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Mitteilungen 2026-08

Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft e.V.

„Die Sinne des Menschen widersprechen einander. Auge, Ohr, Nase, Tastsinn versetzen uns in vier einander entgegengesetzte Systeme. Wer hört, durch den strömen die Schallwellen hindurch. Er ist inmitten der Wellen die ihn mitbewegen. Musik wird deshalb fortreißend oder hinreißend genannt. Denn wir möchten mitsingen, möchten den Takt schlagen, aufspringen, tanzen, marschieren. Wir wiegen uns im Wogen der Klänge hin und her. Wir finden uns durchs Ohr innerhalb der Welt vor. Der Schauende aber ist wie gebannt von dem Anblick, der sich ihm bietet. Er bleibt stehen. Betrachten kann nur der, der wie angenagelt verharrt. Standpunkt und Weltanschauung verdankt der moderne Mensch der Kraft des Auges. Sie legt beide still, das Objekt und seinen Betrachter. Denn es stellt sie einander so gegenüber, als bewegten sie sich nicht in harmonischem Reigen, sondern seien beide mit der überirdischen Kraft ausgestattet, aus dem Tanz der Horen auszuscheiden und in einem sogenannten „Sein“ zu beharren. Dies zeitlose Sein rechtfertigt jedes Verbrechen, jede luziferische Lehre. So ist es das Wappen der Sinne-losen Geister. Die Nase ist unserem Geschlechtsleben zugeordnet. Denn das Anziehende und das Abstoßende, Blühen oder Verwesung, wird von ihr wahrgenommen. Der Geruch verrät die Richtung auf mehr Leben oder mehr Tod. Den Politiker macht die Nase, denn er muß wittern, ob da etwas mulmig ist, oder ob etwas verheißungsvoll ist. Dem Spürsinn verdanken wir, die siegreiche Sache der Zukunft wittern zu können und ebenso den Untergang des Abendlandes. Dieses Riechenkönnen, ob nun ein schönes Weib oder eine glänzende Entdeckung uns anziehen und nach sich ziehen, ist vom Auge und Ohr himmelweit getrennt. Es verkörpert ein ganz anderes Zeitsystem oder Zeitmaß. … Was tut nun der Tastsinn? Er verkörpert wieder ein anderes System als Auge, Ohr und Nase. Er gleitet ja an Gegenständen dahin, die wie die feste Straße, wie ein Treppengeländer oder ein Korridor unseren Lauf lenken. Das Wort „Korridor“, Laufbahn, ist beredt. Verfolgen wir es in die Welt des Tastsinns hinein, dann erfahren wir, wie diesem Sinn eine besondere Kunstwelt eignet.” Eugen Rosenstock-Huessy, Der Widersinn der Sinne, 1963, SpdMG, p.86-109

Vorstand/board/bestuur: Dr. Jürgen Müller (Vorsitzender);
Sven Bergmann; Dr. Otto Kroesen; Jan Kroesen;
Antwortadresse: Jürgen Müller, Vermeerstraat 17, 5691 ED Son, Niederlande,
Tel: 0(031) 499 32 40 59

Mitteilungen Dezember 2025

Inhalt

  1. Einleitung - Jürgen Müller
  2. Nietzsche neu betrachtet - Jan Kroesen
  3. Gegen eine Heimat von Verirrten - Sven Bergmann
  4. Helmuth James von Moltke, neue Literatur - Sven Bergmann
  5. Die vier Evangelien, Kreuz und Schnittpunkt - Otto Kroesen
  6. Rosenstock-Huessy: Zeitgeist, Mythos, Krieg - Sven Bergmann
  7. Jahrestagung: Wir als Kreatur: Sinne, Seele, Sprache - Otto Kroesen
  8. Mitgliederversammlung 11.10.2026 - Jürgen Müller
  9. Tagungsort und Anmeldung - Sven Bergmann
  10. Adressenänderungen - Sven Bergmann
  11. Hinweis zum Postversand - Sven Bergmann


1. Einleitung

Liebe Mitglieder und Freunde,

nachdem wir uns im vorigen Jahr unter dem Thema: „Die Gesellschaft als Tochter - Seelische Wandlung oder technische Zerstörung?” mit dem Endtext: „Antiope oder die Binität” des zweiten Bandes der Soziologie befasst haben, wollen wir uns in diesem Jahr Rosenstock-Huessys Bild vom Menschen als spannungsreiche Schöpfung anschauen. Diesen Reichtum zu gestalten angesichts fortschreitender technischer Automatisierung von Texten, Modellen und Systemen (KI) ist eine Aufgabe der wir uns stellen wollen.

Die Jahrestagung findet vom 9.10 - 11.10.2026 in Essen im Haus am Turm statt. Dazu und zur Mitgliederversammlung (unten mehr) eine herzliche Einladung.

Jürgen Müller

2. Nietzsche neu betrachtet

Bei den Treffen von Respondeo in den Niederlanden wurde mehr als einmal über Nietzsche gesprochen. Leitfaden dieser Diskussionen war ein Text von Rosenstock-Huessy über Nietzsche mit dem Titel „Die Funktion Nietzsches in der Kirche“, übersetzt aus dem Englischen von Otto Kroesen. Dieser Beitrag greift das Thema wieder auf, wird jedoch von der Verwunderung darüber getragen, was Rosenstock oft betont, nämlich dass das Evangelium, das Christentum, von Zeitalter zu Zeitalter immer wieder neu übersetzt werden muss. Der Glaube wird in verschiedenen Epochen je nach den Situationen und Problemen, die sich in diesen Zeiten aufdrängen, interpretiert. Das Christentum muss immer wieder eine Antwort auf historisch-kulturelle Kontexte geben. Nietzsche war in dieser Geschichte jemand, der sich äußerst sorgfältig und wahrscheinlich sogar mit Liebe mit dem Christentum auseinandergesetzt und es schließlich abgelehnt hat. Rosenstock-Huessy hat es nicht weniger gründlich untersucht und es akzeptiert. Ein größerer Unterschied scheint nicht denkbar. Auch die Wege, auf denen beide das Christentum interpretierten – in Ablehnung und Akzeptanz –, sind und bleiben unterschiedlich, trotz der auch hier bestehenden Gemeinsamkeiten. Die Töne jedoch, die sie in ihrer Interpretation des Christentums anschlagen, stimmen oft überraschend überein. Eine pauschale Ablehnung Nietzsches als Gottesleugner ist zumindest oberflächlich und nimmt dem Christentum (bzw. den Kirchen) die Chance, die Übertragung des Christentums auf die heutige kulturhistorische Situation auf einem guten Weg zu finden. Wer zu lange auf dem geraden Weg bleibt, ist bereits vom Weg abgekommen, bevor er es merkt, schreibt Rosenstock-Huessy. Dazu gibt es viel zu sagen, aber auf jeden Fall dies: Das Christentum muss den Dissidenten, die es kritisieren und in einer neuen Sprache präsentieren, aufmerksam zuhören. Nietzsche war und ist ein Kritiker. Rosenstock greift in seiner Wiederbelebung des Christentums vieles auf, was Nietzsche in seinem Werk und Leben verarbeitet hat, gibt dem aber auch eine eigene Interpretation.

Den Glauben verlieren und bewahren.

Das ist die Frage, die sich durch diesen Beitrag zieht. Und vielleicht auch die Frage, wie man den Glauben bewahren kann. Die gesamte Philosophie Nietzsches untergräbt das christliche Denken und alle daraus hervorgegangenen Strömungen (man denke an Humanismus, Sozialismus, Liberalismus). Und alle Christentümlichkeiten1 die Nietzsche ins Visier nimmt, finden sich in erheblichem Maße auch bei Kierkegaard wieder (etwa ein halbes Jahrhundert vor Nietzsche). Der christliche Glaube sei von den Menschen zu sehr vereinfacht worden, so Kierkegaard. So wie Ingenieure und Techniker das Leben erleichtern, indem sie Maschinen entwickeln, die uns die Arbeit erleichtern oder gar abnehmen, so haben Theologen den Glauben vereinfacht. Hinter dem Schutzschild der göttlichen Gnade, so glauben wir, können wir Gott täuschen und so tun, als würden wir ein anständiges Leben führen. Das gesamte Christentum ist in dieser Hinsicht eine Maskerade, hinter der wir unsere Gaunereien verbergen. Sein Rezept: Den Preis des Christentums wieder in die Höhe treiben. Es muss wieder etwas kosten, wenn man sich als Christ bezeichnen will. Sowohl Kierkegaard als auch Nietzsche „spüren“ den Verfall des Christentums.

Rosenstock lässt in seinem Werk, genau wie Nietzsche, das Christentum stets mit einfließen. Es spielt sogar eine zentrale Rolle. Nicht immer im Vordergrund, aber sicherlich im Hintergrund. Ständig zeigt er die Wirkung, die es im Laufe der Geschichte als Ferment ausgeübt hat. Und nicht nur dort, sondern auch in der Beschreibung des Phänomens der Zeit. Beides hängt zusammen. Im Erspüren des Verfalls des Christentums (siehe oben) erhält die Bemerkung über die Gefahr, zu lange auf dem geraden Weg zu bleiben, ihre Wahrheit.2 Trotz aller Verfallsprozesse betont Rosenstock-Huessy immer wieder, dass wir in einer christlichen Zeitrechnung leben. Allerdings handelt es sich dabei um eine Zeitrechnung, die trotz aller auftretenden Auflösung (Nietzsche) das Zeichen einer Zukunftserwartung trägt, einer einst gegebenen Verheißung, die auf ihre Erfüllung wartet. Zwischen diesem Versprechen und seiner Erfüllung leben wir, ausgestreckt am Kreuz der Wirklichkeit, zwischen Zukunft und Vergangenheit, in einer inneren und einer äußeren Welt. Zwischen Leiden und Sehnsucht, Vergessenheit und Wahnsinn.

Wie bereits erwähnt, schätzt Rosenstock-Huessy Nietzsche sehr. Norman Fiering bestätigt dies in seinem Buch „Understanding Rosenstock-Huessy“. Dort befasst er sich mit der Frage, wodurch Veränderungen im Lauf der Geschichte zustande kommen. Sind es die unpersönlichen sozioökonomischen Kräfte, die den Lauf der Geschichte bestimmen, oder sind es bestimmte Männer oder Frauen in spezifischen Situationen, die dafür sorgen, dass die Dinge eine andere Wendung nehmen? Rosenstock-Huessy entscheidet sich für Letzteres, sogar – so könnte man sagen – wenn dies auf der Grundlage einer spirituellen Motivation geschieht. Vor dem Hintergrund des heutigen säkularen und wirtschaftlichen Klimas klingt das fast wie ein Anachronismus. Ein inspirierter Mensch bringt Opfer und geht Risiken ein, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. „Ob es nun Gottes Wille ist, der sich in historischen Umständen manifestiert, oder nicht (darüber können wir nur spekulieren) – wenn dem so ist, dann manifestiert sich dies ausschließlich in mutigem, bahnbrechendem individuellem menschlichem Handeln.“3 Man könnte hinzufügen: „Auch wenn das bedeutet, dass Opfer gebracht werden müssen und manchmal sogar das höchste Opfer, nämlich das eigene Leben.“ Diese Sätze von Norman Fiering lassen sich nicht nur auf Märtyrer anwenden, sondern auch auf Nietzsche. Man kann gute Argumente dafür anführen, dass auch er sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hat und dass er in dieser Hinsicht christlicher war, als er selbst zugeben wollte. „Jesus zeigte, wie ein Mensch das Recht erlangte, als Ebenbild Gottes bezeichnet zu werden […] Nietzsche zeigte, was geschah, wenn ein Mensch diese Meisterschaft nicht erlangte: Er zerfiel in Stücke“, so Rosenstock-Huessy.4 Ein Satz, der verdeutlicht, welchen Titanenkampf Nietzsche letztendlich führte.

Rosenstock-Huessy denkt und argumentiert (im Gegensatz zu dem, was Nietzsche will) aus einer christlichen Perspektive und macht keinen Hehl daraus, dass Gott für ihn eine Bedeutung für das praktische Leben hat. ……. „Für Rosenstock-Huessy ist der ‚menschliche Geist‘ schlichtweg der moderne Euphemismus für den altmodischen ‚Heiligen Geist‘ im religiösen Diskurs.“5 An mehreren Stellen, sowohl in der „Soziologie“ als auch in der „Sprache des Menschengeschlechts“, finden sich Bemerkungen, in denen das Christentum und sein Wert für die Geschichte und die Sprache zum Ausdruck kommen. Vielleicht interessiert sich Rosenstock-Huessy gerade deshalb so sehr für Nietzsche, weil dieser die Krise, die das Christentum bereits seit 2000 Jahren in sich trug, aufdeckte – und zwar gerade als Kind des Christentums. Und das konnte er vor allem deshalb tun, weil er ein Kind des Christentums war. Nietzsche, der sich ohne Umschweife als „Antichrist“ bezeichnete. Niemand wollte das sein – weder der Papst (Luther) noch der Kaiser, noch Putin und Trump –, aber Nietzsche schon.

Hat Nietzsche damit also zu einer solchen Wende in der Geschichte beigetragen? Diese Frage lässt sich sowohl mit „Ja“ als auch mit „Nein“ beantworten. Zunächst einmal schreibt Rosenstock selbst dazu, dass er immer das Gefühl gehabt habe, dass mit Nietzsche „etwas Endgültiges geschehen ist“. „Ein Stellvertreter (Avatar) des Heiligen fand hier sein Ende“. 6 Nietzsche war aus seiner Zeit herausgetreten. Nietzsche rechnet mit den 2500 Jahren vor ihm ab, und eine neue Epoche (Äon) beginnt. Darin liegt das „Ja“: Tatsächlich kam etwas, ein Zeitenwandel, zu seinem Ende. Das „Nein“ liegt darin, dass es nach seinem Tod noch eine Weile (vierzehn Jahre) dauerte, bis der Erste Weltkrieg ausbrach, und 40 Jahre, bis der Zweite Weltkrieg begann. Beide Kriege und ihre Folgen wurden von Nietzsche vorausgeahnt.7 Er „ahnte“, dass eine andere Zeit bevorstand. Eugen Rosenstock betrachtet diese Gewaltausbrüche als eine Revolution, in deren Mitte wir uns noch immer befinden. Es drängt sich die Frage auf: Wäre es anders gekommen, wenn das Christentum in jenen Jahren eine verkörperte existenzielle Kraft gewesen wäre? Und wie sieht es dann mit unserer Zeit aus?

Die Masken Nietzsches.

Zurück zur Beziehung zwischen Rosenstock-Huessy und Nietzsche: Man kann sagen, dass Rosenstock ein doppeltes Verhältnis zu Nietzsches Werk hatte. Einerseits war er, so Norman Fiering, vom Inhalt von Nietzsches Werk überhaupt nicht so beeindruckt. Andererseits hegte er tiefe Ehrfurcht vor der Art und Weise, wie Nietzsche sein Leben führte, denn für Rosenstock ist es gerade das existenzielle Engagement für das eigene Dasein, das den Ausschlag gibt. Gerade indem er die verschiedenen Phasen von Nietzsches Leben als „Zeiten“ bezeichnet, betont Rosenstock die Bruchlinien in dessen Leben. Und Bruchlinien tun oft weh.

