↩
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Ebda., S.192. ↩
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Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.199. ↩
-
Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.169. ↩
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Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.193. ↩
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Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.203. ↩
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Dagegen formuliert der Sohn, Helmuth Caspar Graf von Moltke: „Ich habe natürlich immer gesehen, wie wichtig der Glaube für meine Eltern war. Ganz zentral in den schwierigen Monaten.“, in: Tim Pröse, Wir Kinder des 20. Juli. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte, München: Wilhelm Heyne Verlag 2024, S.240. ↩
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Eugen Rosenstock, Die rückwärts gelebte Zeit. Unsere Erfahrungen von 1918 bis 1928, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.113. ↩
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Die fünf Beiträge zu „Die Kreatur“ sind: Eugen Rosenstock, Lehrer oder Führer? Zur Polychronie des Menschen, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.1 (1926/1927), S.52-68; ders., Die Polychronie des Volks, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.4 (1926/1927), S.409-425; ders., Kirche und Arbeit. Eine Rede, in: Die Kreatur, 2. Jg. H.2 (1927/1928), S.158-180; ders., Die Gefangenschaft des Volkes. Eine Rede, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.61-85; ders., Die rückwärts gelebte Zeit. Unsere Erfahrungen von 1918 bis 1928, in: Die Kreatur, 3. Jg. H.1 (1929/1930), S.101-117. ↩
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Volker Ullrich, Helmuth James von Moltke, S.7f. ↩
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Eugen Rosenstock, Die Polychronie des Volks, in: Die Kreatur, 1. Jg. H.4 (1926/1927), S.413. ↩
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Anzuknüpfen wäre dabei an D. Melnikow, Der „Kreisauer Kreis“ und die Gruppe Stauffenberg, in: 20. Juli 1944. Die deutsche Opposition gegen Hitler im Urteil der ausländischen Geschichtsschreibung. Eine Anthologie, hrsg.v. Hans-Adolf Jacobsen, Bonn: Presse und Informationsamt der Bundesregierung 1969, S.197-214. ↩
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Tim Pröse, Wir Kinder des 20. Juli. Gegen das Vergessen: Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte, München: Wilhelm Heyne Verlag 2024, S.217. ↩
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Rainer Volk, „Ein ziemlich starkes Stück“. Klaus Harpprechts ungedruckter Essay zum 25. Jahrestag des 20. Juli 1944, in: VfZ 72, H.3 (2024), S.635. ↩
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Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert (Einbändige Gesamtausgabe), Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 1976, S.149. ↩
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Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler. Eine Würdigung, rev. Neuaufl., Frankfurt a.M.; Hamburg: Fischer Bücherei 1960. S.26. ↩
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Eugen Rosenstock-Huessy, Der Widersinn der Sinne, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 1. Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.86-109. ↩