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Verzeichnis » Deutsch » Die Lehre des Eugen Rosenstock-Huessy


Das „Kreuz der Wirklichkeit“ Drucken E-Mail
Eugen Rosenstock-Huessy lehrt das Kreuz der Wirklichkeit: Alles Erlebte muss sich in vier Aggregatzuständen bewährt haben, ehe es als Teil der Wirklichkeit angesprochen werden kann: als Verheißung, als Wunsch, als Erfahrung, als Faktum.

Die Verheißung weist auf etwas hin, was noch nicht da ist, aber - zum Beispiel in der Form des Imperativs: Tu das! - doch schon. Etwas existiert nur zwischen zweien, Sprecher und Hörer. Das ist der Aggregatzustand DU.

Der Wunsch entsteht in dem Angesprochenen, er oder sie möchte in mächtig quellender Weise dem Imperativ entsprechen, sehnt sich danach, möglichst viele Miterlebende dafür zu finden: Freude, schöner Götterfunken. In diesem Aggregatzustand ICH blüht das Leben.

Die Erzählung ist nur möglich, wenn Sprecher wie Hörer etwas gemeinsam erlebt haben, das nun in der Erzählung eines Einzelnen Wort wird. Die Verbindung der vielen ruft das Wort in dem einen hervor. Dennoch ist es der Ausdruck des Aggregatzustandes WIR. Wer es hört, wer es liest, findet für das Erlebte darin eine gedächtnisstiftende Gestalt. Andere können in das Erleben der Gruppe wohl eintreten, bedürfen dazu aber der Einfühlsamkeit und der Bereitschaft, gelebtes Leben als Vorbild weiterzutragen.

Fakt ist das, was unabhängig von dem Erleben als Totes existiert, was durch die Wiederholung des Geschehens keine Veränderung leidet. Das ist der Aggregatzustand ES, in dem sich alles Untersuchte befindet, von dem anzunehmen ist, dass es durch die Untersuchung selber keine Veränderung erfährt. So ist es - heißt es davon, es ist beweisbar.

Diese vier Erfahrungsweisen scharen uns in verschiedener Weise zusammen. Eugen Rosenstock-Huessy hat gesehen, dass wir sie als zwei Zeiten und zwei Räume erkennen können. 
Die zwei Zeiten sind: das Noch-nicht-aber-schon-da echter Zukunft und das Gestaltgewordene, das sich Traditionen und Institutionen geschaffen hat, also alle gebahnten Wege umfasst, die es einem ins Leben tretenden Menschenkind ermöglicht, nicht alles von vorne anzufangen.

Die zwei Räume sind: der Innenraum geistig Zusammengehöriger, die durch ein Vorhaben, eine Idee, eine Beschäftigung unabhängig von der Verschiedenheit nach Datum und Ort miteinander verbunden sind, und der Außenraum, der mit Geräten, die die Arbeit der Sinne fortsetzen ins Unendliche hinein, zu messen ist und Ergebnisse liefert, die von dem Zeitpunkt der Messung unabhängig bleiben.

Der allgemein gängigen Vorstellung, es gäbe Zeit und Raum, den Raum sogar in drei, vier oder fünf Dimensionen, wird so ein Modell entgegengestellt, das es zwar sprachlich schon immer gegeben hat, zum Beispiel in den Verbformen des Imperativs, des Optativs, des Narrativs und des Indikativs, das aber doch ein radikales Umdenken erfordert.

Arthur Schopenhauer sprach von Wille und Vorstellung als Repräsentanten des Innenraums und des Außenraums. Friedrich Nietzsche sprach von Übermensch und zerrüttetem Europa, damit die zeitlichen Pole immerhin andeutend. Eugen Rosenstock-Huessy fügte diese Konzepte zu einem Leben in der Vierzahl.

Dabei entdeckte er, dass eine Vierzahl den Menschen nach dem 19. Jahrhundert begegnet, wobei aber jede unverbunden ganze Gefolgschaft verlangt:

Sigmund Freud durchbrach alle Scham, um falsche Zukunft zu Grabe zu tragen,

Friedrich Nietzsche widerrief alle Verheißung, um die echten Wünsche der Kreatur Mensch wieder hörbar zu machen,

Charles Darwin setzte seine Idee von einer katastrophenlosen, allmählichen Evolution dem geschichtswunden kirchlichen Gewissen entgegen,

Karl Marx entzauberte die Arbeitskraft als Motor allen Geschehens.

Diese Vier lebten auf den Weltkrieg zu, in dem ihre Prophezeiung von dem Ende - jede auf ihre Weise - vollzogen wurde. Schamlosigkeit, Verheißungslosigkeit, Vertrauensverlust in die jahrtausendealte Tradition, Trotz gegen jede Form der Gegenseitigkeit im Klassenkampf - das ist das Ergebnis für alle die, die in dem Weltkrieg, dessen rückwärtsgerichteter Teil die Russische Revolution als Teilgeschehen ist, nichts als die Zerstörung sehen können.

So ist die Stunde für die Entdeckung des Kreuzes der Wirklichkeit in zwei Zeiten und zwei Räumen der Erste Weltkrieg gewesen, bei täglich drohender Vernichtung im Felde, im Jahre 1916/1917.

Einer der ersten Freunde, der sie mitgeteilt wurde, ist Franz Rosenzweig gewesen.