Nietzsche erhielt schon in sehr jungen Jahren eine Anstellung an der Universität Basel, verließ diese jedoch wieder, während der „einzige universelle Ehrgeiz eines jeden Deutschen darin bestand, Professor werden zu wollen“.8 Rosenstock hat sich in diesen heftigen Wendungen wiedererkannt, angesichts der Bruchlinien in seinem eigenen Leben. Er hat vor allem untersucht, wie diese, aber auch andere Brüche im Leben Nietzsches zu dessen Werk geführt haben. Vielleicht sollte man eher sagen: zu der Sprache, die er in seinem Werk verwendet. Rosenstock spricht von den Masken Nietzsches und unterscheidet drei davon. Da war zunächst der „Professor Emeritus, der körperlich schwache und dekadente Nietzsche“. In den Biografien, die über Nietzsche geschrieben wurden, ist darüber viel zu lesen. Er litt unter starken Kopfschmerzen und Sehstörungen, die so schwerwiegend waren, dass er seine Professur in Basel aufgeben musste. Die zweite Maske (Phase, Periode) war das, was Rosenstock als den „brutalen Nazi-Nietzsche“ bezeichnet. Damit ist nichts übertrieben. Die Art und Weise, wie Nietzsche sich über die Sklavenmoral, den Antisemitismus und das Christentum geäußert hat, ist schlichtweg verwerflich und fragwürdig. In unserer antisemitisch sensiblen Zeit würde dies sofort Proteste hervorrufen. Über diese Passagen in Nietzsches Werk ist daher viel geschrieben worden. Umso bemerkenswerter ist die Beschreibung, die Rosenstock zu dem liefert, was er als Nietzsches zweite Maske bezeichnet:

„Indem er sich aus seiner eigenen Epoche des Fortschritts zurückzog, sah er das Ende dieser Ära der reinen Ausbeutung, des ‚letzten Menschen‘, voraus, und da er dies voraussah, musste er sich bis zu einem gewissen Grad mit der Generation gewalttätiger Zerstörer identifizieren, die diese dekadenten Jahrzehnte verwüsten würden. Er sah die Schrecken einer unbeschreiblichen Explosion voraus. Für ihn war diese unvermeidlich, gerade aufgrund der Tatsache, dass seine Zeitgenossen ihr gesamtes Hab und Gut in ihre eigene Zeit investiert hatten, aufgrund der Tatsache, dass das Tragische aus dem Leben verschwunden war. Niemand glaubte an ein Ende dieser Welt. Deshalb konnte diese Welt nicht überleben.“9

Mit anderen Worten: Weil Nietzsche über den Tellerrand hinausblickte und sich nicht nur auf die Zeit beschränkte, in der er lebte, konnte er solche Schrecken beschreiben und dabei für eine Zeit schreiben, die nach ihm unweigerlich kommen würde. Wenn wir diese Beschreibungen nur aus der Perspektive unserer eigenen Zeit, aus unserer eigenen Normativität herauslesen, übersehen wir Nietzsches Genie, das die damals noch bevorstehende Zeit vorausahnte. Er erkannte, dass der Schrecken auch von jemandem verwirklicht werden musste. Es klingt wie: „Wehe dem Menschen, der die Falle stellt.“10

Die dritte Maske, die Nietzsche trägt (oder sollte man sagen: die er ist), ist die des Zarathustra. Nietzsche übt in seinem Werk ständig Kritik an der europäischen Kultur und insbesondere an der deutschen Kultur, doch hier, in seinem Buch „Zarathustra“, ist er nicht nur Kritiker, sondern zugleich auch „Gesetzgeber“. In diesem Werk hat er auch etwas zu der Zeit zu sagen, die nach der Katastrophe kommt. Um sich dieser Zukunft anzunähern, kehrt Nietzsche in diesem Buch in eine Zeit vor Christus zurück und legt dem persischen Propheten Zarathustra seine Worte in den Mund. Er gibt damit vor, ein vorchristliches Vokabular anzuschlagen. Man kann sich fragen, ob das möglich ist. Ein jeder Kritiker muss hier doch Fragen stellen: Kann ein Mensch so sehr unzeitgemäß11 werden, dass er sich selbst außerhalb der Zeit verorten kann? Nein, natürlich nicht, aber es ist, als würde Nietzsche einen Versuch in diese Richtung wagen. Bemerkenswert ist, dass Gott im „Zarathustra“ eigentlich nirgendwo abwesend ist. Er wird jedoch nie wieder griechisch, könnte man sagen. Himmel, mythische Orte, Heilige – sie alle kommen im „Zarathustra“ vor, aber immer als etwas, das nicht mehr existiert. Das Buch beginnt sogar damit. Als Zarathustra den Berg hinuntergeht, begegnet er einem Greis. Dieser warnt Zarathustra. „Geht nicht zu den Menschen und bleibt im Wald. Besser noch, geht zu den Tieren.“ [..] „Und was tut der Heilige im Wald?“, fragte Zarathustra. „Ich komponiere Lieder und singe sie. Und wenn ich Lieder komponiere, dann lache ich, dann weine ich und dann knurre ich: So preise ich Gott.“ Zarathustra hörte ihm zu, grüßte den Heiligen nach einigem Gespräch und sagte: „Aber ich will mich schnell auf den Weg machen, damit ich Ihnen nichts wegnehme!“ Und so trennten sie sich, der Greis und der Mann, lachend wie zwei Kinder lachen.

Als Zarathustra jedoch wieder allein war, sprach er so zu seinem Herzen: „Wäre es denn doch möglich! Dieser alte Heilige hat in seinem Wald noch nicht gehört, dass Gott tot ist!“ Was Zarathustra dem Einsiedler nicht nehmen will (seinen Glauben), lässt er auf diese Weise seinem Leser doch noch wissen.

Durch die Verwendung des Begriffs „Masken“ für diese Phasen in Nietzsches Leben wird der Eindruck erweckt, dass sich hinter dieser Maske die persönliche Realität Nietzsches (oder eines jeden anderen) verbirgt. Damit wird Nietzsche jedoch auf einen Schauspieler reduziert, der streng zwischen seinem gesellschaftlichen Handeln und der Rolle, die er auf der Bühne spielt, unterscheidet. Es ist jedoch fraglich, ob man eine solche Trennung strikt annehmen kann. Die Maske, die man trägt, ist meist auch die Person, die man ist. Es gibt sozusagen keine bessere Maske als die des eigenen Selbst. Die Maske ist also auch Gestaltung, ein Spiel, in dem ein Mensch sich selbst spielt. Rosenstock-Huessy charakterisiert Nietzsche anhand der drei soeben skizzierten Masken. Eine davon hat eindeutig mit der gesellschaftlichen Funktion eines Professors zu tun: seine jungen Jahre. Die beiden anderen, die Rosenstock-Huessy erwähnt, sind dem Werk Nietzsches entnommen: der Nazi-Nietzsche und Zarathustra. Diese entsprechen grob gesagt der Einteilung von Rosenstock-Huessy in die drei Phasen der Jugend, des Erwachsenwerdens, in der man die Tücken der Arbeit und der gesellschaftlichen Verantwortung kennenlernt, und schließlich die des Senioren, der in der Lage ist und darin seine Berufung sieht, jungen Menschen beizubringen, wie man sich in den Bereichen Politik, Gesellschaft und Arbeit verhält. Die Maske hat jedoch sowohl einen Vordergrund als auch einen Hintergrund. Jede Maske verbirgt auch mehr, als sie zeigt. Nietzsche konnte es nicht ertragen, dass seine tiefsten Sorgen von oberflächlich lebenden Menschen zu Karikaturen verzerrt würden. Seine wahren Absichten konnten oft nicht zum Ausdruck gebracht werden, ohne Vorurteile und Unverständnis hervorzurufen. Zudem ermöglichten es ihm die verschiedenen Masken, seine Kritik mit außerordentlicher Schärfe und Intensität vorzubringen und seine Botschaft zu vermitteln. Dabei scheute er weder Übertreibungen noch Provokationen, die dazu beitrugen, seine Zeitgenossen, seine Leser, aber sicherlich auch das Christentum wachzurütteln. Zu diesem Ziel trägt auch sein aphoristischer Schreibstil bei. Nicht zuletzt aus diesen Gründen ist auch der Zarathustra in einem Stil verfasst, der nur von Menschen durchschaut werden kann, die sich wirklich damit auseinandersetzen wollen. 12

Die Sprache, in der der „Zarathustra“ verfasst ist, ist wunderschön. Schon allein deshalb ist es ein Vergnügen, Nietzsche zu lesen. Die Sprache, derer er sich bedient, ist oft verführerisch, scharfsinnig, poetisch, dann wieder furchtbar realistisch und manchmal auch grausam. Im gesamten „Zarathustra“ spielt er mit Klängen, Bildern, Gefühlen, Instinkten und Sehnsüchten, übt Kritik, vermittelt seinen Anhängern Erkenntnisse, warnt sie aber immer wieder davor, ihm zu glauben oder ihm zu folgen. Es geht darum, dass jeder seine eigenen Werte schafft und findet.13 Rosenstock dazu:
„Er (Nietzsche) schöpfte aus den Formen des menschlichen Sprechens. Dies wurde nie ausreichend untersucht (begründet), weil die Kirchenväter die Vielfalt menschlicher Sprachstile nie ernst genommen haben. […] Nietzsche offenbarte mir die Tatsache, dass er die Tasten berührt hatte, auf denen unsere Seele sprechen kann. Sein Wahnsinn kam zum Vorschein, als er auf jeder dieser Tastaturen meisterhaft gespielt hatte und keine Reaktion erhielt.“14

Damit erkennt Rosenstock an, dass Nietzsche bereits jene Register der Sprache nutzte, die er selbst später in seinem eigenen Werk (u.a. die Sprache der Seele) analysierte. Register wie Kritik, Prophezeiung, neue Gesetzgebung und Selbstoffenbarung. Zuerst kommt das Leben, dann die indikative Ausarbeitung und Analyse desselben. Nichts kann als bewiesen gelten, es sei denn, es wurde zuvor gelebt. Dieses verkörperte Sprechen ist genau das, worauf Rosenstock-Huessy abzielt und was er auch bei Nietzsche wiederfand. In dieser neuen Sprache war Nietzsche „unzeitgemäß“, so wie auch Eugen Rosenstock selbst erfahren hat, nicht in die Zeit zu passen, in der er lebte, unzeitgemäß zu sein. Ein solches verkörpertes Sprechen spürt Rosenstock-Huessy in seinem Werk immer wieder auf.

Der Tod Gottes – Der Narr.

Nietzsche war entsetzt über das, was er „den Tod Gottes“ nannte. Mit dieser Feststellung markiert er den Endpunkt einer 2500-jährigen kulturellen Entwicklung, die sich größtenteils unter dem schützenden Dach des Christentums vollzogen hat. Während dieses gesamten Zeitraums hat nach Nietzsches Einschätzung die Spannkraft dieser Kultur im Allgemeinen und des Christentums im Besonderen kontinuierlich nachgelassen. Nietzsche misst dem deshalb so große Bedeutung bei, weil das Christentum nicht „nur“ Religion, sondern vor allem auch Moral war. Das Christentum hat den Menschen beigebracht, wie sie leben sollen, welche Regeln sie als Leitfaden für ihr Leben nutzen sollen und wen sie um Rat fragen können. Die mittelalterliche Kirche hat disziplinierend in das Leben der europäischen Menschen eingegriffen. Nicht nur eine „Lebenskultur“, sondern auch die Rechtskultur hat sich unter dem Schutz der Kirche an zahlreichen Universitäten im christlichen Europa entwickelt. Dort wurde als erstes Theologie gelehrt, da sie den Klerus bei der Beratung der Gläubigen unterstützen sollte. Das Europa der Päpste und Kaiser.

Nietzsche sah voraus, dass mit dem Tod Gottes auch das gesamte System der Lebensregeln, der Trost, den die Kirche bieten konnte, die geltende Moral und das Recht zugrunde gehen würden. Wir sehen heute, zweihundert Jahre nach Nietzsche, wie sich dies um uns herum in den Vereinigten Staaten und in Europa abspielt. Demokratie und Recht stehen überall unter Druck und werden im aktuellen (geo-)politischen Klima beschädigt und untergraben. Als würden Nietzsches Vorhersagen gerade Wirklichkeit werden. Übrigens glaubte zu Nietzsches Zeiten noch niemand wirklich an solche Phänomene. Jetzt, achtzig Jahre nach den Weltkriegen, ist das Christentum von einer das Leben regelnden Institution mehr oder weniger zu einem Randphänomen der Gesellschaft geworden. Nietzsche hat sicherlich dazu beigetragen.15 Und man muss vielleicht auch hinzufügen, dass das Christentum darauf nicht vorbereitet war, weil es zu billig und zu bequem geworden war.

Als Nietzsche den Tod Gottes verkündete, ließ er dies durch einen Narren, einen Verrückten, zum Ausdruck bringen, der auf dem Marktplatz inmitten der Händler, die schon lange nicht mehr an Gott glaubten, eine Laterne anzündete und rief: „Gott ist tot“. Die Menschen (Händler, Kunden) auf dem Markt lachen und verspotten diesen Mann. Es berührt uns kaum noch (wenn wir uns in dieses Spiel hineinversetzen), dass jemand so etwas ruft: Gott ist tot. Auch die meisten Menschen auf dem Marktplatz, auf dem sich Nietzsches Narr aufhält, bleiben davon unbeeindruckt. „Der verrückte Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.“ Die Händler sind dennoch ein wenig beeindruckt davon. Wenn jemand spricht und es aus tiefstem Herzen kommt, dann gehen von seinen Worten Kraft und Einfluss aus. Sie wirken verstörend. Wie weit seine Worte reichen, zeigt sich in Sätzen wie: „Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten?“ Drastische Aussagen, die besagen, dass das Leben auf der Erde, wie wir es kennen, zu Ende ist.16 Das bedeutet nichts mehr und nichts weniger, als dass Europa seine Orientierung, sein Ziel und seine Richtung verloren hat.

Paul van Tongeren schreibt in seinem Kommentar zu diesem berühmten Text, dass der Tod Gottes und die zurückbleibende Leere ein Ereignis sind, das sich nicht begreifen lässt. Nicht in seiner Tiefe, Höhe und in seinem Ausmaß.17 „Gott ist tot“ bedeutet: Es gibt keinen Sinn mehr. Was bleibt, ist Nihilismus. Keiner der Kaufleute und keiner von uns erlebt das so, wie Nietzsche es erlebt hat. Wenn der gute Gott nicht mehr existiert, sind wir letztendlich dem Bösen ausgeliefert. Es ist nur die Frage, ob wir das ertragen können. Solche Fragen werden nur selten gestellt. Nicht einmal nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und den Gulag-Lagern in Russland. Dieser verkündete Niedergang der Kultur vollzieht sich jedoch nicht von heute auf morgen. Er mag zwar Aufschwünge kennen, doch der bereits in Gang gesetzte Zerfallsprozess schreitet unaufhaltsam voran. Man findet den Schatten Gottes noch immer in der Welt um sich herum, aber auch dieser wird verschwinden. Die säkularisierte Gegenwart zeugt davon. Die leeren Kirchengebäude sind die „Grabsteine Gottes“.18 ……. Und niemand macht sich darüber große Sorgen, so Paul van Tongeren.19 Es ist zu viel, um es zu begreifen, und der gesamte Prozess verläuft so langsam, dass wir, beschäftigt mit den alltäglichen Sorgen, eigentlich nichts Beunruhigendes daran bemerken. Das zu Ende gehende Zeitalter verliert nur langsam seinen Einfluss.

