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Verzeichnis » Deutsch » Das Leben des Eugen Rosenstock-Huessy


In der Weimarer Republik Drucken E-Mail

 

Alles weitere Leben müsse aus dieser entscheidenden Erfahrung hervorgehen, so war seine Entscheidung. Und deshalb lehnte er drei wichtige Angebote ab, die ihn an Institutionen berufen wollten, die es vor dem Weltkrieg schon gab: an der Verfassung der Weimarer Republik als Unterstaatssekretär mitzuarbeiten, zweitens als Redakteur der katholischen Zeitschrift «Hochland» und drittens als Professor an der Universität Leipzig. Staat, Kirche und Universität galten ihm als veraltete Gefäße.

Vielmehr ging er den neuen Weg, zunächst als Gründer der ersten deutschen Werkzeitung bei Daimler in Stuttgart, dann wurde er 1921 bis 1922 Gründer und erster Leiter der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main. 1921 wurde sein Sohn Hans geboren. Er legte sein Amt als Leiter der Akademie der Arbeit nieder, weil die Dozenten seiner andragogisch begründeten Forderung, dass sie auch voneinander lernen sollten, könnten und dürften, nicht nachkommen wollten. Er promovierte (nach einer Zeit als Arbeitsloser) erneut in Darmstadt und habilitierte sich als Privatdozent für Soziologie.

Die Universität Breslau rief ihn 1923 als Rechtsgelehrten - und er nahm diesmal an, weil die Not des Tages ihn zwang, in das alte Gefäß der Universität zurückzukehren. 1924 war er Mitbegründer des «Hohenrodter Bundes»- ein Zeichen des Wunsches, über die Grenzen der Universität hinaus zu wirken. Das tat er mehr noch und sichtbar geworden in den Freiwilligen Arbeitslagern für Arbeiter, Bauern und Studenten, die er nach Anregung Helmuth James von Moltkes in Kreisau (heute Kryzowa) gründete und bis 1933 begleitete.

Während der Jahre in Breslau gab und nahm er die Freundschaft mit Joseph Wittig, den er bei seinem Kampf mit der katholischen Kirche und nach der Exkommunikation und Heirat mit Bianca Geißler unterstützte. Dokument dieser Freundschaft ist das dreibändige Werk «Das Alter der Kirche» von 1927, dessen dritter Band die Geschichte der Exkommunikation Wittigs belegt. 1928 starb der Vater. Die neue wissenschaftliche Position, in der er die Rechtsfragen angeht, die durch die Industrialisierung in allen Lebensbereichen neu gestellt sind, verkündet er in vielen Aufsätzen und Büchern, am deutlichsten vielleicht in der Festgabe für Xaver Gretener «Vom Industrierecht. Rechtssystematische Fragen», 1926.

Die erste umfassende Darstellung seines „Schauempfangs" von 1917 war aber dann das Buch «Die Europäischen Revolutionen. Volkscharaktere und Staatenbildung» von 1931. Es war unter äußerstem innerem Druck entstanden: Es war für ihn die letzte mögliche Stunde, mit der erschauten geschichtlichen Wirklichkeit des Zweiten Jahrtausends nach Christus in Deutschland Gehör zu finden. Denn allzu vertraut war er mit den politischen und gesellschaftlichen Strömungen der Weimarer Republik, besonders mit der Radikalität, mit der die Jugend Änderung und Erneuerung ohne Rücksicht auf die Alten forderte, in welche Richtung auch immer.