Nietzsche (in den Worten des Narren) ist jedoch von einer existenziellen Angst erfasst, die die Umstehenden des Narren auf dem Marktplatz nicht teilen. Auf diese Weise gewinnt der Nihilismus unter uns die Oberhand. Die Assoziation mit den aktuellen politisch-wirtschaftlichen Entwicklungen, in denen mächtige CEOs über globale Konzerne Machtspiele treiben, Lügen und/oder Halbwahrheiten verbreiten und lokal auf nationalistische Gefühle eingehen – womit Politiker notgedrungen rechnen müssen, um keinen Stimmenverlust an populistische Führer zu erleiden –, liegt auf der Hand. Diese wiederum unterhalten oft enge Verbindungen zu großen globalen Technologieunternehmen. Der gesamte Macht- und Produktionsapparat scheint vom Gift des Nihilismus durchdrungen zu sein, das den Tod Gottes in der Gesellschaft hinterlässt. Man kann sich fragen, wozu und wem das gut sein soll. 20

Der Wille zur Wahrheit, der Drang zum Nihilismus.21

Wo liegt nun die Triebkraft für all diese Überlegungen Nietzsches? Sie liegt genau im Wahrheitsbegriff des Christentums. Der christliche Anspruch auf Wahrheit und ein wahrhaftiges Leben, in dem man sich ehrlich zu sich selbst, zur Welt und zu Gott bekennen muss, bildet die Grundlage für seine Kritik am Christentum. Der Anspruch auf Wahrheit – oder, wie Nietzsche es formuliert, der Wille zur Wahrheit – verlangt, dass man ständig kritisch hinterfragt, ob das, was man als Wahrheit ansieht, auch wirklich die Wahrheit ist. Und dann kommt man früher oder später zu der Erkenntnis, dass die Wahrheit – sei es nun Gott oder der Teufel – ein von Menschen geschaffenes Konstrukt ist. Die Maskerade, die sie ins Leben gerufen haben, hat sich im Christentum fortgesetzt, das einen allmächtigen Gott im Himmel schuf, der über einen Plan verfügte, in dem letztendlich alles, einschließlich des Bösen und des Leidens, zu einem guten Ende kommen würde. Das tatsächliche Leben im Jenseits wird dadurch geleugnet.

Diese Verleugnung und Unterdrückung führt zur Versklavung, zur Unterwerfung unserer Impulse, unserer Instinkte und unserer Sehnsüchte. Wenn Nietzsche vom Nihilismus spricht, dann beginnt dies bei Platon und Sokrates. Das Christentum trägt ihn weiter in die Welt und durch die Zeiten, indem es ihn für allgemein gültig erklärt. Nietzsche zeigt, dass ein solch großer Plan (Gottes ewiger Ratschluss), eine solch große Allgemeingültigkeit nicht existiert. Damit stehen wir plötzlich unter freiem Himmel inmitten von Chaos und Vergänglichkeit. Der heilige Schirm, unter dem wir Schutz finden konnten, ist damit endgültig verschwunden. Um die Unwahrheit des Christentums aufzudecken, bedient sich Nietzsche gerade der christlichen Wahrheitsvorstellung. Eigentlich ist das noch zu schwach ausgedrückt. Er war dem Christentum so nahe gekommen, war seiner Wahrheit so sehr nahe gewesen, dass es zu seinem Antrieb wurde, das Christentum zu kritisieren. „Ich habe mich zu nahe am Christentum aufgehalten“, oder Worte ähnlicher Bedeutung, schreibt Nietzsche an einer Stelle. Als ob er als Christ, der alles hinterfragt, gar nicht anders könnte, als darauf hinzuweisen, dass das Christentum nicht die Wahrheit verkündet.

Es ist eine Entlarvung, die sich im Denken Nietzsches vollzieht, aber nicht nur dort. Er hat sie in seiner Einsamkeit auch am eigenen Leib erfahren. Für Menschen, die die Schrecken zweier Weltkriege, den Holocaust und die Millionen Opfer Stalins erlebt haben, an die man sich noch immer erinnert, ist sie zu einer praktischen Realität geworden. Das geht noch einen Schritt weiter. Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese von Staaten legitimierten Massaker auf keine Weise mit dem Gott (dem Gottesbild) des Christentums in Einklang zu bringen sind. Was ist eine Gottheit wert, die sich nicht darum kümmert, dass wir Menschen nur Sterbliche sind? Letzteres ist ein griechischer Seufzer in Bezug auf die olympischen Götter. Der heutige säkulare Diskurs, in dem Gott tatsächlich tot ist – man könnte eigentlich auch sagen: der heutige nihilistische Diskurs –, die anhaltende Skepsis gegenüber dem Christentum lässt sich zu einem großen Teil darauf zurückführen. Es ist ironisch, dass dieser griechische Seufzer am Anfang der Säkularisierung steht, in der wir uns befinden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele ihren Glauben aufgrund eines griechischen Gottesbildes verloren haben. Nietzsche hat die Sprache geprägt, mit der man dem Christentum und dem gesamten 2000-jährigen Zeitalter, für das es steht, abschwören kann.

Den großen Plan, die große Allgemeinheit einer göttlichen Vorsehung, gibt es nicht. Die Ordnungen, in denen Europa jahrhundertelang gelebt hat, haben damit kein Ziel, keinen letztendlichen Sinn und keine tragende Grundlage.
Die Rolle des Gottes des Christentums als Garant für die Realität der Existenz und deren letztendliche Sinnhaftigkeit hat ausgedient. Aber es war eben ein Gottesglaube, an dem sich niemand stören kann, würde Kierkegaard anmerken.22 Die „Aufwertung“ des Christentums, von der zu Beginn die Rede war, besteht gerade darin, den Ärger über das Christentum ernst zu nehmen, wie Nietzsche es auf seine Weise getan hat. Den Glauben zu nutzen, um sich ewige Seligkeit zu verschaffen, ist ein Christentum, das nichts mehr zu sagen hat. Nietzsche, der „Nazi-Nietzsche“,23 so Rosenstock, scheut kein Mittel, um seine Verachtung für diesen Glauben zum Ausdruck zu bringen.

Nietzsche ist zu seiner Zeit davon überzeugt, dass er eine Geschichte beschreibt, die noch kommen muss. „Was ich erzähle, ist die Geschichte der nächsten zwei Jahrhunderte. Ich beschreibe, was kommen wird, was gar nicht anders kommen kann: den Aufstieg des Nihilismus. Diese Geschichte lässt sich bereits jetzt erzählen: Denn die Notwendigkeit selbst ist hier am Werk. Diese Zukunft spricht bereits aus hundert Zeichen, dieses Schicksal kündigt sich überall an; alle Ohren sind bereits auf die Musik der Zukunft gespitzt. Unsere gesamte europäische Kultur steuert schon seit langer Zeit mit einer quälenden Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunimmt, auf so etwas wie eine Katastrophe zu: unruhig, gewaltsam, in rasendem Tempo: wie ein Strom, der seinem Endpunkt entgegenstrebt, der nicht mehr nachdenkt, der Angst hat, nachzudenken.“24 Der Nihilismus (nicht mehr nachdenken wollen), den Paul van Tongeren immer wieder betont, über den sich niemand Gedanken macht, der aber dennoch eine Bedrohung darstellt. 25

Der Seiltänzer und seine Seele.

Nietzsche hat sich große Mühe gegeben, einen Ausweg aus dem Nihilismus zu finden. Seine Theorie vom Übermenschen ist als ein Versuch in dieser Richtung zu verstehen. Dort, wo die Wertvorstellungen seiner Zeit zerfallen und ihre Bedeutung verlieren, wird der Mensch selbst zu demjenigen, der neue Werte schaffen muss. Dazu muss ein neuer Menschentyp entstehen. Bereits zu Beginn des „Zarathustra“ schreibt Nietzsche darüber. Der Mensch, so sagt er, sei ein Übergang. Zarathustra, der zu Beginn des gleichnamigen Buches vom Berg zum Volk hinabgestiegen ist, spricht auf dem Markt zu den Menschen, während er auf einen Seiltänzer wartet, der seine Künste vorführen wird. Dieser Seiltänzer bildet hier ein Hintergrundmotiv, das durch die gesamte Erzählung hindurch eine Rolle spielt und dadurch zugleich in den Mittelpunkt rückt.

Zarathustra spricht: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist ein Wesen, das überwunden werden muss. Was habt ihr getan, um ihn zu überwinden?“ Und eine Seite weiter: „Der Mensch ist ein Seil, gespannt zwischen Tier und Übermenschen, ein Seil über einem Abgrund.“ […] Ich liebe jene, die nicht zuerst hinter den Sternen einen Grund suchen, unterzugehen und Opfer zu sein: Sondern die sich für die Erde opfern, damit die Erde einst dem Übermenschen gehören werde. Zarathustras Traum ist es, dass der Mensch vergeht und der Übermensch kommt. Der Mensch muss die Leidenschaft (Lust) für die Zukunft kennenlernen.26 Sogar das Opfer kehrt im Zusammenhang mit dem Herannahen der Zukunft in gewisser Weise zurück.27 Dieser Sinn für die Zukunft, aber auch das „die Erde kennenlernen“ und das Opfer sind alle drei im gesamten Zarathustra präsent. Immer wieder klingt darin an, dass die Menschen ihr Vertrauen nicht mehr in überirdische Regionen projizieren sollen. Diejenigen, die das sagen, sind Giftmischer, die mit ihren Gedanken noch in einer Zeit verweilen, die eigentlich längst vorbei ist. Nietzsche, Zarathustra will nach einer fernen Zukunft greifen. Das Schaffen neuer Werte ist etwas, das ihn mit großer Sehnsucht erfüllt. Dieses Schaffen erfordert jedoch große Verantwortung und großen Einsatz. Zarathustra möchte, dass die Menschen lernen selbst zu denken und zu gestalten. Und auch er selbst muss noch lernen, was er seinen Schülern (den freien Geistern) vor Augen führt. Erst wenn diese Lehren in neuen „Menschen“ verkörpert sind, in „Menschen“, die über den Menschen hinausgehen, in Menschen jenseits des Menschen, in Übermenschen, erst dann beginnt die Zeit nach dem Nihilismus. In den Beschreibungen des Übermenschen geht es Nietzsche also um den Menschen. Um eine Transformation des Menschen.28 Solche Nietzsche’schen Tendenzen erinnern doch stark an den Menschen des dritten Jahrtausends bei Rosenstock-Huessy. Im Übergang vom zweiten zum dritten Jahrtausend geht es nicht mehr um die Frage, wie die Welt funktioniert, sondern um die Frage, wofür man als Mensch steht.

Nietzsche ist daher nicht nur jemand, der mit dem Hammer philosophiert, sondern jemand, der konstruktiv sein kann. Viktor Kal zeigt dies in seinem neuesten Buch „Der Augenblick“ deutlich. Die Seele des Menschen Zarathustra kann einen Reichtum erfahren, für den sie keine Worte findet. Trotz der Entzauberung, die der Tod Gottes mit sich bringt, bleibt Nietzsche nicht beim Tod Gottes stehen, sondern versucht, die Seele erneut mit einer verlockenden Perspektive auf die Zukunft zu verzaubern. Diese Zukunft, verkörpert in der Figur des Zarathustra, wird von Rosenstock-Huessy als der Regierende der dritten Lebensphase gedeutet, als der Gesetzgeber, den Nietzsche auf die Bühne führt. Nietzsche ist daher vor allem ein religiöser Denker.29 Er (oder besser gesagt, seine Seele) kennt Sehnsucht, Lust und Reichtum, die zwar noch nicht in der Welt vorhanden sind, von denen seine Seele jedoch bereits überfließt. Um ein Beispiel zu nennen: Das gesamte Kapitel über „Die schenkende Tugend“ in „Also sprach Zarathustra“ ist eine Lobeshymne auf die Fülle dieser Seele, wenn sie sozusagen bereits in dieser Zukunft verweilt.30 Wenn Zarathustra zu seiner eigenen Seele spricht und ihr vorhält, dass er sie „von der kleinen Scham und der hinterhältigen Tugend“ befreit habe und darüber hinaus, dass er seine Seele von „dem quälenden, das man ‚Sünde‘ nennt“ gereinigt habe, dann entsteht Raum für die Wahrnehmung „eines offenen Himmels“. „O meine Seele, ich habe dir die Freiheit über geschaffene und ungeschaffene Dinge zurückgegeben: Und wer kennt wie du die Wollust der Zukunft?“31

Die Seele sehnt sich nach einem Reichtum, der ihr in der Zukunft zuteilwerden wird. So lautet zumindest die Erwartung. Diese Sehnsucht ist die ganze Fülle der Seele des Übermenschen, der kommen wird. In dieser Fülle kann sich eine Flut von Tränen über das Leid, dessen Zeuge sie war (oder ist), ausweinen. Und wenn die Seele das nicht will, nun, dann muss man eben singen. So singen, dass das tosende Meer still wird, um dem Verlangen der Seele zu lauschen. Es ist ein Zauber, der sich in einer Welt vollzieht, die Nietzsche - in seinem Werk - entzaubert hat. In einer entzauberten Welt hat die Seele noch Möglichkeiten. Wenn der Nihilismus überwunden wird, können sich Möglichkeiten eröffnen, die ungeahnt sind.

Wille zur Macht

In dieser Wendung muss die Wirkungsweise des Willens zur Macht erwähnt werden, von dem Nietzsche spricht. Oft wird angenommen, dass nur noch der Wille zur Macht übrigbleibt, um sich in einer Welt zu behaupten, in der es keine letzte Grundlage mehr gibt. Wenn es keine Güte mehr gibt, wie soll ich mich dann behaupten? Der Krieg aller gegen alle liegt dann direkt vor der Tür. Obwohl der Wille zur Macht auch in dieser (oberflächlichen) Form existiert, ist es nicht gerechtfertigt, diesen Willen ausschließlich so zu verstehen.
Der Wille zur Macht, so Viktor Kal, ist ein Wille, dem die seltsame Eigenschaft innewohnt, dass er keine wirkliche Kontrolle über das hat, wonach er sich sehnt. Es ist ein Wille, der auf „den richtigen Moment“ warten muss. Er muss auf den richtigen „Augenblick“ warten. Der Wille zur Macht muss warten, bis sich ein Augenblick bietet, in dem man den Lauf der Ereignisse wenden kann die dazu beiträgt, dass die Freude und der Überfluss der Zukunft Einzug halten. Den Moment, in dem dies geschieht, hat der Wille zur Macht jedoch nicht unter Kontrolle. Das wird gegeben, es geschieht wie ein Blitz, der plötzlich da ist und auch schon wieder verschwunden ist. Zunächst einmal gibt es also das Warten, die Passivität. Erst danach kommt es zur Aktivität. Allerdings zu einer Aktivität, die aus einer ganz eigenen, individuellen Ursprünglichkeit entspringt, mit der sich ein Mensch von beherrschenden und knechtenden Strukturen befreien kann.

Das ist allerdings etwas ganz anderes als der Wille zur Macht, wie er von den Nazis vertreten und praktiziert wurde. Dort war der „Wille zur Macht“ das „Recht des Stärkeren“, das einen Freibrief zur Vernichtung Schwächerer und minderwertiger Rassen gab. Macht, die zupackt und sich ohne Fragen das aneignet, worauf es abzielt.

Ein Mensch, der von einem solchen Augenblick überrumpelt wird (wie es auch bei einer Verliebtheit geschehen kann), erlangt ein ungeahntes Gefühl von Freiheit. Aber damit beginnt auch etwas Ungeahntes: Ernsthaftigkeit. Ernst, betont Viktor Kal, ist zusammen mit einer höchstpersönlichen Verantwortung ein Kernbegriff bei Nietzsche. Der Reichtum der Seele, die lieber gibt als nimmt, erlangt diesen Reichtum nicht durch eigenes Handeln, sondern vor allem durch das Warten und durch Wachsamkeit, damit der Augenblick nicht an einem vorbeigeht. Noch einmal: Es geht nicht um etwas, über das man die Kontrolle hat, sondern um das Warten auf den richtigen Augenblick. Mit dieser Interpretation bringt Viktor Kal eine wichtige Nuance in unser Denken über den (Willen zur) Macht ein. Macht ist zwar in erster Linie eine „Erfahrung von Macht“. Das geht einher mit einem Gefühl der Macht,32 einer körperlichen Erfahrung des Könnens, sich zu etwas fähig zu fühlen. Man könnte sagen, dass unsere Zeit davon bereits genug zu bieten hat. Der Moment der Eingebung darf jedoch nicht unmittelbar zum Handeln führen. Es geht darum, Abstand zu wahren. Das ist auch eine Form des Respekts vor sich selbst. Man muss sich dem, was einen überfällt, mit Aufmerksamkeit und Wachsamkeit begegnen. Man könnte sagen, dass der bisher (von Weber und Nietzsche) entzauberte Mensch erneut von Möglichkeiten verzaubert wird, die sich als Eingebung, als Inspiration oder auch als Sehnsucht darbieten, dabei aber gleichzeitig Abstand wahrt, um zu prüfen, ob das, was sich darbietet, auch tatsächlich verwirklicht werden kann bzw. muss.

Diese Besonnenheit, diese ernsthafte Besonnenheit, die Viktor Kal bei Nietzsche in der Neuerfindung der Religion entdeckt, ist das Kennzeichen dessen, was Nietzsche als „Wille zur Macht“ bezeichnet. In diesem Sinne gilt: „Gott hat seine beste Zeit noch vor sich“.33 Das klingt hoffnungsvoll für Menschen, denen Religiosität wichtig ist, aber es ist eine Religion ohne den gängigen christlichen Gott,34 ohne christlichen Himmel und/oder christliche Moral. Es ist eine Religion, in der man sich nicht mehr hinter einem Kollektiv, hinter einem Dogma oder hinter politischer Korrektheit oder bürgerlichem Anstand verstecken kann – Dinge, die sowohl Kierkegaard als auch Nietzsche verabscheuten. Darin kommt der Einfluss Nietzsches deutlich zum Tragen. Nietzsche vertritt die Auffassung, dass Menschen zu einer individuell souveränen Sichtweise und Haltung gelangen müssen, sowohl in Bezug auf die Welt als auch auf die Moral. Eine solche Lebenseinstellung bzw. Religion ist dringend notwendig, um Demagogen die Stirn zu bieten, so Viktor Kal in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche. Es handelt sich somit um eine zutiefst persönliche religiöse Haltung, die keine endgültige, letzte Antwort auf tiefe Lebensfragen gibt, sondern eine Antwort, die weiß, was sie nicht beherrscht. Sie zeichnet sich durch eine grundsätzliche Offenheit aus. Religion ist genau das: keine Kontrolle zu haben, sondern sich nach etwas zu sehnen, das man nicht kontrolliert herbeiführen kann, das man nicht in seinen Terminkalender eintragen kann, dem man sich aber dennoch zu vertrauen wagt. Eine Ahnung oder Sehnsucht nach ungeahnten Reichtümern. Als solche eine Offenheit, die sich nicht von einer Vergangenheit einengen lässt, die sie legitimieren könnte. Sich dem anzuvertrauen, was sich einem offenbart. Erfordert das nicht glauben? Und, so könnte man weiter fragen, wo hat Nietzsche das anders gelernt als in dem Glauben, den die Kirche jahrhundertelang bewahrt hat? Auch wenn Glaube bei Nietzsche niemals eine Rückkehr zum Glauben an den Himmel oben und einen transzendenten Gott, der darin thront, sowie an einen göttlichen Plan mit den dazugehörigen Vorschriften bedeuten darf, so vollzieht er hier doch eine Bewegung, die Glauben voraussetzt.

Was bei Nietzsche als „Zufall“ bezeichnet wird und als „Erkenntnis, die wie ein Blitz“ auftaucht, auf die der Mensch mit Respekt und Ernsthaftigkeit reagieren kann, weckt Assoziationen mit dem Imperativ und/oder dem Optativ bei Rosenstock-Huessy, wodurch ein Mensch aus den bestehenden Bahnen herausgeschleudert wird. Auch er ruft zu einem authentisch verkörperten Dasein auf, in dem sich die Menschen neue Fähigkeiten aneignen müssen, mit denen sie der Zukunft begegnen und sie für sich gewinnen können. Künstler wissen, wie das funktioniert. Kunstwerke entstehen nicht durch Gesetzmäßigkeiten, und doch folgt der Künstler der Notwendigkeit des Gestaltens. Doch in dieser Notwendigkeit wirkt zugleich eine Kreativität, die sich eher in ihnen vollzieht, als dass sie Protokollen und Gesetzmäßigkeiten folgen. Natürlich geht es um Wissen und Können, aber Meisterschaft bedeutet, dass diese zur Künstlerschaft erhoben werden. Notwendigkeit und „freier Wille“ vereinen sich dann im Künstler. 35 Daraus lässt sich ablesen, dass dem Entstehen (bzw. der Möglichkeit des Entstehens) eines Kunstwerks eine Geschichte vorausgeht, die vom Künstler verkörpert wird. Eine Geschichte, in der Kraft gesammelt und von früheren Generationen geerbt wird. „In einem bestimmten Menschen können diese Kräfte zu einer Art Ernte reifen. Hier handelt es sich um ein Geschehen, das sich an der betreffenden Person vollzieht.“36 Auch in diesem Zitat schwingt der passive Moment mit.

Ein solches Engagement ist wichtig, da dieses Jahrhundert dazu zu werden droht, einem Jahrhundert des Faschismus. Faschisten nutzen den Nihilismus aus, indem sie auf eine glorreiche Vergangenheit verweisen, die wiederhergestellt werden muss (was faktisch bereits Nihilismus ist), und/oder indem sie Versprechen abgeben, die den Volkswillen repräsentieren. Wo man Begriffe wie „der Wille des Volkes“ hört, muss man befürchten, dass damit nicht „das gesamte Volk“ gemeint ist, sondern jene, die sich von den Bildern und Versprechungen der Demagogen ansprechen und verführen lassen. Auch sie tun dies mit Ernsthaftigkeit und unter Berufung auf Verantwortung. Doch in einigen Punkten unterscheiden sie sich von Nietzsche/Zarathustra. Letzterer will keine Anhänger, die aus den Einsichten, mit denen er seine Anhänger in Berührung bringt, ein politisches oder moralisches Programm machen. Und in diesem Sinne will er schon gar nicht, dass seine Anhänger ihre eigene Individualität und ihren eigenen Willen (zur Macht), ihre eigene Souveränität aufgeben und damit ihre Einzigartigkeit verleugnen, um sich dem Willen des großen Führers anzupassen. Sie müssen selbst etwas aus dem machen, was ihnen in Ernsthaftigkeit und Verantwortung gereicht wurde. Als souveräne Individuen.

Es wirkt wie ein etwas dürftiges Anliegen. Das souveräne Individuum, das sich zwar leidenschaftlich nach dem sehnt, was als Wahrheit zu ihm gelangt. Wahrheit ist dann vor allem das, was gut für den Menschen ist und sich gegen den Einsatz politischer Macht wendet, gegen ein Kapital, das Politik kauft und korrumpiert, gegen die Datenindustrie – kurz gesagt, gegen alles, was Nihilismus in sich trägt. So wahr dies auch sein mag, gilt doch stets – ganz gleich, wie sehr man sich eine erträumte Zukunft auch erhoffen mag –, dass immer eine Distanz bestehen bleibt. Der Einzelne muss unabhängig bleiben und darf sich nicht einfach in eine blinde Entwicklung hineinreißen lassen, aus der es kein Entkommen mehr gibt.

Aber wenn dieser Glaube an das Menschliche, wenn die Metaphysik in die menschliche Seele eingedrungen ist und diese von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit erfüllt ist, ist dann dieses souveräne Individuum, das sich nicht mehr von der Vergangenheit beeinflussen lässt und sich nicht hinter ihr versteckt, in der Lage, dafür einzustehen und einen Schritt weiter zu gehen? Denn es scheint die Frage zu sein, wenn Viktor Kal mit seiner Bemerkung Recht hat, dass unser Jahrhundert das Jahrhundert des Faschismus werden wird. Denn vom Menschlichen hat der Faschismus keine Ahnung. Diese Aufgabe müsste einem transformierten Subjekt überlassen werden. Dem Übermenschen also, wie Nietzsche sagt, der zu tragen weiß, dass er selbst auch eine Interpretation ist, jemand, der das Metaphysische verloren hat. Nach dem Nietzsche von Viktor Kal müsste dies der souveräne Mensch sein, der sich leidenschaftlich nach Gerechtigkeit sehnt und es wagt, sich jenem Augenblick hinzugeben, in dem sich – in Freiheit – die Möglichkeit bietet, einen Wandel herbeizuführen. Das erfordert, um es noch einmal zu sagen, Achtsamkeit, Wachsamkeit, geistige Wachsamkeit.
So gut das auch klingen mag, es ist höchst fraglich, ob das ausreicht, um einem faschistisch geprägten Jahrhundert ein Gegengewicht zu bieten. Rosenstock-Huessy würde darauf mit einem entschiedenen „Nein“ antworten.

Zeitphilosophie.

Wir haben bereits festgestellt, dass Rosenstock die Art und Weise, wie Nietzsche die Gliederung der Zeit berücksichtigt, sehr schätzt. In seinem Leben hat Nietzsche verkörpert, dass ein Mensch – unter Androhung einer Abtreibung seiner Persönlichkeit, also einer Abtreibung seiner ganz eigenen Möglichkeiten – nicht in nur einer Zeit weiterleben kann. Menschwerdung erfordert Mehrzeitigkeit. Ein Menschenleben weist Bruchlinien in der Zeit auf, wie wir sie in „Das Kreuz der Wirklichkeit“ bei Eugen Rosenstock-Huessy vorfinden. Dabei ist vor allem an die Dreiteilung der Zeit in Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit zu denken, die von einer Innenwelt und einer Außenwelt durchzogen wird. Vor allem aber diese gegliederte Auffassung von Zeit, in der die Zukunft nicht nur Vorrang vor der Vergangenheit genießt, sondern auch ausschlaggebend ist für den Sinn, den wir in der Vergangenheit, in uns selbst und in der Welt entdecken können. Jede Generation muss daher ihre eigene Geschichte immer wieder neu schreiben und interpretieren.

Auch Viktor Kal beschreibt diesen Sinn für die Geschichte. Geschichte, Erinnerung (Platon) reicht über die bloße Prägung durch Tradition und Gemeinschaft hinaus.37 Die Erzählung vom Willen zur Macht hat alles mit seiner Zeitphilosophie zu tun, die große Ähnlichkeiten mit der von Rosenstock-Huessy aufweist. Die Kategorie des „Augenblicks“, auf den man warten muss, auf den man „achtsam“ sein muss, hat alles mit dieser Ordnung der Zeit zu tun. Die „richtige Zeit“ des „Augenblicks“, ja mehr noch, der Augenblick selbst, ist Teil der Abfolge von Zukunft – Vergangenheit – Gegenwart. Ausdrücklich wird hinzugefügt: in dieser Reihenfolge.38 Nietzsche will damit eine Lösung für eine Vergangenheit anbieten, die ein Konglomerat aus Bruchstücken und Zufällen ist. Man hat nie darum gebeten, darin zu landen.39 Die Ordnung, in die ein Mensch mit seiner Geburt geraten ist (Vergangenheit), wird nicht von selbst zu einer sinnvollen Ordnung. Nietzsche ruft den Menschen dazu auf, „aus dieser sogenannten Ordnung auszubrechen und außergewöhnlich zu sein“. In diesen Worten scheint eine gewisse Heroik zu liegen. Dabei geht es nicht darum, sich mit der Vergangenheit und einer dadurch determinierten Gegenwart zu versöhnen, sondern um eine Befreiung vom Zufall und damit auch um eine Befreiung von der Vergangenheit. Ist dies erreicht, ist der Mensch frei. Diese Befreiung tritt erst ein, „wenn es dem schöpferischen Willen gelingt, ‚die Zukunft und das Fernste‘ als ‚Ursache des Heute‘ auftreten zu lassen“.40 Hier geht es nicht darum, ein gezieltes Projekt zu entwickeln, sondern um Schöpfung. Ein Prozess, der Raum schafft, damit etwas geschehen kann. Das ist genau jenes Geschehen, in dem das Warten und eine anhaltende Achtsamkeit auf das Entstehen eines Augenblicks bestehen, in dem sich eine neue Motivation zeigt. Das durchbricht eine blinde Fortsetzung der Vergangenheit, bietet ihr ein Gegengewicht und öffnet für die Zukunft.

Zum Abschluss.

Unabhängig davon, über welche Themen sie auch schrieben, spielt das Christentum bei beiden im Hintergrund wie im Vordergrund eine große Rolle. Sie waren noch eine Weile Zeitgenossen. Eugen Rosenstock wurde im Jahr 1888 geboren, und Nietzsche starb im Jahr 1900. Sowohl Nietzsche als auch Rosenstock-Huessy wurden tief geprägt von dem Elend und der tiefen Verzweiflung, die sich in diesen Kriegen breitmachten und von denen wir uns in Europa bis heute nicht erholt haben. Nietzsche ahnte es kommen, konnte es aber nicht abwenden. Rosenstock versuchte, dies zu verarbeiten und darüber hinaus eine Übersetzung zu liefern, die sich auf die gesellschaftlichen und menschlichen Beziehungen konzentriert. Vielleicht ist jeder, der sich mit Nietzsche beschäftigt, damit beschäftigt, diese Schrecken des vergangenen Jahrhunderts zu verarbeiten, auch wenn dies nicht unmittelbar im Vordergrund steht. Europa verlor sein Christentum, und dies scheint in der Nachkriegszeit zunehmend zu einer Säkularisierung des geistigen Klimas geführt zu haben.41 Ohne Gott müssen wir es nun selbst schaffen und offenbar auf unseren eigenen Willen zur Macht vertrauen. Paul van Tongeren zeigt, dass dies nicht ohne die Aufarbeitung des Nihilismus möglich ist, der im Tod Gottes gipfelte. Wie finden wir einen neuen Weg, uns zu orientieren? Nihilismus, ein Übel, das niemandem zu schaden scheint?!?

Dass es auch einen konstruktiven Nietzsche gibt, wie Viktor Kal ihn beschreibt, gibt Anlass zur Hoffnung. Er zeigt, dass der „Wille zur Macht“, eines von Nietzsches geliebten Kindern, keineswegs bedeutet, dass wir dem Nihilismus der Machtkonzentration, der Geopolitik und der bürgerlichen Anständigkeit ausgeliefert sind. Noch hoffnungsvoller ist es, dass er aufzeigt, dass Nietzsches Zeitverständnis „gliedert“ ist. Dass sich unser Leben nicht nur biologisch und/oder evolutionär entwickelt, sondern durch einschneidende Lebenserfahrungen hindurch, sowohl die schönen als auch die weniger schönen. Gerade an diesen Bruchlinien, auf die wir achten müssen, ist Erneuerung (ein großes Verlangen) möglich. Darin stimmt Nietzsche teilweise mit Eugen Rosenstock überein. Trotz des Schmerzes und der Möglichkeiten, die diese mit sich bringen, will Nietzsche weiterleben und tanzen. Und das tut er mit großer Ernsthaftigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Eugen Rosenstock hat schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg solche Bruchlinien viel methodischer beschrieben, nicht nur in individuellen Lebensläufen, sondern gerade auch in kollektiven Zusammenhängen. Während Nietzsche doch in hohem Maße auf das souveräne Individuum setzt und die Frage, wie es mit der Gesellschaft weitergehen soll, mehr oder weniger beiseite lässt, zeigt Rosenstock, dass gerade dieses Individuum von dem geprägt ist, was kollektiv bereits gelebt und gestorben, erkämpft und errungen wurde. Das individuelle Leben ist bereits durch die Geschichte geprägt, doch diese historisch-kulturelle Prägung wird zudem von der Herausforderung der Zukunft durchkreuzt. In dieser Sichtweise zeigt er, dass Nietzsches Glaube an den souveränen Menschen (Übermensch) zwar durchaus zum Erwerb neuer Qualitäten beiträgt, aber, wenn es dabei bleibt, auch zu kurz greift.

Was dieser Beitrag in all dem darlegen wollte, ist, dass Eugen Rosenstock-Huessys Interesse an Nietzsche keineswegs zufällig war und auch über die bloße Art und Weise hinausging, wie Nietzsche sein Leben gelebt hat.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass:

  1. Das Leben der Verarbeitung und dem Ausdruck desselben vorausgeht.
  2. Rosenstock in Nietzsche den Willen zu einem authentischen, bewussten und verkörperten Dasein erkannt hat.
  3. Rosenstock hat in Nietzsche auch seine eigene Unzeitgemäßheit wiedererkannt. Auch Rosenstock fand und findet mit der Aufarbeitung seiner Kriegserfahrungen in seinem Versuch, einen neuen Weg in eine andere Zukunft zu bahnen, keinen Anklang. Nicht bei seinen Zeitgenossen, aber auch (noch) nicht in unserer Zeit.
  4. Die Zeit kein einziger fortlaufender Strom ist, sondern Gliederung und Bruchlinien aufweist, wodurch das menschliche Leben in andere Bahnen gerät.
  5. Leben auch bedeutet, unter diesem Leben zu leiden. Für Nietzsche bedeutet dies die Herausforderung, dies mit Ernst und Verantwortung zu überwinden. Ein Streben, das vor allem eine individuelle Ausprägung kennt.
Rosenstock-Huessy kann dem bis zu einem gewissen Grad zustimmen, betont jedoch viel stärker das Individuum als Schnittstelle zwischen Kollektivität und persönlicher Erfahrung einerseits und als Schnittstelle zur Zukunft andererseits, die die persönliche Erfahrung zu neuen Antworten herausfordert.
  6. Darüber hinaus – und das ist von viel grundlegenderer Natur – für Eugen Rosenstock das „Du“ die erste Person ist, und nicht das „Ich“, wie kreativ dieses auch sein mag.

Mit Letzterem erhält die oft implizite Frage Nietzsches, ob man den Menschen für fähig halten darf, das Böse zu ertragen, eine ganz andere Antwort. Beide sagen „Nein“! Nietzsche entwickelt einen neuen Menschen auf dem Weg zum Übermenschen, Rosenstock-Huessy gibt der Menschheit den Raum und die Einsichten, sich das, was das Christentum schon seit Jahrhunderten gelehrt hat, erneut zu eigen zu machen, um in eine neue Zukunft gehen zu können. Es ist nur die Frage, ob sich die Menschheit diesen Freiraum auch selbst gewähren möchte.

Jan Kroesen

5. Die vier Evangelien, Kreuz und Schnittpunkt

Einleitung

Wie soll man die Evangelien lesen, wenn man mit Rosenstock-Huessy die Überzeugung teilt, dass die Verfasser sich gegenseitig kannten und aufeinander reagieren? Diese Frage beschäftigt mich als eine nicht nur sehr spannende, sondern auch sehr wichtige Frage. Darum geht es in diesem Beitrag. Die Evangelien, so stellt Rosenstock-Huessy fest, sind die ersten Schriften der Antike, die miteinander im Dialog stehen, in einem respektvollen Gespräch miteinander. Sie wollen sich nicht gegenseitig ersetzen – das war früher in der Antike die übliche Vorgehensweise. Jede philosophische Schule lehrte nur ihre eigene Wahrheit. Das Gleiche galt für jeden religiösen Kult. Die Evangelien hingegen lehnen einander nicht ab. Sie sagen zueinander nicht „nein, denn“, sondern stattdessen „ja, aber“. Das führt zwar, wie jeder echte Dialog, zu Reibungen um die Wahrheiten. Aber gerade darin ergänzen sie sich und – das ist die spezifische Erkenntnis von Rosenstock-Huessy: So verwirklichen sie das Kreuz der Wirklichkeit. Das Kreuz der Wirklichkeit bedeutet nämlich, dass Wahrheiten, die nicht ohne Weiteres zueinander passen, dennoch eine Übereinstimmung finden, allerdings um den Preis liebevoller Selbstverleugnung. Die Wahrheiten, die nicht zusammenpassen, müssen rechtzeitig Platz für ihre Gegenstimme machen. Sie richten keinen Schaden an, weil sie Unrecht haben, sondern weil sie zu lange an ihrem eigenen Recht festhalten. Timing bedeutet Abstimmung, zu wissen, wann man rechtzeitig aufhören muss. Das gelingt nur, wenn man von einer höheren Wahrheit zur Ordnung gerufen wird. Das ist die Wahrheit des Kreuzes: Man macht den Gerechten zum Opfer, wenn man zu lange auf seinem Standpunkt beharrt.

Jedes der vier Evangelien konzentriert sich auf einen der vier Kulturströme der Antike, doch diese vier Kulturströme repräsentieren jeweils auch einen der vier Pole des Kreuzes der Wirklichkeit, das uns bekannt und vertraut ist als: Erbe der Vergangenheit, Auftrag der Zukunft, innerer Dialog, wirksames Handeln nach außen. Das ist immer eine unangenehme Spannung. Diese vier Pole der Wirklichkeit reiben aneinander und müssen dennoch eine gewisse Abstimmung finden. Sie müssen aus ihren Fugen gehoben werden, um Platz für die anderen Pole zu schaffen. Das ist nur möglich, wenn sie sich selbst überwinden und innehalten können, aus ihren Fugen gehoben durch den Geist Christi. Wenn die Evangelien also jeweils einen Schwerpunkt auf einen der vier Pole des Kreuzes der Wirklichkeit legen, ist es zugleich ihre Absicht, diesen einen Pol, auf den sie sich richten, auf einen oder mehrere der anderen Pole zu übertragen und so zum Zentrum des Kreuzes der Wirklichkeit zurückzuführen, aus dem sie alle entspringen.

Warum die Reihenfolge so wichtig ist

Wer nun diesen inneren Dialog, den die Evangelien darstellen, verstehen und auf sich wirken lassen will, kommt nicht um die Frage nach der Entstehungsreihenfolge der Evangelien herum, denn man möchte wissen: Wer reagiert hier auf wen? Wer hat wem über die Schulter geschaut? Wer hat es für nötig gehalten, etwas, das bereits gesagt worden war, noch einmal anders zu formulieren? Man möchte auch wissen: Warum hat dieser Evangelist es für nötig gehalten, dies zu tun? Warum war es für seine Situation, seine Zielgruppe oder seine historische Epoche notwendig, das Gesagte anders auszudrücken und zu formulieren? Woran lässt sich erkennen, dass eine Modulation stattfindet, sodass das zuvor Gesagte geradezu in einer anderen Tonart erklingt?

Es mag wie Haarspalterei erscheinen, solche Fragen zu stellen. Deshalb möchte ich das gerne anhand eines Beispiels verdeutlichen. Dazu nehmen wir Markus, denn bei Markus stoßen wir gleich auf die wichtige Frage, ob er nun das erste der drei synoptischen Evangelien ist oder das letzte. Markus enthält weder Geburtsgeschichten noch Auferstehungsgeschichten. Ist er mit ihnen vertraut und hat er sie dennoch weggelassen? Oder ist sein Evangelium nur ein erster Versuch, und haben Matthäus und Lukas ihn verbessert? Schauen wir mal.

Anfang und Ende des Markus-Evangeliums

Markus beginnt direkt mit dem Satz: „Dies ist der Anfang (oder die Herrschaft, arché auf Griechisch) des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes.“ Er fährt auch direkt mit Johannes dem Täufer fort und mit den Worten „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Freude“ bei der Taufe Jesu (Markus 1,10). Er beendet sein Evangelium mit den Frauen, die „von Furcht und Schrecken ergriffen“ vom leeren Grab davonlaufen. Sie waren so erschrocken, dass sie niemandem etwas davon erzählten (Markus 16,8). Danach folgt zwar noch ein Bericht über die Erscheinungen Jesu, doch handelt es sich dabei um eine kurze Zusammenfassung – möglicherweise von Markus selbst verfasst – dessen, was bei Matthäus und Lukas zu lesen ist. Die Hälfte der überlieferten Handschriften endet mit den Frauen, die, von Furcht und Schrecken ergriffen, davonlaufen.

Der Anfang des Markus-Evangeliums betont also die Sohnschaft Christi. Eine Lehre Christi fehlt, abgesehen von dem Aufruf, dass die Jünger ihm nachfolgen sollen. Immer wieder verstehen die Jünger bei Markus nicht, was Jesus meint, und eigentlich liegt das daran, dass sie noch nicht bereit sind, ihm nachzufolgen. Auch die Frauen am leeren Grab begreifen eigentlich noch nicht, was vor sich geht. Oder besser gesagt: Sie begreifen es zwar, sie verstehen, dass sie nun auch Jesus nachfolgen und die Angst vor Tod und Verfolgung ablegen müssen, aber sie fliehen davor.

Man kann den Anfang und das Ende des Evangeliums sowie das gesamte dazwischenliegende Evangelium nur aus der Perspektive der verfolgten Gemeinde in Rom richtig verstehen. Dann fügen sich alle Puzzleteile zusammen. Nirgendwo mehr als in Rom stellt sich die Frage, ob der Kaiser wirklich der Herrscher ist oder nicht. In Rom ist es ein revolutionärer Akt, gleich zu Beginn seiner Schrift zu behaupten, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist – und somit nicht der Kaiser, der sich ja auch von allen als Sohn Gottes bezeichnen lässt. Oft wurde übersehen, dass der Kaiserkult im Römischen Reich unmittelbar in dem Moment beginnt, als Octavian nach der Ermordung Caesars im Jahr 44 v. Chr. die Macht übernimmt. Zudem wurde es im Kaiserreich immer üblicher, einen Adoptivsohn auf den Thron zu setzen. Da Markus während der Verfolgungen unter Nero in Rom schreibt, wird das Weglassen der Geburtsgeschichten somit verständlich. Adoption hat Vorrang vor Abstammung. Zudem erfolgt die Adoption eines Nachfolgers zum Sohn genau in der Formel, mit der Jesus angesprochen wird, als er aus dem Wasser der Taufe heraufsteigt. Da reißt der Himmel auf (!) und der Geist senkt sich in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und es ertönen die Worte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ Bei Lukas und Markus wird Jesus direkt in der zweiten Person angesprochen – so taten es auch die römischen Kaiser mit ihren Adoptivsöhnen. Zum Vergleich: Matthäus erzählt das Geschehen in der dritten Person: „Dies ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Freude“, Matthäus 3,17.

Dann das Ende des Markus-Evangeliums: Es ist ein bemerkenswertes Ende, und vielleicht findet er das selbst auch. Vielleicht ist das der Grund, warum es noch ein zweites Ende gibt, aber dennoch möchte er diese Worte noch einen Moment nachklingen lassen: „Sie gingen hinaus und flohen vom Grab weg, denn sie waren von Furcht und Schrecken erfasst. Sie waren so sehr erschrocken, dass sie niemandem etwas sagten“ (Markus 16,8). So endet das Evangelium mit einem Cliffhanger. Die Frage wird dem Leser damit gestellt: Und jetzt bist du dran! Diese Frage stand in Rom während der Verfolgungen unter Nero sicherlich auf der Tagesordnung: Traust du dich, für die Wahrheit einzustehen und zum christlichen Glauben zu bekennen, oder sagst du: „Mein Name ist Hase?“

Es gibt noch weitere Hinweise, die in diese Richtung weisen. Ich möchte noch einen Punkt anführen: Nur Markus berichtet das Gleichnis vom Samen, der bis zur Ernte heranwächst: „26 Und er sprach: ‚Das Reich Gottes gleicht einem Menschen, der Samen auf die Erde sät: 27 Er schläft und steht wieder auf, Tag für Tag, während der Samen keimt und wächst, auch wenn er nicht weiß, wie. 28 Die Erde bringt von selbst Frucht hervor, zuerst die Halme, dann die Ähren und schließlich das reife Korn in den Ähren. 29 Sobald das Korn es zulässt, schlägt er die Sichel an, denn es ist Zeit für die Ernte‘“ (Markus 4,26–29). Auch das deckt sich mit den Erfahrungen in Rom. Jüngerschaft bedeutet Nachfolge, und das bedeutet Verfolgung. Selbst die Lehre Jesu umfasst nur diese eine Tatsache der Nachfolge und der unmittelbar bevorstehenden Verfolgung, wie in diesem Gleichnis.

Ständig herrschen bei den Jüngern Angst und Unverständnis darüber, was auf dem Spiel steht. Sie begreifen das Geheimnis des Messiasseins Jesu und auch das ihrer eigenen Jüngerschaft einfach nicht. Vor allem Petrus liegt immer wieder daneben. Ein Grund, den manche anführen, ist, dass Petrus Markus den Auftrag gegeben hat, es so aufzuschreiben, insbesondere was sein eigenes Versagen betrifft. Markus könnte aber auch noch eine andere Überlegung gehabt haben: Die Nachfolger Jesu können sich auf diese Weise in den Jüngern/Aposteln wiedererkennen. Sie stehen vor demselben Dilemma. Sie müssen dieselbe Prüfung bestehen. Es war für niemanden leicht. Das ist ermutigend.

Diese Erkenntnisse passen gut zu Rosenstock-Huessys Sichtweise auf Markus. Auch ihm zufolge ist Markus ein Schüler des Petrus und hat in Rom seine Version des Evangeliums verfasst. Im Markusevangelium geht es darum, die Reichskultur zu überwinden, in der die Sterne die Macht ausüben und der Kaiser der Vollstrecker dieser göttlichen Mächte ist. Das ist das Weltbild Ägyptens, das vom Römischen Reich übernommen wurde, nachdem der Senat beiseitegeschoben worden war.

Auch wenn man sich darüber einig ist, dass das Markus-Evangelium in Rom verfasst und auf die römische Situation zugeschnitten wurde, gibt es unter den Bibelwissenschaftlern noch eine weitere Diskussion darüber, ob Matthäus und Lukas nun nach 70 oder vor 70, nach Markus oder vor Markus geschrieben wurden. Dabei spielt das Jahr 70 mit der Zerstörung des Tempels eine wichtige Rolle. Nach Ansicht vieler wurde auch das Markus-Evangelium kurz nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 verfasst. In den Evangelien kündigt Jesus diese Zerstörung an, und – so lautet die Argumentation – das könne man sich nur im Nachhinein ausgedacht haben. Es gibt jedoch auch andere Argumente. Wer Markus als einen ersten Versuch betrachtet, der recht unvollkommen und schlampig geschrieben ist, und die poetischen Parallelstellen bei Matthäus sowie die schönen griechischen Sätze bei Lukas mehr schätzt und daher der Meinung ist, dass Markus einer Überarbeitung bedarf, hat ebenfalls Gründe, die Werke von Matthäus und Lukas nach Markus einzuordnen.

Auch vor dem Jahre 70 gab es bedeutende Krisen

Ich selbst sehe neben einer Vielzahl weniger wichtiger Argumente zwei wesentliche Gründe, diese Ansicht, dass Markus ein erster Versuch sei, nicht zu teilen. Die Evangelien sind schließlich kein Produkt von Schreibtischarbeit, sondern sind aus Krisen heraus entstanden. Die Evangelien geben eine Antwort auf eine Krisensituation. Sie sind wegweisend. Denn das Kreuz und die Auferstehung Christi sind ja selbst die Antwort auf eine Krise. Oft wird der neue christliche Glaube implizit dem Intellekt zugeschrieben, als wäre er eine Erfindung des Verstandes. Oder er wird einer vom Himmel herabfallenden Offenbarung zugeschrieben, die ebenso am Gefühl der Krise vorbeigeht. In beiden Fällen betritt ein neuer Glaube die Bühne, und dieser muss sich dann erst noch ein wenig herauskristallisieren, so wie sich Gedanken herauskristallisieren. So soll das Markus-Evangelium nach Ansicht vieler geschrieben worden sein, weil die erste Generation der Christen im Sterben lag. Das Matthäus-Evangelium soll dann später, um das Jahr 80, verfasst worden sein und das Werk eines jüdisch-christlichen Rabbiners sein, der dem Markus-Evangelium eine stärker jüdisch geprägte Auslegung und Ergänzung gibt. Und schließlich soll Lukas nach Matthäus seine Version verfasst haben, um den paulinischen Gemeinden, die inzwischen in der Mehrheit waren, eine passende Version des Evangeliums an die Hand zu geben. Das wird weder den tatsächlichen Ereignissen noch der Erfahrungsdimension der Offenbarung Christi gerecht. Offenbarung findet immer in Krisen statt. Es muss ein Weg bahnen, wo kein Weg ist. Eine Tür wird geöffnet. Es geschieht etwas, und erst danach wird nachgedacht. Das ist es, was geschieht.

Was ist los? Zwar hatte das Gesetz des Mose zum Ziel, Gerechtigkeit zu schaffen, doch in den Händen der Pharisäer und Schriftgelehrten ist das Gesetz erstarrt, und jegliche Inspiration ist daraus verschwunden. Mit Christus wird ein unmöglicher Weg gebahnt, nämlich Gerechtigkeit und Güte auf Kosten und unter Aufopferung des eigenen Lebens und Besitzes zu verwirklichen. Wer den Tod als Ergebnis seines Einsatzes für das Recht akzeptiert, ist frei. Diese Freiheit ist die Auferstehung. Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, so steht es bei Johannes. Vor allem bei Johannes und dort am stärksten ist das Kreuz auch die Auferstehung selbst. Jesus Christus und die Märtyrer, die ihm folgten, haben die Welt neu geschaffen. Das ist keine intellektuelle Beschäftigung. Es ist die Hingabe an einen Tod, der zugleich Hingabe an ein überzeitliches Leben ist. Das ewige Leben (aionios, so Johannes) lässt sich am besten mit „überzeitliches Leben“ übersetzen. Man überwindet seine eigene Lebenszeit und überschreitet sie, indem man für eine Zeit nach der eigenen Lebenszeit lebt. Das ist das wahre Leben und der wahre Weg. Etwas darüber aufzuschreiben, das anschließend studiert werden kann, ist sogar verdächtig. Denn siehe, wie die Bibelwissenschaftler und Schriftgelehrten unserer Tage daraus ihrerseits hinter ihrem Schreibtisch und ihrem Laptop wieder ein intellektuelles Studienobjekt machen. Aus dieser Position heraus rekonstruieren sie auch das Wirken der Evangelisten, von denen angenommen wird, dass sie genau wie sie selbst seien. Sie basteln Texte zusammen.

Der zweite wichtige Grund, warum Matthäus und Lukas nicht nach Markus eingeordnet werden dürfen, liegt in der Tatsache, dass schon vor dem Jahr 70 Krise und Verfolgung zum Alltag der Gläubigen gehörten. Warum sollte erst dann das Bedürfnis bestehen, etwas aufzuschreiben, wenn die erste Generation christlicher Gläubiger im Sterben liegt? Matthäus und die anderen Apostel sahen sich nach der Ermordung des Stephanus damit konfrontiert, dass die kleine christliche Gemeinde verfolgt, ermordet und zerstreut wurde. Hätten diese nicht ein Bedürfnis nach dem geschriebenen Wort gehabt, das ihnen Rückhalt gab? Schließlich hatte sich bis dahin etwa zehn Jahre lang in Jerusalem eine neue Erfahrung in Sprache herauskristallisiert. Nun waren nur noch die Apostel in Jerusalem. Gab es zu diesem Zeitpunkt nicht den Bedarf an einer prägnanten Sammlung von Predigten und Lehren? Die verfolgten Gläubigen brauchten dies selbst, um ihre Motivation in einer bedrängten Lage aufrechtzuerhalten, und sie brauchten es auch, um gegenüber misstrauischen Außenstehenden Rechenschaft über den neuen Weg, die neue Wahrheit und das neue Leben abzulegen. Aus dieser Notwendigkeit und Krise ist Matthäus hervorgegangen. Mit anderen Worten: Da Rosenstock-Huessy selbst historische Krisen stets als Geburtsort einer neuen Inspiration und eines neuen Auswegs betrachtet, betrachtet er auch die Entstehungszeit der Evangelien auf diese Weise. Und wer so hinschaut, kommt nicht umhin zu erkennen, dass das Evangelium von Matthäus unbestreitbar das erste ist.

Matthäus erfüllt nämlich die erste Aufgabe, mit der die Jünger Christi konfrontiert werden: sich gegenüber dem erstarrten jüdischen Legalismus zu verantworten und dazu Stellung zu beziehen. Dem erstarrten Legalismus stellt Matthäus die Thora der Bergpredigt und den Weg des Sohnes Davids zum Kreuz gegenüber, wo er sich als Sohn Gottes offenbart. Für Matthäus hat das nichts mit einer Zwei-Naturen-Lehre zu tun, sondern mit Autorität und Status: Christus herrscht über die Völker, sitzend zur Rechten des Vaters. Nicht nur für Johannes, sondern auch für Matthäus sind „der Herr“ und der Vater eins.

Auch das Lukas-Evangelium war schon lange vor dem Jahr 90 gefragt, dem Jahr, von dem viele annehmen, dass Lukas um diese Zeit geschrieben haben muss. Auch hier geht es um mehr als eine intellektuelle Entwicklung. Wie ist die Lage? Paulus fand großen Anklang bei den griechischsprachigen Proselyten, den „Judengenossen“, Menschen, die sich zum Glauben der Propheten Israels hingezogen fühlten, weil dieser eine moralische Alternative zum unmoralischen Sumpf des Römischen Reiches mit seinem gewalttätigen Zynismus bot. Den griechischen Städten war ihre politische Autonomie entzogen worden. Gerade die besten Menschen, die durch moralische Verantwortung etwas hätten bewirken können, standen dadurch außerhalb des Geschehens. Allerdings standen sie auch innerhalb der jüdischen Synagoge abseits. Aufgrund der Speisegesetze und der Beschneidung blieben sie Außenseiter. Das griechische Wort „ecclesia“, Volksversammlung, ist nicht zufällig das Wort, das auch für die „Parlamente“ der griechischen Städte verwendet wurde. Indem sie der jüdischen Inspiration folgten, wie sie im Weg Christi Gestalt annahm, konnten jene aus der Führungsschicht, die es gut meinten, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen. Sie nahmen die vielen Armen in ihren Häusern auf und versorgten sie mit Mahlzeiten als Mitglieder der Hausgemeinden, die von Paulus und seinen Mitarbeitern gegründet worden waren. So bildeten sie eine alternative politische Einheit im Römischen Reich. Sie mussten nicht wie die Gemeinden in Palästina vom jüdischen Legalismus befreit werden, denn daran hatten sie nie teilgenommen. Sie wurden für die jüdische Inspiration in den jüdisch-christlichen Gemeinden gewonnen, die diese durch praktische Sozialarbeit verkörperten. Doch gerade der jüdische Legalismus war auch ein anhaltendes Problem, das sie weiterhin verfolgte, so wie er auch Paulus verfolgte. Eigentlich waren sie doch keine echten Juden, auch wenn sie sich am Leben der Synagoge orientierten. Sind sie nur eine Randerscheinung als alternative, halbjüdische Bewegung, oder stellen sie eine ernstzunehmende Alternative dar? Paulus widersetzt sich, insbesondere im Brief an die Galater (Galater 2: 11-14), dem legalistischen Judentum, auch wenn Petrus und andere noch Kompromisse damit eingehen, und er tritt für eine neue Gemeinschaft als den Weg Christi unter der Führung des Heiligen Geistes, als Leib Christi, ein. Es ist wichtig, dass sie ihren Status als Menschen zweiter Klasse überwinden. Das ist die Herausforderung, vor der Lukas steht. Im Lukasevangelium und in der Apostelgeschichte stellt er die Entstehung der vielen christlichen Gemeinschaften aus den Völkern als einen logischen und selbstverständlichen Weg dar. Schon lange vor dem Jahr 70 waren diese christlichen Gemeinschaften – übrigens mit vielen jüdischen Mitgliedern – gegenüber den spezifisch jüdisch-christlichen Gemeinden bei weitem in der Überzahl. Doch wollten sich diese christlichen Gemeinschaften auch unter dem Druck und der bevorstehenden Verfolgung durch Rom – Paulus sieht diese bereits früh auf sich zukommen – behaupten können, dann mussten sie Anerkennung finden.

Gegengewicht zum jüdischen Legalismus

So wie Paulus selbst gegenüber Petrus und Barnabas hart und kompromisslos Widerstand leistet, wenn diese dem legalistischen Judentum der vielen Pharisäer und Priester nachgeben, die sich den christlichen Gemeinden in Palästina angeschlossen haben, so hat er zweifellos auch Lukas dazu angeregt, eine Bearbeitung des Matthäusevangeliums zu verfassen. Die Spannungen in der jungen Kirche zwischen dem paulinischen Kurs und dem Kurs des „konservativen“ Jerusalem hatten stark zugenommen. Lukas und Paulus wollten, dass die Christen aus den Völkern vollwertig mitwirkten. Nach der Ermordung von Jakobus, einem der zwei Söhne des Zebedäus, durch Herodes (Apostelgeschichte 12:2), und dem Weggang von Petrus aus Jerusalem, hat Jakobus, der Bruder von Jesus, die Leitung der Gemeinde in Jerusalem übernommen. In der Auseinandersetzung, die folgte, gab er den Ausschlag und sagt gemäß Apostelgeschichte 15,23: „Denn in fast jeder Stadt wird das Gesetz des Mose seit Menschengedenken verkündet und an jedem Sabbat in den Synagogen vorgelesen.“ Zwar nutzt er diese Erkenntnis, um die Gemeinde in Jerusalem davon zu überzeugen, den Kurs von Paulus und Barnabas zu billigen und von den Gläubigen aus den Völkern keine Beschneidung zu verlangen sowie die Speisevorschriften außer Kraft zu setzen, doch eigentlich sagt er damit auch: Es wird ohnehin nie zum Mainstream werden! Also lasst es einfach zu. Paulus und Lukas müssen daher mit dem Lukas-Evangelium und der Apostelgeschichte geradezu die Opposition suchen, um eine solche doch recht engstirnige Sichtweise aufzubrechen. Lukas ist mit Paulus nach Rom gereist, und zweifellos wird er seine Fassung des Evangeliums und der Apostelgeschichte mitgenommen haben.

Hierin liegt die existenzielle Not, aus der das Lukas-Evangelium und die Apostelgeschichte hervorgegangen sind. Damit erfüllen sie die folgende Aufgabe, mit der die jungen christlichen Gemeinden konfrontiert sind, nämlich die Inspiration Israels auf die Situation und die Problematik der wohlhabenden Führer der neuen christlichen Gemeinden zu übertragen. Für sie ist der christliche Weg als alternative Ekklesia inmitten des moralischen Verfalls des Römischen Reiches attraktiv geworden. Er ermöglicht es, an Veränderungen zu arbeiten, ohne in Aufruhr zu geraten.

Die Evangelien rufen einander auf

In Rom, in jenen wenigen Jahren, in denen Paulus sich dort frei bewegen konnte und Petrus sich ihm anschloss oder vielleicht schon dort war, hat Markus ein Evangelium verfasst, das drei Dinge zugleich vollbringt:

  1. Er überbrückt in seinem Evangelium die Gegensätze zwischen Lukas und Matthäus. Damit macht er Lukas und Matthäus nicht zu sich gegenseitig ausschließenden Evangelien, sondern lediglich zu unterschiedlichen Versionen desselben Evangeliums.
  2. Er lässt in seinem Evangelium die Stimme des Petrus mitschwingen. Wir wissen nicht, wie wörtlich wir es nehmen sollen, dass Petrus Markus als Sekretär hatte. Wie selbstständig hat Markus gearbeitet? Aber es gibt viele Texte und kurze Einwürfe, die die Anwesenheit eines Augenzeugen verraten.
  3. Markus antwortet mit seinem Evangelium auf eine neue Not, die existenzielle Not der verfolgten christlichen Gemeinde in Rom, die – genau wie Christus in der Wüste – von den Engeln vor den wilden Tieren beschützt werden muss und die dazu neigt, wie die Frauen am Grab vor Schreck davonzulaufen, weil sie entdeckt hat, dass ihre Hingabe an Verfolgung und Tod das wahre Leben ist, die Auferstehung selbst. Dies ist die Stunde der Wahrheit.

In „Die Frucht der Lippen“ stellt Rosenstock-Huessy fest, dass die Evangelien nicht nur vier nebeneinander stehende Sichtweisen liefern. Mehr noch: Sie rufen einander auf. Denn sie reagieren auf die „Unzulänglichkeiten“ der anderen. Das Wort „Unzulänglichkeiten“ muss in Anführungszeichen stehen, denn vielleicht sollte ich besser von Einseitigkeiten sprechen, und auch das ist noch nicht das richtige Wort. Sie bewegen sich sozusagen jeweils in einer anderen Problematik, wodurch sie an einer anderen Front im Kreuz der Wirklichkeit Antwort geben müssen.

  1. Matthäus setzt sich für den verworfenen Gerechten gegenüber dem zu einer „Wir“-Gruppe erstarrten jüdischen Legalismus ein. Er wendet sich gegen das Stammesartige in Israel, so Rosenstock-Huessy.
  2. Lukas destilliert den Geist aus dem jüdischen Legalismus und dem damit verbundenen Tempeldienst. Zacharias im Tempel kann nicht mehr sprechen. So lautet der vielsagende Anfang des Lukas-Evangeliums. Der Geist Israels wird nun auf die neue Realität des gefährlichen Weges übertragen, dem die von Paulus gegründeten christlichen Gemeinden im zerfallenden Römischen Reich folgen. Lukas und die Apostelgeschichte müssen als miteinander verbunden gelesen werden. So dosiert Lukas den Geist Israels im Leben der Völker wie ein Arzt seine Medikamente.
  3. Markus überbrückt die Gegensätze zwischen Matthäus und Lukas, indem er der aus Christen und Juden bestehenden christlichen Gemeinde in Rom Rückhalt in den Verfolgungen unter Nero und später bietet. Der Reichsideologie des Sohnes der Sternenmächte steht der Glaube an den gefolterten Christus als Adoptivsohn des Gottes gegenüber, der über den Sternen erhaben ist und der die Dämonie des versteinerten Römischen Reiches durch die Gemeinde vertreibt, die nun ein Ersatz-Tempel ist, erbaut aus lebendigen Bausteinen. Markus wendet sich im Namen des leidenden Christus gegen die Reichsideologie.
  4. Johannes macht diese Erfahrungen zu einer allgemein gültigen Erkenntnis. Er verfasst ein Gedicht über Jesus Christus als das Wort vom Anfang, ein Wort, das bis zum Ende der Zeiten verkündet wird und mehr Geschichten umfasst, als alle Bücher fassen können. Jede menschliche Geschichte ist darin enthalten. So Rosenstock-Huessy. Aber auf Johannes werde ich hier nicht weiter eingehen. Das kommt noch.

So rufen sich die Evangelien gegenseitig auf. Der sich wandelnde historische Kontext macht eine Übersetzung des früheren Evangeliums hin zu einem neuen Pol des Kreuzes der Wirklichkeit unausweichlich.

Nur eine Meinung? Oder durch Textanalyse gestützt?

Aber findet sich dafür auch eine Grundlage in den Texten? Können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass Markus nach Matthäus und sogar nach Lukas kommt, oder blieb das eine Frage willkürlich kursierender Interpretationen? Was sagt die neutestamentliche Wissenschaft dazu? Ich fand, dass ich mich einmal gründlich damit befassen musste, so gut es einem nicht-professionellen Neutestamentler eben möglich ist. Das ergibt eine ganze Reihe von Seiten, und deshalb gebe ich in diesem Rundbrief nur eine erste Einführung mit Verweisen auf die verschiedenen Kapitel auf Deutsch, Niederländisch und Englisch auf meiner eigenen Website.

Der Leser findet dort die folgenden 8 Kapitel:

  1. Die vier Evangelien am Kreuzpunkt der Geschichte
  2. Basil Christopher Butler über die Priorität des Matthäus-Evangeliums
  3. Austin Farrer über die Überflüssigkeit einer „Q“-Quelle für Matthäus und Lukas
  4. Michael Goulders Sicht auf Lukas
  5. William R. Farmer: Markus nach Lukas
  6. Ein Evangelium aus zwei
  7. John A.T. Robinson über die Datierung der Evangelien – alle vor 70
  8. Die Botschaft des Markus – für wen und warum?

Eigentlich ist das letzte Kapitel das wichtigste, das zentralste und das längste – fünfundzwanzig A4-Seiten. Das Obige ist mehr oder weniger eine Zusammenfassung davon. Es befasst sich mit der Frage, was die Botschaft des Markus ist. Auch diejenigen, die zwar bereit sind zuzugeben, dass Markus schon nur auf der Grundlage einer Textanalyse aus späterer Zeit stammen könnte – und dass dies sogar wahrscheinlich ist –, sind oft der Meinung, dass dies aus inhaltlichen Gründen nicht plausibel ist: ein kurzes Evangelium, das Weglassen wichtiger Passagen, Umgangssprache, schlampiger Stil. Die Beiträge, die diesem längeren Text von 25 A4-Seiten vorausgehen – meist nicht mehr als 10 A4-Seiten –, befassen sich jedoch gerade mit der Textanalyse. Die Frage lautet dort: Welche Gründe gibt es, Markus später oder eben früher einzuordnen? Und wurde Lukas dann wiederum noch früher als Markus geschrieben oder erst später, nach Markus? Sind vielleicht alle vier Evangelien bereits vor dem Jahr 70 verfasst worden, wie Robinson behauptet?

Ich werde den Inhalt kurz skizzieren:

  1. Die vier Evangelien am Kreuzpunkt der Geschichte
    Ein kurzer einleitender Teil als Einführung in das Gesamtwerk.

  2. Basil Christopher Butler über die Priorität des Matthäus-Evangeliums
    Bereits 1951 hat Butler ein Buch über die Priorität des Matthäus-Evangeliums verfasst. Seiner Ansicht nach wurde das Matthäus-Evangelium früher verfasst als das Markus- und das Lukas-Evangelium, und er begründet dies anhand einer vergleichenden Textanalyse dieser Evangelien. Es ist für den Leser auch eine Einführung in eine bestimmte Art der Argumentation, wie sie unter Neutestamentlern üblich ist. Es geht nämlich nie um einen schlüssigen und unwiderlegbaren Beweis, sondern um ein Netzwerk von Bedeutungen und eine Anhäufung von Hinweisen.

  3. Austin Farrer über die Überflüssigkeit einer Quelle „Q“ für Matthäus und Lukas
    Farrer ist dadurch bekannt geworden, dass er zwar weiterhin Markus als erstes Evangelium betrachtet, aber dennoch der Ansicht ist, dass Lukas eine Bearbeitung von Matthäus ist. Lukas hatte also Markus und Matthäus zur Verfügung, aber keine separate Quelle, aus der Matthäus und Lukas gemeinsam geschöpft hätten, insbesondere was die Worte Jesu betrifft.

  4. Michael Goulders Sichtweise auf Lukas
    Goulder knüpft an Farrer an und hat dessen Ansatz weiterentwickelt. Er hält also an der Priorität des Markus fest und hat vor allem die Beziehung zwischen Matthäus und Lukas erforscht. Seine These lautet zudem, dass die Evangelien von Anfang an für die liturgischen Versammlungen der Gemeinde verwendet wurden. Lukas und Matthäus müssten parallel zu den jüdischen Lesereihen gelesen werden.

  5. William R. Farmer: Markus nach Lukas
    Farmers Buch aus dem Jahr 1964 hat viele beeindruckt. Auch die Rosenstock-Huessy-Gesellschaft widmete ihm 1965 eine Tagung für einen ausgewählten Kreis. Laut Farmer hat Markus aus zwei Quellen geschöpft, Matthäus und Lukas, und es lässt sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen, dass dies tatsächlich der Fall ist. Der Leser muss dabei berücksichtigen, dass ein unwiderlegbarer logischer Beweis nicht erbracht werden kann. Es handelt sich immer um ein Geflecht und eine Anhäufung von Argumenten und Hinweisen. Farmer hat in den 1970er- und 1980er-Jahren mit einem Team und einem weltumspannenden Netzwerk von Neutestamentlern zahlreiche Konferenzen zur sogenannten synoptischen Frage veranstaltet. Alle verschiedenen Hypothesen und Theorien über die Entstehung der Evangelien und ihren Zusammenhang wurden bei diesen Konferenzen beleuchtet, wobei Farmer und sein Team stets auch ihre eigenen Forschungsergebnisse in die Diskussion einbrachten. Dies hat die Selbstverständlichkeit, mit der Markus eine Zeit lang als erstes Evangelium angesehen wurde, erheblich untergraben. Viele Theologen und auch Neutestamentler, die sich weniger intensiv mit dieser Problematik auseinandergesetzt haben, tragen diese alten Selbstverständlichkeiten übrigens nach wie vor in ihrem geistlichen Gepäck mit sich (und schlimmer noch, in ihren Predigten).

  6. Ein Evangelium aus zwei
    Das Team um Farmer hat 2002 ein Buch darüber veröffentlicht, inwiefern Markus auf Matthäus und Lukas zurückgegriffen hat. Das Buch liefert eine sehr detaillierte Analyse, Text für Text, und versucht auf dieser Grundlage zu rekonstruieren, was Markus mit den Texten von Lukas und Matthäus gemacht hat und in welchem Verhältnis dies zu anderen Interpretationen steht. Der Titel des Buches lautet „One Gospel from Two“ und es umfasst natürlich mehr, als sich kurz zusammenfassen lässt. Ein wichtiges Argument, das sie anführen, ist das des „Marcan Overlay“. Damit meinen sie, dass Markus mit einem Netzwerk aus Wörtern, Ausdrücken und Akzenten arbeitet, das nur bei Markus zu finden ist. Unter anderem darauf stützen sie ihre These, dass Markus das dritte Evangelium ist, wie es auch Farmer tut. Denn hätten Matthäus und Lukas Markus verwendet, wäre zu erwarten, dass sich etwas von diesem Netzwerk typischer Markus-Ausdrücke auch in diesen Evangelien wiederfindet. Quod non.

  7. John A.T. Robinson über die Datierung der Evangelien: alle vor 70
    Robinson hatte bereits vor, einen Kommentar zum Johannesevangelium zu verfassen, in dem er darlegen wollte, dass das Johannesevangelium seinen Ursprung vor dem Jahr 70 hat. Es sei verfasst worden von … Johannes, dem Bruder des Jakobus, den Söhnen des Zebedäus. Laut Robinson ist es möglich, dass Johannes sein Evangelium erst am Ende seines Lebens vollendet hat, doch seine Überlieferung ist die eines Augenzeugen. Um diese Sichtweise zu untermauern, hat er jedoch auch ein Buch über die Datierung aller neutestamentlichen Schriften verfasst. Darin argumentiert und belegt er, dass alle Evangelien ihren Ursprung vor dem Jahr 70 haben, noch vor dem Fall Jerusalems.

  8. Die Botschaft des Markus – für wen und warum?
    In diesem Abschnitt füge ich die in den Abschnitten 1 bis 7 dargelegten Analysen zu einem Ganzen zusammen. Sie tragen dazu bei, eine historisch-theologische Sicht auf Markus zu vermitteln, eigentlich aber auf alle drei synoptischen Evangelien. Darauf muss ich jedoch nicht näher eingehen, da der vorliegende Text selbst bereits eine Zusammenfassung davon liefert. Ich hielt es jedoch für notwendig, auch auf die Textanalyse einzugehen, um zu prüfen, wie weit man damit kommt, wenn man wie ein Detektiv nach Spuren des historischen Geschehens sucht. Apropos „Detektiv“: Es ist bezeichnend, dass gerade die englischen Neutestamentler mit dieser Art von akribischer Forschung begonnen haben und dabei stets die Vorreiterrolle übernommen haben.

Fortsetzung

Auf das Johannesevangelium bin ich noch nicht ausreichend eingegangen. Ich hoffe, dies bei einer anderen Gelegenheit nachholen zu können. Auch gibt es mehr über die Darstellung des Matthäus durch Lukas und über die Darstellung beider durch Markus zu sagen, als ich hier tun konnte. Eine nächste Aufgabe besteht darin, diese Erkenntnisse auch in einen engeren Zusammenhang mit Rosenstock-Huessys Sichtweise auf die vier Kulturströmungen der Antike zu bringen. Er sieht die Evangelien nämlich am Schnittpunkt dieser vier Strömungen: der Reichskultur, der Stammeskultur, Israels und Griechenlands. Fortsetzung folgt also.

Otto Kroesen

6. Zeitgeist, Mythos, Krieg

Die Beiträge dieser Mitteilungen kreisen jeweils in ganz eigener Art um einen bestimmten Mythos, sei es den Mythos des Führers, die Bibel als Vorkämpferin gegen alle Mythen oder Nietzsche und den Mythos vom Willen zur Macht. Darüber hinaus erweisen Mythen in der öffentlichen Meinung und noch viel stärker in den abgekapselten Sphären begrenzter Gruppen ihre verführerische Magie. Kriege scheinen wieder allgegenwärtig, nah und fern, heiß und kalt, auf der Erde, auf dem Meer, im Weltraum oder in digitalen Netzen. Kriege sind ohne Mythen nicht denkbar. Die Schwelle zum Krieg, die Überwindung zum Fluch der bösen Tat fällt schwer ohne einen beflügelnden Mythos. Eugen Rosenstock-Huessy hat sich in seinem Gesamtwerk an verschiedensten Mythen abgearbeitet. Exemplarisch sei auf einen Text von 1956 verwiesen, der im Umfeld der Schrift Deutschland – Frankreich entstanden ist.
Hier seien nur drei Zitate angeführt:

Rosenstock-Huessy: Zeitgeist, Mythos, Krieg

Sven Bergmann

7. Jahrestagung: Wir als Kreatur: Sinne, Seele, Sprache

Dies ist das Thema der Herbstkonferenz, basierend auf dem Text „Die Widersinn der Sinne“42. Unsere Sinne ermöglichen uns nicht automatisch verlässliche Beobachtungen. Sie zerren uns in vier verschiedene Richtungen und entzweien uns dadurch, nein ent-vieren. Nase, Augen, Ohren und Tastsinn ziehen uns in unterschiedliche Richtungen. Nase und Geruchssinn nehmen Blüte und Verfall wahr; das Auge lebt im Augenblick und korrespondiert mit dem Denken. Das Ohr leitet den gehörten Klang vor allem an das Herz weiter; unsere Gliedmaßen sind die Erinnerung an unseren Tastsinn. Geruch: Zukunft – Auge: das Sichtbare im Augenblick – Ohr: innere Harmonie – Gliedmaßen: die Erinnerung an unsere Vergangenheit.

Diese vier bilden einen „Widersinn“: Verwirrung und Chaos. Betrachten wir beispielsweise den Studenten: Er versteckt seine Gliedmaßen noch immer gern unter dem Tisch bei seinen Eltern, wenn er mit der Wäsche nach Hause kommt. Sein Auge und sein Denken führen ihn zur nächsten Prüfung. Mit seinem Geruchssinn nimmt er den Duft einer schönen Frau wahr. Er lauscht seinen Freunden im Studentenverein. Er rollt von einer Rolle in die andere.

Oder der alte Mann: Er bewegt sich wie immer, steif, aber standhaft; sein Blick lässt ihn angesichts der neuesten Nachrichten den Kopf schütteln, sein Geruchssinn funktioniert nicht mehr richtig, und wenn er doch einmal funktioniert, erhascht er einen Hauch von dem, was er nicht riechen kann, und er lauscht einer Gemeinschaft, die es nicht mehr gibt.

Es ist schwer, dem eigenen Leben zu ordnen, und genau darum geht es bei der Herbstversammlung der Gesellschaft.

Der Text, der als Ausgangspunkt dient, findet sich in „Die Sprache des Menschengeslechts“ im ersten Teil mit dem Titel „Wer spricht?“ Dass der Text dort richtig platziert ist, belegt Rosenstock-Huessys Lösungsvorschlag um Verwirrung, Chaos und ein verdorbenes Dasein hinter sich zu lassen: „Das Geheimnis meines Mundes wird mir erst darin kund, dass mich selber mein Wort verbindet“ (92). Der Frieden zwischen den Sinnen entsteht dadurch, dass ich bei jedem Schritt entscheide, welchem ​​Sinn ich Priorität einräume. „Nur wer dem eigenen Worte gehorcht, spricht“ (93).

Der von Rosenstock-Huessy vorgelegte Text gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil behandelt die Pluralität unserer Sinne. Der zweite Teil befasst sich mit der Gefahr, ohne Körper zu sprechen, genauer gesagt ohne Verkörperung. Dieser zweite Teil erörtert zunächst die vier Evangelisten, die Beispiele für Verkörperung in ihrer Ausdrucksweise sind. Rosenstock-Huessy stellt einen Zusammenhang her zwischen der stehenden Haltung des Matthäus, der knienden Haltung des Markus, der sitzenden Haltung des Lukas und der liegenden Haltung des Johannes. Dies leitet nahtlos zum zweiten Teil über, der sich mit der naturalistischen Sprachkonzeption auseinandersetzt. Die Philosophie hat Sprache stets als natürliche Gegebenheit, als Teil der menschlichen Natur betrachtet. Diese Zeit ist vorbei, muss vorbei sein. Und so schließt Rosenstock-Huessy mit einer Skizze der sich entwickelnden Sprachphilosophie seiner selbst, Ebners, Rosenzweigs und Bubers. Buber macht noch immer viele Zugeständnisse an die naturalistische Sprachauffassung.

Der Text schließt mit der Feststellung, dass es mindestens weitere fünfzig Jahre dauern wird, bis die grammatikalische Grammatik, die ihren Ausgangspunkt in der Verkörperung und Bindung durch das Wort selbst hat, das cartesianische Denken endgültig hinter sich lassen kann. Er spricht sogar von den „Eierschalen“ des cartesianischen Denkens – von dessen Überresten –die sich auch noch in seinem eigenen Denken finden. In diesem Zusammenhang werde ich stets an die gängige Unterscheidung zwischen Zukunft und Vergangenheit, Innen und Außen erinnert. Wenn diese Begriffe verwendet werden, glauben wir, das Kreuz der Wirklichkeit erfasst zu haben. Doch es ist cartesianische Sprache.

Rückblickend: Wir leben nicht fünfzig Jahre später, sondern vierundsechzig Jahre nach der Abfassung dieses Textes (1962). Wie ist es möglich, dass so wenig von diesem verkörperten Denken in den alltäglichen gesellschaftlichen Blutlauf eingegangen ist?

Können wir der Verwirrung und den alternativen Fakten, die wissenschaftlich belegte Fakten zu bloßen Meinungen degradieren, mit dem Vorschlag von Rosenstock-Huessy zu der verkörperten Sprache begegnen? Führt es zu mehr Konflikten, wenn jeder zu dem steht, was er persönlich spricht? Ist das die Alternative?

Es gibt auch Fragen an den Text selbst, insbesondere an seine zusammengesetzten Teile. Ist es zwangsläufig, dass Rosenstock-Huessy sich den vier Evangelisten zuwendet, um die Verwirrung der verschiedenen Sinne zu überwinden? Handelt es sich etwa lediglich um eine zufällige Assoziation in seinem Denken, weil er sich gleichzeitig mit genau diesem Thema beschäftigt?

Gibt es in unserer Zeit Denker (warum nenne ich sie „Denker“? – Das ist im soeben vorgestellten Ansatz sicherlich völlig unangebracht), die die Notwendigkeit des verkörperten und sinnlichen Sprechens erkennen? Gibt es unterirdische Strömungen, die wir nicht bemerken, die aber ihren Weg an die Oberfläche suchen?


All diese Fragen werden uns beschäftigen auf der Tagung der Rosenstock-Huessy Gesellschaft.

Otto Kroesen

8.
Einladung zur ordentlichen Mitgliederversammlung
am 11. Oktober 2026, 10:45 Uhr

Haus am Turm, Essen

TOP 1: Begrüßung der Mitglieder, Feststellung der Beschlussfähigkeit und Festlegung der Protokollführung
TOP 2: Genehmigung des Protokolls der Mitgliederversammlung
 vom 19. Oktober 2025 in Essen im Haus am Turm
TOP 3: Anträge zur Änderung/Erweiterung der Tagesordnung
TOP 4: Bericht und Ausblick des 1. Vorsitzenden mit Aussprache
TOP 5: Kassenbericht für das Geschäftsjahr 2025
TOP 6: Berichte der Kassenprüfer
TOP 7: Entlastung des Vorstands für das Geschäftsjahr 2025
TOP 8: Berichte von Respondeo, vom Eugen Rosenstock-Huessy Fund
und der Society und von Projekten einzelner Mitglieder
TOP 9: Verschiedenes

Jürgen Müller

9. Tagungsort und Anmeldung

Die Jahrestagung findet vom 9. bis 11. Oktober 2026 statt im

Haus am Turm, am Turm 7, 45239 Essen-Werden, Tel. 0201-404067

Beginn ist am 9. Oktober 2026 um 18 Uhr mit dem Abendessen.

Kosten
Die Kosten betragen € 160 bei Unterbringung im Doppelzimmer, € 200 bei Unterbringung im Einzelzimmer, für Bettwäsche wird € 8 berechnet. Die Anzahl der Einzelzimmer mit Bad/WC ist begrenzt. Interessenten, die die Tagungskosten nicht in voller Höhe aufbringen können, mögen sich bitte an Sven Bergmann wenden.

Anmeldung
bitte an Sven Bergmann, Tel. 0(049) 163 9661806;

Sven Bergmann

10. Adressenänderungen

Bitte senden sie eine eventuelle Adressenänderung schriftlich oder per E-mail an Sven Bergmann, er führt die Adressenliste. Alle Mitglieder und Korrespondenten, die diesen Brief mit gewöhnlicher Post bekommen, möchten wir bitten, uns soweit vorhanden, ihre Email-Adresse mitzuteilen.

Sven Bergmann

11. Hinweis zum Postversand

Der Rundbrief der Eugen Rosenstock-Huessy Gesellschaft wird als Postsendung nur an Mitglieder verschickt. Nicht-Mitglieder erhalten den Rundbrief gegen Erstattung der Druck- und Versandkosten in Höhe von € 20 p.a. Der Versand per e-Mail bleibt unberührt.

Sven Bergmann

zum Seitenbeginn

  1. Dieser Begriff stammt ebenfalls von Kierkegaard. ↩

  2. Wer nur pflichtbewusst seine Kirchensteuer zahlt, den Glauben für den Bürger rational und akzeptabel gestaltet und alle mit dem Glauben verbundenen Risiken weganalysiert, kann getrost immer denselben Weg einschlagen und ein anständiges Leben führen. ↩

  3. Norman Fiering, Understanding Rosenstock-Huessy, Wipf & Stock, Eugene, Oregon, eBook Kap. 4 ↩

  4. Eugen Rosenstock-Huessy, Friedrich Nietzsche’s Function in the Church and the Crisis of Theology and Philosophy, bl. 22. ↩

  5. Idem ↩

  6. Hölderlin und Nietzsche ↩

  7. Rosenstock-Huessy, Die Sprache des Menschengeschlechts Bd. I, Seite 89. ↩

  8. Norman Fiering, Understanding Rosenstock-Huessy, Wipf & Stock, Eugene, Oregon, eBook Kap. 4 ↩

  9. Rosenstock-Huessy, De functie van Friedrich Nietzsche in de kerk en de crisis van theologie en filosofie, vert. J.O. Kroesen bl. 24 ↩

  10. Mattheus 18:7. ↩

  11. Nietzsche fühlte sich von seinen Zeitgenossen missverstanden. Damit passte er nicht in seine eigene Zeit. Das kommt auch in seinem Buch ‘Unzeitgemässe Betrachtungen’ zum Ausdruck. ↩

  12. George Allen Morgan, What Nietzsche means, Cambridge – Massachusetts, Harvard University Press, 1943, bl. 55. ↩

  13. In diesen Beschreibungen zeigt sich Nietzsche auch als Antichrist. Im Gegensatz zu Jesus will er keine Anhänger. Das ist nicht mehr zeitgemäß ↩

  14. Siehe Rosenstock-Huessy: Hölderlin und Nietzsche. ↩

  15. Hans Boutellier beschreibt, dass es in den 1960er Jahren so aussah, als hätte jemand beschlossen, ein säkulares Leben zu führen und sich vom christlichen Glauben abzuwenden. Nietzsche hatte diesen Wandel im Lebensgefühl jedoch bereits gründlich analysiert. Hans Boutellier, Het seculiere experiment, over westerse waarden in radicale tijden, Uitg.: Boom bestuurskunde (2) ↩

  16. Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, München, Wilhelm Goldmann Verlag, Aphorismus 125. ↩

  17. Paul van Tongeren, Het Europese Nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, ISNB 978 94 6004 098 6 Uitg. Vantilt, bl. 115, 116 e.v. ↩

  18. Idem ↩

  19. Idem ↩

  20. Roxanne van Iperen, Eigen planeet eerst, waarom onze democratie geen antwoord heeft op het grootste vraagstuk van deze tijd, S. 49 e.v., S. 57 u.w.. ↩

  21. Paul van Tongeren, Het Europese nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, S. 99 e.v. ↩

  22. Kierkegaard, Wijsgerige Kruimels & Het begrip angst, Vigilius Haufniensis, Ambo / Baarn, bl. 73 e.v. ↩

  23. Rosenstock-Huessy, De functie van Friedrich Nietzsche in de kerk, vertaald door Otto Kroesen, bl. 25. Zie ook: https://www.respondeo.nl/assets/downloads/rosenstock_De_functie_van_Friedrich_Nietzsche_in_de_kerk.pdf https://www.rosenstock-huessy.com/text-erh-nietzsches-function-1942/ ↩

  24. Geciteerd naar Paul v Tongeren, Het Europese Nihilisme, bl. 29, afkomstig uit: Der Wille zur Macht, Vorrede ↩

  25. Der Untertitel von Paul van Tongerens Publikation „Der europäische Nihilismus“. ↩

  26. Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, wereldbibliotheek Amsterdam, III14. ↩

  27. Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, Uitg. Prometheus, eBook, 2025 ISBN 978 90 446 5553 7, Siehe Kapitel V hoofdstuk V over de verspilling, (Die Spende). ↩

  28. Paul van Tongeren, Het Europese Nihilisme, Friedrich Nietzsche over een dreiging die niemand schijnt te deren, ISNB 978 94 6004 098 6 Uitg. Vantilt, bl. 84, 85. ↩

  29. Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, Uitg. Prometheus, eBook, 2025, ISBN 978 90 446 5553 7, Inleiding. ↩

  30. Haben nicht auch die alten Dogmatiker von einem Vorgeschmack auf das ewige Leben gesprochen? ↩

  31. Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, Wereldbibliotheek Amsterdam, III14, S. 233. ↩

  32. Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, EBook, hoofdstuk I. ↩

  33. Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, EBook, Inleiding. ↩

  34. Hier handelt es sich um die Frage nach dem Gottesbild. Meist bezieht sich die Kritik am altchristlichen Gott im Himmel auf gängige Vorstellungen des Christentums von einem Gott im Himmel, dessen Aufgabe es ist, Sünden zu vergeben. Ein Gott, der Richtlinien gegeben hat, nach denen wir leben sollten. Und zwar im moralischen Sinne eine gute Lebensweise, die Gott wohlgefällig ist. Jedes Bild aus jeder Epoche kann als legitimes Bild betrachtet werden, das eine Antwort einer bestimmten Zeit auf bestimmte Probleme darstellt und aus tiefen Überzeugungen entstanden ist, die in den Herzen der Menschen gereift sind. Als solches kann jedes Bild als reine Wiedergabe des christlichen Glaubens akzeptiert und respektiert werden, der in jedem Zeithorizont seine eigene Ausprägung gefunden hat. Es darf jedoch niemals vergessen werden, dass alle damit verbundenen Errungenschaften wiederum auf die Probleme und Herausforderungen übertragen werden, die sich in einer bestimmten Epoche stellen, und welche Elemente der Vergangenheit darin noch immer zum Klingen gebracht werden. In einer solchen Übersetzung schaffen Zukunft und Vergangenheit eine neue Gegenwart. ↩

  35. Friedrich Nietzsche, Voorbij goed en kwaad, voorspel voor een filosofie van de toekomst, Uitg. Boom, ISBN 978 90 2445 674 8 / NUR 730, Blz 159 ↩

  36. A.J. Plaisier, De mens in het geding, een kritische vergelijking tussen Pascal en Nietzsche. Uitg. Boekencentrum, 1996, ISBN 90 239 0338 2, Blz. 217. ↩

  37. Viktor Kal, Nietzsches Ogenblik, eBook, Hst X, par. (3) de Griekse Nietzsche. ↩

  38. Idem, Hst VI, recapitulatie. ↩

  39. Auch wenn Rosenstock der genannten Gliederung der Zeit zustimmen kann, würde er sich der Auffassung nicht anschließen, dass die Vergangenheit lediglich eine Ansammlung von Zufällen sei. ↩

  40. Friedrich Nietzsche, Aldus sprak Zarathustra, S. 80: Die Zukunft und das Fernste sind für euch die Ursache eurer Gegenwart: In eurem Freund müsst ihr den Übermenschen als eure Ursache lieben. ↩

  41. Siehe dazu auch Hans Boutellier, Het seculiere experiment,(Das säkulare Experiment), S.39 e.v. Hans Boutellier, Het seculiere experiment, over westerse waarden in radicale tijden, Uitg.: Boom bestuurskunde (2) ↩

  42. Eugen Rosenstock-Huessy, Der Widersinn der Sinne, in: ders., Die Sprache des Menschengeschlechts. Eine leibhaftige Grammatik in vier Teilen, 1. Bd., Heidelberg: Verlag Lambert Schneider 1963, S.86-109. ↩